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Die Bühne der Stadt

// von Sascha Köhl und Helene Bihlmaier //

Das Foyer der Städtischen Bühnen in den 1960er Jahren. Aufnahme von Ulfert Beckert © Jens und Sven Beckert

Theater ist mehr als ein Spiel. Es ist immer auch ein Spiegel gesellschaftlicher Verhältnisse und Auslöser politischer Debatten. Dementsprechend ist auch das Theatergebäude mehr als „nur“ eine Spielstätte. Seit der Zeit der Aufklärung – als auch in Frankfurt das erste Theater der Stadt eröffnet wurde (1782) – dienen Theaterbauten als öffentliche Foren, auf denen die Bürger sich treffen und austauschen, debattieren und auch streiten, über das Schauspiel, die Musik und die Kunst, über politische, gesellschaftliche und viele andere Themen. Das Theater ist daher immer zentraler Bestandteil des städtischen Lebens, und nur wenige Theaterbauten bringen diesen Anspruch so überzeugend zum Ausdruck wie das 1963 eingeweihte Gebäude der Frankfurter Bühnen: durch seine zentrale Lage, seine offene Gestaltung und seine Bedeutung für die städtische Geschichte.  

Im Zentrum der Stadt

Seine zentrale Lage verdankt das Gebäude dem Entschluss der Stadtväter des ausgehenden 19. Jahrhunderts, am Standort des heutigen Willy-Brandt-Platzes ein neues Schauspielhaus zu errichten. Der Neubau sollte das zu klein gewordene Theater von 1782, das „Comödienhaus“ am heutigen Rathenauplatz, ersetzen. Man entschied sich damit für den vielleicht prominentesten Ort der Stadt: für jene Stelle, an der die Achse zwischen Römerberg und Hauptbahnhof den Grünzug der Wallanlagen schneidet. So bildet der monumentale, 1902 eingeweihte Neubau des Schauspielhauses ein Pendant zu dem zwei Jahrzehnte zuvor errichteten Operngebäude an der Nordwestecke der Wallanlagen. Während des Kriegs schwer beschädigt, wurde das Schauspielhaus ab 1949 von einer Bürogemeinschaft unter Leitung von Otto Apel wiederaufgebaut – nun allerdings als Opernhaus. Wesentliche Teile des alten Theaters, so auch die Ränge des Zuschauerraums, blieben dabei erhalten. Vollständig neu errichtet wurde vor allem das Bühnenhaus mit der damals größten Drehbühne Europas. Während die Oper damit schon bald nach Kriegsende eine eigene Spielstätte beziehen konnte, musste das Schauspiel vorerst noch mit verschiedenen Provisorien Vorlieb nehmen. Erst 1958 fiel die Entscheidung, neben der Oper ein neues Schauspielhaus zu errichten, wodurch der Theaterkomplex seine heutige Gestalt erhielt. Damit kehrte man gleichsam zu den Anfängen zurück, da bereits das „Comödienhaus“ sowohl dem Sprech- als auch dem Musiktheater eine Spielstätte geboten hatte.

Ein offenes Foyer

Den Auftrag für den zwischen 1959 und 1963 realisierten Neubau der Doppelanlage erhielt das Büro von Otto Apel (seit 1961 ABB: Otto Apel, Hannsgeorg Beckert, Gilbert Becker). Die Architekten errichteten ein Schauspielhaus, das seinerzeit, ähnlich wie zehn Jahre zuvor auch die Opernbühne, den höchsten technischen Ansprüchen genügte. Davon ist allerdings nicht mehr viel erhalten: Nach dem schweren Opernbrand 1987 wurde zunächst das Opernhaus und anschließend, 1991/92, auch das Schauspielhaus umfassend erneuert. Der Zuschauerraum des Schauspiels ist in seinem aktuellen Zustand ebenso das Resultat dieser Baumaßnahmen wie viele weitere, mal mehr, oft weniger passende Einbauten und Eingriffe im Geiste der Postmoderne. In seiner ursprünglichen Struktur und Wirkung weitgehend erhalten blieb glücklicherweise das zweite Hauptelement der 1963 eingeweihten Doppelanlage: das in seiner Gestalt und Aussage zeitlose Foyer. Dieses bildet zum Platz hin eine 120m lange Schaufront aus, die die beiden Häuser von Oper und Schauspiel verklammert. Das Foyer zeigt sich innen wie außen von einer nüchternen, unaufdringlichen Eleganz, geprägt durch eine stringente Gliederung, zu der die Goldwolken Keménys einen Kontrapunkt setzen. Dieses Bauwerk will nicht auftrumpfen, sich nicht selbst ausstellen, sondern, ganz im Gegenteil, vermitteln. Durch sein Ausgreifen in den Platzraum und die Transparenz seiner Außenwände überlagern und verschränken sich die Sphären der Spielstätten und der Stadt. Geht man durch das Innere des Foyers, so zieht es den Blick nach draußen, präsentiert sich die Stadt als Bühne. Steht man vor dem Bau, vor allem abends, wird der Blick unweigerlich hineingezogen, wird das beleuchtete Foyer zur Bühne, auf der die Diskussionen der Besucherinnen und Besucher als wesentlicher Bestandteil des Theaters inszeniert werden.

Das Foyer ist ein „königlicher Boulevard, der das Opernhaus mit dem Schauspielhaus zusammenfügt“, eine „glückliche Synthese zwischen gesellschaftlicher Repräsentanz und musischer Einstimmung.“ (Harry Buckwitz) Aufnahme von Ulfert Beckert. © Jens und Sven Beckert

Zeugnis städtischer Geschichte – Symbol für eine neue Zeit

Das offene Foyer soll aber nicht nur einladend wirken, nicht nur Blicke anziehen und Neugier wecken. Weit mehr als das: Als Schauseite eines wichtigen öffentlichen Gebäudes im Herzen einer Stadt, die auch um 1960 noch vielerorts vom Krieg gezeichnet war, hatte der Bau auch eine Symbolfunktion. In seiner offenen, filigranen und trotz seiner Größe gerade nicht überwältigenden Gestalt bildet das Gebäude – ähnlich wie viele andere öffentliche Bauten der jungen Bundesrepublik – ein Gegenmodell zur massiven, überdimensionierten Einschüchterungsarchitektur der NS-Zeit. Auf diese Weise verkörpert es den kulturellen, politischen und gesellschaftlichen Aufbruch eines sich neu erfindenden Landes und seiner heimlichen Hauptstadt. Dies gilt umso mehr, als das Bühnengebäude vielleicht das einzige, vor allem aber das wichtigste öffentliche Bauvorhaben jener Zeit im Stadtzentrum war, das diesen Neubeginn veranschaulichen konnte und sollte. Repräsentierte der wiederaufgebaute Römer die stolze, jahrhundertealte Geschichte kommunaler Selbstbestimmung, so stand das neu errichtete Bühnengebäude für eine neue Ära bürgerlicher Mitbestimmung, gesellschaftlicher Offenheit und künstlerischer Freiheit. 

Das Gebäude ist daher nicht nur ein Ort, an dem Theatergeschichte geschrieben wurde, sondern auch ein Denkmal, das wie kein zweites für eine grundlegende, aber zunehmend aus dem Stadtbild getilgte Epoche der städtischen Geschichte steht. Nicht zuletzt ist es ein Sinnbild für Ideale und Werte, die nach wie vor das Fundament unseres Gemeinwesens bilden und für die es gerade in diesen politischen Zeiten mehr denn je einzustehen gilt. Der – wenigstens partielle – Erhalt des Bühnengebäudes wäre daher ebenso ein Zeichen eines verantwortungsvollen Umgangs mit der Geschichte wie auch ein Signal für eine bescheidenere, nachhaltigere Baupolitik der Zukunft.

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Wolken retten! „Blechbichsen“ und andere Kunstobjekte

von Alfons Maria Arns

Foto: Trebor (Horst Robert Kratzmann)
Foto: Trebor (Horst Robert Kratzmann)

Integraler Bestandteil der 1963 eröffneten Theaterdoppelanlage sind jene drei Kunstwerke namhafter Künstler, die im Zusammenhang mit dem Neubau als „Kunst am Bau“-Projekte von der Stadt Frankfurt in Auftrag gegeben wurden: die Wolken (1963) des ungarischstämmigen Künstlers Zoltán Kemény (1907-1965), das Großgemälde Commedia dell’arte (1958/59) von dem Maler und Grafiker Marc Chagall (1887-1985) und schließlich die Bronzeskulptur Standing Figure: Knife Edge des englischen Bildhauers und Zeichners Henry Moore (1898-1986).

