Frau Harnack, Herr Müller-Schöll, das Gebäude der Theater-Doppelanlage aus dem Jahr 1963 befindet sich baulich und technisch in einem maroden Zustand. Es hat den Eindruck, als werde der Bau von der Stadt vernachlässigt.
Müller-Schöll: Man muss den Fall Frankfurt einordnen in einen größeren Zusammenhang. Überall in Deutschland sind die Theaterbauten aus den 60er und 70er Jahren inzwischen große Sanierungsfälle geworden. Für die Kommunen tickt da eine Zeitbombe. Oft ist der Grund für die Vernachlässigung auch, dass es den Städten in der öffentlichen Verwaltung an Personal fehlt.
Harnack: Die Sanierungsfälle gibt es aber auch bei anderen öffentlichen Bauten, denken Sie an Brücken oder Schulen. Noch immer werden Bauwerke einfach nicht gepflegt. Man hält es für einfacher und billiger, bauliche Massen einfach zu entsorgen und neu zu errichten. Kurzfristig mag dieser Umgang mit Bausubstanz wirtschaftlich sein, schon mittelfristig ist er es aber nicht mehr.
Bei Theatergebäuden haben die baulichen Formen ja auch unmittelbar mit dem Theater zu tun, das dort gespielt wird.
Müller-Schöll: Absolut, diese Häuser sind keine austauschbaren Schachteln. Einar Schleef ging bei seiner Inszenierung der „Mütter“ in den 80er Jahren vom Grundriss dieses spezifischen Hauses aus und ließ einen Steg durch den Zuschauerraum bauen. Wanda Golonka kam als Hausregisseurin ans Schauspiel, weil sie die große Tiefe der größten Schauspielbühne Europas reizte.
Harnack: Das heißt, wir müssen auch beachten, welche besonderen Formen von Theater in einem Gebäude wie dem am Willy-Brandt-Platz möglich sind. Wir beklagen gegenwärtig die Verödung der Fußgängerzonen. Aber warum sind sie öde? Weil sich überall die gleichen Kettenbetriebe ausgebreitet haben.
Was ist der besondere Charakter des Gebäudes der Städtischen Bühnen in Frankfurt?
Müller-Schöll: Es ist ein offenes Haus im Geist der Nachkriegsmoderne. Die gläserne Fassade ermöglicht den Austausch: Man sieht aus der Stadt ins Theater hinein, und von drinnen wird die Stadt zur Theaterinszenierung. Wir sind keine Traditionalisten, die Altes erhalten wollen, nur weil es alt ist. Schauspielintendant Anselm Weber hat völlig recht: Ein modernes Theater muss den Menschen dort gute Arbeitsmöglichkeiten bieten. Aber vor allen Bauentscheidungen muss die Debatte geführt werden, welches Theater der Zukunft wir in Frankfurt wollen. Diese Diskussion ist noch kaum geführt worden. Das Stadtparlament hat zu früh einen Neubau der Theater beschlossen.
Welche Teile halten Sie für erhaltenswert?
Harnack: Die große Geste, mit der das Foyer den Anlagenring abschließt, finden wir sehr überzeugend. Und dahinter versammeln sich schon jetzt Bauteile aus allen Jahrzehnten, die man zum Teil weiternutzen kann, zum Teil ersetzen muss. Die Reste des alten Seeling-Baus sollten sicher nicht verschwinden, auch der neue Werkstattturm ist noch nicht am Ende. Aber noch einmal: Wir brauchen erst einmal eine Diskussion über die Theaterlandschaft der Zukunft. Ich bin sehr von Stuttgart 21 geprägt. Da hat man auch gesagt: Weil es geht, bauen wir jetzt den Fernbahntunnel unter der Stadt. Statt sich zu fragen, welchen Bahnhof die Stadt überhaupt braucht.
Müller-Schöll: Frankfurt steht vor einer Jahrhundertentscheidung in seiner Theaterlandschaft. Derzeit werden vier von sechs städtischen Theatergebäuden neu geplant: neben den Städtischen Bühnen das Kinder- und Jugendtheater und ein Zentrum der Künste auf dem alten Universitätscampus in Bockenheim. All das muss aufeinander abgestimmt werden. Frankfurt braucht einen großen Theaterentwicklungsplan. Es gibt darüber keinen Diskurs, der Theater und Stadt zusammen denkt. Wir fordern diese Debatte.
Wer sollte denn entscheiden?
Harnack: Ich halte es für ganz wichtig, neben Experten auch die Bevölkerung mit einzubeziehen. Und zwar auch Menschen, die nicht zur weißen Mittelschicht gehören und die im Theater momentan nicht repräsentiert sind.
Müller-Schöll: Und natürlich auch die freie Theaterszene. Sie muss unbedingt einbezogen werden. Das ist das Experimentierlabor des Theaters. Aber man lässt sie hier am ausgestreckten Arm verhungern.
Harnack: Ich halte es auch für dringend geboten, bei der Frage eines Theaters der Zukunft junge Architektur- und Stadtplanungsbüros zu berücksichtigen und nicht nur die Stararchitekten, die schon fünf Theater gebaut haben. Die junge Generation wird die neuen Theater nämlich vor allem nutzen.
23. November, 4. Dezember, 16. Dezember 2020 und 17. Februar 2021
Organisiert von Goethe-Universität Frankfurt, Frankfurt University of Applied Sciences in Kooperation mit Arch+ Verein zur Förderung des Architektur- und Stadtdiskurses und Evangelisches Stadtdekanat Frankfurt und Offenbach
Der Abriss der Theaterdoppelanlage der Städtischen Bühnen Frankfurt von ABB Architekten aus dem Jahr 1963 mit seiner einzigartigen Gestaltung des Wolkenfoyers durch die beiden jüdischen Künstler Marc Chagall und Zoltán Kemény schien seit dem Stadtratsbeschluss von Januar 2020 entschieden. Doch für ein Neubauprojekt gibt es bislang keine Verständigung auf einen Standort, nicht einmal ein verfügbares Grundstück. Und allen unzähligen Veranstaltungen und Medienberichten zum Trotz ist die zehnjährige Debatte von elementaren blinden Flecken geprägt: Wie soll das Stadttheater der Zukunft aussehen? Wie kann das Theater Menschen erreichen, die es bislang nicht besuchen? Was ist der kulturelle Wert der bestehenden Anlage? Wäre ein Teilerhalt des bestehenden Gebäudekomplexes denkbar, der Bewahrung und Innovation miteinander verbindet und der damit im Zeichen einer nachhaltigen Umweltpolitik steht?
Aus dem Kontext der Initiative Zukunft Städtische Bühnen Frankfurt veranstalten daher mehrere Institutionen eine Reihe von öffentlichen Diskussions-Veranstaltungen zu diesen offenen Fragen, zu denen führende Architekt*innen, Theatermacher*innen, Künstler*innen, Kurator*innen und Wissenschaftler*innen zu Wort kommen und mit Frankfurter*innen, Akteur*innen aus Politik, Kultur und Gesellschaft diskutieren.
