Versteckte Kosten von über 100 Mio. € für die Kulturmeile

Vorgesehener Standort des Schauspiels Frankfurt im Rahmen des Konzepts „Kulturmeile“

Gemäß einer gemeinsamen Pressemitteilung der Stadt Frankfurt am Main, der Landesbank Hessen-Thüringen Girozentrale (Helaba) und der Frankfurter Sparkasse haben diese  im Juli 2023 ein Memorandum of Understanding unterzeichnet, wonach die Helaba der Stadt Frankfurt den 5.500 qm großen südlichen Teil ihres Grundstücks Neue Mainzer Straße 47-51 für 199 Jahre in Erbpacht überlassen will, gegen eine Einmalzahlung von 35 Mio. € und einer Erbpacht von 1,99 Mio. €/Jahr.

Um dies zu ermöglichen, muss die Helaba die von der Frankfurter Sparkasse  für 700 Mitarbeitende und einen Kundenbereich genutzten Bürobauten abreißen und auf der verbleibenden Nordhälfte des Grundstücks neu bauen.

Die Bruttogeschossfläche (BGF) des intakten Bestandsbaus umfasst 28.000 qm oberirdisch und 11.000 qm unterirdisch. Die Bestandsbauten verfügen über drei bis acht Vollgeschosse zzgl. Staffelgeschosse.

Die Initiative Zukunft Städtische Bühnen hat unter Beratung des Projektentwicklers Belius GmbH Berlin anhand der verfügbaren Informationen die Einnahmen und Ausgaben des Vorhabens für die Helaba abgeschätzt:

Einnahmen

Für die Bereitstellung des Grundstücks erhält die Hela als Eigentümer von der Stadt Frankfurt Main:

  1. Einmalzahlung 35 Mio. €
  2. Erbpacht auf 199 Jahre in Höhe von 1,99 Mio. €

Bei einem Zinssatz von 2,5 % sind dies abgezinst auf heute 81 Mio. €.
Bei einem Zinssatz von 3 % sind dies abgezinst auf heute 68,2 Mio. €.
Bezogen auf den Zeitpunkt des Maßnahmebeginns stellen dies Gesamteinnahmen im Wert von 116 Mio. € (bei einem Zinssatz von 2,5 %) dar.

Ausgaben (Brutto)

  1. Abriss Bestandsbau 500 €/qm = 19,5 Mio. €
  2. Neubau als Hochhaus von 160 Meter Höhe: 3.800 €/qm BGF für KG 200 – 700 = 148,2 Mio. €

c) Interim

Mietfläche ca. 27.300 qm Nettonutzfläche (70% der BGF), Mietdauer: ca. 8 Jahre. (Umbau des Interims, Auszug aus Bestandsbau, Abriss und Neubau des Dauerstandorts, Einzug in Neubau).

  • Umbaukosten des Interims für Anpassung an Nutzung 800 €/qm = 21,8 Mio. €[1]
  • Mietkosten 25 €/qm. = 8 Mio. €/ Jahr, auf 8 Jahre = 54,6 Mio. €
  • Umzugskosten = 1.000 € je Arbeitsplatz x 700 AP x 2= 1,4 Mio. €.
  • Finanzierungskosten

Die Gesamtkosten für das Projekt fallen binnen ca. 8 Jahren ab Maßnahmebeginn an. Zu diesem Zeitpunkt stehen aber lediglich ca. 50 Mio. € von den Zahlungen der Stadt Frankfurt zur Verfügung. Für die übrigen Gelder, die innerhalb weiterer 191 Jahre eintreffen, bedarf es einer Zwischenfinanzierung. Während in der obigen Abzinsberechnung die Geldentwertung berücksichtigt ist, fallen weitere Kosten für die Geldbereitstellung an.

Gesamtkosten ohne Finanzierungskosten = 245,5 Mio. €

Anzumerken ist zudem, dass der vorgesehene Abriss und Neubau anspruchsvoll ist. An das Grundstück grenzt im Süden das Japan-Center an (115 Meter hoch, 4 Untergeschosse) und im Norden der in Bau befindliche Central Business Tower (205 Meter hoch, in den Untergeschossen 200 Autoparkplätze und 600 Fahrradstellplätze ). Auf dem Grundstück selbst befinden sich zwei denkmalgeschützte Bauten, die angeblich teilweise erhalten und in den Hochhausneubau integriert werden sollen. Für die Baulogistik ist eigentlich nur Platz zur viel befahrenen Neuen Mainzer Straße, da die westlich angrenzenden Wallanlagen unter Denkmalschutz stehen und die seitlich benachbarten Grundstücke bebaut sind und daher nicht zur Verfügung stehen. Ob in dieser beengten Situation zwei für sich eigenständige Großbaustellen (einerseits der Stadt Frankfurt für die Städtischen Bühnen, andererseits für die Helaba für das Bürohochhaus) betrieben werden können und wie sich dies ggfls. auf Bauzeiten und Kosten auswirkt, ist zu prüfen.