Während die riesige Deckenskulptur Wolken mit ihrem illusionistischen sphärischen Schweben im scharfen Kontrast das nüchterne Foyer ausfüllt, wirkt das ungemein farbige zirkusartige Welttheatergemälde Commedia dell’arte, im Saal zwischen Theater und Oper platziert, wie ein Bühnenbild, das einen Vorschein dessen gibt, was auf der Bühne passiert. Die Bronzeskulptur Knife Edge dagegen nimmt direkten Bezug auf einen stehenden menschlichen, spiralartig verdrehten Körper; jenes „Material“, das auf der Bühne von Sprech- und Musiktheater erst noch der Formung bedarf.

Einen ersten Eindruck dieser „Kunst im Bau“ vermittelt die zur Eröffnung erschienene, vom damaligen Amt für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung der Stadt Frankfurt am Main herausgegebene Broschüre Zoltan Kemeny Deckenskulptur im Frankfurter Theaterfoyer (mit Fotos von Trebor, d.i. der Fotograf Horst Robert Kratzmann und Essays von dem Architekten Hannsgeorg Beckert, dem damaligen Generalintendanten Harry Buckwitz, dem Künstler Z. Kemeny und dem Kunsthändler und damaligen Direktor des Frankfurter Kunstvereins Dr. Ewald Rathke).

Die Broschüre zeigt eindringlich, dass mit dem geplanten Abriss nicht nur die Architektur, sondern auch die Kunstobjekte selbst und ihr angestammter Platz bedroht sind.

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Wieso von einem Provisorium die Zukunft abhängt

Entwurf für ein Theaterinterim auf dem Goetheplatz von der Studierenden Patrcia Majuf, Universität Kassel

Von Philipp Oswalt// Ob als Sanierung oder Neubau – der Verbleib der städtischen Bühnen an ihrem jetzigen Standort erfordert Interimsspielstätten, weil auch eine Sanierung im laufenden Betrieb nicht möglich ist. Und die Frage des Interims spielt gegenwärtig eine maßgebliche strategische Rolle bei der Frankfurter Theaterdiskussion. Das liegt an seinen Kosten. Nach Aussagen der Stabsstelle Städtische Bühnen von Februar 2020 kostet ein Theaterinterim 27,5 Mio. €, ein Operninterim 69,9 Mio. €. Aufgrund dieser Kosten wollen einhellig alle Kulturpolitiker– bei sonst divergierenden Ideen – ein Operninterim vermeiden, was den Umzug der Oper an einen neuen Standort erzwingt. Doch stellt sich die Frage: Ist dies wirklich schlüssig?

Schon ein erster Blick verrät, dass hier von absurden Voraussetzungen ausgegangen wird. Die Opernintendanz wünscht sich, dass sie im Interim die Bühnenbilder des gegenwärtigen Repertoires weiternutzen kann. Dafür ist aber eine Drehbühne mit einem Durchmesser von 38,5 Metern erforderlich. Nach Aussagen von Fachleuten hat es bislang weltweit noch nie ein Interim mit Drehbühne gegeben. Viele Opernhäuser wurden aber in den letzten Jahren und Jahrzehnten saniert, eben ohne solche aufwändigen Lösungen und damit zu geringeren Kosten.

Daher sind die Annahmen für mehrjährige Interimszeiten zu hinterfragen. Ein Operninterim wird finanziell vertretbar und auch möglich, wenn nicht derartige Maximalforderungen diskussionslos gesetzt sind, sondern ein Interim auch als eine Chance begriffen wird, Oper einmal anders zu denken, an anderen Spielorten und in anderen Spielweisen, nicht als Repertoirebetrieb, sondern im En-suite-Betrieb usw. Dies ist das eine. Das andere sind die möglichen Spielorte. Hier sind prinzipiell mehrere Ansätze denkbar: Neubau, Umnutzung oder Nachnutzung. Bei letzterem würde das Bauwerk für das Interim entweder am gleichen Ort für eine andere, folgende und permanente Nutzung weiterverwendet, so dass sich der investive Aufwand rechtfertigt. Oder aber es ist ein ab- und wiederaufbaubares Bauwerk, welches andernorts für ähnliche Zwecke weitergenutzt werden kann wie z.B. bei der Opéra des Nations des Grand Théâtre in Genf, welche das in Holzbauweise ausgeführte Interim der Comédie- Française Paris von 2012/2013 ab 2016 weiternutzte. (siehe hierzu etwa: https://www.espazium.ch/de/aktuelles/das-opern-provisorium-genf-ein-instrument-aus-holz). Bei 60% auswärtigen Zuschauern wäre es zudem auch angemessen, Schauspiele und Oper nicht lokal, sondern regional zu begreifen und auch Ersatzspielstätten z.B. in Darmstadt in Betracht zu ziehen.

Mehre Studienprojekte befassten sich damit, wie für die Sanierung der Städtischen Bühnen Frankfurt eine Interimslösung konzipiert werden könnte. Im Wintersemester 2017/18 entwarfen Studierende der Universität Kassel ein Schauspielinterim für den Goetheplatz. Weitere Infos finden Sie hier im download.

Im Oktober 2019 entwarfen Studierende der AAC Academy for Architectural Culture Hamburg ein Operninterim an der Bockenheimer Warte. Weitere Infos finden Sie mit diesem link: www.aac-hamburg.de/forschung/kulturelle-bauten/details/workshop-1578-designs-for-an-interim-venue-of-the-frankfurt-opera.html

Neuerscheinung: Zoltan Kemenys Frankfurter Wolkenfoyer

Entstehung und Zukunft einer gefährdeten Raumkunst

der Initiative Zukunft Bühnen Frankfurt
erschienen im Deutschen Kunstverlag, 28 €

160 Seiten, zahlreiche Abbildungen in schwarz/weiß und Farbe

Die Raumskulptur des Künstlers Zoltan Kemeny im Glasfoyer der Städtischen Bühnen Frankfurt am Main prägt das Gesicht des Hauses. Von weit her sichtbar kontrastiert das über 100 Meter lange Kunstwerk von 1963 in seiner organischen Dynamik und betonten Handwerklichkeit mit der Architektur des Gebäudes.

Aufbauend auf neuen Forschungen stellt das Buch Künstler, Kunstwerk und die Genese und Rezeption des den Frankfurtern ans Herz gewachsenen Werks in Text und Bild vor. Neue studentische Entwürfe zeigen unterschiedliche Optionen auf, wie der Erhalt des vor kurzem unter Denkmalschutz gestellten Werkes mit einer konzeptionellen Revision der Städtischen Bühnen Hand in Hand gehen kann.

Dieses Buchprojekt wurde ermöglicht durch die großzügige Unterstützung von Kuratorium Kulturelles Frankfurt, Kulturamt der Stadt Frankfurt am Main, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Landesamt für Denkmalpflege Hessen, Bund Deutscher Architektinnen und Architekten BDA Frankfurt und zahlreiche Spenden.

Never demolish, always add, transform or reuse

Vortrag von Jean-Philippe Vassal, Lacaton & Vassal Architectes (Paris)

Dienstag, 17. Mai 2022, 19:00 Uhr

Anlässlich der Debatte um die Zukunft der Bühnen Frankfurt wird Jean-Philippe Vassal einerseits auf die Frage eingehen, wie Bestandsbauten weitergebaut,  baulich und konzeptuell weiterentwickelt und aktualisiert werden können (u.a. anhand aktueller Projekte wie Maaghallen Zürich; Friedrich-Ludwig-Jahn-Sports-Park). Zum anderen wird er die Frage des Stadttheater von heute adressieren: Wir können neue Formen von Öffentlichkeit, des Performativen und der Interaktion in Bühnenbauten der Gegenwart realisiert werden (u.a. anhand der Projekte Salle de spectacle polyvalente, Lille; Kampnagel Hamburg)

Frankfurt University of Applied Sciences
Hybrid-Vortrag Zoom | Hörsaal 601 Gebäude 1 (Maskenpflicht)
Anmeldung erforderlich unter www.frankfurt-university.de/harnack

Der Vortrag wird von der Architekten- und Stadtplanerkammer Hessen und von der Ingenieurkammer Hessen mit 2 Fortbildungspunkten anerkannt.