Podiumsdiskussion zur Zukunft der Städtischen Bühnen Frankfurt
Referent: Prof. Claus Anderhalten (Anderhalten Architekten, Kassel)
Podium: Prof. Dr. Maren Harnack (Frankfurt University of Applied Sciences), Jan Schneider (Baudezernent Frankfurt), Astrid Wuttke (schneider + schumacher, Frankfurt)
Moderation: Anna Scheuermann (freie Kuratorin und Autorin, Architects for Future)
Ort: Hybrid, Evangelische Akademie Frankfurt und per Zoom- Übertragung: Zoom-Meeting beitreten; https://uni- kassel.zoom.us/j/94481428696; Meeting-ID: 944 8142 8696
Veranstalter: Frankfurt University of Applied Sciences, in Kooperation mit Arch+ Verein zur Förderung des Architektur- und Stadtdiskurses und Evangelisches Stadtdekanat Frankfurt und Offenbach
Referenten: Dr. Dieter Schwarz (Kurator Zürich, ehemals Direktor des Kunstmuseums Winterthur), Alfons Maria Arns (Kulturhistoriker, Frankfurt Main)
Podium: Prof. Dr. Maren Harnack (Frankfurt University of Applied Sciences), N.N.
Moderation: Prof. Philipp Oswalt (Universität Kassel)
Ort: Hybrid, Evangelische Akademie Frankfurt und per Zoom- Übertragung
Veranstalter: Frankfurt University of Applied Sciences, Arch+ Verein zur Förderung des Architektur- und Stadtdiskurses, Evangelisches Stadtdekanat Frankfurt und Offenbach
WICHTIGER HINWEIS: Weitere Details zu den Veranstaltungen wie der Pandemie angepasste Veranstaltungsabläufe, aktuelle Termine oder Zoom-Einwahldaten werden über Newsletter und auf der Website www.zukunft-buehnen-frankfurt.de sukzessive bekannt gegeben. Wir werden alle aktuell geltenden Hygiene-Vorschriften zu COVID-19 beachten.
Zum Hintergrund
Die am 12. März 2020 ins Leben gerufene Petition „Zur Zukunft der Städtischen Bühnen Frankfurt“ hat bis dato knapp 6.000 Unterschriften erhalten. Zu den Initiator*innen der Initiative Zukunft Städtische Bühnen Frankfurt gehören Prof. Dr. Maren Harnack (Frankfurt University of Applied Sciences), Hans-Christoph Koch (Werkbund Hessen) Prof. Dr. Nikolaus Müller-Schöll (Goethe-Universität Frankfurt), Prof. Philipp Oswalt (Universität Kassel) und Prof. Dr. Carsten Ruhl (Goethe-Universität Frankfurt) und weitere Unterstützer*innen aus Politik, Kultur und Gesellschaft.
Für die Aufnahme in unseren Presseverteiler oder allgemeinen Newsletter schicken Sie bitte eine E-Mail mit Ihren Kontaktdaten an initiative@zukunft-buehnen-frankfurt.de
Leserbrief von Philipp Oswalt (Bauwelt 20.2020) in Erwiderung des Artikels von Enrico Santifaller (Bauwelt 16.2020).
Enrico Santifaller polemisiert gegen unsere Petition zu den städtischen Bühnen Frankfurt, indem er dem Leser wichtige Informationen vorenthält, Tatsachen verzerrt und auch mit Unterstellungen operiert. Er feiert einen angeblichen Durchbruch der Kulturdezernentin mit ihrem Konzept einer Kulturmeile, doch verschweigt er, dass nach Präsentation des Konzepts bekannt wurde, dass das hierfür vorgesehene Grundstück an der Neuen Mainzer nach Auskunft seines Eigentümers und Nutzers nicht zur Verfügung steht. Von einem Durchbruch kann keine Rede sein, auch wenn diese Lösung in städtebaulicher Hinsicht durchaus Qualitäten hätte.
Der Autor ignoriert eine wesentliche Argumentation unserer Petition völlig: Seit 2011 befasst sich die Stadt Frankfurt mit der Zukunft ihrer Städtische Bühnen und hat dafür fast zehn Millionen Euro Planungskosten ausgegeben. Doch es gibt bis heute kein Konzept für den Spielbetrieb und das Theater. Es soll für eine Milliarde Euro ein Neubau entstehen, aber was die Nutzungsplanung betrifft, so hat die Unternehmensberatungsagentur M.O.O.CON das Raumprogramm von 1955 fortgeschrieben. Alter Wein in neuen Schläuchen. Aber die Stadtgesellschaft heute ist eine andere, und es wäre dringend nötig, darüber nachzudenken, wie ein Stadttheater in den kommenden Jahrzehnten arbeiten sollte und was für Räume es benötigt. Der Autor möchte lieber wie die Kulturdezernentin den Eindruck erwecken, die Initiatoren und Unterzeichner der Petition hätten als „Historisten 2.0“ von Theater keine Ahnung und kritisierten die Rolle der heutigen Intendanz zu Unrecht. Was ist aber davon zu halten, dass die Opernintendanz erfolgreich darauf bestehen kann, für einen Interimspielbetrieb von einigen Jahren ihren Repertoirebetrieb mit ihren jetzigen Bühnenbildern unverändert fortsetzen zu können, was für die temporäre Ersatzspielstätte die zweitgrößte Drehbühne der Welt erfordert mit Kosten von 70 Millionen Euro? Diese Kosten führen dann zu dem konstruierten Sachzwang, den Standort zu wechseln, da keine Kosten für ein Interim anfallen. In den letzten Jahren sind im In- und Ausland viele Häuser saniert worden, bei keinem Projekt wurde eine temporäre Drehbühne gefordert und realisiert. Und üblicherweise ist der alte Standort auch der neue.
Die Petition hat nicht für den Kompletterhalt plädiert, sondern für die Bewahrung der denkmalrelevanten Teile. Dass diese stadtbildprägend waren und sind und eine wichtige Epoche konzeptuell überzeugend verkörpern, wird niemand bestreiten wollen, auch wenn Herr Santifaller nicht darauf verzichtet, auf unbestrittene Mängel der vielfach umgebauten Gesamtanlage hinzuweisen, um die Frage von Denkmalwert generell in Zweifel zu ziehen. Ironischerweise kommt dem Autor, nachdem er sich an der Petition abgearbeitet hat, zu einem Vorschlag, der ganz der Petition entspricht: „ein Haus am alten Standort belassen und jenes ‚demokratische Signal der Transparenz‘, das der ABB-Bau zweifellos zeigt, fortschreiben und im Sinne der Denkmalpflege transformieren“. Nie ging es uns darum, den Bestand zu sakralisieren und in seinem Status quo einzufrieren. Doch in der Frankfurter Debatte herrscht noch eine Stadtmarketing-Denke der 1990er, welche ikonische Leuchttürme von Stararchitekten für innovativ hält. Für die „Denkmalpflege“ bedeutet, den Bestand abzureißen und von einem Stararchitekten eine neue Glaskiste bauen zu lassen, deren Transparenz an das alte Foyer erinnern soll. Das heute aber Konzepte des Weiterbauens und des Transformierens eines Gebäudebestands innovativer sind als das stete Tabula rasa, ist jenseits der Fantasie von Intendanz und Kulturpolitik.
Dazu gehört auch die gezielte Diskreditierung jeglicher Bestandslösung durch die Stabsstelle der Stadt Frankfurt, deren Leiter Micheal Guntersdorf, zuvor Projektleiter der „Neuen Altstadt“ aus seiner tiefen Abneigung des Nachkriegsbaus keinen Hehl macht. Kosten für einen Neubau werden durch Auslassung ganzer Kostengruppen (Baugrundstück, Freimachung, Erschließung und Außenanlagen) klein gerechnet, Bestandslösungen durch einen dreifachen Risikoaufschlag und überteuerte Interimslösungen groß gerechnet. Und die angeblich entscheidungsbegründenden Gutachten sind überwiegend unter Verschluss und waren auch den Abgeordneten nicht bekannt. Dazu hat Herr Santifaller offenkundig keine Nachfrage gestellt. Die einzige Frage, die er in Vorbereitung des Artikels an den Verfasser dieser Zeilen richtete, war, wo er seinen privaten Wohnort habe. Ich frage mich, ob der Autor die richtigen Fragen stellt.
