Abbruch statt Aufbruch?

Protestaktion von Friday for Future im Rahmen des globalen Klimastreiks im März 2021

Der Vorschlag zur Zukunft der Städtischen Bühnen Frankfurt bleibt in altem Denken gefangen

Beim Neubauprojekt der Städtischen Bühnen, so scheint es, geht es voran. So sollen die Stadtverordneten möglichst bald über den Standort der neuen Bühnengebäude entscheiden. Grundlage dafür sind weitere Gutachten zu den Themen Denkmalschutz, Verkehr und Klima – dass es diese nun gibt, ist erfreulich. Zusammengefasst ist der Stand der Dinge in dem im Herbst letzten Jahres vorgelegten Bericht der Stabsstelle „Zukunft Städtische Bühnen“. Der mehr als hundert Seiten zählende Band ist an eine breitere Öffentlichkeit gerichtet, dürfte aber nicht zuletzt auch den Stadtverordneten als Grundlage ihrer Entscheidung dienen. Vermeintlich neutral analysiert der Bericht die Vor- und Nachteile der verschiedenen Optionen für die Zukunft der Städtischen Bühnen. Doch eine genaue Analyse zeigt, dass er Fakten verzerrt und ausblendet, um „Argumente“ für das Projekt Kulturmeile zusammenzutragen, also für den Bau zweier getrennter Häuser für Oper und Theater an den Wallanlagen. Mit diesen Manipulationen steht der Bericht beispielhaft für die (Des-)Informationspolitik von Stabsstelle und Kulturdezernat während der vergangenen Jahre.

Protestaktion von Friday for Future im Rahmen des globalen Klimastreiks im März 2021

An vier Punkten zeigt sich dies deutlich:

1. Kleinrechnen der Investitionskosten: Zahlen vermitteln den Anschein objektiver Fakten, und so erscheint das Ergebnis der Kalkulationen der Stabsstelle eindeutig und belastbar. Mit geschätzten Investitionskosten in Höhe von € 811 Mio. wird das Kulturmeilen-Projekt gegenüber den vier anderen möglichen Standortoptionen im Bericht als günstigste Variante präsentiert; die anderen Varianten kämen demnach auf Kosten zwischen € 835 Mio. und € 891 Mio. Allerdings sind bei dieser Kalkulation die Kosten für den Erwerb des Grundstücks für die Oper an der Neuen Mainzer Straße nicht enthalten – es wären dies Mehrkosten, die sich auf einen dreistelligen Millionenbetrag belaufen dürften und das Kulturmeilen-Projekt zur teuersten der vorgestellten Varianten machen würden. Das Fehlen dieses Postens in der Kostenschätzung wird im Bericht zwar nicht verschwiegen (S. 92), aber beim abschließenden, gleichsam als Empfehlung zu lesenden Fazit gänzlich ausgeblendet (S. 93–96). Die Kosten für den durch den Umzug der Oper nötig werdenden Umbau der Neuen Mainzer Straße werden gar nicht erst erwähnt. Die beigefügte Tabelle „2. Investitionskosten, überarbeitet 02/2022“ zeigt deutlich, dass nicht die vom Magistrat präferierte Variante die wirtschaftlichste ist.