Fazit

Die geplanten Einnahmen decken bei weitem nicht die voraussichtlichen Kosten. Auch wenn anhand genauerer Angaben die oben aufgeführte Berechnung angepasst werden kann und ggfls. Kostenannahmen gemindert werden können, wird dies nicht dazu führen, ein Defizit zu verhindern. Dies führt zu einer Verlustabschreibung, der das Eigenkapital des Eigentümers schmälert.

Auch wenn man ein angemessenen Preis für das Grundstück anders berechnet, ist das Ergebnis wesentlich höher als der im Memorandum of Understanding genannte Preis. Der Bodenrichtwert für das Grundstück beträgt gemäß aktueller Bodenrichtwertkarte der Stadt Frankfurt Main vom 1.1.2022 23.000 €/ qm. Für das 5.500 große Grundstück ergibt sich ein Wert von 126,5 Mio. €. Als Erbauzins sind  5 % des Grundstückswertes je Jahr üblich. Dies entspräche einer jährlichen Zahlung von 6,3 Mio. €. Seitens der Stadt Frankfurt wird für Nichtwohnnutzungen gemäß Stadtverordnetenbeschluss vom 28.9.2019 sogar ein jährlicher Erbbauzins von 6% gefordert.

Ursprünglich wollte die Helaba für das Projekt auch kein Angebot machen. Auf Basis des Bodenrichtwerts gingen Stadtpolitiker von 150 Mio. € aus, verbunden mit der Hoffnung, dass die Aussicht auf Baurecht für einen 190-Meter-Turm die Preisvorstellungen des Eigentümers positiv beeinflussen wird. Im Februar 2023 hieß es dann aber, dass nach den über einjährigen „konstruktiven und vertraulichen Gesprächen“ sich ergeben habe, dass „die Erwartungen nicht in Übereinstimmung gebracht“ werden konnten. (FAZ vom 23.2.2023), Dem Vernehmen lagen die „Preisvorstellungen der Helaba deutlich Höher“ als die veranschlagten 150 Mio. €. (FAZ 10.6.2023). Mitte Juni wurde angekündet, dass der neugewählte Oberbürgermeister der Stadt Mike Josef mit Unterstützung von Landespolitikern nochmals mit der HeLaBa verhandeln wolle. Keine sechs Wochen später wurde das überraschende Ergebnis bekannt gegeben. Der CEO der Helaba begründete die dann gefundene Verständigung mit der Aussage „Zukunftsweisende Projekte von generationsübergreifender Relevanz wie die Kulturmeile sind uns als Landesbank ein besonderes Anliegen“.

Aber ist es die Aufgabe der Helaba, mit versteckten Subventionen die Kosten der angestrebten Maßnahme für den Steuerzahler künstlich kleinzurechnen? Offenkundig handelt es sich bei den vereinbarten Konditionen mit der Stadt Frankfurt um einen politischen Preis, der sachlich nicht begründbar ist.

Hierzu ist festzustellen, dass die Helaba politischem Einfluss unterliegt. Sie hat einen öffentlichen Auftrag, der Spielräume eröffnet, um vom Prinzip der Wirtschaftlichkeit abzuweichen. Eine große Zahl von Mitgliedern in ihren Entscheidungsgremien sind Parteipolitiker. So sind von den 16 Mitgliedern der Trägerversammlung sieben Politiker, drei von ihnen mit SPD-Parteibuch. Im Verwaltungsrat sitzen weitere acht SPD-Politiker (als Mitglied bzw. stellvertretendes Mitglied). Zahlreiche weitere Gremienvertreter der Helaba gehören den Parteien CDU und Grüne an, die als damalige Beteiligte der Landesregierung und im Falle der Grünen auch der Stadtregierung das Vorhaben ebenfalls befürworteten.

Es wäre nicht das erste Mal, dass aufgrund politischer Interessen eine Landesbank in fragwürdiger Weise politische Vorgaben realisiert. Die Entwicklungen bei der Bankgesellschaft Berlin 1994-2001 und der HSH-Nordbank 2003-2015 sind Beispiele hierfür.