Auf Beschluss der Stadtverordnetenversammlung hat die Stadt Frankfurt Main 2019 eine Arbeitsgemeinschaft um das renommierter Architekturbüro Schneider & Schumacher mit einem Validierungsgutachten beauftragt, dass zum 21. Januar 2020 der Stadt vorlag, aber bislang als Verschlusssache galt. Nur dem Insistieren des Fraktionsvorsitzender der Grünen im Römer, Sebastian Popp, ist es zu verdanken, das es nun widerwillig, mit monatelanger Verzögerung und möglichst geräuschlos der Öffentlichkeit und auch den Stadtverordneten zugänglich gemacht wurde. Um die Relevanz des Gutachtens zu schmälern, erhebt die Stabsstelle Städtische Bühnen der Stadt Frankfurt „Bedenken zur Qualität“ des von ihre beauftragten, betreuten, abgenommenen und bezahlten Gutachtens, ohne dies zu begründen.
Auch wenn das Gutachten eine Reihe wichtiger Aussagen des Planerteams und der Stabsstelle zum Bestand bestätigt (Notwendigkeit des Austauschs der gesamten Haustechnik, des Neubau des Magazingebäudes und des Umbau des Erdgeschoss; Unsinnigkeit einer minimalen Sanierungslösung, Unmöglichkeit einer Beibehaltung Bestandsschutz und der Sanierung im laufenden Betrieb), kommt es in einigen wesentlichen Fragen zu anderen Ergebnissen, welche zu anderen Bewertungen der Handlungsoptionen Sanierung versus Neubau führen. Die bisherige Begründung für den pauschalen Ausschluss von Sanierungslösungen sind vor diesem Hintergrund nicht plausibel und hinfällig.
Die Aussagen zur Sanierungsplanung von Planerteams/ Stabsstelle
Die vorgesehene Opernprobebühne von 595 qm ist unüblich groß. Reduziert auf eine übliche und angemessene Größe von ca. 350 – 400 qm kann diese im Bestand anders als geplant zu geringeren Kosten und in weit besserer Funktionalität auf der Ebene der Hauptbühne vorgesehen werden. (Siehe S. 33, 38)
Die Flächen für Haustechnik sind ca. 1000 qm zu groß, zu wenig räumlich gebündelt und unwirtschaftlich platziert. Die reduzierte Haustechnik ließe sich besser anordnen, anstatt in unnötiger und unwirtschaftlicher Weise bisherige Arbeitsbereiche in Beschlag zu nehmen.
Es ist nicht nachvollziehbar und zu hinterfragen, warum der für € 60 Millionen erstellte Werkstattturm bereits 6 Jahre nach Fertigstellung gemäß den heutigen Anforderungen der Städtischen Bühne nicht mehr für eine Werkstattnutzung geeignet sein soll, was teure Nutzungsverlagerungen und Umbauten zur Folge hat (Siehe S. 46, 73).
Die Planung sieht bislang kein modernes, automatisiertes Kulissenlagersystem vor, welches funktionale und räumliche Vorteile bietet (in Linz ist ein solches System bereits in Betrieb, für Stockholm ist es geplant.).
Es ist nicht nachvollziehbar, warum die zu erneuernden Außenfassaden homogenisiert werden soll, was zu Mehrkosten führt und architektonisch fragwürdig ist. (Seite S. 28)
Der Gebäudekomplex kann unterhalb der Hochhausrichtlinie um mehr als 2.000 qm BGF erweitert werden. Diese Raumpotenziale können bei Bedarf neue Nutzungen ermöglichen.
Zum Interim
Die von der Opernintendanz gestellten Anforderungen an das Interim sind unüblich und weltweit einmalig. In einem Interim wird üblicherweise nicht die Bedingungen der stationären Bühnen weitestgehend nachgebildet, sondern der Spielbetrieb passt sich an die Besonderheiten des Interimslösung an, was neben Einschränkungen auch neue innovative Spielmöglichkeiten bietet. Nirgends wurden bislang Interims mit Drehbühnen realisiert, was zu sehr hohen Mehrkosten führt. Nicht berücksichtigt wurde zudem die andernorts genutzte Möglichkeit, ein vorhandenes Interim aufzukaufen und weiter zu nutzen (wie etwa in Genf) und/ oder vorzusehen, das Interim nach Gebrauch weiterzuverkaufen (wie in Stuttgart einkalkuliert). Auch nicht berücksichtigt wurde die Möglichkeit, das Interim mit anderen Projekten wie dem neuen Kinder- und Jugendtheater oder dem Kulturcampus Bockenheim zusammenzudenken (S. 50 – 58).
Zum Neubau
Das Fehlen eines konkreten Standort und einer Planung führt zu großen Ungewißheiten. Während der Risikozuschlag für die Sanierung bei 30% liegt, sind für den Neubau in der Planung nur 10% vorgesehen, was deutlich zu gering ist. Zugleich sind die funktionalen Erwartungen an den Neubau zu hoch. Auch eine Neubaulösung wird funktional Kompromisse eingehen. Den idealisierten Neubau gibt es nicht. (Siehe S. 47 – 49, 71)
Über das Gutachten hinausgehend ist festzustellen, dass bei den von Planerteam und Stabsstelle vorgelegten Schätzungen die Kosten für Baugrundstück, Freimachung, Erschließung und Außenanlagen ausgespart sind, was die Neubaulösungen deutlich preiswerter erscheinen lässt als sie es wirklich sind.
Vergleich Neubau/ Bestandslösung
1. Funktionalität
Die Basisvariante der Sanierung kommt aufgrund funktionaler Mängel nicht in Frage. Eine Sanierung plus-Variante verbessert aber die Funktionalität wesentlich gegenüber dem heutigen Zustand. Mit den vom Validierungsteam vorgeschlagenen Optimierungen sind die funktionalen Einschränkungen geringer als dargestellt. Unzutreffend sind etwa die im Bericht und Bewertung der Stabsstelle vom 10. Februar 2020, dass sich bei der verbesserten Sanierung die „verwinkelte und ineffiziente Wegeführung“ sich nicht verbessern ließe oder daß die Ergänzung um eine neue experimentelle Spielstätte mit Erhalt der bestehenden Doppeltheateranlage nicht möglich wäre (Siehe S. 39). Eine weitere experimentelle Spielstätte könnte zudem im ausgelagerten Produktionszentrum realisiert werden, wie dies auch in anderen Häusern praktiziert wird.
Die größte funktionale Einschränkung bei der Sanierung ist, dass der Orchestergraben im Bestand begrenzt ist und sich im Regelbetrieb nur für 80 Musiker eignet, was die Produktion einiger spätromantischer und moderner Opern einschränkt (Seite 16). Aber auch andere berühmte Häuser arbeiten mit einem begrenzten Orchestergraben vergleichbarer Größe.
Unstrittig ist, dass ein Neubau die heutigen funktionalen Anforderungen besser erfüllt als eine Sanierung. Die Gutachter verweisen aber darauf, dass auch ein jeder konkreter Entwurf für eine Neubaulösung funktionale Kompromisse eingehen wird, die sich aber erst mit Vorliegen eines solchen Entwurfs zeigen (siehe Seite 49, 71).