Initiative Städtische Bühnen Frankfurt und Frankfurt University of Applied Sciences in Kooperation mit dem Frankfurter Forschungsinstitut für Architektur • Bauingenieurwesen • Geomatik FFin, der Vereinigung für Stadt- Regional und Landesplanung SRL und dem Arch+ Verein zur Förderung des Architektur- und Stadtdiskurses e.V.

Bild: Lacaton-Vassal: Salle de spectacle polyvalente, Lille. Foto: Phlippe Ruault

Abbruch statt Aufbruch?

Der Vorschlag zur Zukunft der Städtischen Bühnen Frankfurt bleibt in altem Denken gefangen

Beim Neubauprojekt der Städtischen Bühnen, so scheint es, geht es voran. So sollen die Stadtverordneten möglichst bald über den Standort der neuen Bühnengebäude entscheiden. Grundlage dafür sind weitere Gutachten zu den Themen Denkmalschutz, Verkehr und Klima – dass es diese nun gibt, ist erfreulich. Zusammengefasst ist der Stand der Dinge in dem im Herbst letzten Jahres vorgelegten Bericht der Stabsstelle „Zukunft Städtische Bühnen“. Der mehr als hundert Seiten zählende Band ist an eine breitere Öffentlichkeit gerichtet, dürfte aber nicht zuletzt auch den Stadtverordneten als Grundlage ihrer Entscheidung dienen. Vermeintlich neutral analysiert der Bericht die Vor- und Nachteile der verschiedenen Optionen für die Zukunft der Städtischen Bühnen. Doch eine genaue Analyse zeigt, dass er Fakten verzerrt und ausblendet, um „Argumente“ für das Projekt Kulturmeile zusammenzutragen, also für den Bau zweier getrennter Häuser für Oper und Theater an den Wallanlagen. Mit diesen Manipulationen steht der Bericht beispielhaft für die (Des-)Informationspolitik von Stabsstelle und Kulturdezernat während der vergangenen Jahre.

Protestaktion von Friday for Future im Rahmen des globalen Klimastreiks im März 2021

An vier Punkten zeigt sich dies deutlich:

1. Kleinrechnen der Investitionskosten: Zahlen vermitteln den Anschein objektiver Fakten, und so erscheint das Ergebnis der Kalkulationen der Stabsstelle eindeutig und belastbar. Mit geschätzten Investitionskosten in Höhe von € 811 Mio. wird das Kulturmeilen-Projekt gegenüber den vier anderen möglichen Standortoptionen im Bericht als günstigste Variante präsentiert; die anderen Varianten kämen demnach auf Kosten zwischen € 835 Mio. und € 891 Mio. Allerdings sind bei dieser Kalkulation die Kosten für den Erwerb des Grundstücks für die Oper an der Neuen Mainzer Straße nicht enthalten – es wären dies Mehrkosten, die sich auf einen dreistelligen Millionenbetrag belaufen dürften und das Kulturmeilen-Projekt zur teuersten der vorgestellten Varianten machen würden. Das Fehlen dieses Postens in der Kostenschätzung wird im Bericht zwar nicht verschwiegen (S. 92), aber beim abschließenden, gleichsam als Empfehlung zu lesenden Fazit gänzlich ausgeblendet (S. 93–96). Die Kosten für den durch den Umzug der Oper nötig werdenden Umbau der Neuen Mainzer Straße werden gar nicht erst erwähnt. Die beigefügte Tabelle „2. Investitionskosten, überarbeitet 02/2022“ zeigt deutlich, dass nicht die vom Magistrat präferierte Variante die wirtschaftlichste ist.

2. Schönrechnen der Nachhaltigkeit: Ein ähnlich freier Umgang mit Berechnungsmodellen zeigt sich auch bei der ökologischen Bewertung der verschiedenen Neubauvarianten. So erhält das Kulturmeilen-Projekt eine uneingeschränkt positive Bewertung hinsichtlich der Nachhaltigkeit – und dies, obwohl das Projekt Abriss und Neubau gleich zweier großer Gebäudekomplexe vorsieht. Begründet wird diese positive Bewertung im Bericht damit, dass der Bau der 1963 eröffneten Theaterdoppelanlage nach über 50 Jahren das Ende seiner „mögliche(n) Lebensdauer“ erreicht habe und daher der Abbruch nicht negativ auf die Nachhaltigkeitsbewertung angerechnet werden könne (S. 46–47). Es klingt fast zynisch, dass hier großmaßstäbliche Gebäudeabbrüche mittels immobilienwirtschaftlicher Lebenszyklusanalysen grüngerechnet werden – als könnten die Herausforderungen sich verknappender Rohstoffe und steigender Treibhausgasemissionen dadurch bewältigt werden, dass alle vor 1970 entstandenen Bauwerke zum Abriss freigegeben werden. Dabei gilt es gerade den energie- und ressourcenintensiven Rohbau von Bauwerken so lange wie möglich zu nutzen! Aber selbst wenn man dieser Logik zustimmen würde, wäre die vernichtete graue Energie nicht gleich Null – denn die Nachhaltigkeitsberechnungen im Bericht übergehen geflissentlich den Umstand, dass ein beträchtlicher Teil der Theaterdoppelanlage, nämlich der Werkstättenkomplex an der Rückseite, keine zehn Jahre alt ist und daher in die Kalkulation einfließen müsste. Und der Abbruch des 2004 teilweise erneuerten Gebäudekomplexes an der Neuen Mainzer Straße, wird konsequenterweise auch nicht einberechnet, ja nicht einmal erwähnt. Die beigefügte Tabelle „1. Nachhaltigkeitsorientierte Standortprüfung, überarbeitet 02/2022“ zeigt deutlich, dass die vom Magistrat präferierte Variante nicht die nachhaltigste ist.

Es bleibt nur zu hoffen, dass eine Koalition, die sich eine ökologische Politik auf die Fahnen schreibt und in ihrem Koalitionsvertrag explizit Umbau und Sanierung die Priorität vor Abbruch gibt, sich nicht von solch lückenhaften und tendenziösen Berechnungen in die Irre führen lässt. Es sei an die unmissverständliche Formulierung des Koalitionsvertrags erinnert: „Beim Bauen setzen wir auf eine ökologische, ressourcenschonende Umsetzung, in dem wir bei neuen Nutzungen Priorität auf Umbau vor Abriss setzen. […] Ein wichtiger Pfeiler um Frankfurt bis 2035 klimaneutral zu gestalten, ist die klimaneutrale bzw. deutlich klimafreundlichere Sanierung aller städtischen Gebäude.“ (S. 44f).

3. Ignorieren des Denkmalschutzes: Die Tatsache, dass das Foyer mit seiner Glasfassade und den „Wolken“ Zoltán Keménys 2020 unter Denkmalschutz gestellt wurde, wird im Bericht nur in einem kurzen Abschnitt abgehandelt – wobei im gleichen Zug implizit die Frage nach Notwendigkeit und Sinnhaftigkeit der Erhaltung des Foyers gestellt wird. Hier wird versucht, das Foyer – unter Verkennung der im Denkmalgutachten umfassend gewürdigten Bedeutung des Bauwerks – bloß als „Ergebnis einer wechselvollen Planungs-, Bau- und Umbaugeschichte“ herabzuwürdigen (S. 102). Dazu passt eine Bildregie, die vom Foyer einzig den Rohbauzustand von 1962, dazu bröckelnde Ecken (S. 114) und den Wildwuchs der Dachaufbauten (S. 6) zeigt. Zudem wird in den entscheidenden Abschnitten des Berichts, vor allem bei der Bewertung der verschiedenen Standortvarianten, der Denkmalstatus des Foyers vollständig ausgeblendet – als sei die Unterschutzstellung als unverbindliche, ggf. zu ignorierende Erhaltungsempfehlung zu verstehen. Dementsprechend überrascht es nicht, dass der Bericht abschließend fordert, dass „die Frage der Relevanz des Denkmalschutzes“ bis zur Auslobung des Neubauwettbewerbs „verbindlich geklärt“ werden müsse (S. 111). Das ist gar nicht nötig, denn diese Frage ist längst geklärt: Foyer und Wolken stehen rechtskräftig unter Denkmalschutz, und eine Sanierung dieses Bauwerks ist, was auch der Bericht nicht verhehlen kann, gemäß einem Fachgutachten möglich. Folglich muss der Erhalt des Wolkenfoyers auch Teil aller weiteren Überlegungen zur Zukunft der Bühnen sein. Doch der Bericht verzichtet darauf, diese Frage aufzugreifen.

