Die Bühnen in den Wahlprogrammen

Wir haben hier die Forderungen zusammengefasst, die die Parteien in ihren Programmen zur Kommunalwahl am 14. März 2021 für die Amtszeit 2021-2026 in Frankfurt am Main in puncto Zukunft Städtische Bühnen Frankfurt stellen.

Bild: Alfons Maria Arns

SPD

Was wir bis 2026 noch erreichen werden:

1. Wir werden den Willy-Brandt-Platz als kulturellen Ort erhalten und nicht an private Investoren verkaufen. Entlang der Wallanlage werden wir eine Kulturmeile entwickeln. Oper und Schauspiel gehören in die Innenstadt.

(…)

Der Wert von Kultur misst sich nicht in erster Linie an wirtschaftlichen Maßstäben 

Die SPD wird in Regierungsverantwortung die herausragenden künstlerischen Leistungen unserer Städti- schen Bühnen, Museen und anderen Kultureinrichtungen finanziell sichern. 

Wir werden Kunst zu gesellschaftlichen Fragen und politischen Streitthemen weiter fördern und Museen und Theater als Räume für öffentliche Debatten stärken.

Wir wollen den öffentlich und kulturell genutzten Raum in der Innenstadt und in den Stadtteilen gegen den Vermarktungsdruck verteidigen. Das betrifft auch den WillyBrandt Platz, den wir beim Neubau der Städtischen Bühnen als Frankfurts traditionellen Bühnenstandort mit mindestens einer Bühnensparte erhalten werden.

https://www.spd-frankfurt.de/kultur-fuer-alle

https://www.spd-frankfurt.de/fileadmin/Dokumente/Kommunalwahl_2021_-_Unsere_Schwerpunkte_fuer_Frankfurt.pdf

CDU

Kultur – Dafür stehen wir und das sind unsere Ziele 

In­ der­ nächsten ­Wahlperiode ­verdienen ­der ­anstehende ­Neubau­ der ­Städtischen ­Bühnen, ­die ­Zukunft­ des Zoos und die Paulskirche mit dem Haus der Demokratie unsere besondere Aufmerksamkeit: Die Stadt­ Frankfurt­ steht ­in­ den ­nächste­Jahren­ vor­ der­ Jahrhundertaufgabe, ­wie ­sie ­den­ Neubau ­der ­Städtischen­ Bühnen­ bewerkstelligen­ und­ finanzieren­ soll.­ Wir­ bekennen­ uns­ zu­ dieser­ Aufgabe,­ weil­ Oper­ und­ Schauspiel­ unverzichtbarer­ Bestandteil­ der­ Frankfurter­ Kulturlandschaft­ sind.­ Wir­ wollen­ eine­ Gesamtlösung­ für­ Oper,­ Schauspiel,­ Werkstätten­ sowie­ Probebühnen­ und­ kein­ Stückwerk.­ Wir­ sind­ bereit,­ über­ neue­ Standorte­ nachzudenken,­ wenn­ damit­ teure­ und­ zeitlich­ riskante­ Interimsstätten­ ­vermieden­ werden.­ Interimsstätten­ lassen­ kaum­ die­ bisherigen­ Besucherzahlen­ zu,­ und­ in­ mehrjährigen ­Provisorien ­wird ­sich­ kaum­ das­ hohe­künstlerische ­Niveau­ halten ­lassen.­ Für­ uns ­haben ­städtische­ Grundstücke­ den­ Vorrang.­ Das­ gilt­ insbesondere­ für­ das­ Grundstück­ im­ Hafenparkquartier,­ einem­ Stadtteil,­ der ­sich ­in ­den ­nächsten ­10­Jahren ­rasant­ verändern­ wird.­ Wir­wissen,­ dass­ wir ­vieles­ abverlangen. Ohne Kompromissbereitschaft, Opfer und Einschränkungen, ohne Verzicht auf so manche lieb gewordenen­ Gewohnheiten­der ­Besucher/innen,­ Mitarbeiter/innen­ und­ Künstler/innen­ und­ ohne­ Mut­ und Risiko wird es nicht gehen. Wenn alle dazu bereit sind, dann kann diese gemeinsame Kraftanstrengung­ auch­ ein­ Symbol­ für­ bürgerschaftliches­ Engagement,­ Aufbruchsstimmung­ und­ das­ Selbstverständnis unserer Stadt zwischen Moderne und Tradition werden. 

https://www.cduffm.de/image/inhalte/file/Kommunalwahlprogramm_lang_Version_Download.pdf

GRÜNE

Frankfurt neu denken
Die Knoten lösen – Städtische Bühnen und Kulturcampus 

In der städtischen Kulturpolitik hat sich an einigen großen Baustellen vieles angesammelt, aber es ist nicht viel vorangekommen. Über große Investitionen braucht es auch eine breite Verständigung, denn niemand sollte leichtfertig Entscheidungen über Investitionen von einigen hundert Millionen Euro treffen. Wir sehen, dass eine breite Diskussion stattfindet und wollen zu einer Entscheidung über die Städtischen Bühnen kommen. Für uns steht fest: Der Willy-Brandt-Platz ist der Standort der Städtischen Bühnen und soll es auch bleiben. Neue Gebäude müssen dabei die Geschichte des Ortes und der Kultur an diesem Ort respektieren. Der Willy-Brandt-Platz steht für erstklassiges Theater und erstklassige Oper, für politische und gesellschaftlich engagierte Inszenierungen und Provokationen, für die Freiheit von Kunst und Kultur – und für viele Frankfurter*innen und Menschen aus dem Umland und der ganzen Welt für Erinnerungen. Das Wolkenfoyer und die klare, transparente Architektur der Städtischen Bühnen stehen auch für eine Haltung, an der wir festhalten wollen. Wir wollen eine Lösung für die Städtischen Bühnen, die diese Tradition in die Zukunft führt. 

Große Kulturorte, große Herausforderungen

Wir machen uns für den Erhalt der Städtischen Bühnen möglichst unter Beibehaltung des Wolkenfoyers am Willy-Brandt-Platz, für eine Lösung unter Berücksichtigung von Umwelt-, Klima- und Nachhaltigkeitsgesichtspunkten und für eine Beteiligung der interessierten Bürger*innenschaft an der Finanzierung stark. Eingriffe in die Wallanlagen müssen nach Möglichkeit vermieden werden. Sollte ein Eingriff in die Wallanlagen dennoch die sinnvollste Lösung sein, muss jede Lösung zu einer quantitativen und qualitativen Aufwertung der Wallanlagen führen und insgesamt auch ökologisch eine nachhaltige Lösung sein. Vor allem aber gilt: Die Häuser müssen in erster Linie von der Kultur her gedacht sein.