2.Denkmalschutz
Erstmal in einem Planungsdokument der Stadt Frankfurt Main zu den Städtischen Bühnen verweist das Validierungsgutachten auf den Denkmalwert von Teilen des Gebäudes, auch wenn es auf Grund der fehlenden Eintragung in die Denkmalliste dem Irrtum unterliegt, dass es einen Denkmalstatus als bislang nicht gegeben ansieht. Die Gutachter kommen zur Aussage: „So wie die Städtischen Bühnen am Willy-Brandt-Platz unmittelbar mit der Geschichte des Ortes verknüpft sind, ist auch das kollektive Gedächtnis der Stadtgesellschaft mit dem Gebäudeensemble verbunden und stellt somit einen Wert dar, der nicht in Euro bemessen werden kann.“ (S. 51)
Selbst diese dezente Thematisierung des Denkmalschutz ruft den Unmut des Auftraggebers hervor, der in seiner Vorbemerkung Wert darauf legt, klarzustellen, dass ein Denkmalwert „nicht angesprochen und auch nicht untersucht“ worden sei. Richtig ist, dass weder in der Machbarkeitsstudie von 2017, dem Gutachten des Planerteams von Dezember 2019, den Berichten der Stabsstelle oder in den politischen Debatten und Entscheidungen der Denkmalwert bis Frühjahr 2020 behandelt worden ist.
3. Kosten
Einen eigene Kostenberechnung, welche die aufgezeigten planerischen Optimierungsmöglichkeiten berücksichtigt, hat das Validierungsteam nicht vorgelegt. Das Gutachten zeigt aber, das die vom Planerteam und der Stabsstelle für die Sanierungslösung veranschlagten Kosten zu hoch und die für den Neubau zu niedrig sind, auch wenn sich anders als zwischenzeitlich erhofft die Kosten für Neubau oder Sanierung sich in einer gleichen Größenordnung bewegen. Aber anders als bislang dargestellt ist im Vergleich nicht die optimierte Sanierungslösung (plus) die teuerste, sondern die günstigste.
4. Ökologie
Ein sanierter Bestand ist im Betrieb energetisch so effizient wie ein Neubau. (S. 70) Bezieht man allerdings auch die Fragen des Herstellungsaufwand (graue Energie) mit ein, ist eine Bestandslösung deutlich ökologischer. Die Herstellung eines Neubaus erfordert den sechsfachen Primärenergiebedarf gegenüber einer Sanierungslösung. In der Gesamtbilanz (Bau + Betrieb über 50 Jahre) liegt der Primärenergiebedarf für einen Neubaus um 365 Mio. Megajoule über einer Sanierungslösung (Plus Variante). Dies Belastung der Atmosphäre beträgt dabei 109.600 Tonnen C02 Äquivalenten und somit 21.900 Tonnen C02 Äquivalenten mehr als eine Sanierungslösung, dies ist ein Plus von 20%. [1]
Fazit
Anders als bisher behauptet, zeigt sich, das man mit einer Sanierung nicht für mehr Geld etwas Schlechteres erhält. Eine optimierte Sanierung mit ausgelagertem Produktionszentrum wird voraussichtlich etwas billiger als ein Neubau, ist funktional zum status quo deutlich verbessert, auch wenn er die Funktionalität einer Neubaulösung nicht ganz erreichen kann. Dafür aber wird er dem Denkmalschutz gerecht und hat eine deutlich bessere Ökobilanz.
PS: Transparenz/ Planungskultur
Während die bauliche Transparenz des Bestandes große Wertschätzung erfährt und in dem Neubau wieder auf gegriffen werden soll, trifft dies auf das Planungsverfahren nicht zu. Erst Monate nach der wiederholten Kritik seitens der Initiative „Zukunft Städtische Bühnen Frankfurt“ wurde zunächst der Planerbericht und nun der Validierungsbericht veröffentlicht. Nach wie vor unter Verschluss sind allerdings die Anlagen zu den Berichten, womit wichtige Informationen wie die Kostenermittlung und das Raumprogramm des Planerteams nicht zugänglich sind. 2017 war dies noch anders, hier wurde die gesamte Untersuchung der Öffentlichkeit zeitnah zu Verfügung gestellt. Wie wichtig und produktiv dies war, zeigt die vom ehemaligen Baudezernenten darauf hin verfasste Kritik an der Planung. Wesentliche Elemente seine Kritik wurden vom Planerteam übernommen und auch vom Validierungsteam bestätigt (Verzicht auf Erweiterungen über der Hochhausgrenze, Verzicht auf Vergrößerung der Kammerspiele, Verzicht auf Verkleinerung Schauspielprotal usw., siehe Validierungsgutachten S. 6, 8).
Ein Problem ist auch die Festlegung der Varianten seitens der Stabsstelle. Andere Varianten sind weder seitens des Planer- noch des Validierungsteam untersucht worden. So wäre etwa denkbar, durch den Teilabriss und Neubau der Opernbühne die kritisierten funktionalen Schwächen einer Sanierungslösung zu adressieren, ohne die bestehende Theateranlage ganz abzureißen. Dies wurde aber nicht untersucht. Hybridlösungen mit Teilabriss und Teilneubau würden eine Austarierung der widersprüchlichen Anforderungen nach Funktionalität, Wirtschaftlichkeit, Ökologie und Denkmalschutz ermöglichen.
Am 3. September 2020 wird sich die Stadtverordnetenversammlung Frankfurt erneut mit den Städtischen Bühnen befassen. Eine Entscheidung über Investition und Standort wird aber nicht vor den Kommunalwahlen am 14. März 2021 erwartet.
Statement zur Debatte um die Städtischen Bühnen Frankfurt anlässlich der Pressekonferenz der Kulturdezernentin Ina Hartwig am heutigen Freitag, den 19.6.2020
Das von der Stadt neu in die Diskussion eingebrachte Grundstück der Frankfurter Sparkasse 1822 an der Neuen Mainzer Straße ist eine Bereicherung der Debatte um die Zukunft der städtischen Bühnen. Es eröffnet interessante Möglichkeiten, die ergebnisoffen zu einem Verbleib beider Bühnen an ihrem bisherigen Standort abzuwägen sind. Die Standorte in den Wallanlagen und am Osthafen sind aus städtebaulichen wie denkmalpflegerischen Gründen hingegen indiskutabel.
Die neue Grundstücksoption ist allerdings kein Grund und keine Rechtfertigung, den Denkmalschutz zu ignorieren und den Bestand komplett abzureißen. Die Testentwürfe des Büros gmp Architekten sind altbacken und einer Tabula-Rasa-Neubau-Obsession verpflichtet, die noch ganz von dem überkommenen Denken der 1990er Jahre geprägt ist. In der internationalen Architekturdebatte gelten seit Jahren schon gerade jene Positionen als innovativ und zukunftsweisend, welche Strategien des Weiterbauens wie der Bewahrung und Transformation des Bestandes verfolgen. Leider hat man dies in Frankfurt bislang nicht zur Kenntnis genommen.
Ausdruck eines veralteten Denkens ist auch die Theaterkonzeption selbst. Trotz neunjähriger Debatte und einer geplanten Investitionssumme von ca. einer Milliarden Euro gibt es bis heute kein einziges Konzeptpapier zu der Frage, wie sich Theater und Oper in den nächsten Jahrzehnten angesichts einer stark wandelnden Stadtgesellschaft verändern, weiterentwickeln und erneuern wollen. Die Basis der jetzigen Planung ist stattdessen das Raumprogramm des Bestandgebäudes, welches von der Unternehmensberatungsagentur M.O.O.CON fortgeschrieben wurde. Der auf das Jahr 1959 zurückgehende konzeptionelle Status quo wird für das Theater zukünftiger Generationen unreflektiert fortgesetzt und lediglich quantitativ und technisch-funktional verbessert.