4. Mangelnde Transparenz: Bezeichnend ist, dass das Sachverständigen-Gutachten, das die Erhaltungsfähigkeit des Foyerbaus bestätigt, im Bericht nur kurz erwähnt, aber nicht veröffentlicht wird. Das gilt entsprechend für die weiteren Gutachten, von denen auf S. 10 die Rede ist. Wir nehmen an, dass daraus nur zitiert wird, was der eigenen Argumentation dient oder nicht verschwiegen werden kann. Das weckt Erinnerungen an die Situation im Jahr 2020, als das grundlegende Validierungsgutachten, das in wichtigen Punkten den öffentlichen Darstellungen der Stabsstelle widerspricht oder zumindest andere Lesarten erlaubt (http://zukunft-buehnen-frankfurt.de/2020/08/24/validierungsgutachten-widerspricht-der-abrissbegruendung/), so lange wie möglich unter Verschluss gehalten wurde. Da scheint sich in der Kommunikationsstrategie der Stabsstelle also wenig geändert zu haben.

Wenig geändert hat sich seither auch beim Theaterkonzept: Nach wie vor vermissen wir bei den Vorplanungen der Bühnengebäude grundlegende Gedanken zur Zukunft des Theaters und zur künftigen Rolle von Theaterhäusern in der Stadt. Die Ausgangsbasis für die Planungen bildet vielmehr „das bestehende Raumprogramm, das […] an aktuell geltende betriebliche Anforderungen und gesetzliche Vorgaben (u. a. an die Arbeitsstättenverordnung) angepasst wurde“ (S. 14). Kurz: Die Vision für das Frankfurter Theater der Zukunft besteht in der Fortschreibung von Spielbetrieb und Raumprogramm des vorangegangenen Jahrhunderts, ergänzt um zwei Multifunktionsräume, angepasst an die aktuelle Arbeitsstättenverordnung.

Und so weckt dieser Bericht grundsätzlich den Eindruck, als habe sich in den letzten Jahren nichts geändert, nichts getan, als wolle man das im Frühjahr 2020 aus der Taufe gehobene Projekt der Kulturmeile mit aller Gewalt durchsetzen. Als habe es keine Pandemie mit allen Folgeerscheinungen gegeben, kein Schrumpfen der Steuereinnahmen und keine Explosion der Baukosten und keine schon viel länger andauernde Krise der Stadttheater. Als habe es keine Unterschutzstellung des Wolkenfoyers durch das Landesdenkmalamt gegeben. Und als habe es keine fundamentalen klimapolitischen Debatten und keinen von der neuen Römer-Koalition beschworenen Aufbruch in eine klimagerechte und nachhaltige Zukunft gegeben, der sich auch in einer neuen Bewertungsmatrix für Bauprojekte niedergeschlagen hat. Als ob der Klimawandel durch schon länger geplante Projekte weniger angeheizt würde. Stattdessen soll ein Projekt, das konzeptionell irgendwo zwischen Hoffmanns Museumsufer der 1980er Jahre und Gehrys Museum in Bilbao aus den 1990er Jahren gefangen ist, durchgesetzt werden – ohne zu fragen, ob diese Museumsprojekte des 20. Jahrhunderts mit den baukulturellen Strategien für das 21. Jahrhundert, mit den Bedürfnissen einer Stadtgesellschaft, die sich geändert hat, mit dem Klimawandel oder auch mit den Anforderungen an das Theater und an Theaterbauten der Zukunft vereinbar sind.

Augen zu und durch? Wir fordern das Offenlegen aller Gutachten und eine unvoreingenommene und ergebnisoffene Diskussion der Varianten unter Berücksichtigung von Nachhaltigkeit, Klima- und Denkmalschutz. Wir stehen mit diesen Forderungen nicht allein. Der Bund deutscher Architekten (BdA) hatte bereits im Mai 2021 eine Neuorientierung der Debatte um die städtische Bühnen gefordert (siehe Anlage). Die Ortsgruppe Frankfurt der Architects for Future hatte bereits im März 2021 während des Klimastreiks gegen die sich anbahnende Abrisspolitik gewendet und jetzt hierzu ebenfalls ein Statement vorgelegt (siehe Anlage).

Alfons Maria Arns, Helene Bihlmaier, Maren Harnack, Sascha Köhl, Philipp Oswalt für die Initiative Zukunft Bühnen Frankfurt

Pressestimmen zu unserer Stellungnahme:

FAZ, 15. Februar 2022 (Paywall)

FR, 15. Februar 2022

Journal Frankfurt, 16. Februar 2022

Das Theater als Gegenpol und Gedächtnis-Stimulus: ein Plädoyer für den Erhalt der Bühnen

In einem Gastbeitrag, in dem er die Bedeutung des Bühnengebäudes als Gegengewicht zu den benachbarten Hochhäusern der Finanzwelt, aber auch als „Gedächtnis-Stimulus“ und Erinnerungsträger der Frankfurter Theatergeschichte hervorhebt, spricht sich Dr. Wolfgang Leuschner für den Erhalt des Bauwerks aus. Der Text ist bereits im Jahr 2019 entstanden – hat aber nichts an Aktualität eingebüßt:

„Wenn jetzt ins Auge gefasst wird, den Frankfurter Theaterkomplex abzureißen und irgendwo neu zu bauen, so hätte dies fatale Folgen für die Stadt, die Theaterbesucher und die Theaterwelt. Seine Zerstörung hat etwas Frevelhaftes, denn Theaterbauten sind Kultstätten. Sie folgen einer Daseinsbestimmung, kathartische Erlebnisse hervorzurufen, heftige körperliche und psychische Erregungen, um sie zugleich zu zähmen. Für zwei Stunden ihres Lebens sollen die Menschen aus ihren Gewohnheiten und starren Haltungen heraustreten und sich in den Figuren auflösen können. Sie sollen mitweinen können, wenn Mimi stirbt, Santuzza betrogen wird, Woyzeck verrückt und zum Mörder wird. Es geht um ein die Menschen passager tief ergreifendes Geschehen: ein existenzielles Sichbefreien von psychischen und körperlichen Fixierungen, eine „Reinigung“ von Konflikten und inneren Spannungen. Schauspiele, Opern und Tanz wecken seelische Ausnahmezustände, milde Trance, d.h. innere Verfassungen, die man vielleicht als Theater-Ich bezeichnen kann.

Aber Katharsis braucht einen festen äußeren Rahmen, einen städtischen Ort, ein Gehäuse, das diese Erregungen umfasst und bindet. Es kann nicht darum gehen, dass wir uns in den vom Spiel geweckten Leidenschaften, Sehnsüchten und Ängsten verlieren oder auflösen. Es braucht einen konstant vorhandenen vertrauten Resonanzkörper, der eine gewisse mütterliche Sicherung bietet. Während Schauspieler, Sänger und Tänzer „vagabundieren“, also ihre Ortsbindung immer wieder aufgeben, geht es bei den Zuschauern um reale und v.a. psychische Fixierung an den Standort, an Gemäuer und Inventar der Theatergebäude. Ihre außerordentlichen Affekte benötigen geradezu einen fixen Raum, um darin für immer „eingelassen“ oder „gespeichert“ zu werden. Sie haben die Tendenz, sich dauerhaft an dieses Bauwerk zu binden, hierin Wurzeln zu schlagen.  Es geht um eine Aneignung, alles im Haus soll „meins“ werden  und das erzeugt in ihrem Seeleninneren Wahrnehmungstraditionen.

