Das Theater als Gegenpol und Gedächtnis-Stimulus: ein Plädoyer für den Erhalt der Bühnen

In einem Gastbeitrag, in dem er die Bedeutung des Bühnengebäudes als Gegengewicht zu den benachbarten Hochhäusern der Finanzwelt, aber auch als „Gedächtnis-Stimulus“ und Erinnerungsträger der Frankfurter Theatergeschichte hervorhebt, spricht sich Dr. Wolfgang Leuschner für den Erhalt des Bauwerks aus. Der Text ist bereits im Jahr 2019 entstanden – hat aber nichts an Aktualität eingebüßt:

„Wenn jetzt ins Auge gefasst wird, den Frankfurter Theaterkomplex abzureißen und irgendwo neu zu bauen, so hätte dies fatale Folgen für die Stadt, die Theaterbesucher und die Theaterwelt. Seine Zerstörung hat etwas Frevelhaftes, denn Theaterbauten sind Kultstätten. Sie folgen einer Daseinsbestimmung, kathartische Erlebnisse hervorzurufen, heftige körperliche und psychische Erregungen, um sie zugleich zu zähmen. Für zwei Stunden ihres Lebens sollen die Menschen aus ihren Gewohnheiten und starren Haltungen heraustreten und sich in den Figuren auflösen können. Sie sollen mitweinen können, wenn Mimi stirbt, Santuzza betrogen wird, Woyzeck verrückt und zum Mörder wird. Es geht um ein die Menschen passager tief ergreifendes Geschehen: ein existenzielles Sichbefreien von psychischen und körperlichen Fixierungen, eine „Reinigung“ von Konflikten und inneren Spannungen. Schauspiele, Opern und Tanz wecken seelische Ausnahmezustände, milde Trance, d.h. innere Verfassungen, die man vielleicht als Theater-Ich bezeichnen kann.

Aber Katharsis braucht einen festen äußeren Rahmen, einen städtischen Ort, ein Gehäuse, das diese Erregungen umfasst und bindet. Es kann nicht darum gehen, dass wir uns in den vom Spiel geweckten Leidenschaften, Sehnsüchten und Ängsten verlieren oder auflösen. Es braucht einen konstant vorhandenen vertrauten Resonanzkörper, der eine gewisse mütterliche Sicherung bietet. Während Schauspieler, Sänger und Tänzer „vagabundieren“, also ihre Ortsbindung immer wieder aufgeben, geht es bei den Zuschauern um reale und v.a. psychische Fixierung an den Standort, an Gemäuer und Inventar der Theatergebäude. Ihre außerordentlichen Affekte benötigen geradezu einen fixen Raum, um darin für immer „eingelassen“ oder „gespeichert“ zu werden. Sie haben die Tendenz, sich dauerhaft an dieses Bauwerk zu binden, hierin Wurzeln zu schlagen.  Es geht um eine Aneignung, alles im Haus soll „meins“ werden  und das erzeugt in ihrem Seeleninneren Wahrnehmungstraditionen.

Wenn von einer sakralen Bedeutung einer Theaterstätte gesprochen wird, und das zu Recht, so geht es also nicht nur um Jahrtausende alte, aus der Antike übernommene Elemente des Theaters. Es geht nicht um Archetypisches. Der quasi heilige Charakter erwächst aus dem, was die Zuschauer in ihrem Ausnahmezustand jeweils erlebten und jeden Abend wieder erleben und dann auf Gemäuer übertragen. Es ist zuerst das Gemäuer, das Kultstätte wird, weil die Theaterbesucher ihr Theatererleben, ihre Gefühle besonders auch damit „verkleben“. So entsteht eine räumlich-seelische Einheit, ein Zuhause, das sogar den Mief des Parketts, den Schmutz an der Außenfassade, in Frankfurt auch noch die im Treppenhaus versteckten Mauerreste des alten Schauspielhauses einbezieht. Diese Einheit bildet ein Zuschauer-„Archiv“ und hat ein Eigenleben. Es verfügt seitdem über das, was man in der Erinnerungstheorie „Hinweisreize“ nennt. Das Theaterhaus wird ein Gedächtnis-Stimulus: unabhängig vom Theaterstück kehren die Menschen zurück in die Ära Buckwitz oder Forsythe, in die Theaterbesuche ihrer Jugendzeit. Und wie im Traum geht es auch hier zeitlos zu, das Bauwerk redet von gestern, heute und morgen. Diese Rede ist immer vielstimmig, ein Chor früherer Schauspieler, Tänzer, Sänger und Musiker, vielleicht mit Gielen am Pult, phantasierten früheren Besuchern, vielleicht Adorno in der ersten Reihe, Reich-Ranicki, Hoffmann, den Mitscherlichs, Bürgermeistern und wohl auch inzwischen verstorbenen ehemaligen Sitznachbarn. Irgendwie sind sie immer noch da und bilden in unseren Vorstellungen eine latente Szene, wie ein Traum im Traum.