Zu kritisieren ist auch die intransparente und undemokratische Form der Diskussion. Wesentliche Grundlagen der jüngsten Entscheidungen werden der Öffentlichkeit (und auch den Parlamentariern) vorenthalten. Weder die Ergebnisse des Evaluierungsteams noch die Kostenermittlung und das Raumprogramm des Planungsteams sind bislang zugänglich. Wohlgesonnene Journalisten erhalten vorab Exklusiv-Informationen[1] und kritische Nachfragen werden in Onlineforen nicht freigegeben[2] und damit der Öffentlichkeit vorenthalten, womit die öffentliche Meinungsbildung beeinflusst werden soll.
Aber auch ohne die zurückgehaltenen Informationen ist inzwischen deutlich geworden, dass der von der Stabsstelle im Januar vorgelegte Kostenvergleich zwischen Sanierungs- und Neubaukosten zu Ungunsten der Sanierung verzerrt ist. Zunächst sind die Kostengruppen für Baugrundstück, Freimachung, Erschließung und Außenanlagen ausgespart. Für die Sanierung eines inzwischen sehr gut bekannten Bestandsgebäudes wurde ein Risikozuschlag von 30 % angesetzt, für den Bau eines noch unbekannten Neubauentwurfs ein Risikozuschlag von 10,6%. Die Interimskosten wurden aufgrund völlig unüblicher Ausstattungsannahmen auf knapp 100 Mio. €. veranschlagt, was die Kosten für jede Lösung am heutigen Standort künstlich in die Höhe treibt. Eine vollständige und kostenehrliche Berechnung mit plausiblen Annahmen würde zeigen, dass etwa die Realisierung des Entwurfs des Büros O.M.A. am Osthafen im Vergleich zu einer Lösung am heutigen Standort unter Wahrung von Teilen des Bestandes deutlich teurer ist als im Januar behauptet.
Philipp Oswalt
[1] Dies betrifft die Veröffentlichung von Matthias Alexander in der FAZ vom 10.6.2020.
[2] Dies betrifft die von Christoph Koch (Vorstand Deutscher Werkbund) und dem Autor auf dem Kulturportal Frankfurt live gestellten Fragen zur Veranstaltung am 10.6.2020, zu der die Kulturdezernentin mit den Worten eingeladen hatte: „Ich lade die Bürgerinnen und Bürger sehr herzlich ein, sich zu informieren und online Ihre Fragen an das Podium zu richten.“
Auch in Zürich gibt es zurzeit Pläne für den Umbau des städtischen Schauspielhauses, des „Pfauen“. Wie in Frankfurt übergeht die Stadtregierung den Denkmalwert dieser Bühne zugunsten eines „großen Wurfes“ – und zwar durch Entlassung aus dem Denkmalinventar. Die Zürcher Kunsthistorikerin Marion Wohlleben hat hierzu in der Zeitschrift Tec21 (Heft 13/14, 2020) einen Artikel publiziert, den wir hier vollständig wiedergeben.
Zürich, Schauspielhaus „Pfauen“. Blick von der Bühne in den Zuschauerraum. Foto: Stadt Zürich, Juliet Haller
Erinnern oder vergessen?
von Marion Wohlleben
Das Zürcher Schauspielhaus, «der Pfauen», soll modernisiert, möglicherweise sogar abgebrochen werden. Was aber bleibt dann von der aussergewöhnlichen Geschichte, die sich hier zwischen 1933 und 1945 abgespielt hat?
Das Schauspielhaus Zürich gehört zu den renommierten deutschsprachigen Theatern. Sein Ruf als bedeutendes Uraufführungs- und Sprechtheater geht auf die 1930er-Jahre zurück und hängt unmittelbar mit dem Nationalsozialismus in Deutschland zusammen. Sein damaliger Direktor Ferdinand Rieser hatte zwar bereits zuvor Kontakte zu anderen deutschsprachigen Bühnen und pflegte den Austausch von Gastregisseuren und Schauspielerinnen. Aber mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Jahr 1933 und den rigorosen Kulturgesetzen, die sich vor allem gegen Juden und Kommunisten richteten, entstand eine nie dagewesene Dringlichkeit: Viele Verfolgte flohen in die angrenzende Schweiz oder blieben dort, um einer Verhaftung und Schlimmerem zu entgehen. Direktor Rieser, Schweizer und Jude, gelang es, vielen Geflüchteten einen Arbeitsvertrag und damit eine (vorübergehende) Aufenthaltsbewilligung zu verschaffen, die sie vor der Auslieferung bewahrte. So wurde die «Pfauenbühne» durch das Zusammenwirken damals beliebter und zum Teil berühmter Künstler buchstäblich über Nacht zu einer der begehrtesten und aussergewöhnlichsten Bühnen, auf der klassisches wie zeitgenössisches Theater auf hohem Niveau geboten wurde. Stand bis dahin eher leichtere Kost auf dem Programm, so setzten sich nun zeitkritische Stücke und Interpretationen klassischer Stoffe durch, meist mit Bezügen zum Nationalsozialismus.
Die Resonanz beim Zürcher Publikum war gemischt. Zustimmung und Unterstützung gab es seitens kulturell aufgeschlossener und politisch interessierter Bürger. Kritik richtete sich gegen das als einseitig empfundene Programm sowie die Überzahl nicht schweizerischer Autoren und Künstler. Proteste, bis zur Kampfansage an die offen antideutsche Ausrichtung, kamen von den einheimischen nationalsozialistischen Frontisten. Sie diffamierten den Direktor und das Ensemble, störten ihnen nicht genehme Vorstellungen und verunglimpften das «Judentheater».
Unter diesen Rahmenbedingungen entstand ein bedeutendes Kapitel deutschsprachiger Theatergeschichte, in dem Kunst und Politik nicht zu trennen sind. Die von dem hochkarätigen Ensemble dargebotenen Aufführungen wurden zu einem Brennpunkt gesellschaftlicher und politischer Auseinandersetzung mit Publikum, Presse und Behörden.
Solche Debatten über die Bedeutung des politischen Theaters sind keineswegs Geschichte, sie werden auch heute geführt. Doch wo die Erinnerung verblasst oder verdrängt wird, muss an die besondere historische Dimension dieses Hauses und dieser Bühne erinnert werden. Sie ist es wert, in die kollektive Erinnerung zurückgeholt zu werden und das Bild von der Rolle der Schweiz mit neuen Erkenntnissen zu bereichern – oder auch fallweise zu korrigieren.
Eingebettet und wandelbar
Das Schauspielhaus ist in die Arealüberbauung am Heimplatz mit Hotel, Gasthof und Wohnungen von Chiodera & Tschudy integriert, die 1888 als repräsentativer Auftakt zu den neu zu erschliessenden südlichen Stadtgebieten (Kreis 7) nach dem Vorbild des Römerhofblocks angelegt wurde. Das Theater ist kein Solitärbau, es tritt in der Platzfassade allein durch das hohe Eingangsportal in Erscheinung. Der Zugang im reich gestalteten Mittelrisalit erfolgt durch ein säulenflankiertes, als Triumphbogen ausgebildetes Portal.
Zunächst ein Volkstheater, wurde es in zwei Etappen zum heutigen Theater umgestaltet. Unter Direktor Ferdinand Rieser unternahm Otto Pfleghard 1926 die Umbauten zum heutigen Schauspielhaus. Er erweiterte es unter anderem um ein Foyer im Stil des Neuen Bauens und um ein grösseres Bühnenhaus mit Drehbühne (auf der 1941 Brechts legendäre «Mutter Courage» mit Therese Giehse aufgeführt wurde). Der Innenraum wurde von 700 auf 980 Sitzplätze erweitert und erfuhr eine schlichte Neugestaltung der Raumschale in den traditionellen «Theaterfarben» Rot, Weiss und Gold, aber ohne den üblichen malerischen oder ornamentalen Schmuck. Die Stuckdecken der beiden früheren Ausstattungen sind unter der Decke erhalten geblieben.
