„Vielen Dank, Sie werden von uns hören“

jedermann (stirbt) , Ferdinand Schmalz / Regie: Jan Bosse, Heiko Raulin, Foto: Arno Declair

Seit Kriegsende handeln Inszenierungen an Schauspiel und Oper Frankfurt nicht nur das Demokratieverständnis in der eigenen Stadt aus, sondern auch weit über deren Grenzen hinaus.

In den Tagen unmittelbar nach Kriegsende 1945 war die Sehnsucht der Frankfurter, dem Theater mit seinen hoffnungsvollen Utopien beizuwohnen, besonders groß. Noch in den Trümmern spielte man bereits Theater, inszenierte Oper: Im Börsensaal, in einer Turnhalle in Sachsenhausen, im Klostergarten des Karmeliterklosters und im Sendesaal des Hessischen Rundfunks. Heinz Hilpert lotste als Intendant die Bühnen sicher durch die schwierige Zeit, bis er 1948 selbst aus dem Amt ausstieg, da er sich vom Politpersonal nicht korrumpieren lassen wollte. 1963 wurde schließlich die Theaterdoppelanlage für Oper und Schauspiel eingeweiht, wie sie noch heute besteht. Mit Einweihung des neuen Baus nahm Intendant Harry Buckwitz (1951-1968) zunehmend Kurs auf das politische Theater. Allein fünfzehn Werke Brechts kamen in seiner Ära auf die Bühne. Das Foyer von ABB Architekten als „Zwischenbereich der Musen“ unterstützte ihn bei diesem Bemühen nachhaltig, schob sich doch das „Frankfurter Querschiff“ mit Zoltan Keménys Goldwolken, so H. Buckwitz in der Eröffnungsbroschüre, als vermittelnder weiterschwingender Erlebnisraum zwischen Straße und Bühne.

Das Mitbestimmungsmodell an beiden Bühnen

In der aufreibenden Zeit der aufklärerischen 1970er Jahre brachte sich die Doppelbühne in Frankfurt am Main mit einem besonderen Modell in die kulturpolitische Diskussion ein: Vom Frankfurter Kulturpolitiker Hilmar Hoffmann unterstützt, führte man am Schauspiel sowie an der Oper Frankfurt von 1972 bis 1981 das Mitbestimmungsmodell ein. Für das Schauspiel wurde der Generalintendant abgeschafft und anstelle seiner ein Dreierdirektorium sowie ein Künstlerischer Beirat eingesetzt, die über die Geschicke des Spielbetriebs entschieden. Spielplangestaltung, Besetzungen, Engagements, Urlaube standen plötzlich zur demokratischen Abstimmung. Für die Oper wurde das abgemilderte Mitbestimmungsdekret eingeführt. Das Mitbestimmungsmodell in Frankfurt sollte auf die gesamte Theaterszene in der Bundesrepublik ausstrahlen und veränderte maßgeblich die Spielpläne, so wie Brecht es einst formuliert hat: „Dass das moderne Theater (…) nicht danach beurteilt werden (muss), wieweit es die Gewohnheiten des Publikums befriedet, sondern danach, wieweit es sie verändert.“ 

Das Schauspiel wurde nun von einem Dreierdirektorium um Peter Palitzsch (1972-1980) geleitet, den der Magistrat vom Stuttgarter Staatstheater holte und der seine gesamte Gefolgschaft mitbrachte. Brecht-Schüler Palitzsch verstand Theater so wie sein Lehrer: „Der Gesellschaft muss klar sein, dass sie nicht dafür zahlt, dass wir sieverherrlichen, sondern dass wir einen demokratischen Prozess aufrechterhalten, das heißt, alles bekämpfen, was zu Entdemokratisierung, zu Starre und Niveauschwund führen kann..“ Für Palitzsch war Theater „ein Instrument der Emanzipation und ein Ort der Freiheit“, wie Hilmar Hoffmann nachblickend beschrieb. Das führte allerdings dazu, dass das Theater abrupt 4.000 Abonnenten verlor. Und nur durch das Gutdünken von Hilmar Hoffmann konnte Palitzsch weitermachen, denn dem damaligen OB Walter Wallmann gefiel das Treiben des freigeistigen Theaterregisseurs kaum. 

