Neues Grundstück, aber sonst alles beim Alten

Statement zur Debatte um die Städtischen Bühnen Frankfurt anlässlich der Pressekonferenz der Kulturdezernentin Ina Hartwig am heutigen Freitag, den 19.6.2020

Das von der Stadt neu in die Diskussion eingebrachte Grundstück der Frankfurter Sparkasse 1822 an der Neuen Mainzer Straße ist eine Bereicherung der Debatte um die Zukunft der städtischen Bühnen. Es eröffnet interessante Möglichkeiten, die ergebnisoffen zu einem Verbleib beider Bühnen an ihrem bisherigen Standort abzuwägen sind. Die Standorte in den Wallanlagen und am Osthafen sind aus städtebaulichen wie denkmalpflegerischen Gründen hingegen indiskutabel.

Die neue Grundstücksoption ist allerdings  kein Grund und keine Rechtfertigung, den Denkmalschutz zu ignorieren und den Bestand komplett abzureißen. Die Testentwürfe des Büros gmp Architekten sind altbacken und einer Tabula-Rasa-Neubau-Obsession verpflichtet, die noch ganz von dem überkommenen Denken der 1990er Jahre geprägt ist. In der internationalen Architekturdebatte gelten seit Jahren schon gerade jene Positionen als innovativ und zukunftsweisend, welche Strategien des Weiterbauens wie der Bewahrung und Transformation des Bestandes verfolgen. Leider hat man dies in Frankfurt bislang nicht zur Kenntnis genommen.

Ausdruck eines veralteten Denkens ist auch die Theaterkonzeption selbst. Trotz neunjähriger Debatte und einer geplanten Investitionssumme von ca. einer Milliarden Euro gibt es bis heute kein einziges Konzeptpapier zu der Frage, wie sich Theater und Oper in den nächsten Jahrzehnten angesichts einer stark wandelnden Stadtgesellschaft verändern, weiterentwickeln und erneuern wollen. Die Basis der jetzigen Planung ist stattdessen das Raumprogramm des Bestandgebäudes, welches von der Unternehmensberatungsagentur M.O.O.CON fortgeschrieben wurde. Der auf das Jahr 1959 zurückgehende konzeptionelle Status quo wird für das Theater zukünftiger Generationen unreflektiert fortgesetzt und lediglich quantitativ und technisch-funktional verbessert.

Zu kritisieren ist auch die intransparente und undemokratische Form der Diskussion. Wesentliche Grundlagen der jüngsten Entscheidungen werden der Öffentlichkeit (und auch den Parlamentariern) vorenthalten. Weder die Ergebnisse des Evaluierungsteams noch die Kostenermittlung und das Raumprogramm des Planungsteams sind bislang zugänglich. Wohlgesonnene Journalisten erhalten vorab Exklusiv-Informationen[1] und kritische Nachfragen werden in Onlineforen nicht freigegeben[2] und damit der Öffentlichkeit vorenthalten, womit die öffentliche Meinungsbildung beeinflusst werden soll.

Aber auch ohne die zurückgehaltenen Informationen ist inzwischen deutlich geworden, dass der von der Stabsstelle im Januar vorgelegte Kostenvergleich zwischen Sanierungs- und Neubaukosten zu Ungunsten der Sanierung verzerrt ist. Zunächst sind die Kostengruppen für Baugrundstück, Freimachung, Erschließung und Außenanlagen ausgespart. Für die Sanierung eines inzwischen sehr gut bekannten Bestandsgebäudes wurde ein Risikozuschlag von 30 % angesetzt, für den Bau eines noch unbekannten Neubauentwurfs ein Risikozuschlag von 10,6%. Die Interimskosten wurden aufgrund völlig unüblicher Ausstattungsannahmen auf knapp 100 Mio. €. veranschlagt, was die Kosten für jede Lösung am heutigen Standort künstlich in die Höhe treibt. Eine vollständige und kostenehrliche Berechnung mit plausiblen Annahmen würde zeigen, dass etwa die Realisierung des Entwurfs des Büros O.M.A. am Osthafen im Vergleich zu einer Lösung am heutigen Standort unter Wahrung von Teilen des Bestandes deutlich teurer ist als im Januar behauptet.

Philipp Oswalt


[1] Dies betrifft die Veröffentlichung von Matthias Alexander in der FAZ vom 10.6.2020.

[2] Dies betrifft die von Christoph Koch (Vorstand Deutscher Werkbund) und dem Autor auf dem Kulturportal Frankfurt live gestellten Fragen zur Veranstaltung am 10.6.2020, zu der die Kulturdezernentin mit den Worten eingeladen hatte: „Ich lade die Bürgerinnen und Bürger sehr herzlich ein, sich zu informieren und online Ihre Fragen an das Podium zu richten.“