Wegen geschönter Bilanz musste die Helaba 2023 6,8 Millionen Euro Strafe zahlen.[2] Die Bank habe 2020 drei Quartale hintereinander zu geringe risikogewichtete Aktiva für Marktrisiken ausgewiesen. Grundlage waren offenbar geschönte interne Modelle der Helaba.

Erst dieser Tage wurde bekannt, dass die Helaba beim Elbtower der Signa-Gruppe in Hamburg als sogenannter „tauglicher Finanzierer“ die geforderte Vorvermietungsquote bestätigte, woraufhin die Stadt für das Projekt grünes Licht gab. Das avisierte  Finanzierungsvolumen von 750 Millionen Euro konnte die Helaba aber nicht zustande bringen und ebenso stockt die Vermietung, sodass die Projektgesellschaft Insolvenz anmelden muss.[3]

Die Berechnungen wurden von der Initiative Zukunft Bühnen Frankfurt unter Beratung der Projektentwicklungsgesellschaft Belius GmbH erstellt.

Pressemitteilung der Iniitative Zukunft Bühnen Frankfurt vom 12.1.22023


[1] Die Kosten für den reinen Mieterausbau ohne IT und Einrichtungen beliefen sich bereits vor 5 Jahren auf 650 Euro bis 1.450 Euro pro Quadratmeter gemäß Fit-Out Cost Guide EMEA 2017/2018 des Immobiliendienstleistungsunternehmens CBRE.
[2] Siehe hierzu etwa: https://www.zeit.de/wirtschaft/2023-02/helaba-ezb-geldstrafe
[3] https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/unternehmen/signa-insolvenz-und-der-elbtower-die-rolle-der-helaba-19362788.html

Kulturschaffende plädieren für Weiterbauen statt Neubau

Anlässlich des anstehendes Beschlusses der Frankfurter Stadtverordnetenversammlung am 14. Dezember zum Neubau der Städtischen Bühnen an zwei Standorten melden sich prominente Frankfurter Stimmen zu Wort, die dieses Vorhaben kritisch kommentieren und für einen anderen Umgang mit der Aufgabe plädieren.

Die Video-Statements stammen von Katharina Hacker (Schriftstellerin), Prof. Anett-Maud Joppien (Architektin, DJH, TU Darmstadt), Tim Driedger (Architekt, in_design, Architects for Future), Till Schneider und Michael Schumacher (Architekten, schneider+schumacher).

Hier ein kurzer Überblick – die Video-Statements in voller Länge erreichen Sie via Link unter dem Zitat:

Katharina Hacker, Schriftstellerin

„Als Frankfurterin bin ich leidenschaftlich dafür, dass die Oper bleibt, wo sie ist, wie sie ist, weil ich wenige Gebäude kenne, die schöner und festlicher sind und das liegt nicht nur an den Wolken, das liegt an der Offenheit und an der Weise, wie sich das Foyer jedem der Stadt verbindet.“

https://zukunft-buehnen-frankfurt.de/2023/11/25/ich-finde-es-unverstaendlich/

Till Schneider, Architekt, schneider+schumacher

„Die Städtischen Bühnen könnten durch eine tiefgreifende organisatorische, räumliche und energetische Sanierung zu einem Leuchtturmprojekt für Frankfurt werden, dessen Strahlkraft weit über die Stadtgrenzen hinaus reichen würde.“

https://zukunft-buehnen-frankfurt.de/2023/11/25/leuchtturmprojekt-fuer-frankfurt/

Prof. Anett-Maud Joppien , Architektin, DJH, TU Darmstadt

„Ich bin für den Verbleib am Standort. Er ist kostengünstiger, er ist vor allen Dingen auch schnelle umsetzbar, nachhaltiger und zeugt von kulturellem und sozialem Respekt. Wir könnten zum Beispiel zügig über einen Architektenwettbewerb klären, welche Teile des Gebäudes saniert werden, welche rückgebaut werden müssen und wie ein Teil Neubau aussieht.“

https://zukunft-buehnen-frankfurt.de/2023/11/30/vorbildfunktion-fuer-umbaukultur/

Tim Driedger, Architekt, in_design, Architects for Future

„Als Architects for Future sprechen wir uns sehr für den Erhalt der bestehenden Gebäude aus. Im Jahr 2023 wäre es schlichtweg falsch wäre und irrational, wenn der öffentliche Bau eher erhebliche Summen in einen Neubau steckt, der Klimaprobleme befeuert und verstärkt, anstatt einer vernünftigen und gebotenen, man könnte sagen, enkeltauglichen Bauweise zu wählen.“

https://zukunft-buehnen-frankfurt.de/2023/11/30/schlichtweg-falsch-und-irrational/

