„Erst fragen, was wir brauchen“

von Claus-Jürgen Göpfert, Frankfurter Rundschau, 23. Oktober 2020

Städtebauerin Maren Harnack und Theaterwissenschaftler Nikolaus Müller-Schöll sprechen im Interview über die Zukunft der Bühnen in Frankfurt.

Maren Harnack und Nikolaus Müller-Schöll plädieren für eine Grundsatzdiskussion.
© peter-juelich.com

Frau Harnack, Herr Müller-Schöll, das Gebäude der Theater-Doppelanlage aus dem Jahr 1963 befindet sich baulich und technisch in einem maroden Zustand. Es hat den Eindruck, als werde der Bau von der Stadt vernachlässigt.

Müller-Schöll: Man muss den Fall Frankfurt einordnen in einen größeren Zusammenhang. Überall in Deutschland sind die Theaterbauten aus den 60er und 70er Jahren inzwischen große Sanierungsfälle geworden. Für die Kommunen tickt da eine Zeitbombe. Oft ist der Grund für die Vernachlässigung auch, dass es den Städten in der öffentlichen Verwaltung an Personal fehlt.

Harnack: Die Sanierungsfälle gibt es aber auch bei anderen öffentlichen Bauten, denken Sie an Brücken oder Schulen. Noch immer werden Bauwerke einfach nicht gepflegt. Man hält es für einfacher und billiger, bauliche Massen einfach zu entsorgen und neu zu errichten. Kurzfristig mag dieser Umgang mit Bausubstanz wirtschaftlich sein, schon mittelfristig ist er es aber nicht mehr.

Bei Theatergebäuden haben die baulichen Formen ja auch unmittelbar mit dem Theater zu tun, das dort gespielt wird.

Müller-Schöll: Absolut, diese Häuser sind keine austauschbaren Schachteln. Einar Schleef ging bei seiner Inszenierung der „Mütter“ in den 80er Jahren vom Grundriss dieses spezifischen Hauses aus und ließ einen Steg durch den Zuschauerraum bauen. Wanda Golonka kam als Hausregisseurin ans Schauspiel, weil sie die große Tiefe der größten Schauspielbühne Europas reizte.

Harnack: Das heißt, wir müssen auch beachten, welche besonderen Formen von Theater in einem Gebäude wie dem am Willy-Brandt-Platz möglich sind. Wir beklagen gegenwärtig die Verödung der Fußgängerzonen. Aber warum sind sie öde? Weil sich überall die gleichen Kettenbetriebe ausgebreitet haben.

Was ist der besondere Charakter des Gebäudes der Städtischen Bühnen in Frankfurt?

Müller-Schöll: Es ist ein offenes Haus im Geist der Nachkriegsmoderne. Die gläserne Fassade ermöglicht den Austausch: Man sieht aus der Stadt ins Theater hinein, und von drinnen wird die Stadt zur Theaterinszenierung. Wir sind keine Traditionalisten, die Altes erhalten wollen, nur weil es alt ist. Schauspielintendant Anselm Weber hat völlig recht: Ein modernes Theater muss den Menschen dort gute Arbeitsmöglichkeiten bieten. Aber vor allen Bauentscheidungen muss die Debatte geführt werden, welches Theater der Zukunft wir in Frankfurt wollen. Diese Diskussion ist noch kaum geführt worden. Das Stadtparlament hat zu früh einen Neubau der Theater beschlossen.

Welche Teile halten Sie für erhaltenswert?

Harnack: Die große Geste, mit der das Foyer den Anlagenring abschließt, finden wir sehr überzeugend. Und dahinter versammeln sich schon jetzt Bauteile aus allen Jahrzehnten, die man zum Teil weiternutzen kann, zum Teil ersetzen muss. Die Reste des alten Seeling-Baus sollten sicher nicht verschwinden, auch der neue Werkstattturm ist noch nicht am Ende. Aber noch einmal: Wir brauchen erst einmal eine Diskussion über die Theaterlandschaft der Zukunft. Ich bin sehr von Stuttgart 21 geprägt. Da hat man auch gesagt: Weil es geht, bauen wir jetzt den Fernbahntunnel unter der Stadt. Statt sich zu fragen, welchen Bahnhof die Stadt überhaupt braucht.

Müller-Schöll: Frankfurt steht vor einer Jahrhundertentscheidung in seiner Theaterlandschaft. Derzeit werden vier von sechs städtischen Theatergebäuden neu geplant: neben den Städtischen Bühnen das Kinder- und Jugendtheater und ein Zentrum der Künste auf dem alten Universitätscampus in Bockenheim. All das muss aufeinander abgestimmt werden. Frankfurt braucht einen großen Theaterentwicklungsplan. Es gibt darüber keinen Diskurs, der Theater und Stadt zusammen denkt. Wir fordern diese Debatte.

Wer sollte denn entscheiden?

Harnack: Ich halte es für ganz wichtig, neben Experten auch die Bevölkerung mit einzubeziehen. Und zwar auch Menschen, die nicht zur weißen Mittelschicht gehören und die im Theater momentan nicht repräsentiert sind.

Müller-Schöll: Und natürlich auch die freie Theaterszene. Sie muss unbedingt einbezogen werden. Das ist das Experimentierlabor des Theaters. Aber man lässt sie hier am ausgestreckten Arm verhungern.

Harnack: Ich halte es auch für dringend geboten, bei der Frage eines Theaters der Zukunft junge Architektur- und Stadtplanungsbüros zu berücksichtigen und nicht nur die Stararchitekten, die schon fünf Theater gebaut haben. Die junge Generation wird die neuen Theater nämlich vor allem nutzen.

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