Durchbruch.Aufbruch?

Leserbrief von Philipp Oswalt (Bauwelt 20.2020) in Erwiderung des Artikels von Enrico Santifaller (Bauwelt 16.2020). 

Enrico Santifaller polemisiert gegen unsere Petition zu den städtischen Bühnen Frankfurt, indem er dem Leser wichtige Informationen vorenthält, Tatsachen verzerrt und auch mit Unterstellungen operiert. Er feiert einen angeblichen Durchbruch der Kulturdezernentin mit ihrem Konzept einer Kulturmeile, doch verschweigt er, dass nach Präsentation des Konzepts bekannt wurde, dass das hierfür vorgesehene Grundstück an der Neuen Mainzer nach Auskunft seines Eigentümers und Nutzers nicht zur Verfügung steht. Von einem Durchbruch kann keine Rede sein, auch wenn diese Lösung in städtebaulicher Hinsicht durchaus Qualitäten hätte.

Der Autor ignoriert eine wesentliche Argumentation unserer Petition völlig: Seit 2011 befasst sich die Stadt Frankfurt mit der Zukunft ihrer Städtische Bühnen und hat dafür fast zehn Millionen Euro Planungskosten ausgegeben. Doch es gibt bis heute kein Konzept für den Spielbetrieb und das Theater. Es soll für eine Milliarde Euro ein Neubau entstehen, aber was die Nutzungsplanung betrifft, so hat die Unternehmensberatungsagentur M.O.O.CON das Raumprogramm von 1955 fortgeschrieben. Alter Wein in neuen Schläuchen. Aber die Stadtgesellschaft heute ist eine andere, und es wäre dringend nötig, darüber nachzudenken, wie ein Stadttheater in den kommenden Jahrzehnten arbeiten sollte und was für Räume es benötigt. Der Autor möchte lieber wie die Kulturdezernentin den Eindruck erwecken, die Initiatoren und Unterzeichner der Petition hätten als „Historisten 2.0“ von Theater keine Ahnung und kritisierten die Rolle der heutigen Intendanz zu Unrecht. Was ist aber davon zu halten, dass die Opernintendanz erfolgreich darauf bestehen kann, für einen Interimspielbetrieb von einigen Jahren ihren Repertoirebetrieb mit ihren jetzigen Bühnenbildern unverändert fortsetzen zu können, was für die temporäre Ersatzspielstätte die zweitgrößte Drehbühne der Welt erfordert mit Kosten von 70 Millionen Euro? Diese Kosten führen dann zu dem konstruierten Sachzwang, den Standort zu wechseln, da keine Kosten für ein Interim anfallen. In den letzten Jahren sind im In- und Ausland viele Häuser saniert worden, bei keinem Projekt wurde eine temporäre Drehbühne gefordert und realisiert. Und üblicherweise ist der alte Standort auch der neue.

Die Petition hat nicht für den Kompletterhalt plädiert, sondern für die Bewahrung der denkmalrelevanten Teile. Dass diese stadtbildprägend waren und sind und eine wichtige Epoche konzeptuell überzeugend verkörpern, wird niemand bestreiten wollen, auch wenn Herr Santifaller nicht darauf verzichtet, auf unbestrittene Mängel der vielfach umgebauten Gesamtanlage hinzuweisen, um die Frage von Denkmalwert generell in Zweifel zu ziehen. Ironischerweise kommt dem Autor, nachdem er sich an der Petition abgearbeitet hat, zu einem Vorschlag, der ganz der Petition entspricht: „ein Haus am alten Standort belassen und jenes ‚demokratische Signal der Transparenz‘, das der ABB-Bau zweifellos zeigt, fortschreiben und im Sinne der Denkmalpflege transformieren“. Nie ging es uns darum, den Bestand zu sakralisieren und in seinem Status quo einzufrieren. Doch in der Frankfurter Debatte herrscht noch eine Stadtmarketing-Denke der 1990er, welche ikonische Leuchttürme von Stararchitekten für innovativ hält. Für die „Denkmalpflege“ bedeutet, den Bestand abzureißen und von einem Stararchitekten eine neue Glaskiste bauen zu lassen, deren Transparenz an das alte Foyer erinnern soll. Das heute aber Konzepte des Weiterbauens und des Transformierens eines Gebäudebestands innovativer sind als das stete Tabula rasa, ist jenseits der Fantasie von Intendanz und Kulturpolitik.

Dazu gehört auch die gezielte Diskreditierung jeglicher Bestandslösung durch die Stabsstelle der Stadt Frankfurt, deren Leiter Micheal Guntersdorf, zuvor Projektleiter der „Neuen Altstadt“ aus seiner tiefen Abneigung des Nachkriegsbaus keinen Hehl macht. Kosten für einen Neubau werden durch Auslassung ganzer Kostengruppen (Baugrundstück, Freimachung, Erschließung und Außenanlagen) klein gerechnet, Bestandslösungen durch einen dreifachen Risikoaufschlag und überteuerte Interimslösungen groß gerechnet. Und die angeblich entscheidungsbegründenden Gutachten sind überwiegend unter Verschluss und waren auch den Abgeordneten nicht bekannt. Dazu hat Herr Santifaller offenkundig keine Nachfrage gestellt. Die einzige Frage, die er in Vorbereitung des Artikels an den Verfasser dieser Zeilen richtete, war, wo er seinen privaten Wohnort habe. Ich frage mich, ob der Autor die richtigen Fragen stellt.

Philipp Oswalt, Architekt, Berlin