Michael Schumacher, Architekt, schneider+schumacher

„Frankfurt braucht auch in dem Sinne kein Signature-Gebäude, wir haben die Skyline. Eigentlich haben wir alles an der Stelle. Der Bau mit dem Wolkenfoyer ist grandiose Architektur, dass wüsste ich jetzt nichts Besseres, was man an der Stelle bauen könnte.“

https://zukunft-buehnen-frankfurt.de/2023/11/25/zu-erhalten-was-zu-erhalten-geht/

Außerdem möchten wir gerne auf den Artikel zur “Abrisshauptstadt Frankfurt” von Architektin Astrid Wuttke (schneider+schumacher, Hessischer Landesdenkmalrat) in der Fachzeitschrift „Planerin“ aufmerksam machen, worin die Dondorf’sche Druckerei, das Juridicum und die Städtischen Bühnen diskutiert werden: https://zukunft-buehnen-frankfurt.de/2023/11/20/abrisshauptstadt-frankfurt/

Abrisshauptstadt Frankfurt

Plädoyer für eine öffentliche Weiterbaukultur

Von Astrid Wuttke

Das Deutsche Architekturmuseum befindet sich derzeit in einem Interimsquartier am Ostbahnhof, in einem Bau von 1951, dem ersten Neckermann-Versandhaus und späteren Telekom-Gebäude. Auf dem Areal, eigentlich zum Abriss vorgesehen, lässt sich gerade Interessantes beobachten: Das äußerst robuste Gebäudeensemble eignet sich mit seinen loftartigen Flächen und großzügigen Raumhöhen für eine Vielzahl an Nutzungen. Die aktuelle Mieterstruktur ist vielfältig. Neben dem Museumsinterim gibt es hier eine bunte Mischung von Zwischennutzern, vom Start-up-Unternehmen bis zum Italienischen Generalkonsulat.

Das Areal rund um den Ostbahnhof am Danziger Platz soll in naher Zukunft eigentlich zu einem urbanen gemischtgenutzten Quartier entwickelt werden. Umso größer die Überraschung, als nun unmittelbar vor dieser Neuentwicklung das alte Bahnhofsgebäude, welches hier seit Jahrzehnten in einer Art Dornröschenschlaf auf bessere Zeiten gewartet hatte, kurzerhand abgerissen wurde. Damit ist ein wesentlicher Baustein, der Identität und Orientierung hätte bieten und zu einem attraktiven Mittelpunkt im neuen Stadtteil hätte werden können, unwiederbringlich verloren.

Dabei ist gerade in den letzten Jahren eigentlich das Verständnis gewachsen, welche enorme Bedeutung das Bauen im Zusammenhang mit Ressourceneffizienz und Klimagerechtigkeit hat. Vor diesem Hintergrund wird auch das Bauen im Bestand neu bewertet. Neben dem tatsächlichen Erhalt der sogenannten „Grauen Energie“, also der Energie, die in einem bereits vorhandenen Gebäude gespeichert und bei dessen Weiterverwendung nicht erneut aufgebracht werden muss, können qualitätvolle Weiterbauprojekte eine enorme Symbolkraft entwickeln und beispielgebend für zukünftige Entwicklungen sein. Der Bund Deutscher Architektinnen und Architekten beschreibt dieses Phänomen in seinem 2019 herausgegebenen Positionspapier „Das Haus der Erde“. Für eine auch zukünftig noch lebenswerte Welt, so heißt es dort, „ist unsere Vorstellungskraft, unsere Phantasie zur Beantwortung der Frage, wie wir zukünftig leben wollen, von großer Bedeutung. Diese Zukunft gestalten wir jetzt. Eine Konzeption von Städten, Infrastrukturen, Wohnhäusern, Fabrikations- und Bürogebäuden entscheidet, ob Menschen ihr Leben besser in Einklang mit der Umwelt bringen können. Architekten und Stadtplaner sind Impulsgeber, und ihre gebauten Werke können Katalysatoren für ein Umdenken sein.“

Juridicum mit Bibliotheksanbau auf dem Unicampus Bockenheim
(Foto: Moritz Bernoully)