Unter Palitzsch wurde auch das Stück „Vielen Dank, Sie werden von uns hören“ aufgeführt. Es war eine Reaktion auf die Entlassung zweier Lehrerinnen an der Ernst-Reuter-Schule wegen Kommunismusverdachts, Folge des Radikalenerlasses von Willy Brandt. Nach Aufführungen in der Schulaula kam es auf den Spielplan des Schauspiels – und wurde dort gegen Protest der CDU aufgeführt. Damit zeigte der Regisseur, wie sich Theater in den demokratischen Prozess einbringen kann. In der Phase der Mitbestimmung arbeiteten unter anderem die Regisseure Hans Neuenfels, Klaus Michael Grüber, B. K. Tragelehn oder Horst Zankl am Schauspiel Frankfurt. Zum Ensemble gehörten u.a. Susanne von Borsody, Rosemarie Fendel, Elisabeth Schwarz, Elisabeth Trissenaar, Josef Bierbichler, Traugott Buhre, Willfried Elste, Heinrich Giskes, Ernst Jacobi, Peter Kremer, Paulus Manker, Peter Roggisch, Fritz Schediwy und Siggi Schwientek. Dieses in Deutschland einmalige Mitbestimmungsmodell wurde unter dem Direktorium von Wilfried Minks und Johannes Schaaf in der Spielzeit 1980/81 fortgesetzt. Allerdings zerstritten sich die beiden. Als Wilfried Minks die Theaterbesetzung durch die RAF duldete, wurde das Haus am 21. März 1981 polizeilich geräumt. Das Mitbestimmungsmodell war damit beendet. 

Fassbinders „Der Müll, die Stadt und der Tod“

Nach Adolf Dresen (1981-1985) wurde Günther Rühle (1985-1990) für fünf Jahre Intendant des Schauspiel Frankfurt. Kurz nach Amtsantritt geriet die für den 1. Oktober 1985 geplante Erstaufführung von Fassbinders „Der Müll, die Stadt und der Tod“ zum Theaterskandal. Es sollte ursprünglich am TAT aufgeführt werden; als dies scheiterte und auch die Inszenierung an der Alten Oper nicht zustande kam, entschied sich Rühle dazu, es im Schauspiel zu zeigen. Zuschauer besetzten die Bühne und hinderten die Darsteller am Weiterspielen, Vertreter der jüdischen Gemeinde entrollten ein Transparent, auf dem stand: „subventionierter Antisemitismus“, weil das Theaterstück als antisemitisch empfunden wurde. Die sich daran anschließende bundesweite Debatte markierte eine Zäsur im Verhältnis zwischen Juden und Nichtjuden in Deutschland.

Dynamischer Wechsel

Auch in der Nachfolge von Rühle hatten es die beiden Häuser schwer, Ruhe in die Chefetage hineinzubringen. Nach weiteren Querelen riss Petra Roth 1996 die Kompetenz über die Kernbereiche der Kultur – Oper, Schauspiel, Kammerspiel, Ballett und das angehängte TAT – an sich. Unter den Bühnenintendanten Elisabeth Schweeger (2001-2009) und Oliver Reese (2009-2017) öffnete sich das Schauspiel zunehmend in Bezug auf das Repertoire. Schweeger spielte ein breites Programm, das auch philosophische Salons integrierte. Der Zuspruch vom Publikum war jedoch bescheiden. Unter Reese sprang die Zuschauerzahl dann nach oben. Sein Konzept: Er stellte die Schauspieler in den Mittelpunkt, kreierte selbst Stars. Seit 2017 nun hat Anselm Weber, der frühere Intendant der Sprechtheater in Essen und Bochum, die Intendanz inne. 