Mehr als nur ein Bauwerk
Nun soll der Bau umfassend modernisiert werden, sogar ein Teilabbruch ist wegen technischer und räumlicher Defizite im Gespräch. Dagegen hat der Heimatschutz Rekurs ergriffen.
Denn das Schauspielhaus wurde zu Recht als Baudenkmal eingestuft, es erfüllt die Kriterien der besonderen historischen Bedeutung als ortsgebundenes Objekt mit geschichtlichem Zeugniswert. Dennoch wurde es vom Stadtrat aus dem Schutz entlassen. Anlässlich der Planungen sollte man sich erneut mit der aussergewöhnlichen Geschichte auseinandersetzen, die sich zwischen 1933 und 1945 hier abgespielt hat.1 Dies auch, weil im Unterschied zu anderen, für Exilanten wichtigen Orten wie der Buchhandlung Oprecht oder dem alten, heute stark verkleinerten Café Odéon, die an diese Zeit erinnern könnten, das Schauspielhaus noch da ist. Es ist sichtbar, begehbar, spürbar, erlebbar.
Mit der Erhaltung dieses Theaters, das trotz einiger baulicher Veränderungen substanziell überlebt hat, sichern wir einen der wenigen Zeugen, der in jenen Jahren «dabei war». Es ist ein authentischer Zeuge, der in seiner Materialität historische Gewissheit als Ort des Geschehens vermittelt. Das Wissen um die besonderen, einmaligen Umstände, denen diese Räume während zwölf Jahren eine Bühne boten, darum, was hier erlebt und erlitten wurde, lässt nicht unberührt. Die Aura des historischen Orts würde dem Neubau an gleicher Adresse fehlen und weiterem Geschichtsvergessen Vorschub leisten.
Lebendiger Zeitzeuge
Wie jedes hundertjährige und ältere Gebäude hat auch das Schauspielhaus eine dokumentierte Baubiografie, die seinen Gang durch die Geschichte belegt. Doch das Plädoyer für den Erhalt dieses Theaters bezieht sich in erster Linie auf seine überragende historische Bedeutung für Zürich und das deutschsprachige Theater insgesamt in den Jahren des Exils. Für ein Denkmal, das im Begriff beides, materielle Substanz und das Erinnern, vereinigt, ist das Kriterium der geschichtlichen Bedeutung konstitutiv. «Manchmal geht es mehr um den Erinnerungswert, weniger um den ästhetischen Wert eines Denkmalbestands», ist der Architekt Roger Diener überzeugt.2
Das schliesst notwendige Eingriffe zur Behebung von Mängeln und zur Verbesserung schlechter Zustände keineswegs aus. Ihre Art und ihr Umfang sind aber eine Frage des Masses und der Angemessenheit; sie sollten von Rücksicht und Respekt vor der Geschichte des Orts geprägt sein. Dem Abbruch und Neubau ist die Reparatur vorzuziehen. Sie schont Ressourcen und erfüllt das Gebot der nachhaltigen Entwicklung im Bauwesen.
Das massvolle, dem Ort und seinen Bedingungen angemessene Um- oder Weiterbauen liesse das Wesentliche, die historische Substanz des Schauspielhauses, bestehen. Es wäre die Ergänzung um eine weitere Schicht. Und was sich baulich in diesem Rahmen nicht umsetzen lässt, kann oft durch organisatorische Anpassungen kompensiert werden – dafür braucht es neue, auch unkonventionelle Ideen.
Seine erfolgreiche Bespielbarkeit hat dieses Haus trotz enger Verhältnisse in hundert Jahren mit international anerkannten Aufführungen vielfach bewiesen. Lebt nicht «zeitgemässes Regietheater», das so vielseitig sein dürfte wie seine Regisseure, zuallererst von der Qualität der Stoffe und der Schauspieler und nicht zuletzt auch davon, wie Inszenierungen auf das räumliche Angebot reagieren? Es ist nicht einzusehen, dass neue Regiekonzepte neue Theaterbauten brauchen. Noch immer können für besondere Inszenierungen ungewöhnliche Orte mit einer eigenen Atmosphäre gesucht werden – eine Fabrikhalle, ein leerer Kirchenraum oder ein Gewächshaus zum Beispiel. Der Schiffbau war im Jahr 2000 solch ein ungewöhnlicher Ort.
Seine (geringe) Grösse hat das Schauspielhaus mit vielen anderen Theatern gemein, wie zum Beispiel den Münchner Kammerspielen oder dem Wiener Hoftheater. Beide, um nur zwei zu nennen, sind nicht nur sehr erfolgreiche, sondern auch attraktive und überaus stimmungsvolle Häuser, deren Intimität und Publikumsnähe geschätzt werden.
Der Dramatiker Friedrich Dürrenmatt hatte seine Meinung gemacht: «Das Schauspielhaus ist gerade durch seine Unvollkommenheit ein vollkommenes Theater, und ich liebe es deshalb auch mehr als andere Häuser.» 3
Anmerkungen
1 Aktuell laufen Machbarkeitsstudien, die verschiedene Varianten der Modernisierung untersuchen sollen. Dafür wird das Pfauen-Gebäude teilweise aus dem Inventar der Denkmalpflege entlassen – falls Gemeinderat und Stimmvolk dem Umbauprojekt zustimmen.
2 Sabine von Fischer: «Was in Zürich geschah, ist nicht vergleichbar mit der Kritik in Berlin», Neue Zürcher Zeitung, 6.3.2020.
3 Ute Kröger, Peter Exinger: «In welchen Zeiten leben wir!», Das Schauspielhaus Zürich 1938–1998, Limmat Verlag, Zürich 1998.
Am 10. Juni veranstaltete das DAM eine „Podiumsdiskussion“ zur Zukunft der Städtischen Bühnen mit u.a. Frau Dr. Hartwig. Ein Blick auf die Vorankündigung auf der Webseite des Frankfurter Kulturportals ließ bereits erahnen, was die Zuhörer wirklich erwartete. Die dort zu lesende Aufwertung der umstrittenen Abrissentscheidung zum „Meilenstein“ hätte in ihrer höhnischen Selbstüberhöhung vom Redenschreiber Donald Trumps persönlich stammen können. In Adaption von „L’etat c’est moi“ lautet die Botschaft der nur schlampig als „Diskurs“ verkleideten Marketingveranstaltung: Wir (die Stadt Frankfurt) lassen uns weder von Fakten noch von gesetzlichen Vorgaben dreinreden.
Von Sandra Pappe
Gleich zu Beginn der Veranstaltung wurde der „demokratische“ Part in wenigen Minuten mit ein paar abfälligen Worten zu den KritikerInnen der Abriss- und Neubauentscheidung abgehandelt. Besonders harsche Worte fand Moderator Peter Schmal für die Petition für die Zukunft der Städtischen Bühnen, die nach wie vor vergeblich einen echten Diskurs einfordert. Eine Richtigstellung der polemischen Verlautbarung war in Abwesenheit der sicherheitshalber nicht zur „Diskussion“ eingeladenen VertreterInnen einer Gegenposition nicht zu befürchten, von den über den offiziellen Livechat eingegangenen Fragen wurden nur die den VeranstalterInnen genehmen eingebunden. Ein echter Diskurs fand nur abseits der „Podiumsdiskussion“ auf dem begleitenden Livechat der Plattform nachtkritik.de statt.