Wir wollen ein international und kooperativ denkendes und arbeitendes Kinder- und Jugendtheater in Frankfurt. Wir suchen dabei die Kooperation auch mit dem Land Hessen und der Region und erwarten von der zukünftigen Konzeption, dass sie die Zusammenarbeit mit den bestehenden freien Theatern, aber auch mit den städtischen Häusern und freien Künstler*innen als zentralen Punkt der Arbeit begreift. Wir wünschen uns die Wiederbelebung der großen Tradition des modernen Tanztheaters unter dem Dach der Städtischen Bühnen in Frankfurt. Für dieses Projekt werden wir im Rahmen einer breiten Diskussion die Grundlagen legen. 

https://www.gruene-frankfurt.de/fileadmin/partei/00_Bilder/KW2021/Beschluesse/FRANKFURT_NEU_DENKEN_-_FINAL.pdf

Weitere Parteien und Wahlprogramme:

FDP

https://fdp-frankfurt.de/lebendige-und-vielfaltige-kultur

DIE LINKE

https://die-linke-frankfurt.de/wp-content/uploads/2021/01/DIELINKE_Wahlprogramm_online.pdf

ÖkoLinX

http://www.oekologische-linke.de

AfD

https://ffm.afd-hessen.org/kommunalwahlprogramm-2021-2026/

BFF

https://www.bff-frankfurt.de/wahl2021.pdf

Die Partei


http://www.die-partei-frankfurt.de/wahl2021/wahlprogramm

Respektvoll und mutig weiterbauen

Die Architektin Astrid Wuttke war Teil des Validierungsteams zur Zukunft der Städtischen Bühnen, das 2019 unter der Federführung von schneider+schumacher im Auftrag der Stadt Frankfurt die Überarbeitung der Machbarkeitsstudie von 2017 begleitete und kritisch hinterfragte. Sie war bei unserer Podiumsdiskussion „Kulturikone weiterbauen?“ zu Gast und stellte sich in einem Interview, das auf der Webseite des Architekturbüros veröffentlicht wurde und das wir hier wiedergeben dürfen, den Fragen zum Validierungsgutachten sowie zum Zukunftspotenzial des Bühnengebäudes.

Liebe Astrid, in aller Kürze: Zu welchem Ergebnis ist das Validierungsgutachten gekommen?

Das im Rahmen der Planungsstudie erarbeitete Zahlenmaterial stellt eine fundierte Entscheidungshilfe dar, nimmt aber eine Entscheidung keinesfalls vorweg. Auch eine Sanierung ist hiernach grundsätzlich möglich. Am Ende ist es eine politische Entscheidung für oder gegen den Standort am Willy-Brandt-Platz mit einer Doppelanlage oder als getrennte Spielstätten an anderen Standorten – und wie Frankfurt dabei mit seinem baulichen, kulturellen Erbe umgehen möchte. Der Denkmalwert von Teilen des Gebäudekomplexes, insbesondere des Goldwolkenfoyers, blieb in der Untersuchung 2019 allerdings unberücksichtigt.

Was sind die Gründe dafür?

Zum Zeitpunkt der Studie lagen uns keine eindeutigen Informationen vor, ob und wenn ja welche Gebäudeteile unter Denkmalschutz stehen, da bisher noch keine Eintragung in die Denkmalliste erfolgt ist. Das Landesamt für Denkmalpflege hat dazu ein Gutachten erstellt, das erst im Frühjahr 2020 veröffentlicht wurde.

Zur Abrissentscheidung im Januar hieß es, eine Sanierung sei nicht wirtschaftlich.

Die Stadt Frankfurt gibt zur Wirtschaftlichkeitsbewertung von Gebäuden vor, dass bis zu 30% der Bewertung aus nicht monetären Aspekten abgeleitet werden können. Das ergab in unserem Fall, dass die ökonomische Qualität zu 70% in die abschließende Bewertung eingehen sollte. Somit verblieben für soziale/funktionale Qualität 25%, für ökologische Qualität lediglich 5%. In einer nachhaltigen Variantenbewertung müsste die Ökonomie eigentlich gleichwertig zur ökologischen und sozialen/funktionalen Qualität bewertet werden. Dadurch bekämen Fragen des Standortes oder der Grauen Energie eine ganz andere Bedeutung. Eine Diskussion darüber, welche Wertungsmatrix für ein Bühnenprojekt dieser Dimension die angemessene ist, hat bisher nicht stattgefunden.

Welcher Aspekt wurde bisher aus Deiner Sicht außerdem zu wenig berücksichtigt?

Der Aspekt des Weiterbauens. Weiterbauen bedeutet weit mehr als Bestandserhalt. Dem Baudenkmal respektvoll und gleichzeitig mutig zu begegnen, Potentiale zu erkennen und daraus mit Geschick individuelle unverwechselbare und eigenständige Lösungen zu entwickeln, bei denen vermeintliche Nachteile zu Qualitäten werden, erfordert mindestens so viel Kompetenz und Kreativität wie jedes Neubauprojekt. Damit kann Frankfurt 2030 innovativer sein als mit einem aus der Zeit gefallenen Neubauspektakel am Stadtrand.

Vielen Dank für Deine Antworten.

Veranstaltungsdokumentation:

Der Abriss der Theaterdoppelanlage der Städtischen Bühnen Frankfurt von ABB Architekten aus dem Jahr 1963 mit seiner einzigartigen Gestaltung des Wolkenfoyers durch die beiden jüdischen Künstler Marc Chagall und Zoltán Kemény schien seit dem Stadtratsbeschluss von Januar 2020 entschieden. Doch für ein Neubauprojekt gibt es bislang keine Verständigung auf einen Standort, nicht einmal ein verfügbares Grundstück. Und allen unzähligen Veranstaltungen und Medienberichten zum Trotz ist die zehnjährige Debatte von elementaren blinden Flecken geprägt: Wie soll das Stadttheater der Zukunft aussehen? Wir kann das Theater Menschen erreichen, die es bislang nicht besuchen? Was ist der kulturelle Wert der bestehenden Anlage? Wäre ein Teilerhalt des bestehenden Gebäudekomplex denkbar, der Bewahrung und Innovation miteinander verbindet und der damit im Zeichen einer nachhaltigen Umweltpolitik steht? 