Oper Frankfurt

Bis zur Einführung des Mitbestimmungsmodells waren Schauspiel und Oper unter einer Intendanz. Ab 1972 wurde der Generalmusikdirektor zugleich Intendant der Oper, seit 1990 gibt es neben dem Generalmusikdirektor jeweils einen eigene Opernintendanz. Bernd Loebe leitet die Oper seit 2002 als Intendant. Die Oper Frankfurt mit der weltweit größten Drehbühne wurde viermal, zuletzt 2018, von der Zeitschrift Opernwelt als „Opernhaus des Jahres“ ausgezeichnet.

Mit den musikalischen Leitern des Frankfurter Opern- und Museumsorchesters verbinden sich große Namen. Nach dem zweiten Weltkrieg haben Georg Solti, Christoph von Dohnányi, Michael Gielen, Sylvain Cambreling und Paolo Carignani als Generalmusikdirektoren der Oper Frankfurt das Frankfurter Musikleben und das Orchester nachhaltig geprägt. Seit September 2008 liegt die musikalische Leitung in den Händen von Sebastian Weigle.

Der Chor der Oper Frankfurt, seit 2014 unter der Leitung von Tilman Michael, gehört zu den großen Opernchören in Deutschland. Dadurch können die großen Chorpartien der Opernliteratur aus eigenen Kräften beziehungsweise gelegentlich auch mit Hilfe des Extra-Chores erfolgreich bewältigt werden. 

Ballett Frankfurt

Bis 2004 gab es auch eine Ballettkompanie an den Städtischen Bühnen, die sich durch die Direktoren wie John Neumeier (1969-1973), Alfonso Catá (1973-1976), Egon Madsen (1981-1984) einen Namen machte. Von 1985 bis 2004 war der amerikanische Choreograph William Forsythe zunächst künstlerischer Direktor, später Intendant des Ballett Frankfurt. Forsythe steht weltweit für zeitgenössischen Tanz von exponierter, wegweisender Qualität. Forsythe entwickelte für die Kompanie eine neue Struktur und ein eigenes Repertoire mit unverwechselbarem Stil. Damit etablierte sich das Ballett sowohl in Frankfurt als auch mit internationalen Gastspielen weit über die Grenzen Frankfurts hinaus. 

Die nach der Schließung der Sparte entstandene The Forsythe Company wurde vom Land Hessen, dem Freistaat Sachsen und von den Städten Dresden und Frankfurt zusammen finanziert. Die Company heißt seit 2015 Dresden Frankfurt Dance Company, in Frankfurt dient das Bockenheimer Depot als Spielstätte. Das Bockenheimer Depot dient seit Ende des Interims 1991, ausgelöst durch den Opernbrand, darüber hinaus auch dem Schauspiel und der Oper Frankfurt als experimentelle Spielstätte. 

Neue Formate

2007 hat Alexander Brell unter dem Co-Intendanten des Schauspiels Wilfried Minks den so genannten Jugendclub, das Laienensemble am Schauspiel Frankfurt, gegründet. Der Jugendclub will laut eigenen Darstellungen allen jungen Frankfurter mit jeglichem kulturellen Hintergrund einen Zugang zum Kunstraum Theater verschaffen: „Hier treten Menschen miteinander in Austausch, die sich sonst nicht begegnet wären. In eigenen Theaterprojekten auf verschiedenen Bühnen finden ihre Erfahrungen und Perspektiven den Weg in die Öffentlichkeit. In Zukunftslaboren, bei Theateraktionen in Schulen, im Stadtraum und in der aktiven Auseinandersetzung mit den Inszenierungen im Schauspiel Frankfurt werden Weichenstellungen infrage gestellt und neue Perspektiven entwickelt von heute für morgen.“