Solche Zuschreibungen betreffen im Übrigen nicht nur Theatergebäude. Die Menschen machen das mit vielen Bauwerken, mit Kirchen, Burgen, Schulen, selbst Städten. Deswegen benannten die Frankfurter ihren Dom nach dem heiligen Bartholomäus, trägt der Frankfurter Römer den Namen einer alten Familie, werden Schulen und Straßen mit den Namen bedeutender Männer und Frauen versehen. Und so füllen sie sie mit den Seelen einst lebendiger Menschen. Oft vergleichen wir sogar ganze Stadtgebiete mit Körperteilen, sprechen vom „Bauch“ oder „Gesicht“ oder dem „Herzen“ einer Stadt. Das zeigt nochmals, wie sehr die Menschen diese personale Aufladung brauchen. Das erhofften sie sich von dem Wiederaufbau der zerstörten Altstadt. Mehr als in der profanen oder religiösen Welt erhält das Theater allerdings noch eine außergewöhnliche Zugabe: hier schreiben sich die Besucher schließlich sogar selber in die Gemäuer ein; sie begegnen ihren eigenen früheren Erlebnissen, treffen gewissermaßen sich selber.

Zudem werden Theaterbauwerke immer verstanden und genutzt als öffentlicher „Markt“. Hier findet sich regelmäßig eine säkulare städtische „Gemeinde“ ein und verbindet sich in Wechselbeziehungen untereinander und mit den Vorgängen auf der Bühne und dann im Foyer zu einer Kulturgemeinschaft. So informell und zufällig das zustande kommen mag, paradoxerweise trägt es zur Güte und Stabilität einer demokratischen Stadtkultur bei. So wichtig Schauspieler und ihre Darstellungen sind, beseelt wird das Haus kollektiv von seinen Zuschauern und von ihrem Zugehörigkeitsgefühl, das sie miteinander verbinden; und das strahlt nicht nur in ihr persönliches Leben, sondern auch auf die Stadt aus.

Wie jedes Theatergebäude machen die städtischen Bühnen Frankfurts auch baulich etwas mit der Stadt als ganzer. Eine Aufspaltung in zwei Häuser und Verlegung in andere Stadtgebiete zerstörte nicht nur Gebäude, vertraute Laufwege und Bindungen an den Ort, sondern brächte auch gewohnte Stadtarchitektur durcheinander. Seit 55 Jahren ist dieser Gebäudekomplex ein Schaukasten, Einblicks- und Ausblickspunkt für Millionen Besucher, wurde es mit seinen Blechwolken in der Foyer-Auslage zum architektonischen und kulturellen Gravitationszentrum einer ganzen Metropolregion. Sie hielt diese in gewisser Weise sogar zusammen. Zusammen mit der Komödie und dem Jüdischen Museum bildet es bis heute an diesem Standort gesellschaftspolitisch ein Gegengewicht, einen im Stadtbild verankerten demokratischen Widerspruch; es schafft kritische Distanz zu den umgebenden Wolkenkratzern, dem Arbeitsdistrikt einer internationalen Finanzwelt, die – demokratisch nicht kontrolliert – nicht aufhören kann, die Menschen weltweit mit Cum-Cum-Geschäften, Hedgefonds- und Immobilienhandel zu betrügen (und einen Verkaufsgewinn für den alten Standort sicher schon ausgekuckt hat). Abbruch und Neubau des Theaters wären ein politisches Rückzugssignal und brächten das soziale Gesamtgefüge dieses Viertels noch mehr durcheinander.

Zerstörte man es zusammen mit seinen Zuschauer-„Inschriften“, so stürben Buckwitz oder die hier erlebte Mimi endgültig und unwiederbringlich. Mit dem Bau stürbe etwas Früheres von den Zuschauern, die sich das Haus über mehr als ein halbes Jahrhundert lang angeeignet hatten. In einem neuen Theaterbau „in zeitgemäßer Architektur“ wären eine besondere Geschichte der Menschen und eine besondere Geschichte Frankfurts für immer verloren. Eben das macht seinen Abriss zum Frevel.

Wie in keiner anderen Stadt wurde und wird in Frankfurt so vieles so rücksichtslos und geschichtsblind preisgegeben. Unübersehbar ist hier die Stadtgestaltung von einer ungewöhnlichen architektonischen Beseitigungs-Pathologie, einer manischen „Bereinigungskultur“ angetrieben, die insbesondere Nachkriegsbauten, jetzt das Theater und seine Tradition, ins Visier nimmt und auswechseln will. Offensichtlich ist dabei eine spezielle Zerstörungslust wirksam, die sich zwar durch Brandschutzbestimmungen u.ä. legitimiert und letztlich aber den Wunsch verkleidet, gerade die Nachkriegsgeschichte zu tilgen.

Wundert man sich, wenn die Menschen nach rechts driften und nun eine – wenn man den Begriff schon gebrauchen will – „Identität“ leben wollen, deren eine Säule hier doch gerade umgerissen wird? Mit dem Buckwitz-Bau wird auch sie, die Wahrnehmungsidentität, an der sich ein innerer Zusammenhang von Menschen gerade festgemacht hat, „abgerissen“. Alles wird flexibel, „event“; und man macht sich gar nicht klar, dass der Abriss als ständig gegebene Möglichkeit auch am neuen Theaterbau kleben bleiben wird.

Dr. med. Wolfgang Leuschner ist Arzt für Psychatrie und Psychoanalyse in Frankfurt am Main

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