Die Initiative Zukunft Städtische Bühnen Frankfurt veranstaltet daher eine Reihe von öffentlichen Diskussions-Veranstaltungen zu diesen offenen Fragen, zu denen führende Architekt*innen, Theatermacher*innen, Künstler*innen, Kurator*innen und Wissenschaftler*innen zu Wort kommen und mit Frankfurter*innen, Akteur*innen aus Politik, Kultur und Gesellschaft diskutieren. Diese Veranstaltungen fanden bisher statt:

Kulturikone weiterbauen?

Ist es wirklich innovativ, Tabula Rasa zu machen und bestehende Gebäude durch Neubauten zu ersetzen? Liegt die Zukunft von Bauen nicht im Bestand?
Wir haben bei einer hybriden Podiumsdiskussion zur Zukunft der Städtischen Bühnen Frankfurt am 23. November 2020 darüber mit Prof. Claus Anderhalten (Anderhalten Architekten, Berlin), Jan Schneider (Baudezernent Frankfurt), Astrid Wuttke (schneider + schumacher, Frankfurt) und Prof. Dr. Maren Harnack (Frankfurt University of Applied Sciences) gesprochen. Moderiert wurde das erste Gespräch unserer Reihe von Anna Scheuermann.
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Die Raumskulptur von Zoltan Kemeny

Die Deckenskulptur des Frankfurter Theaterfoyers wird allseits geschätzt, doch wenig ist über den Künstler, die Entstehung und Rezeption seines Frankfurter Werkes bekannt. Wie kam es zur Beauftragung des ungarisch-jüdischen Künstlers 1963? Welche Idee und Konzepte prägen sein Werk, welche Rolle nimmt er in der Entwicklung des Nachkriegskunst ein? Welchen Bezug hat das Werk zur Architektur der Theaterdoppelanlage und dem Stadtraum? Und lässt sich die Arbeit – wie beabsichtigt – in einen Neubau translozieren? 
Wir haben diese Fragen auf einer Online-Podiumsdiskussion zur Zukunft der Städtischen Bühnen Frankfurt am 4. Dezember 2020 mit Dieter Schwarz (ehem. Direktor des Kunstmuseums Winterthur), Alfons Maria Arne (Freischaffender Kulturhistoriker, Frankfurt/Main) und Susanne Tietz (Direktorin des städtischen Museums Abteiberg, Mönchengladbach) gesprochen. Moderiert wurde dieses Gespräch von Prof. Philipp Oswalt.
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Welches Theater für welche Stadt?

Frankfurts Theater steht im Augenblick vor einer Weichenstellung, die es bis weit in das 21. Jahrhundert maßgeblich mitprägen wird: Wie sollen die Gebäude aussehen, in denen zukünftig das städtisch subventionierte Theater stattfinden wird? Wo sollen Oper, Schauspiel, Kinder- und Jugendtheater, wo die experimentellen darstellenden Künste zukünftig geprobt, aufgeführt, gesehen und verhandelt werden?

Teil 1: Theater 2040 – Konzeptionen und ihre Architekturen

Darüber, wie Konzeptionen und Architekturen von Theater 2040 aussehen können, haben wir auf einer Online-Podiumsdiskussion am 16. Dezember 2020 mit Amelie Deuflhard (Kampnagel, Hamburg), Rebecca Ajnwojner (Maxim Gorki Theater, Berlin) gesprochen. Moderiert wurde dieses Gespräch  von Prof. Dr. Nikolaus Müller-Schöll. 
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Teil 2: Theaterbauten, Kultur für alle

Auf einer Online-Podiumsdiskussion zu Theaterbauten, Kultur für alle sprachen wir am 17. Februar 2021 mit Ulrike Haß (Theaterwissenschaftlerin, Bochum/Berlin) und Frank Schmitz (Architekturhistoriker, Universität Hamburg). Moderiert wurde dieses Gespräch  von Prof. Dr. Carsten Ruhl.  
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Theater 2040 – Konzeptionen und ihre Architekturen Veranstaltungsdokumentation

Die Podiumsdiskussion zur Zukunft der Städtischen Bühnen Frankfurt fand am 16. Dezember 2020 im Rahmen der Reihe „Welches Theater für welche Stadt?“ der Goethe-Universität Frankfurt statt.

Podium: 

Amelie Deuflhard (Kampnagel, Hamburg), 
Rebecca Ajnwojner (Maxim Gorki Theater, Berlin)

Moderation: 

Prof. Dr. Nikolaus Müller-Schöll, Goethe-Universität Frankfurt

Frankfurts Theater steht im Augenblick vor einer Weichenstellung, die es bis weit in das 21. Jahrhundert maßgeblich mitprägen wird: Wie sollen die Gebäude aussehen, in denen zukünftig das städtisch subventionierte Theater stattfinden wird? Wo sollen Oper, Schauspiel, Kinder- und Jugendtheater, wo die experimentellen darstellenden Künste zukünftig geprobt, aufgeführt, gesehen und verhandelt werden? Vier der fünf zukünftigen städtischen Theaterbauten sind derzeit – auf verschiedenen Stufen – in Planung. Vor diesem Hintergrund wollen Architekturgeschichte und Theaterwissenschaft der Goethe-Universität in zwei Veranstaltungen die durch diese Situation aufgeworfenen Fragen am 16. Dezember sowie am 17. Februar, jeweils um 18 Uhr, öffentlich diskutieren. Dabei sollen Vorträge von Wissenschaftlern und Gesprächsbeiträge von Theatermacher*innen dazu beitragen, die dringend gebotene Diskussion über das Frankfurter Theater der Zukunft auf eine breitere Grundlage zu stellen.

