Einweihungsrede von 1963

Rede des Intendanten der Städtischen Bühnen Harry Buckwitz anläßlich der Eröffnung des neuen Schauspielhauses in Frankfurt, 14.12.1963

Den lieb ich, der Unmögliche begehrt! Großer Goethe, du läßt es deine Sibylle Manto im Zweiten Teil des Faust sagen, und­­ ich möchte dieses titanische Wort zum Leitspruch dieses Theaters erheben! Mut zum Wagnis! Entschlossen, das Unmöglich­ Scheinende in den Plan mir einzubeziehen. Lieber ewig unterwegs sein im Flug nach den Sternen, als täglich landen auf den sicheren Plattformen des Konformismus. Der Leistung die Chance geben, eine Tat werden zu können. Vielleicht eine umstrittene, vielleicht eine unübersehbare, immer wieder aber eine eigenwillige Tat.

Diese Bühne ist nur ein Spielgerüst. Aber ein Spielgerüst, auf dem das Spiel zum Gleichnis und unser Leben in die mythischen Zusammenhänge der Schöpfung transponiert wird. Wir leben, also haben wir einen Auftrag. Welchen? Bleibt er uns sichtbar in der Brandung der Alltagsobliegenheiten? Wer behält die Übersicht? Wer erinnert uns, worauf es ankommt, wenn uns die Erfolge blind oder die Niederschläge besinnungslos werden lassen? Die Propheten, also die Dichter! Die Instanz des Gewissens, also das Theater! Es hält Botschaften bereit. Sie, sehr verehrte Freunde dieses Theaters, sollen diese Botschaften beachten, überprüfen, zu Herzen nehmen oder leidenschaftlich ablehnen. Wir, die Stellvertreter des Dichters, werden Ihnen als Provokateure, als Ketzer, als Apostel gegenübertreten. Es werden Worte fallen, die Ihnen die Brust sprengen vor Seligkeit, und solche, die Ihnen das Blut gefrieren machen, vor Schreck.

Wir sind ja nicht aufgerufen, um Ihnen unumstößliche Wahrheiten auszuhändigen, sondern um Sie zu verführen, sich den Wahrheitssuchern anzuschließen. Aber welch musischer Gnade bedürfen wir, um Sie von Zuhörern zu Aufhorchern werden zu lassen! Um Sie nicht nur vom Alltag abzulenken, sondern Sie auf den Tag, auf den Stich­ tag gerade Ihres Fragengeflechtes hinzulenken. Kairos nannten die Griechen jenen besonderen Augenblick, in dem aus einer geistigen Übereinstimmung, aus einer glühenden Anteilnahme, aus einer schonungslosen Selbstentäußerung jenes blitzende Einverständnis aufleuchtet, das die Menge zur Gemeinde und den Pfahlbürger zum Mitmenschen werden läßt.

Möge sich dieser Augenblick in diesem schönen neuen Haus immer wieder einstellen!

Ich glaube, es ist prädestiniert dafür. Denn es ist ein Haus gedämpften Glanzes. Eine Muschel, die nah am Mund der Bühne liegt und das Wort des Dichters in ihrem Gehäuse weiterrauschen läßt. Eine Mulde, die Sie und Ihren Nachbarn eng umschließt und uns Schauspieler in Ihre Gespanntheit mit einbezieht.

Das Erlebnis Theater erhält hier geheimnisvolle Vorstufen und erlesene Erweite­rungen. Hinter der gläsernen Kristallfront öffnet sich ein Querschiff, das in unbegrenzte Perspektiven ausschwingt. In seinen Höhen rollen die Metallelemente unseres grandiosen Zoltan Kemeny, als wären sie vor den Sonnenwagen des Gottes Helios Gespannt. Sie treten nur dort ehrfurchtsvoll zur Seite, wo ein Raum ausgespart ist für  das einmalige Werk Marc Chagalls, dass sich wie die seraphische Landschaft der Komödianten Gottes darbietet. Es ist Signum und Herzstück dieser Theaterinsel. Es ist wie ein leuchtendes Vermächtnis, das uns fast schon legendäre Meister anvertraut hat. Und noch ein unübersehbarer, flammender Akzent weist auf die Polyphonie von bildender und darstellender Kunst hin: es ist die kühne, faszinierende Plastik des ungeheuren Henry Moore. „Knife’s edge“ nennt er die stählerne Spirale, die wie eine klingende Metapher im Raum steht.

ln den Annalen unserer Stadt Frankfurt wird man noch in Jahrhunderten nachlesen können, daß die Eröffnung dieses Schauspielhauses ein theaterhistorisches Ereigniswar. Das Ereignishafte dokumentiert sich aber nicht dadurch, daß diese Stadt umeinen Prachtbau bereichert wurde. Es dokumentiert sich vielmehr durch ein unüberhörbares Bekenntnis der Frankfurter Bürgerschaft zu spektakulären Werten, die nicht an der  Börse gehandelt, oder in einer Gewinn- und Verlustrechnung festgehalten werden können. Die Frankfurter Bürger haben sich selbst dieses Haus geschenkt, weil das Geistig-Musische die unentbehrliche Ergänzung zu den nüchternen Tagesgeschäften darstellt. Weil das Ingenium des Dichters den besseren Menschen in uns zur Mitsprache ermutigt. Weil der Adel des geformten Wortes auf den Hörer überspringt und ihn das Wunder unserer Sprache, den Zauber eines klar formulierten Gedankens neu erleben läßt.

Ein Ort der Besinnung, eine Insel für literarische Ausflügler, ein Raum für geistige Kosmonauten wurde geplant, gegen tausend Widerstände durchgetrotzt und an diesem denkwürdigen 14. Dezember 1963 eingeweiht. Ein Preislied müßte angestimmt werden für all jene Unbeirrbaren, denen dieses Werk zu verdanken ist. Wir kennen ihre Namen, und sie sollen in jenes Buch der Erinnerung eingetragen werden, das unauslöschlich ist, weil wir es im Herzen bewahren. Wahrscheinlich kann sich keine Stadt der Welt rühmen, daß ihr Oberbürgermeister, ihr Bürgermeister und ihr Kulturdezernent nahezu jede Theaterpremiere besuchen. Wir in Frankfurt können es. Und deshalb fühlen wir Frankfurter Bühnenkünstler uns auch besonders ausgezeichnet, daß ein Werner Bockelmann, ein Rudi Menzer und ein Karl vom Rath unsere verlässlichsten Freunde und gleichzeitig unsere ehrlichsten Kritiker sind. Der Dank dieser Stunde umfaßt aber auch alle Vertreter unseres städtischen Parlamentes, denn sie

waren es ja, die in verantwortungsvollen Entscheidungen diesen Theaterbau zu bejahen hatten; Dank auch den phantasievollen Architekten, den sorgfältigen Technikern und den geschickten Handwerkern und nicht zuletzt Dank jenen unentwegtem Verbündeten der Frankfurter Presse, die zur Popularisierung dieses Baues so viel beigetragen haben.

Nicht Besitz ergreifen wollen wir von diesem Theater, sondern wir wollen es wie eine kostbare Leihgabe in unsere Obhut nehmen. Es wird uns nur so lange anvertraut blieben, als es uns gelingt, das Pandämonium unserer Welt auf diese Bühne zu beschwören.