Wenn von einer sakralen Bedeutung einer Theaterstätte gesprochen wird, und das zu Recht, so geht es also nicht nur um Jahrtausende alte, aus der Antike übernommene Elemente des Theaters. Es geht nicht um Archetypisches. Der quasi heilige Charakter erwächst aus dem, was die Zuschauer in ihrem Ausnahmezustand jeweils erlebten und jeden Abend wieder erleben und dann auf Gemäuer übertragen. Es ist zuerst das Gemäuer, das Kultstätte wird, weil die Theaterbesucher ihr Theatererleben, ihre Gefühle besonders auch damit „verkleben“. So entsteht eine räumlich-seelische Einheit, ein Zuhause, das sogar den Mief des Parketts, den Schmutz an der Außenfassade, in Frankfurt auch noch die im Treppenhaus versteckten Mauerreste des alten Schauspielhauses einbezieht. Diese Einheit bildet ein Zuschauer-„Archiv“ und hat ein Eigenleben. Es verfügt seitdem über das, was man in der Erinnerungstheorie „Hinweisreize“ nennt. Das Theaterhaus wird ein Gedächtnis-Stimulus: unabhängig vom Theaterstück kehren die Menschen zurück in die Ära Buckwitz oder Forsythe, in die Theaterbesuche ihrer Jugendzeit. Und wie im Traum geht es auch hier zeitlos zu, das Bauwerk redet von gestern, heute und morgen. Diese Rede ist immer vielstimmig, ein Chor früherer Schauspieler, Tänzer, Sänger und Musiker, vielleicht mit Gielen am Pult, phantasierten früheren Besuchern, vielleicht Adorno in der ersten Reihe, Reich-Ranicki, Hoffmann, den Mitscherlichs, Bürgermeistern und wohl auch inzwischen verstorbenen ehemaligen Sitznachbarn. Irgendwie sind sie immer noch da und bilden in unseren Vorstellungen eine latente Szene, wie ein Traum im Traum.

Solche Zuschreibungen betreffen im Übrigen nicht nur Theatergebäude. Die Menschen machen das mit vielen Bauwerken, mit Kirchen, Burgen, Schulen, selbst Städten. Deswegen benannten die Frankfurter ihren Dom nach dem heiligen Bartholomäus, trägt der Frankfurter Römer den Namen einer alten Familie, werden Schulen und Straßen mit den Namen bedeutender Männer und Frauen versehen. Und so füllen sie sie mit den Seelen einst lebendiger Menschen. Oft vergleichen wir sogar ganze Stadtgebiete mit Körperteilen, sprechen vom „Bauch“ oder „Gesicht“ oder dem „Herzen“ einer Stadt. Das zeigt nochmals, wie sehr die Menschen diese personale Aufladung brauchen. Das erhofften sie sich von dem Wiederaufbau der zerstörten Altstadt. Mehr als in der profanen oder religiösen Welt erhält das Theater allerdings noch eine außergewöhnliche Zugabe: hier schreiben sich die Besucher schließlich sogar selber in die Gemäuer ein; sie begegnen ihren eigenen früheren Erlebnissen, treffen gewissermaßen sich selber.

Zudem werden Theaterbauwerke immer verstanden und genutzt als öffentlicher „Markt“. Hier findet sich regelmäßig eine säkulare städtische „Gemeinde“ ein und verbindet sich in Wechselbeziehungen untereinander und mit den Vorgängen auf der Bühne und dann im Foyer zu einer Kulturgemeinschaft. So informell und zufällig das zustande kommen mag, paradoxerweise trägt es zur Güte und Stabilität einer demokratischen Stadtkultur bei. So wichtig Schauspieler und ihre Darstellungen sind, beseelt wird das Haus kollektiv von seinen Zuschauern und von ihrem Zugehörigkeitsgefühl, das sie miteinander verbinden; und das strahlt nicht nur in ihr persönliches Leben, sondern auch auf die Stadt aus.

Wie jedes Theatergebäude machen die städtischen Bühnen Frankfurts auch baulich etwas mit der Stadt als ganzer. Eine Aufspaltung in zwei Häuser und Verlegung in andere Stadtgebiete zerstörte nicht nur Gebäude, vertraute Laufwege und Bindungen an den Ort, sondern brächte auch gewohnte Stadtarchitektur durcheinander. Seit 55 Jahren ist dieser Gebäudekomplex ein Schaukasten, Einblicks- und Ausblickspunkt für Millionen Besucher, wurde es mit seinen Blechwolken in der Foyer-Auslage zum architektonischen und kulturellen Gravitationszentrum einer ganzen Metropolregion. Sie hielt diese in gewisser Weise sogar zusammen. Zusammen mit der Komödie und dem Jüdischen Museum bildet es bis heute an diesem Standort gesellschaftspolitisch ein Gegengewicht, einen im Stadtbild verankerten demokratischen Widerspruch; es schafft kritische Distanz zu den umgebenden Wolkenkratzern, dem Arbeitsdistrikt einer internationalen Finanzwelt, die – demokratisch nicht kontrolliert – nicht aufhören kann, die Menschen weltweit mit Cum-Cum-Geschäften, Hedgefonds- und Immobilienhandel zu betrügen (und einen Verkaufsgewinn für den alten Standort sicher schon ausgekuckt hat). Abbruch und Neubau des Theaters wären ein politisches Rückzugssignal und brächten das soziale Gesamtgefüge dieses Viertels noch mehr durcheinander.

Zerstörte man es zusammen mit seinen Zuschauer-„Inschriften“, so stürben Buckwitz oder die hier erlebte Mimi endgültig und unwiederbringlich. Mit dem Bau stürbe etwas Früheres von den Zuschauern, die sich das Haus über mehr als ein halbes Jahrhundert lang angeeignet hatten. In einem neuen Theaterbau „in zeitgemäßer Architektur“ wären eine besondere Geschichte der Menschen und eine besondere Geschichte Frankfurts für immer verloren. Eben das macht seinen Abriss zum Frevel.

Wie in keiner anderen Stadt wurde und wird in Frankfurt so vieles so rücksichtslos und geschichtsblind preisgegeben. Unübersehbar ist hier die Stadtgestaltung von einer ungewöhnlichen architektonischen Beseitigungs-Pathologie, einer manischen „Bereinigungskultur“ angetrieben, die insbesondere Nachkriegsbauten, jetzt das Theater und seine Tradition, ins Visier nimmt und auswechseln will. Offensichtlich ist dabei eine spezielle Zerstörungslust wirksam, die sich zwar durch Brandschutzbestimmungen u.ä. legitimiert und letztlich aber den Wunsch verkleidet, gerade die Nachkriegsgeschichte zu tilgen.

Wundert man sich, wenn die Menschen nach rechts driften und nun eine – wenn man den Begriff schon gebrauchen will – „Identität“ leben wollen, deren eine Säule hier doch gerade umgerissen wird? Mit dem Buckwitz-Bau wird auch sie, die Wahrnehmungsidentität, an der sich ein innerer Zusammenhang von Menschen gerade festgemacht hat, „abgerissen“. Alles wird flexibel, „event“; und man macht sich gar nicht klar, dass der Abriss als ständig gegebene Möglichkeit auch am neuen Theaterbau kleben bleiben wird.

Dr. med. Wolfgang Leuschner ist Arzt für Psychatrie und Psychoanalyse in Frankfurt am Main

Welches Theater für welche Stadt?

„Was für ein Theater will diese Stadt?“ Dieser Frage widmet sich Nikolaus Müller-Schöll, Professor für Theaterwissenschaft an der Goethe-Universität und Mitinitiator der Petition „Zukunft Städtische Bühnen Frankfurt“, in einem Beitrag in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift „Theater Heute“ (Heft 3, 2021, S. 26-31). Denn nach den Kommunalwahlen in diesem Monat könnte, so Müller-Schöll, „die Diskussion, vielleicht, sollten sich die Mehrheitsverhältnisse ändern, mit gänzlich neuen Akteuren, noch einmal von vorn beginnen. Was eine Jahrhundertchance eröffnen könnte: Endlich könnte nun die Frage danach öffentlich diskutiert werden, was diese Stadt denn von ihrem Stadttheater im 21. Jahrhundert will und wie das dafür angemessene Haus aussehen muss, die wichtigste, die eigentliche, der Kern: Hat man die vielschichtige, mit harten Bandagen und offenen wie gut versteckten Interessen geführte Architekturdebatte zergliedert, stößt man darunter auf die nicht minder vielschichtige Institutionsdebatte. Hinter ihr verbirgt sich die Frage nach der Funktion des Theaters in der Stadt. Und damit verbunden ist nicht zuletzt die Frage, welches Theater für welche Art von Stadt steht? Über sie müsste gestritten werden.“

Den gesamten Text des Artikels erhalten Sie (kostenpflichtig) auf der Webseite des Theaterverlags:

https://www.der-theaterverlag.de/theater-heute/aktuelles-heft/artikel/welches-theater-fuer-welche-stadt/

Wer sagt hier eigentlich die Unwahrheit?