Pressberichte:

Besprechung in der FAZ: https://zeitung.faz.net/faz/rm-kultur/2020-12-18/88b40f6f946b39378846d01122664718/?GEPC=s5

William Forsythe in der abgebrannten Oper Frankfurt, Bild: Mara Eggert, Bearbeitung:
Anna Ranches (Bureau Mitte)

Kulturikone weiterbauen? Veranstaltungsdokumentation

Livestream-Diskussion zur Zukunft der Städtischen Bühnen Frankfurt

Ist es wirklich innovativ, Tabula Rasa zu machen und bestehende Gebäude durch Neubauten zu ersetzen? Liegt die Zukunft von Bauen nicht im Bestand? Viele der relevantesten Architekturen des letzten Jahrzehnt waren Transformationen. Und im Zuge einer verantwortungsvollen Ressourcen- und Klimapolitik können wir uns Abriss in dem bisher praktizierten Ausmaß nicht mehr leisten. Doch diese Debatte fehlt bislang in Frankfurt.

Was heißt das für die Zukunft der Städtischen Bühnen Frankfurt? Darüber haben wir am 23. November 2020, bei einer Livestream-Diskussion aus der Evangelischen Akademie Frankfurt mit Expert*innen auf diesem Gebiet diskutiert: Professor und Architekt Claus Anderhalten als Spezialist für Bauen im Bestand, mit Jan Schneider, der als Baudezernent von Frankfurt einen Neubau im Osthafen befürwortet, mit Astrid Wuttke vom Architekturbüro schneider + schumacher, eine der Autor*innen des Validierungsgutachtens. Moderiert wurde die Veranstaltung von der freien Autorin und Kuratorin Anna Scheuermann.

Gibt es einen experimentellen Umgang mit dem Bestand der Theaterdoppelanlage? Ist eine Sanierung der Städtischen Bühnen Frankfurtunter ökologischen Gesichtspunkten nicht doch besser als ein Neubau, so wie es im offiziellen Validierungs-Gutachten heißt? Wir hoffen damit, bestehende Sichtweisen in der Debatte aufzubrechen und den bisher formulierten Antagonismus – 100 Prozent Neubau versus Einfrieren des Status quo –hinter uns zu lassen.

Kuratiert wurde die Gesprächsrunde von den Professor*innen Maren Harnack (Frankfurt University of Applied Sciences, Schwerpunkt Städtebau) und Philipp Oswalt (Universität Kassel) zusammen mit der Initiative Zukunft Städtische Bühnen Frankfurt.

Hintergrund

Der Abriss der Theaterdoppelanlage der Städtischen Bühnen Frankfurt von ABB Architekten aus dem Jahr 1963 mit seiner einzigartigen Gestaltung des Wolkenfoyers durch die beiden jüdischen Künstler Marc Chagall und Zoltán Kemény schien seit dem Stadtratsbeschluss von Januar 2020 entschieden. Doch für ein Neubauprojekt gibt es bislang keine Verständigung auf einen Standort, nicht einmal ein verfügbares Grundstück. Und allen unzähligen Veranstaltungen und Medienberichten zum Trotz ist die zehnjährige Debatte von elementaren blinden Flecken geprägt: Wie soll das Stadttheater der Zukunft aussehen? Wir kann das Theater Menschen erreichen, die es bislang nicht besuchen? Was ist der kulturelle Wert der bestehenden Anlage? Wäre ein Teilerhalt des bestehenden Gebäudekomplex denkbar, der Bewahrung und Innovation miteinander verbindet und der damit im Zeichen einer nachhaltigen Umweltpolitik steht? 

Aus dem Kontext der Initiative Zukunft Städtische Bühnen Frankfurt veranstalten daher mehrere Institutionen eine Reihe von öffentlichen Diskussions-Veranstaltungen zu diesen offenen Fragen, zu denen führende Architekt*innen, Theatermacher*innen, Künstler*innen, Kurator*innen und Wissenschaftler*innen zu Wort kommen und mit Frankfurter Akteur*innen aus Politik, Kultur und Gesellschaft diskutieren.

Petition und Initiative Zukunft Städtische Bühnen Frankfurt

Die am 9. März 2020 ins Leben gerufene Petition „Zur Zukunft der Städtischen Bühnen Frankfurt“ hat bis dato knapp 6.000 Unterschriften erhalten. Zu den Initiator*innen der Initiative Zukunft Städtische Bühnen Frankfurt gehören Prof. Dr. Maren Harnack (Frankfurt University of Applied Sciences), Hans-Christoph Koch (Werkbund Hessen), Prof. Dr. Nikolaus Müller-Schöll (Goethe-Universität Frankfurt), Prof. Philipp Oswalt (Universität Kassel) und Prof. Dr. Carsten Ruhl (Goethe-Universität Frankfurt) und weitere Unterstützer*innen aus Politik, Kultur und Gesellschaft.

Bild Ulfert Beckert © Jens und Sven Beckert
Bearbeitung: Anna Ranches (Bureau Mitte)

Pressberichte:

https://www.hessenschau.de/kultur/gibt-es-in-frankfurt-nicht-doch-eine-chance-fuer-die-buehnen-doppelanlage,zukunft-buehnen-frankfurt-100.html

https://www.faz.net/aktuell/rhein-main/frankfurt/staedtische-buehnen-frankfurt-auch-sanierung-ist-moeglich-17067568.html

https://www.fr.de/frankfurt/zukunft-der-staedtischen-buehnen-in-frankfurt-weiterbauen-ist-ein-wort-der-zukunft-90111001.html

https://www.journal-frankfurt.de/journal_news/Kultur-9/Zukunft-Staedtische-Buehnen-Die-grosse-Frage-am-Willy-Brandt-Platz-36619.html

Die Raumskulptur von Zoltan Kemeny – Veranstaltungsdokumentation

Die Deckenskulptur des Frankfurter Theaterfoyers wird allseits geschätzt, doch wenig ist über den Künstler, die Entstehung und Rezeption seines Frankfurter Werkes bekannt. Wie kam es zur Beauftragung des ungarisch-jüdischen Künstlers 1963? Welche Idee und Konzepte prägen sein Werk, welche Rolle nimmt er in der Entwicklung des Nachkriegskunst ein? Welche Bezug hat das Werk zur Architektur der Theaterdoppelanlage und dem Stadtraum? Und lässt sich die Arbeit – wie zwischenzeitlich beabsichtigt – in einen Neubau translozieren? Diese Fragen adressierte die Veranstaltung in der Evangelische Akademie Frankfurt vom 4.12.2020, bei der auch die Ergebnisse neuer Recherchen zu dem berühmten Frankfurter Kunstwerk erstmals vorgestellt werden.