Im Anschluss an diese kurze Einleitung folgte eine so unnötig ausführliche wie öde Präsentation von Neubau- und Standortvarianten, die den eigentlichen Inhalt der Veranstaltung transportierte: Eine Machtdemonstration des städtischen Konglomerats aus Politik und Wirtschaft, das sich seine Geschäftsmodelle nicht von der lästigen Realität kaputt machen lässt. Der Unterschied zur faktenleugnenden, antidemokratischen Politik eines Donald Trump: Frau Dr. Hartwig, Herr Schmal oder Herr Weber verwenden keine Fäkalsprache und haben auch sicher bessere Tischmanieren.
Der Traum von London am Main
Erklärt sich der moralische Defätismus der AbrissbefürworterInnen möglicherweise aus der kindlichen Hoffnung, Frankfurt könne London in Folge des Brexit als internationale Finanzmetropole beerben? Tja , warum nicht? Frankfurt wäre ja auch schon mal beinahe der neue Sitz der Amsterdamer Diamantenbörse geworden.
Der Brexit ist zwar eigentlich schon Schnee von gestern und die Fluktuation der englischen Banker hat schon stattgefunden. Aber wer weiß? Eine in acht, zehn oder mehr Jahren fertiggestellte Frankfurter Möchtegern-Elphie oder doch nur der wieder aus der Versenkung aufgetauchte PPKO (Peinlicher Protz-Klotz Ost), immerhin fußläufig zur EZB, könnte Frankfurt am Main ja doch noch attraktiver machen als die Seinemetropole Paris. Vorausgesetzt, die angestellten Banker werden nicht ohnehin nur wegen der in die ehemalige Großmarkthalle eingebauten EZB zum Umzug an den Main gezwungen und Theater oder nicht spielt gar keine Rolle. Es ist ohnehin fraglich, ob in zehn Jahren überhaupt noch einer Lust auf / Geld für Repräsentationstheater hat und die Masse der EinwohnerInnen Frankfurts nicht Vollzeit damit beschäftigt ist, Trinkwasser- und Nahrungsrationen organisierend durch die überhitzte Stadt zu wanken.
Frankfurt dagegen ist immer noch im Traum von der neoliberalen Klassengesellschaft befangen. Paradox: Ein Moderator mit Corona-Notstands-Frisur, die deutlich erkennbar das Misstrauen in die Lockerung der Schutzmaßnahmen signalisiert, stellt sich trotzdem an die Seite der KrisenleugnerInnen und plädiert für ein „Weiter So“. Für die Architektur heißt das: Weiter mit dem Bauboom von gestern, unbeirrt von Klimakatastrophe, wachsendem sozialen Unfrieden und des Scheiterns des Wachstumsmodells. Die für Gegenwart und Zukunft relevanten Arbeitsfelder wie Umnutzung und Recycling von Bestandsbauten oder mobile Architektur sind nach wie vor kein Thema für die derzeitige „Elite“ der Branche.
Mit ihrer nur halbherzig als „Diskussion“ verkauften Machtdemonstration beweisen die VeranstalterInnen im DAM die These, dass der dringend notwendige Paradigmenwechsel nicht durch die Vermittlung von Fakten erzielt werden kann. Frankfurts amtierendes politisches Personal ist weder in der Lage noch willens, Problemstellungen der Gegenwart, geschweige denn der Zukunft zu bewältigen. Mehr als mühsam erschacherte Babyschrittchen und Minimalkompromisse sind mit den derzeit Verantwortlichen nicht zu erreichen.
Wenn wir eine lebenswerte Zukunft wollen, muss eine neue, fortschrittlichere Generation die „alten weißen Männer (und wenigen Frauen)“ endlich in Pension schicken.
Sandra Pappe ist Fachautorin und Illustratorin. Sie machte ihren Abschluss im Fachbereich Architektur an der FH Darmstadt und verlegte sich nach Aufbaustudiengängen für Onlineredaktion und Buch- und Medienpraxis auf das Publizieren. Sie betreibt den Blog architektur-ist-politik.de und hat unter anderem einen Architekturführer für die Stadt Frankfurt veröffentlicht.
Kulturdezernentin Ina Hartwig zeigt sich fasziniert von dem Umbauprojekt, besonders aber von der restaurierten Fassade des gläsernen Foyers aus den 1960er Jahren, „von der Transparenz zwischen Außenraum und Innenraum.“ Peter Cachola Schmal, Direktor des DAM, wiederum sieht in dem Projekt ein „symbolisches Beispiel dafür, wie man mit der Moderne umgehen kann“ – es sende ein wichtiges geschichtspolitisches und baukulturelles Signal.
DAM Preis 2019 für Kulturpalast Dresden, https://dam-online.de/news/dam-preis-2019-fuer-kulturpalast-dresden/
Aus diesem Grund wurde das Umbauprojekt des 1967-69 errichteten Kulturpalasts in Dresden mit dem DAM-Preis 2019 ausgezeichnet. Gewürdigt wurde damit die Instandsetzung eines bedeutenden Kulturgebäudes, das zahlreiche architektonische Merkmale mit dem Frankfurter Bühnengebäude teilt. Gewürdigt wurde damit aber auch eine kluge Umnutzung und ein gelungener Umbau des Gebäudes zu einem Konzerthaus. Und nicht zuletzt wurde damit auch das Architekturbüro von Gerkan, Marg und Partner ausgezeichnet. Am Dresdner Projekt zeigt sich, dass man dieses Büro nicht allein an den jüngst veröffentlichten, für die Stadt Frankfurt eilig zusammengerenderten, massentauglichen und -verführenden „Stimmungsbildern“ mit „heiteren Tagesszenen“ rund um die Neubauten von Opern- und Schauspielhaus messen sollte. Vielmehr haben von Gerkan, Marg und Partner in Dresden eindrucksvoll bewiesen, dass von ihnen auch 50 Jahre nach Tegel weiterhin wegweisende Beiträge zur zeitgenössischen Architektur zu erwarten sind. Ähnliches wünschte man sich auch für Frankfurt, wo ein anderes architektonisch und stadtgeschichtlich bedeutendes Kulturgebäude mit transparenter Fassade darauf wartet, im Sinne eines symbolischen Projekts für den Umgang mit der Moderne instandgesetzt und intelligent weiterentwickelt zu werden.
In ihrem Master-Entwurf „Promenade Théâtrale“, ausgezeichnet mit dem Jahrespreis der Masterarbeiten der Universität Stuttgart (2018), erarbeitet Sofie Hoyer ein mögliches Szenario für die Zukunft der Städtischen Bühnen in Frankfurt, das die historische Vielschichtigkeit des Gebäudekomplexes zwischen Jugendstil und Nachkriegsmoderne reflektiert und zum Nachdenken über Sanierungs- und Umbauvarianten anregt.