2. Schönrechnen der Nachhaltigkeit: Ein ähnlich freier Umgang mit Berechnungsmodellen zeigt sich auch bei der ökologischen Bewertung der verschiedenen Neubauvarianten. So erhält das Kulturmeilen-Projekt eine uneingeschränkt positive Bewertung hinsichtlich der Nachhaltigkeit – und dies, obwohl das Projekt Abriss und Neubau gleich zweier großer Gebäudekomplexe vorsieht. Begründet wird diese positive Bewertung im Bericht damit, dass der Bau der 1963 eröffneten Theaterdoppelanlage nach über 50 Jahren das Ende seiner „mögliche(n) Lebensdauer“ erreicht habe und daher der Abbruch nicht negativ auf die Nachhaltigkeitsbewertung angerechnet werden könne (S. 46–47). Es klingt fast zynisch, dass hier großmaßstäbliche Gebäudeabbrüche mittels immobilienwirtschaftlicher Lebenszyklusanalysen grüngerechnet werden – als könnten die Herausforderungen sich verknappender Rohstoffe und steigender Treibhausgasemissionen dadurch bewältigt werden, dass alle vor 1970 entstandenen Bauwerke zum Abriss freigegeben werden. Dabei gilt es gerade den energie- und ressourcenintensiven Rohbau von Bauwerken so lange wie möglich zu nutzen! Aber selbst wenn man dieser Logik zustimmen würde, wäre die vernichtete graue Energie nicht gleich Null – denn die Nachhaltigkeitsberechnungen im Bericht übergehen geflissentlich den Umstand, dass ein beträchtlicher Teil der Theaterdoppelanlage, nämlich der Werkstättenkomplex an der Rückseite, keine zehn Jahre alt ist und daher in die Kalkulation einfließen müsste. Und der Abbruch des 2004 teilweise erneuerten Gebäudekomplexes an der Neuen Mainzer Straße, wird konsequenterweise auch nicht einberechnet, ja nicht einmal erwähnt. Die beigefügte Tabelle „1. Nachhaltigkeitsorientierte Standortprüfung, überarbeitet 02/2022“ zeigt deutlich, dass die vom Magistrat präferierte Variante nicht die nachhaltigste ist.

Es bleibt nur zu hoffen, dass eine Koalition, die sich eine ökologische Politik auf die Fahnen schreibt und in ihrem Koalitionsvertrag explizit Umbau und Sanierung die Priorität vor Abbruch gibt, sich nicht von solch lückenhaften und tendenziösen Berechnungen in die Irre führen lässt. Es sei an die unmissverständliche Formulierung des Koalitionsvertrags erinnert: „Beim Bauen setzen wir auf eine ökologische, ressourcenschonende Umsetzung, in dem wir bei neuen Nutzungen Priorität auf Umbau vor Abriss setzen. […] Ein wichtiger Pfeiler um Frankfurt bis 2035 klimaneutral zu gestalten, ist die klimaneutrale bzw. deutlich klimafreundlichere Sanierung aller städtischen Gebäude.“ (S. 44f).

3. Ignorieren des Denkmalschutzes: Die Tatsache, dass das Foyer mit seiner Glasfassade und den „Wolken“ Zoltán Keménys 2020 unter Denkmalschutz gestellt wurde, wird im Bericht nur in einem kurzen Abschnitt abgehandelt – wobei im gleichen Zug implizit die Frage nach Notwendigkeit und Sinnhaftigkeit der Erhaltung des Foyers gestellt wird. Hier wird versucht, das Foyer – unter Verkennung der im Denkmalgutachten umfassend gewürdigten Bedeutung des Bauwerks – bloß als „Ergebnis einer wechselvollen Planungs-, Bau- und Umbaugeschichte“ herabzuwürdigen (S. 102). Dazu passt eine Bildregie, die vom Foyer einzig den Rohbauzustand von 1962, dazu bröckelnde Ecken (S. 114) und den Wildwuchs der Dachaufbauten (S. 6) zeigt. Zudem wird in den entscheidenden Abschnitten des Berichts, vor allem bei der Bewertung der verschiedenen Standortvarianten, der Denkmalstatus des Foyers vollständig ausgeblendet – als sei die Unterschutzstellung als unverbindliche, ggf. zu ignorierende Erhaltungsempfehlung zu verstehen. Dementsprechend überrascht es nicht, dass der Bericht abschließend fordert, dass „die Frage der Relevanz des Denkmalschutzes“ bis zur Auslobung des Neubauwettbewerbs „verbindlich geklärt“ werden müsse (S. 111). Das ist gar nicht nötig, denn diese Frage ist längst geklärt: Foyer und Wolken stehen rechtskräftig unter Denkmalschutz, und eine Sanierung dieses Bauwerks ist, was auch der Bericht nicht verhehlen kann, gemäß einem Fachgutachten möglich. Folglich muss der Erhalt des Wolkenfoyers auch Teil aller weiteren Überlegungen zur Zukunft der Bühnen sein. Doch der Bericht verzichtet darauf, diese Frage aufzugreifen.