In einem einleitenden Vortrag stellte der Schweizer Kurator und Kemeny-Experte den Künstler vor. Nach einer ersten Diskussionrunde mit der Kunsthistorikerin und Museumsleiterin Susanne Titz, moderiert vom Architketen Philipp Oswalt, referierte der Kulturhistoriker Alfons Maria Arns über Aufragsgenese und Rezeption des Frankfurter Werks. Dem folgte eine zweite Gesprächsrunde

Veranstalter waren Arch+ Verein zur Förderung des Architektur- und Stadtdiskurses, Frankfurt University of Applied Sciences (Prof. Maren Harnack), Evangelisches Stadtdekanat Frankfurt und Offenbach

Zu den Beteiligten

Dieter Schwarz, 1953 geboren in Zürich, ist Kurator und Autor. Er war von 1990 bis 2017 Direktor des Kunstmuseums Winterthur, zahlreiche Publikationen zur zeitgenössischen Kunst, u.a. zu Zoltán Kemény (Centre Pompidou 2004)

Alfons Maria Arns, geboren 1954 in Lennestadt, freischaffender Kulturhistoriker und Ausstellungsmacher in Frankfurt Main, Mitbegründer der Initiative Zukunft Städtische Bühnen Frankfurt

Susanne Titz, geboren 1964 in Stolberg (Rheinland) ist Kunsthistorikerin und seit 2004 Direktorin des Städtischen Museums Abteiberg in Mönchengladbach und Mitglied des Sachverständigenkreises Kunst am Bau beim Bundesbauministeriums

Philipp Oswalt, geboren 1964 in Frankfurt Main, Architekt und Publizist, seit 2006 Professor an der Universität Kassel für Architekturtheorie und Entwerfen, Vorsitzender des Landesdenkmalrats Hessen und Mitbegründer der Initiative Zukunft Städtische Bühnen Frankfurt

Presseberichte:

HR 2 (Hörfunk) „Am Morgen“, „Frühkritik“ 8.12.2020, 7.40 Uhr

Kommentar:

Autor: wolfgang kopyczinski (IP-Adresse: 79.251.0.252, p4ffb00fc.dip0.t-ipconnect.de)E-Mail: wolfgang.kopyczinski@posteo.deURL: Kommentar: Danke für die gehaltvolle Veranstaltung heute am 4.12. !Angesichts des drohenden Abrisses erscheint mir die folgende Idee zwar etwas abwegig, ich möchte sie aber doch als Vorschlag einbringen: es wäre u.U. aufschlussreich, die verschiedenen Umbauten des Foyers nochmal aufzuschlüsseln und zu deuten in ihrer Aus-Wirkung (was wirkte positiv und was hat die guten Möglichkeiten der anfänglichen individuellen und sozialen Raumerfahrung negativ beeinträchtigt) für das Publikum und sein Erleben und auch in ihrer möglichen gesellschaftlichen Bedeutung, also aufgrund welcher gesellschatflichen Dynamiken es zu dem jeweiligen Umbau kam. Also z.B. die spätere Trennung der beiden Bereiche Theater und Oper, die offenbar zu Beginn offen und durchlässig waren. Es scheint mir lohnend, das mal durchzudenken: Wenn das wieder durchlässig gemacht würde und auch an dieser Stelle eine Durchmischung/zugelassener Übergang (offene Gesellschaft)/Verschmelzung der Bereiche ermöglicht würde. Wäre das nicht wünschbar und durchaus auch handhabbar im realen Bühenbetrieb?! Das wären doch dann wirklich ein Stückchen mehr städtische öffentliche Bühnen und neue öffentliche Räume – als sonst in allen hochsubventionierten und immer abgeschlossenen  Kulturstätten. Es wäre vielleicht ja auch einen Realversuch wert, das mal einen Monat im Spielplan durchzuführen. Wenn die Corona-Situation das wieder zulässt.Und sollte der Abriss kommen, wäre womöglich jetzt sogar der letztmögliche Zeitraum, wo dieser Frage nochmal real nachgegangen werden könnte.
Und noch eine zweite Idee: die Zukunft unserer Kultur liegt genauso wie die Zukunft der Klimakatastrophenbewältigung ja nicht mehr im schneller-höher-weiter sondern in einer dauerhaft tragfähigen Organisation (Stichwort enkeltauglich). Also wäre ein Opernhaus mit 1.500 hochsubventionierten Plätzen und 5.000 live-stream-Plätzen vielleicht eine Variante einer demokratischeren und lebendigeren Kulturlandschaft; inklusive natürlich eines Rotationssystems für die Realplätze. Downsizing ist doch angesagt und keine Hypertrophie. Ich werde jedenfalls nicht in ein Operhaus in der Art eines Kreuzfahrtschiff- oder Flughafenmolochs gehen. Wie glücklich sind viele Menschen, wenn eine Oper im Bockenheimer Depot stattfindet? ! Doch auch weil es dort ‚kleiner‘ ist, mehr menschliches Maß ist und mehr soziales Miteinander ist, als bei Großveranstaltungen.

Wolfgang Kopyczinski

Denkmalpfleger fordern Erhalt / Bau auf Roter Liste

In einem am 16. November veröffentlichten offenen Brief fordern führende Organisationen der Denkmalpflege in Deutschland von der Stadt Frankfurt den Erhalt der denkmalgeschützten Teile der Theaterdoppelanlage. Das Bauwerk sei ein herausragendes Zeugnis der Stadtgeschichte und insbesondere sein 1959-63 errichtetes Foyer stehe wie kein zweites öffentliches Gebäude der Kommune für den kulturellen, politischen und gesellschaftlichen Aufbruch der Nachkriegszeit. Der Brief appelliert an die Stadt, den bestehenden Denkmalschutz des Theaterfoyers anzuerkennen und bei den anstehenden Sanierungs- und Umbaumaßnahmen die geschützte Bausubstanz zu bewahren. Die durchgeführten Untersuchungen ließen nicht erkennen, dass es andere überwiegende öffentliche Belange gibt, sei es der Kosten oder der Nutzbarkeit, die einem Erhalt entgegenstehen. Es sei nicht nachvollziehbar, dass in Frankfurt nicht möglich sein soll, was an vielen Orten im In- und Ausland in den letzten Jahren und Jahrzehnten praktiziert worden ist: die Sanierung und Erneuerung von Theaterkomplexen – auch mit Teilneubauten – unter Beibehaltung der denkmalgeschützten Gebäudeteile. Denkmalschutz sei keineswegs gleichbedeutend mit Stillstand oder Rückwärtsgewandtheit, sondern ließe sich mit konzeptueller Innovation und Transformation der Gesamtanlage verbinden. Sicherlich benötige Frankfurt heute einen anderen Spielbetrieb als vor 60 Jahren, aber leider fehle in der Frankfurter Debatte bisher das Verständnis und die Fantasie für die Möglichkeiten, die ein Weiterbauen mit dem Bestand ermöglicht.