Philipp Oswalt

In dem Artikel Hafenoper versenkt in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 27. Januar 2021 behauptete der Redakteur Matthias Alexander, dass es Philipp Oswalt als Vertreter der Initiative Zukunft Bühnen Frankfurt „– auch unter Vorspiegelung alternativer Fakten– gelungen war, alle möglichen Institutionen, die sich in Fragen des Denkmalschutzes für kompetent halten, aber von den tatsächlichen baulichen Gegebenheiten in Frankfurt wenig Ahnung haben, zu vehementen Protesten anzuhalten“. Infolge dessen hätte dann der zuständige Landesdenkmalpfleger in einem wesentlichen Punkt nachgegeben und das Foyer unter Denkmalschutz gestellt.

Das Landgericht Berlin hat am 24. Februar 2021 der FAZ diese Äußerung unter Androhung eines Ordnungsgeldes bis zu 250.000 € untersagt, da die rufschädigende Unterstellung des Agierens mit „Vorspiegelung alternativer Fakten“ eine unwahre Tatsachenbehauptung ist. Abgesehen hiervon spricht es für sich, dass Herr Alexander alle Personen, die sein Votum für ein Neubaulösung nicht teilen, für inkompetent erklärt und behauptet, der Landeskonservator Heinz Wionski sei vor dem Druck der mit unwahren Behauptungen agierenden Protestler eingeknickt und hätte gegen seine Überzeugung das Foyer unter Denkmalschutz gestellt. Wionski hatte aber bereits drei Jahre zuvor den Denkmalwert von Foyer und weiteren Gebäudeteilen öffentlich bekundet.

Die Ironie bei der Unterstellung „alternativer Fakten“ war zudem, dass es bei der Kritik an dem offiziellen, von Herrn Alexander unterstützten Kurs der Stadt Frankfurt am Main nicht zuletzt darum ging, dass die Fachgutachten vonseiten der Stadt der Öffentlichkeit und den Stadtverordneten vorenthalten wurden und wir als Initiative deren Veröffentlichung mit Nachdruck und letztendlich erfolgreich einforderten. Dabei wurde offenkundig, dass die Fakten anders sind als von den Verantwortlichen dargestellt und die Begründung für den pauschalen Ausschluss von Bestandslösungen nicht plausibel und infolge dessen hinfällig sind (siehe: http://zukunft-buehnen-frankfurt.de/2020/08/24/validierungsgutachten-widerspricht-der-abrissbegruendung/).

Matthias Alexander stützte seine Falschbehauptung im Wesentlichen auf Äußerungen des Leiters der Stabsstelle der Stadt Frankfurt am Main Michael Guntersdorf. Insofern wandte sich der Beschluss des Berliner Landgerichts indirekt auch gegen dessen Falschdarstellungen. Bereits im April 2020 hatten Michael Guntersdorf und Kulturdezernentin Ina Hartwig der Initiative das Agieren mit unwahren Behauptungen unterstellt (siehe FAZ vom 8.4.2020). So behaupteten beide laut FAZ, anders als kritisiert seien keine Informationen unter Verschluss gehalten worden. De facto aber wurden erst auf Druck der Initiative und Monate nach dem Abrissbeschluss der Stadtverordnetenversammlung vom 30. Januar 2020 die entscheidungsbegründenden Gutachten der Öffentlichkeit und auch den Stadtverordneten selbst zugänglich gemacht: Das Gutachten des Planerteams im Mai 2020, der Validierungsbericht im August 2020.

Die städtische Stabsstelle bezichtigt ihre Kritiker der Falschaussage. Und Matthias Alexander von der FAZ übernimmt unkritisch diese diffamierenden Äußerungen.

Mit gutem Beispiel voran!

In einem ausführlichen Interview in der FAZ vom 3. Februar nimmt Maren Harnack, Professorin für Städtebau an der Frankfurt UAS und Mitglied der Initiative Zukunft Städtische Bühnen, Stellung zur städtebaulichen Entwicklung der Stadt. In diesem Rahmen äußert sie sich auch zu den aktuellen Debatten um das Bühnengebäude und kritisiert die Fantasielosigkeit der laufenden Planungen – sowohl in konzeptioneller als auch in architektonischer Hinsicht.

Die von der Stadt in Auftrag gegebenen Testentwürfe für die Bühnen arbeiten mit ziemlich herkömmlichen Ansätzen bis hin zur Frage, an welcher Seite sich die ‚repräsentative Seite‘ befinden wird, und wenig mit dem, wie Theater in Zukunft sein kann. Man muss mehr über das Theater von morgen nachdenken und es mit der Stadt zusammenbringen. Man weiß ja gar nicht, was man will. Der jetzige Weg leuchtet mir nicht ein: Man perpetuiert das, was man schon hat.“
Maren Harnack, FAZ, 3. Februar 2021

Zugleich wirbt sie für einen gleichermaßen respektvollen und kreativen Umgang mit dem bestehenden Bühnengebäude, dessen Qualitäten es zu bewahren gilt, dessen Bestand man gleichwohl umfassend erneuern und so den veränderten Bedürfnissen anpassen könne.

Ich bin dafür, den Bestand der Doppelanlage weiterzuentwickeln, nicht, ihn zu konservieren. Die Anlage ist nicht frei von Fehlern, man kann und man muss den Bestand kräftig anfassen. Man sollte das Erdgeschoss viel mehr zur Stadt öffnen und das ganze Haus stärker mit der Umgebung vernetzen (…). Man könnte das Foyer erhalten und dahinter ganz viel umbauen und das Konglomerat mit dem Seeling-Bau, also den Resten des historischen Schauspielhauses von 1902, um etwas Neues ergänzen.“
Maren Harnack, FAZ, 3. Februar 2021

Grundsätzlich gelte es, den Gebäudebestand der Stadt respektvoll und nachhaltig weiterzuentwickeln. Die Kommune sollte (nicht nur) bei den Städtischen Bühnen in dieser Hinsicht ein Zeichen setzen.

Wir müssen generell sorgfältiger mit unserem Gebäudebestand umgehen. Wie viel in Frankfurt abgerissen, ist der reinste Wahnsinn. Die Stadt sollte da mit gutem Beispiel vorangehen.“
Maren Harnack, FAZ, 3. Februar 2021

Welches Theater für welche Stadt? Veranstaltungsdokumentation

Die Podiumsdiskussion zur Zukunft der Städtischen Bühnen Frankfurt fand am 17. Februar 2021 im Rahmen der Reihe „Welches Theater für welche Stadt?“ in Kooperation mit der Goethe-Universität Frankfurt am Main sowie dem LOEWE Schwerpunkt „Architekturen des Ordnens“ statt.

Podium

Moderation

Ulrike Haß, Theaterwissenschaftlerin, Bochum/Berlin
Frank Schmitz, Architekturhistoriker, Universität Hamburg

Prof. Dr. Carsten Ruhl, Architekturhistoriker, Goethe-Universität Frankfurt

Frankfurts Theater steht im Augenblick vor einer Weichenstellung, die es bis weit in das 21. Jahrhundert maßgeblich mitprägen wird: Wie sollen die Gebäude aussehen, in denen zukünftig das städtisch subventionierte Theater stattfinden wird? Wo sollen Oper, Schauspiel, Kinder- und Jugendtheater, wo die experimentellen darstellenden Künste zukünftig geprobt, aufgeführt, gesehen und verhandelt werden? Vier der fünf zukünftigen städtischen Theaterbauten sind derzeit – auf verschiedenen Stufen – in Planung.