4. Mangelnde Transparenz: Bezeichnend ist, dass das Sachverständigen-Gutachten, das die Erhaltungsfähigkeit des Foyerbaus bestätigt, im Bericht nur kurz erwähnt, aber nicht veröffentlicht wird. Das gilt entsprechend für die weiteren Gutachten, von denen auf S. 10 die Rede ist. Wir nehmen an, dass daraus nur zitiert wird, was der eigenen Argumentation dient oder nicht verschwiegen werden kann. Das weckt Erinnerungen an die Situation im Jahr 2020, als das grundlegende Validierungsgutachten, das in wichtigen Punkten den öffentlichen Darstellungen der Stabsstelle widerspricht oder zumindest andere Lesarten erlaubt (http://zukunft-buehnen-frankfurt.de/2020/08/24/validierungsgutachten-widerspricht-der-abrissbegruendung/), so lange wie möglich unter Verschluss gehalten wurde. Da scheint sich in der Kommunikationsstrategie der Stabsstelle also wenig geändert zu haben.

Wenig geändert hat sich seither auch beim Theaterkonzept: Nach wie vor vermissen wir bei den Vorplanungen der Bühnengebäude grundlegende Gedanken zur Zukunft des Theaters und zur künftigen Rolle von Theaterhäusern in der Stadt. Die Ausgangsbasis für die Planungen bildet vielmehr „das bestehende Raumprogramm, das […] an aktuell geltende betriebliche Anforderungen und gesetzliche Vorgaben (u. a. an die Arbeitsstättenverordnung) angepasst wurde“ (S. 14). Kurz: Die Vision für das Frankfurter Theater der Zukunft besteht in der Fortschreibung von Spielbetrieb und Raumprogramm des vorangegangenen Jahrhunderts, ergänzt um zwei Multifunktionsräume, angepasst an die aktuelle Arbeitsstättenverordnung.

Und so weckt dieser Bericht grundsätzlich den Eindruck, als habe sich in den letzten Jahren nichts geändert, nichts getan, als wolle man das im Frühjahr 2020 aus der Taufe gehobene Projekt der Kulturmeile mit aller Gewalt durchsetzen. Als habe es keine Pandemie mit allen Folgeerscheinungen gegeben, kein Schrumpfen der Steuereinnahmen und keine Explosion der Baukosten und keine schon viel länger andauernde Krise der Stadttheater. Als habe es keine Unterschutzstellung des Wolkenfoyers durch das Landesdenkmalamt gegeben. Und als habe es keine fundamentalen klimapolitischen Debatten und keinen von der neuen Römer-Koalition beschworenen Aufbruch in eine klimagerechte und nachhaltige Zukunft gegeben, der sich auch in einer neuen Bewertungsmatrix für Bauprojekte niedergeschlagen hat. Als ob der Klimawandel durch schon länger geplante Projekte weniger angeheizt würde. Stattdessen soll ein Projekt, das konzeptionell irgendwo zwischen Hoffmanns Museumsufer der 1980er Jahre und Gehrys Museum in Bilbao aus den 1990er Jahren gefangen ist, durchgesetzt werden – ohne zu fragen, ob diese Museumsprojekte des 20. Jahrhunderts mit den baukulturellen Strategien für das 21. Jahrhundert, mit den Bedürfnissen einer Stadtgesellschaft, die sich geändert hat, mit dem Klimawandel oder auch mit den Anforderungen an das Theater und an Theaterbauten der Zukunft vereinbar sind.

Augen zu und durch? Wir fordern das Offenlegen aller Gutachten und eine unvoreingenommene und ergebnisoffene Diskussion der Varianten unter Berücksichtigung von Nachhaltigkeit, Klima- und Denkmalschutz. Wir stehen mit diesen Forderungen nicht allein. Der Bund deutscher Architekten (BdA) hatte bereits im Mai 2021 eine Neuorientierung der Debatte um die städtische Bühnen gefordert (siehe Anlage). Die Ortsgruppe Frankfurt der Architects for Future hatte bereits im März 2021 während des Klimastreiks gegen die sich anbahnende Abrisspolitik gewendet und jetzt hierzu ebenfalls ein Statement vorgelegt (siehe Anlage).

Alfons Maria Arns, Helene Bihlmaier, Maren Harnack, Sascha Köhl, Philipp Oswalt für die Initiative Zukunft Bühnen Frankfurt

Pressestimmen zu unserer Stellungnahme:

FAZ, 15. Februar 2022 (Paywall)

FR, 15. Februar 2022

Journal Frankfurt, 16. Februar 2022

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