Aufgrund der akuten Gefährdung hat der Verband Deutscher Kunsthistoriker das Bauwerk zudem in die Rote Liste gefährdeter Denkmale in Deutschland aufgenommen.

Unterzeichnet ist der Brief von:

  • Verband Deutscher Kunsthistoriker,
  • Deutsche Stiftung Denkmalschutz,
  • ICOMOS Deutschland (International Council on Monuments and Sites – Deutsche Sektion),
  • docomomo Deutschland (International Working Party for Documentation and Conservation of Buildings, Sites and Neighbourhoods of the Modern Movement – Deutsche Sektion),
  • Arbeitskreis Theorie und Lehre der Denkmalpflege und
  • Rheinischer Verein für Denkmalpflege und Landschaftsschutz.

Eintrag der Rote Liste gefährdeter Denkmale in Deutschland des Verband Deutscher Kunsthistoriker e.V :

Der Volltext des offenen Briefes findet sich unter:

„Erst fragen, was wir brauchen“

von Claus-Jürgen Göpfert, Frankfurter Rundschau, 23. Oktober 2020

Städtebauerin Maren Harnack und Theaterwissenschaftler Nikolaus Müller-Schöll sprechen im Interview über die Zukunft der Bühnen in Frankfurt.

Maren Harnack und Nikolaus Müller-Schöll plädieren für eine Grundsatzdiskussion.
© peter-juelich.com

Frau Harnack, Herr Müller-Schöll, das Gebäude der Theater-Doppelanlage aus dem Jahr 1963 befindet sich baulich und technisch in einem maroden Zustand. Es hat den Eindruck, als werde der Bau von der Stadt vernachlässigt.

Müller-Schöll: Man muss den Fall Frankfurt einordnen in einen größeren Zusammenhang. Überall in Deutschland sind die Theaterbauten aus den 60er und 70er Jahren inzwischen große Sanierungsfälle geworden. Für die Kommunen tickt da eine Zeitbombe. Oft ist der Grund für die Vernachlässigung auch, dass es den Städten in der öffentlichen Verwaltung an Personal fehlt.

Harnack: Die Sanierungsfälle gibt es aber auch bei anderen öffentlichen Bauten, denken Sie an Brücken oder Schulen. Noch immer werden Bauwerke einfach nicht gepflegt. Man hält es für einfacher und billiger, bauliche Massen einfach zu entsorgen und neu zu errichten. Kurzfristig mag dieser Umgang mit Bausubstanz wirtschaftlich sein, schon mittelfristig ist er es aber nicht mehr.

Bei Theatergebäuden haben die baulichen Formen ja auch unmittelbar mit dem Theater zu tun, das dort gespielt wird.

Müller-Schöll: Absolut, diese Häuser sind keine austauschbaren Schachteln. Einar Schleef ging bei seiner Inszenierung der „Mütter“ in den 80er Jahren vom Grundriss dieses spezifischen Hauses aus und ließ einen Steg durch den Zuschauerraum bauen. Wanda Golonka kam als Hausregisseurin ans Schauspiel, weil sie die große Tiefe der größten Schauspielbühne Europas reizte.

Harnack: Das heißt, wir müssen auch beachten, welche besonderen Formen von Theater in einem Gebäude wie dem am Willy-Brandt-Platz möglich sind. Wir beklagen gegenwärtig die Verödung der Fußgängerzonen. Aber warum sind sie öde? Weil sich überall die gleichen Kettenbetriebe ausgebreitet haben.

Was ist der besondere Charakter des Gebäudes der Städtischen Bühnen in Frankfurt?

Müller-Schöll: Es ist ein offenes Haus im Geist der Nachkriegsmoderne. Die gläserne Fassade ermöglicht den Austausch: Man sieht aus der Stadt ins Theater hinein, und von drinnen wird die Stadt zur Theaterinszenierung. Wir sind keine Traditionalisten, die Altes erhalten wollen, nur weil es alt ist. Schauspielintendant Anselm Weber hat völlig recht: Ein modernes Theater muss den Menschen dort gute Arbeitsmöglichkeiten bieten. Aber vor allen Bauentscheidungen muss die Debatte geführt werden, welches Theater der Zukunft wir in Frankfurt wollen. Diese Diskussion ist noch kaum geführt worden. Das Stadtparlament hat zu früh einen Neubau der Theater beschlossen.

Welche Teile halten Sie für erhaltenswert?

Harnack: Die große Geste, mit der das Foyer den Anlagenring abschließt, finden wir sehr überzeugend. Und dahinter versammeln sich schon jetzt Bauteile aus allen Jahrzehnten, die man zum Teil weiternutzen kann, zum Teil ersetzen muss. Die Reste des alten Seeling-Baus sollten sicher nicht verschwinden, auch der neue Werkstattturm ist noch nicht am Ende. Aber noch einmal: Wir brauchen erst einmal eine Diskussion über die Theaterlandschaft der Zukunft. Ich bin sehr von Stuttgart 21 geprägt. Da hat man auch gesagt: Weil es geht, bauen wir jetzt den Fernbahntunnel unter der Stadt. Statt sich zu fragen, welchen Bahnhof die Stadt überhaupt braucht.

Müller-Schöll: Frankfurt steht vor einer Jahrhundertentscheidung in seiner Theaterlandschaft. Derzeit werden vier von sechs städtischen Theatergebäuden neu geplant: neben den Städtischen Bühnen das Kinder- und Jugendtheater und ein Zentrum der Künste auf dem alten Universitätscampus in Bockenheim. All das muss aufeinander abgestimmt werden. Frankfurt braucht einen großen Theaterentwicklungsplan. Es gibt darüber keinen Diskurs, der Theater und Stadt zusammen denkt. Wir fordern diese Debatte.