Die Bühnen sind ein wichtiger gesellschaftlicher und architektonischer Zeitzeuge Frankfurts, doch heute wirkt der gewaltige Baukörper verschlossen und lässt das innere Resultat der hundertjährigen Umbaugeschichte erahnen: eine intakte Doppelbühne umringt von verschachtelten Räumen und labyrinthischen Korridoren. Der Entwurf versucht, die unsichtbaren Zeitschichten freizulegen und durch eine räumliche Neuordnung – neben den klassischen Theaterbesuchern – die breite Stadtöffentlichkeit in das Gebäude zu führen. Der Willy-Brandt-Platz dient als Auftakt für eine großzügige Erdgeschosszone mit Ticketverkauf, Shops, Restaurants und Cafés. Unterhalb des Wolkenfoyers verknüpft eine neu geschaffene Promenade durch das Bauwerk die Bühnen mit den Kammerspielen. So entsteht eine Zurschaustellung der Kulturmaschine – mit Schauwerkstätten, Wechselausstellungen, Blicke hinter die Kulissen und neuen flexiblen Spielorten entlang den nun sichtbaren historischen Fragmenten des Baus von 1902. Im Stadtraum entsteht vor der historischen Kulisse der ebenfalls freigelegten Westfassade eine Außenbühne, welche dem Auftakt der Wallanlage eine neue Bedeutung gibt.
1902 eröffnete am damaligen Theaterplatz in Frankfurt das Schauspielhaus. Gegen Ende des zweiten Weltkrieges, wurde es durch die Bombenangriffe der Alliierten teilweise zerstört. Die Stadt Frankfurt beauftrage daher 1949 Otto Apel mit dem Wiederaufbau des Hauses. Apel baute das Schauspielhaus zunächst zu einem Opernhaus um. 1955 wurde schließlich eine Theater-Doppelanlage errichtet, in der Oper und Schauspiel an einem Ort zusammengelegt wurden.
Im Zuge des Umbaus wurde die Hauptfassade mit dem vorgelagerten Portikus des alten Schauspielhauses abgerissen. Große Teile der historischen Fassade blieben jedoch erhalten. Als großmaßstäblich ordnende Geste erhielten die beiden Bühnen ein gemeinsames Foyer: Eine 120 Meter lange Schaufront, das Wolkenfoyer.
Bei sämtlichen Umbaumaßnahmen hatte man nichts großflächig abgerissen. Alle Relikte wurden erhalten, um den laufenden Betrieb nicht stärker zu beeinflussen als notwendig. Daher befindet sich zwischen den Baukörpern von Schauspiel und Oper ein dichtes und unübersichtliches Konglomerat von Werkstätten, Probe- und Lagerräumen aus unterschiedlichen Bauzeiten.
Gegenwärtig ist die Theater-Doppelanlage sanierungsbedürftig – über Abriss und Neubau oder Sanierung wird öffentlich und nahezu täglich diskutiert.
Die Bühnen müssen gerettet werden, da sie ein wichtiger Zeitzeuge Frankfurts sind. Außerdem prägen Teile des Gebäudes, etwa das Wolkenfoyer, das Stadtbild.
Bei der Erhaltung des Gebäudes sollte jedoch nicht nur Altes bewahrt werden. Die Sanierungsbedürftigkeit des Gebäudes sollte als Anlass genommen werden, die Anlage besser in die Stadtgesellschaft zu integrieren.
Aktuell wirkt das öffentliche Gebäude nicht öffentlich, da der Eingangsbereich zur Stadt hin verschlossen ist und die Häuser getrennt betreten werden. Der Ort sollte außerdem übersichtlicher werden. Noch leidet die Anlage unter den zahlreichen und teilweise gegensätzlichen Umbaumaßnahmen der letzten 100 Jahre. Die Erschließung im Foyer ist in beiden Häusern wirr und umständlich und ist über Treppen bestimmt.
Wesentliches Ziel des Entwurfs ist es, die Charakteristika des gewachsenen, 100 jährigen Grundrisses zu ordnen und erkennbar zu machen. Durch die gewonnene Ordnung werden die verschiedenen Zeitschichten wieder sichtbar. Es ist jedoch auch klar, dass die Rettung präzise und so einfach wie möglich sein muss, um dem Bau am Leben zu halten und keine unverhältnismäßigen Kosten zu erzeugen.
Ich habe daher eine Methode gewählt, die versucht nur die problematischen Teile zu entfernen, beispielsweise die Erschließung. Die charakteristischen Strukturen, wie die Säle der Bühnen sowie Nebenbühnen und Werkstätten, sollen erhalten werden.
Ich habe mich für eine Geste des gemeinsamen Foyers entschieden. Der gesamte Bereich der Nordfassade bildet den Eingang und der Besucher kann über ein großzügiges Foyer das Gebäude betreten. Über die Freitreppe gelangt der klassische Besucher in das wiedervereinte Wolkenfoyer und erst hier verteilt er sich auf die zwei Häuser.
Hinter der Freitreppe beginnt eine neugeschaffene Passage. Eine Passage, die Einblicke in die Theater- und Opernwelt ermöglicht. Hier befinden sich zusätzliche Veranstaltungsorte und Ausstellungsflächen. Die Bühnenwelt eröffnet sich hier den Besuchern. Es entsteht ein gemeinschaftlich genutzter Raum sowohl für Besucher, als auch für Werkstätten. Durch diese neu geschaffene öffentliche Passage wird die Schwelle zum Besucher verringert und die Integration der Anlage in die Stadt wird erhöht. Die beiden Bühnen bilden sich stärker ab und werden ablesbar und trotzdem findet durch die neue Nutzung eine Zusammenführung statt. Ähnlich der Prinzipien der von le Corbusier ́s formulierten „Promenade Architectural“ verdeutlicht der Schnitt eine Bildabfolge, die sich vor dem Auge des schrittweise vorangehenden Betrachters entrollt.
Um die Zeitschichten aufzuzeigen, wird auch die historische Fassade auf der Westseite freigelegt – die aktuelle Fassade wird ihrer Rolle zum öffentlichen Park nicht gerecht. Es entsteht an dieser Stelle eine Freilichtbühne, die die Bühnen auf die Stadt ausweitet. Durch die Freilegung entsteht an Stelle der übrigen Westfassade ein neuer Gebäudeflügel, der sich an die bestehenden Gestaltungselemente anpasst, sich in das Ensemble einfügt und sich der Stadt zeigt.
In dem Entwurf schaffen Vorgefundenes, Entferntes und Neues einen fließenden Raum, der Bühnenwelt und Öffentlichkeit verschmelzen lässt und eine eigenständige Szenografie entwickelt: die Promenade Théâtrale.
Am 10. Juni um 19 Uhr präsentierten im Deutschen Architekturmuseum DAM Dr. Ina Hartwig (Kulturdezernentin der Stadt Frankfurt am Main), Anselm Weber (Intendant Schauspiel Frankfurt ) sowie Torsten Becker (Stadtplaner und Vorsitzender des Frankfurter Städtebaubeirats) mit dem Direktor des Deutschen Architekturmuseums, Peter Cachola Schmal, die Ideenskizzen des Frankfurter Kulturdezernats/SPD für den Neubau von Schauspiel und Oper Frankfurt, unter anderem aus der Feder von GMP.
Die Veranstaltung war als öffentliche Online Diskussion deklariert. De facto handelte es sich aber um eine geschlossene Veranstaltung. Eine Pressekonferenz, zu der spezielle Journalist*innenen geladen wurden. Und die Bürger*innen konnten zwar dem Live Stream beiwohnen, Fragen konnten sie auch stellen – diese wurden aber nach Gefallen selektiert. Die Veranstaltung war eine geschlossene Gesellschaft. Wir fordern daher eine offene, transparente und demokratische Debatte zum Plaungsprozess Zukunft der Städtischen Bühnen.
Auf der Plattform nachtkritik.de wurde ein Live-Chat zur Veranstaltung angeboten, an dem bis zu 90 Teilnehmer*innen beteiligt waren. Über wichtige Diskussionspunkte des Chats und über unsere Sicht auf die in der Podiums“diskussion“ verhandelten Themen und vorgebrachten Argumente informieren wir in Kürze auf dieser Webseite.