Vor diesem Hintergrund wollen Architekturgeschichte und Theaterwissenschaft der Goethe-Universität Frankfurt am Main in zwei Veranstaltungen die durch diese Situation aufgeworfenen Fragen öffentlich diskutieren. Dabei sollen Vorträge von Wissenschaftler_innen und Gesprächsbeiträge von Künstler_innen dazu beitragen, die dringend gebotene Diskussion über das Frankfurter Theater der Zukunft auf eine breitere Grundlage zu stellen. 

Im Rahmen der ersten Veranstaltung „Theater 2040 – Konzeptionen und ihre Architekturen“ am 16. Dezember 2020 sprach Nikolaus Müller-Schöll (Theaterwissenschaftler, Goethe-Universität Frankfurt) mit der Leiterin des Kulturzentrums Kampnagel, Amelie Deuflhard sowie der Dramaturgin Rebecca Ajnwojner (Maxim Gorki Theater Berlin). Ein Mitschnitt der Veranstaltung ist hier online verfügbar.

Pressebericht in der FAZ vom 19.2.2021: https://zeitung.faz.net/faz/rm-kultur/2021-02-19/538744e83c428afaaf793c70b786b156/?GEPC=s5

Städtische Bühnen Frankfurt, Bild: Ufert Beckert ©Sven und Jens Beckert,
Bearbeitung: Anna Ranches (Bureau Mitte)

Pressespiegel: Weiterbauen ist die Zukunft

Angesichts der nahenden Wahlen am 14.3.2021 ist die Diskussion um die Zukunft der Bühnen wieder entbrannt. Viele Zeitungen und Journale berichteten, wobei die kritische Stellungnahme des hessischen Wirtschaftsministeriums zu dem von der CDU favorisierten Bühnenstandort Osthafen ein wichtiges Thema war. In der FR vom 2.2. wiederum setzte sich Christian Thomas kritisch mit der Initiative zur Rekonstruktion des Seeling-Theaters von 1902 auseinander. Besonders bemerkenswert, weil besonders schrill im Ton und einseitig in der Argumentation, waren zwei Artikel von Matthias Alexander in der FAZ (vom 27.1. und 5.2.). Er beließ es nicht bei Diffamierungen „heuchelnder“ Politikerinnen und Politiker und pauschalen, nicht weiter begründeten Unterstellungen gegenüber Mitgliedern unserer Initiative („Vorspiegelung alternativer Fakten“) oder der Beleidigung aller, die sich für den Erhalt des Foyers einsetzen, als „Stahlbetonköpfe“. Nein, der Historiker Alexander, ausgewiesener Spezialist für konservative Parteien im Kaiserreich, erkühnte sich sogar, zunächst die Kompetenz aller nationalen Denkmalpflegeverbände anzuzweifeln („die sich für kompetent halten“), um dann der großen Zahl von Fachleuten, die den seiner Empfindung nach „überbewerteten“ Foyerbau als bedeutend und daher erhaltenswert einschätzten, implizit das fachliche Urteilsvermögen abzusprechen. Zu den derart Zurechtgewiesenen gehört auch Christoph Mäckler, der in einem Interview mit der FAZ jüngst das Foyer als „irrsinnig elegant“ bezeichnete und seinen Erhalt begrüßte.   

Sehr viel aufschlussreicher als die persönlichen Kommentare von Journalisten, die sich in der Sache „für kompetent halten, aber von den tatsächlichen baulichen Gegebenheiten (…) wenig Ahnung haben“ (Zitat Alexander), ist das Interview, das Rainer Schulze (FAZ) jüngst mit dem Frankfurter Architekturbüro schneider+schumacher führte, die federführend an der Validierung der Machbarkeitsstudie zu den Städtischen Bühnen beteiligt waren – schließlich kennt kaum jemand das Gebäude und den Planungsstand besser (Stadt der Zukunft. „Fußgängerzonen haben sich nicht bewährt“ vom 25.1.2021). Till Schneider bewertete in dem Interview den Abbruch-Beschluss der Stadt vom Januar 2020 als Folge einer Kettenreaktion, die sich noch aufhalten ließe.

„Der Willy-Brandt-Platz ist der geeignete Ort. Ich fände es reizvoll, wenn man es doch schaffen würde, die bestehende Doppelanlage entweder zu sanieren oder an diesem Ort ganz oder teilweise neu zu errichten.“
Till Schneider, FAZ, 25.01.2021

Im Zuge der Validierung der überarbeiteten Machbarkeitsstudie von 2017 erhielten die Architekten einen detaillierten Einblick in die technischen und wirtschaftlichen Prämissen der Studie. Ausschlaggebend für den Entscheid der Stadt, die Option einer Sanierung zu verwerfen, war laut Schneider die zugrundeliegende Annahme, dass die bestehenden Flächen für die aktuellen technischen wie behördlichen Anforderungen an die Gebäudetechnik nicht ausreichen, weshalb die Werkstätten weichen müssen. Auf dieser Prämisse basierte die Einschätzung, dass ein Neubau gegenüber der Sanierung wirtschaftlicher sei.

„Die Annahme, dass die Gebäudetechnikflächen nicht mehr ausreichen, löst eine Kettenreaktion aus. Dass die Sanierung bisher die teuerste Variante ist, hängt an dieser Kette.“
Till Schneider, FAZ, 25.01.2021

Innerhalb des Validierungsteams war das international renommierte Ingenieurbüro Arup für den Themenkomplex der Haustechnik verantwortlich und erbrachte den Nachweis, dass die notwendigen haustechnischen Anlagen auch auf den zur Verfügung stehenden Flächen untergebracht werden könnten. Die Werkstätten könnten folglich am jetzigen Ort bleiben und die bisher angenommene Kaskade ließe sich aufhalten.

Es ist eine Entscheidung: Man kann die Bühnen erhalten und nachhaltig sanieren, oder man baut sie neu an anderer Stelle oder am Willy-Brandt-Platz.“
Till Schneider, FAZ, 25.01.2021

Kritisch betrachten kann man gemäß Schneider zudem die wirtschaftliche Bewertung der untersuchten Varianten. Für eine Sanierung wurde ein Risikoaufschlag von 30% eingerechnet, für einen Neubau jedoch nur 10%, auch wenn im Falle eines Neubaus bisher weder der genaue Standort noch ein belastbares Raumprogramm bekannt seien. Ebenso könnten die bisher veranschlagten Kosten für die notwendigen Interimsbauten noch optimiert werden.

Auch wenn die bestehende Doppelanlage einige Herausforderungen mit sich bringe, seien die bestehenden Probleme durchaus lösbar. Das Thema Energieeffizienz zum Beispiel ließe sich mit neuen Konzepten zur Außenhaut und der Gebäudetechnik meistern. Auch im Hinblick auf die Barrierefreiheit, auf die Verflechtung von Erdgeschossnutzung und Außenraum wie auch auf ein niederschwelliges Angebot für ein erweitertes Publikum ist Schneider optimistisch.

„Es gibt wunderbare Beispiele, wo der Nachweis erbracht wurde, dass man mit Bestandsbauten etwas anstellen kann. Man könnte fragen: Was muss man wegnehmen, um funktionale Missstände zu beseitigen? Was muss man dazutun, um ein in die Jahre gekommenes Areal zu etwas Neuem zu verwandeln? Dabei fällt aus ökologischer Sicht auch ins Gewicht, wie viel der im Bestand schlummernden grauen Energie man vernichten würde und wie viel Energie man wiederum aufwenden müsste, um das gleiche Volumen wieder zu errichten.“
Till Schneider, FAZ, 25.01.2021

Auch die Architektin Astrid Wuttke, Mitglied der Geschäftsleitung von schneider+schumacher und Teil des Validierungsteams zur Zukunft der Städtischen Bühnen, erläutert in einem Interview auf der Büro-Webseite, dass das Validierungsgutachten zwar eine fundierte Entscheidungshilfe darstelle, eine Entscheidung aber keinesfalls vorwegnehme. Auch eine Sanierung sei weiterhin möglich. Grundsätzlich sei im bisherigen Prozess der Aspekt des Weiterbauens zu wenig berücksichtigt worden. Weiterbauen, so Wuttke, bedeute deutlich mehr als Bestandserhalt und erfordere mindestens so viel Kompetenz und Kreativität wie jedes Neubauprojekt. Damit könne Frankfurt innovativer sein als mit einem aus der Zeit gefallenen Neubauspektakel am Stadtrand.