Wer sollte denn entscheiden?

Harnack: Ich halte es für ganz wichtig, neben Experten auch die Bevölkerung mit einzubeziehen. Und zwar auch Menschen, die nicht zur weißen Mittelschicht gehören und die im Theater momentan nicht repräsentiert sind.

Müller-Schöll: Und natürlich auch die freie Theaterszene. Sie muss unbedingt einbezogen werden. Das ist das Experimentierlabor des Theaters. Aber man lässt sie hier am ausgestreckten Arm verhungern.

Harnack: Ich halte es auch für dringend geboten, bei der Frage eines Theaters der Zukunft junge Architektur- und Stadtplanungsbüros zu berücksichtigen und nicht nur die Stararchitekten, die schon fünf Theater gebaut haben. Die junge Generation wird die neuen Theater nämlich vor allem nutzen.

Gesprächsreihe zur Zukunft der Städtischen Bühnen Frankfurt

Podiumsdiskussionen, Vorträge, Statements

23. November, 4. Dezember, 16. Dezember 2020 und 17. Februar 2021

Organisiert von Goethe-Universität Frankfurt, Frankfurt University of Applied Sciences in Kooperation mit Arch+ Verein zur Förderung des Architektur- und Stadtdiskurses und Evangelisches Stadtdekanat Frankfurt und Offenbach

Der Abriss der Theaterdoppelanlage der Städtischen Bühnen Frankfurt von ABB Architekten aus dem Jahr 1963 mit seiner einzigartigen Gestaltung des Wolkenfoyers durch die beiden jüdischen Künstler Marc Chagall und Zoltán Kemény schien seit dem Stadtratsbeschluss von Januar 2020 entschieden. Doch für ein Neubauprojekt gibt es bislang keine Verständigung auf einen Standort, nicht einmal ein verfügbares Grundstück. Und allen unzähligen Veranstaltungen und Medienberichten zum Trotz ist die zehnjährige Debatte von elementaren blinden Flecken geprägt: Wie soll das Stadttheater der Zukunft aussehen? Wie kann das Theater Menschen erreichen, die es bislang nicht besuchen? Was ist der kulturelle Wert der bestehenden Anlage? Wäre ein Teilerhalt des bestehenden Gebäudekomplexes denkbar, der Bewahrung und Innovation miteinander verbindet und der damit im Zeichen einer nachhaltigen Umweltpolitik steht?

Aus dem Kontext der Initiative Zukunft Städtische Bühnen Frankfurt veranstalten daher mehrere Institutionen eine Reihe von öffentlichen Diskussions-Veranstaltungen zu diesen offenen Fragen, zu denen führende Architekt*innen, Theatermacher*innen, Künstler*innen, Kurator*innen und Wissenschaftler*innen zu Wort kommen und mit Frankfurter*innen, Akteur*innen aus Politik, Kultur und Gesellschaft diskutieren.

Bild Ulfert Beckert © Jens und Sven Beckert

Die einzelnen Veranstaltungen im Überblick:

Montag, den 23. November 2020, 18:00 Uhr

Kulturikone weiterbauen?

Podiumsdiskussion zur Zukunft der Städtischen Bühnen Frankfurt

Referent: Prof. Claus Anderhalten (Anderhalten Architekten, Kassel)

Podium: Prof. Dr. Maren Harnack (Frankfurt University of Applied Sciences), Jan Schneider (Baudezernent Frankfurt), Astrid Wuttke (schneider + schumacher, Frankfurt)

Moderation: Anna Scheuermann (freie Kuratorin und Autorin, Architects for Future)

Ort: Hybrid, Evangelische Akademie Frankfurt und per Zoom- Übertragung: Zoom-Meeting beitreten; https://uni- kassel.zoom.us/j/94481428696; Meeting-ID: 944 8142 8696

Veranstalter: Frankfurt University of Applied Sciences, in Kooperation mit Arch+ Verein zur Förderung des Architektur- und Stadtdiskurses und Evangelisches Stadtdekanat Frankfurt und Offenbach

Freitag, den 4. Dezember 2020, 18:00 Uhr

Die Deckenskulptur im Theaterfoyer von Zoltán Kemény

Referenten: Dr. Dieter Schwarz (Kurator Zürich, ehemals Direktor des Kunstmuseums Winterthur), Alfons Maria Arns (Kulturhistoriker, Frankfurt Main)

Podium: Prof. Dr. Maren Harnack (Frankfurt University of Applied Sciences), N.N.

Moderation: Prof. Philipp Oswalt (Universität Kassel)

Ort: Hybrid, Evangelische Akademie Frankfurt und per Zoom- Übertragung

Veranstalter: Frankfurt University of Applied Sciences, Arch+ Verein zur Förderung des Architektur- und Stadtdiskurses, Evangelisches Stadtdekanat Frankfurt und Offenbach

Mittwoch, den 16. Dezember 2020, 18:00 Uhr

Theater 2040 – Konzeptionen und ihre Architekturen

Podium: Amelie Deuflhard (Kampnagel Hamburg), Rebecca Ajnwojner (Maxim Gorki Theater)

Moderation: Prof. Dr. Nikolaus Müller-Schöll

Ort: online, Zoom-Link wird noch bekannt gegeben

Veranstalter: Goethe-Universität Frankfurt www.uni-frankfurt.de

Mittwoch, den 17. Februar 2021, 18:00 Uhr

Theaterbauten, Kultur für alle

Podium: Prof. Frank Schmitz (Universität Hamburg),
Prof. Ulrike Haß (Universität Duisburg/Essen)

Moderation: Prof. Dr. Carsten Ruhl

Ort: Hybrid, Goethe-Universität Frankfurt und per Zoom-Übertragung

Veranstalter: Goethe-Universität Frankfurt www.uni-frankfurt.de

WICHTIGER HINWEIS: Weitere Details zu den Veranstaltungen wie der Pandemie angepasste Veranstaltungsabläufe, aktuelle Termine oder Zoom-Einwahldaten werden über Newsletter und auf der Website www.zukunft-buehnen-frankfurt.de sukzessive bekannt gegeben. Wir werden alle aktuell geltenden Hygiene-Vorschriften zu COVID-19 beachten.

Zum Hintergrund

Die am 12. März 2020 ins Leben gerufene Petition „Zur Zukunft der Städtischen Bühnen Frankfurt“ hat bis dato knapp 6.000 Unterschriften erhalten. Zu den Initiator*innen der Initiative Zukunft Städtische Bühnen Frankfurt gehören Prof. Dr. Maren Harnack (Frankfurt University of Applied Sciences), Hans-Christoph Koch (Werkbund Hessen) Prof. Dr. Nikolaus Müller-Schöll (Goethe-Universität Frankfurt), Prof. Philipp Oswalt (Universität Kassel) und Prof. Dr. Carsten Ruhl (Goethe-Universität Frankfurt) und weitere Unterstützer*innen aus Politik, Kultur und Gesellschaft.

Petition

Presseverteiler/ Newsletter

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Für die Aufnahme in unseren Presseverteiler oder allgemeinen Newsletter schicken Sie bitte eine E-Mail mit Ihren Kontaktdaten an info@zukunft-buehnen-frankfurt.de




Durchbruch.Aufbruch?

Leserbrief von Philipp Oswalt (Bauwelt 20.2020) in Erwiderung des Artikels von Enrico Santifaller (Bauwelt 16.2020). 

Enrico Santifaller polemisiert gegen unsere Petition zu den städtischen Bühnen Frankfurt, indem er dem Leser wichtige Informationen vorenthält, Tatsachen verzerrt und auch mit Unterstellungen operiert. Er feiert einen angeblichen Durchbruch der Kulturdezernentin mit ihrem Konzept einer Kulturmeile, doch verschweigt er, dass nach Präsentation des Konzepts bekannt wurde, dass das hierfür vorgesehene Grundstück an der Neuen Mainzer nach Auskunft seines Eigentümers und Nutzers nicht zur Verfügung steht. Von einem Durchbruch kann keine Rede sein, auch wenn diese Lösung in städtebaulicher Hinsicht durchaus Qualitäten hätte.

Der Autor ignoriert eine wesentliche Argumentation unserer Petition völlig: Seit 2011 befasst sich die Stadt Frankfurt mit der Zukunft ihrer Städtische Bühnen und hat dafür fast zehn Millionen Euro Planungskosten ausgegeben. Doch es gibt bis heute kein Konzept für den Spielbetrieb und das Theater. Es soll für eine Milliarde Euro ein Neubau entstehen, aber was die Nutzungsplanung betrifft, so hat die Unternehmensberatungsagentur M.O.O.CON das Raumprogramm von 1955 fortgeschrieben. Alter Wein in neuen Schläuchen. Aber die Stadtgesellschaft heute ist eine andere, und es wäre dringend nötig, darüber nachzudenken, wie ein Stadttheater in den kommenden Jahrzehnten arbeiten sollte und was für Räume es benötigt. Der Autor möchte lieber wie die Kulturdezernentin den Eindruck erwecken, die Initiatoren und Unterzeichner der Petition hätten als „Historisten 2.0“ von Theater keine Ahnung und kritisierten die Rolle der heutigen Intendanz zu Unrecht. Was ist aber davon zu halten, dass die Opernintendanz erfolgreich darauf bestehen kann, für einen Interimspielbetrieb von einigen Jahren ihren Repertoirebetrieb mit ihren jetzigen Bühnenbildern unverändert fortsetzen zu können, was für die temporäre Ersatzspielstätte die zweitgrößte Drehbühne der Welt erfordert mit Kosten von 70 Millionen Euro? Diese Kosten führen dann zu dem konstruierten Sachzwang, den Standort zu wechseln, da keine Kosten für ein Interim anfallen. In den letzten Jahren sind im In- und Ausland viele Häuser saniert worden, bei keinem Projekt wurde eine temporäre Drehbühne gefordert und realisiert. Und üblicherweise ist der alte Standort auch der neue.

Die Petition hat nicht für den Kompletterhalt plädiert, sondern für die Bewahrung der denkmalrelevanten Teile. Dass diese stadtbildprägend waren und sind und eine wichtige Epoche konzeptuell überzeugend verkörpern, wird niemand bestreiten wollen, auch wenn Herr Santifaller nicht darauf verzichtet, auf unbestrittene Mängel der vielfach umgebauten Gesamtanlage hinzuweisen, um die Frage von Denkmalwert generell in Zweifel zu ziehen. Ironischerweise kommt dem Autor, nachdem er sich an der Petition abgearbeitet hat, zu einem Vorschlag, der ganz der Petition entspricht: „ein Haus am alten Standort belassen und jenes ‚demokratische Signal der Transparenz‘, das der ABB-Bau zweifellos zeigt, fortschreiben und im Sinne der Denkmalpflege transformieren“. Nie ging es uns darum, den Bestand zu sakralisieren und in seinem Status quo einzufrieren. Doch in der Frankfurter Debatte herrscht noch eine Stadtmarketing-Denke der 1990er, welche ikonische Leuchttürme von Stararchitekten für innovativ hält. Für die „Denkmalpflege“ bedeutet, den Bestand abzureißen und von einem Stararchitekten eine neue Glaskiste bauen zu lassen, deren Transparenz an das alte Foyer erinnern soll. Das heute aber Konzepte des Weiterbauens und des Transformierens eines Gebäudebestands innovativer sind als das stete Tabula rasa, ist jenseits der Fantasie von Intendanz und Kulturpolitik.

Dazu gehört auch die gezielte Diskreditierung jeglicher Bestandslösung durch die Stabsstelle der Stadt Frankfurt, deren Leiter Micheal Guntersdorf, zuvor Projektleiter der „Neuen Altstadt“ aus seiner tiefen Abneigung des Nachkriegsbaus keinen Hehl macht. Kosten für einen Neubau werden durch Auslassung ganzer Kostengruppen (Baugrundstück, Freimachung, Erschließung und Außenanlagen) klein gerechnet, Bestandslösungen durch einen dreifachen Risikoaufschlag und überteuerte Interimslösungen groß gerechnet. Und die angeblich entscheidungsbegründenden Gutachten sind überwiegend unter Verschluss und waren auch den Abgeordneten nicht bekannt. Dazu hat Herr Santifaller offenkundig keine Nachfrage gestellt. Die einzige Frage, die er in Vorbereitung des Artikels an den Verfasser dieser Zeilen richtete, war, wo er seinen privaten Wohnort habe. Ich frage mich, ob der Autor die richtigen Fragen stellt.

Philipp Oswalt, Architekt, Berlin