Das Interview ist in ganzer Länge auch auf unserer Seite wiedergegeben.

Die Bühnen in den Wahlprogrammen

Wir haben hier die Forderungen zusammengefasst, die die Parteien in ihren Programmen zur Kommunalwahl am 14. März 2021 für die Amtszeit 2021-2026 in Frankfurt am Main in puncto Zukunft Städtische Bühnen Frankfurt stellen.

Bild: Alfons Maria Arns

SPD

Was wir bis 2026 noch erreichen werden:

1. Wir werden den Willy-Brandt-Platz als kulturellen Ort erhalten und nicht an private Investoren verkaufen. Entlang der Wallanlage werden wir eine Kulturmeile entwickeln. Oper und Schauspiel gehören in die Innenstadt.

(…)

Der Wert von Kultur misst sich nicht in erster Linie an wirtschaftlichen Maßstäben 

Die SPD wird in Regierungsverantwortung die herausragenden künstlerischen Leistungen unserer Städti- schen Bühnen, Museen und anderen Kultureinrichtungen finanziell sichern. 

Wir werden Kunst zu gesellschaftlichen Fragen und politischen Streitthemen weiter fördern und Museen und Theater als Räume für öffentliche Debatten stärken.

Wir wollen den öffentlich und kulturell genutzten Raum in der Innenstadt und in den Stadtteilen gegen den Vermarktungsdruck verteidigen. Das betrifft auch den WillyBrandt Platz, den wir beim Neubau der Städtischen Bühnen als Frankfurts traditionellen Bühnenstandort mit mindestens einer Bühnensparte erhalten werden.

https://www.spd-frankfurt.de/kultur-fuer-alle

https://www.spd-frankfurt.de/fileadmin/Dokumente/Kommunalwahl_2021_-_Unsere_Schwerpunkte_fuer_Frankfurt.pdf

CDU

Kultur – Dafür stehen wir und das sind unsere Ziele 

In­ der­ nächsten ­Wahlperiode ­verdienen ­der ­anstehende ­Neubau­ der ­Städtischen ­Bühnen, ­die ­Zukunft­ des Zoos und die Paulskirche mit dem Haus der Demokratie unsere besondere Aufmerksamkeit: Die Stadt­ Frankfurt­ steht ­in­ den ­nächste­Jahren­ vor­ der­ Jahrhundertaufgabe, ­wie ­sie ­den­ Neubau ­der ­Städtischen­ Bühnen­ bewerkstelligen­ und­ finanzieren­ soll.­ Wir­ bekennen­ uns­ zu­ dieser­ Aufgabe,­ weil­ Oper­ und­ Schauspiel­ unverzichtbarer­ Bestandteil­ der­ Frankfurter­ Kulturlandschaft­ sind.­ Wir­ wollen­ eine­ Gesamtlösung­ für­ Oper,­ Schauspiel,­ Werkstätten­ sowie­ Probebühnen­ und­ kein­ Stückwerk.­ Wir­ sind­ bereit,­ über­ neue­ Standorte­ nachzudenken,­ wenn­ damit­ teure­ und­ zeitlich­ riskante­ Interimsstätten­ ­vermieden­ werden.­ Interimsstätten­ lassen­ kaum­ die­ bisherigen­ Besucherzahlen­ zu,­ und­ in­ mehrjährigen ­Provisorien ­wird ­sich­ kaum­ das­ hohe­künstlerische ­Niveau­ halten ­lassen.­ Für­ uns ­haben ­städtische­ Grundstücke­ den­ Vorrang.­ Das­ gilt­ insbesondere­ für­ das­ Grundstück­ im­ Hafenparkquartier,­ einem­ Stadtteil,­ der ­sich ­in ­den ­nächsten ­10­Jahren ­rasant­ verändern­ wird.­ Wir­wissen,­ dass­ wir ­vieles­ abverlangen. Ohne Kompromissbereitschaft, Opfer und Einschränkungen, ohne Verzicht auf so manche lieb gewordenen­ Gewohnheiten­der ­Besucher/innen,­ Mitarbeiter/innen­ und­ Künstler/innen­ und­ ohne­ Mut­ und Risiko wird es nicht gehen. Wenn alle dazu bereit sind, dann kann diese gemeinsame Kraftanstrengung­ auch­ ein­ Symbol­ für­ bürgerschaftliches­ Engagement,­ Aufbruchsstimmung­ und­ das­ Selbstverständnis unserer Stadt zwischen Moderne und Tradition werden. 

https://www.cduffm.de/image/inhalte/file/Kommunalwahlprogramm_lang_Version_Download.pdf

GRÜNE

Frankfurt neu denken
Die Knoten lösen – Städtische Bühnen und Kulturcampus 

In der städtischen Kulturpolitik hat sich an einigen großen Baustellen vieles angesammelt, aber es ist nicht viel vorangekommen. Über große Investitionen braucht es auch eine breite Verständigung, denn niemand sollte leichtfertig Entscheidungen über Investitionen von einigen hundert Millionen Euro treffen. Wir sehen, dass eine breite Diskussion stattfindet und wollen zu einer Entscheidung über die Städtischen Bühnen kommen. Für uns steht fest: Der Willy-Brandt-Platz ist der Standort der Städtischen Bühnen und soll es auch bleiben. Neue Gebäude müssen dabei die Geschichte des Ortes und der Kultur an diesem Ort respektieren. Der Willy-Brandt-Platz steht für erstklassiges Theater und erstklassige Oper, für politische und gesellschaftlich engagierte Inszenierungen und Provokationen, für die Freiheit von Kunst und Kultur – und für viele Frankfurter*innen und Menschen aus dem Umland und der ganzen Welt für Erinnerungen. Das Wolkenfoyer und die klare, transparente Architektur der Städtischen Bühnen stehen auch für eine Haltung, an der wir festhalten wollen. Wir wollen eine Lösung für die Städtischen Bühnen, die diese Tradition in die Zukunft führt. 

Große Kulturorte, große Herausforderungen

Wir machen uns für den Erhalt der Städtischen Bühnen möglichst unter Beibehaltung des Wolkenfoyers am Willy-Brandt-Platz, für eine Lösung unter Berücksichtigung von Umwelt-, Klima- und Nachhaltigkeitsgesichtspunkten und für eine Beteiligung der interessierten Bürger*innenschaft an der Finanzierung stark. Eingriffe in die Wallanlagen müssen nach Möglichkeit vermieden werden. Sollte ein Eingriff in die Wallanlagen dennoch die sinnvollste Lösung sein, muss jede Lösung zu einer quantitativen und qualitativen Aufwertung der Wallanlagen führen und insgesamt auch ökologisch eine nachhaltige Lösung sein. Vor allem aber gilt: Die Häuser müssen in erster Linie von der Kultur her gedacht sein.

Wir wollen ein international und kooperativ denkendes und arbeitendes Kinder- und Jugendtheater in Frankfurt. Wir suchen dabei die Kooperation auch mit dem Land Hessen und der Region und erwarten von der zukünftigen Konzeption, dass sie die Zusammenarbeit mit den bestehenden freien Theatern, aber auch mit den städtischen Häusern und freien Künstler*innen als zentralen Punkt der Arbeit begreift. Wir wünschen uns die Wiederbelebung der großen Tradition des modernen Tanztheaters unter dem Dach der Städtischen Bühnen in Frankfurt. Für dieses Projekt werden wir im Rahmen einer breiten Diskussion die Grundlagen legen. 

https://www.gruene-frankfurt.de/fileadmin/partei/00_Bilder/KW2021/Beschluesse/FRANKFURT_NEU_DENKEN_-_FINAL.pdf

Weitere Parteien und Wahlprogramme:

FDP

https://fdp-frankfurt.de/lebendige-und-vielfaltige-kultur

DIE LINKE

https://die-linke-frankfurt.de/wp-content/uploads/2021/01/DIELINKE_Wahlprogramm_online.pdf

ÖkoLinX

http://www.oekologische-linke.de

AfD

https://ffm.afd-hessen.org/kommunalwahlprogramm-2021-2026/

BFF

https://www.bff-frankfurt.de/wahl2021.pdf

Die Partei


http://www.die-partei-frankfurt.de/wahl2021/wahlprogramm