Kulturcampus Bockenheim

Im Frankfurter Westen wird sich schon bald zeigen, wie ernst es den öffentlichen Akteurinnen und Akteuren mit der Umsetzung solch beispielgebender Projekte ist. Hier besteht durch den sukzessiven Wegzug der Goethe Universität vom Campus Bockenheim an andere Standorte die einmalige Chance, einen zentrumsnahen Stadtteil aus dem Bestand heraus und dennoch völlig neu zu gestalten. Seit über zehn Jahren gibt es für dieses bedeutende städtebauliche Zukunftsprojekt für Frankfurt“ eine vielversprechende Überschrift: Kulturcampus. Die bisherigen Aktivitäten auf dem Areal haben allerdings lediglich zur Realisierung von privatwirtschaftlichen Investorenprojekten geführt. Die versprochenen Orte für alle, an denen kulturelle Nutzungen und urbane Vielfalt einander bereichern, sucht man noch vergebens.

Das heutige Erscheinungsbild des Unicampus Bockenheim basiert auf dem städtebaulichen Rahmenplan Ferdinand Kramers, der von 1952 bis 1964 Leiter des Universitätsbauamtes war und den Charakter der im Zweiten Weltkrieg größtenteils zerstörten Universität bis heute nachhaltig geprägt hat. 2003 bereits wurde ein städtebaulicher Wettbewerb durchgeführt, bei dem außer dem altehrwürdigen Senckenbergmuseum kein einziges Bestandsgebäude erhalten bleiben sollte. Auf Proteste von Bürgerinitiativen folgte eine Revision des prämierten Entwurfes sowie die Unterschutzstellung wesentlicher Einzelbauten durch die hessischen Denkmalbehörden.

Über diese Einzeldenkmale hinaus gibt es insbesondere zwei weitere Bestandsgebäude, die aktuell in der öffentlichen Wahrnehmung und Diskussion um die Zukunft des Bauens im Vordergrund stehen: Das Dondorf’sche Druckereigebäude, ein fünfgeschossiger Backsteinbau von 1890 sowie das Juridicum, eine prägnante Hochhausscheibe mit Bibliotheksanbau von 1967. Beide Gebäude verfügen durch ihre robusten Bauweisen, großzügigen Geschosshöhen und ihre Flexibilität in der Nutzung über strukturelle Qualitäten, die sie zu sehr erhaltenswerten Bauten machen, eine Um- und Weiternutzung also mehr als nahelegen.

Die Mechanismen, die hier greifen und in beiden Fällen zu Abrissentscheidungen geführt haben (die aktuell zwar in Frage stehen, allerdings noch längst nicht vom Tisch sind), sind symptomatisch in einer Stadt wie Frankfurt, in der sich auch die öffentliche Hand als Teil eines spekulativen Immobilienmarktes versteht, in dem kurzfristige Gewinninteressen Vorrang vor nachhaltigen gemeinwohlorientierten Entwicklungen haben.

Die Dondorf’sche Druckerei

Das Hessische Denkmalschutzgesetz definiert Kulturdenkmäler als „Sachen, Sachgesamtheiten und Sachteile einschließlich Grünanlagen, an deren Erhalt aus künstlerischen, wissenschaftlichen, technischen, geschichtlichen oder städtebaulichen Gründen ein öffentliches Interesse besteht“. Den verantwortlichen Behörden erschien das ehemalige Druckereigebäude in der Abwägung aller Argumente nicht schutzwürdig genug. Gleichwohl gehört es ebenso wie das benachbarte Bockenheimer Depot seit 2006 zur „Route der Industriekultur Rhein-Main“.

Mit ihrer wechselvollen Geschichte ist die Dondorf’sche Druckerei ein identitätsstiftendes Bauwerk für den Stadtteil Bockenheim und darüber hinaus. Über 130 Jahre hinweg hat das Haus von der Druckmaschinenhalle bis zum Seminargebäude wechselnde Nutzungen aufgenommen. Vielfältige Zeitspuren von der Industriebaugeschichte des ausgehenden 19. Jahrhunderts bis zur Nachkriegsarchitektur mit ihren filigranen Fensterkonstruktionen bieten insbesondere für ein Institut, welches sich mit ästhetischen Fragestellungen beschäftigt, unmittelbares Anschauungsmaterial. Gerade im Kontrast zwischen Alt und Neu kann hier ein einzigartiges Ensemble an einem spannenden Ort entstehen.

Die Max-Planck-Gesellschaft hat 2018 einen Architekturwettbewerb zum Neubau des Instituts für empirische Ästhetik auf dem Areal ausgelobt. Wesentliche Bedingung des Wettbewerbsverfahrens war der Erhalt des alten Druckereigebäudes innerhalb der geplanten größeren Anlage. Der im Wettbewerb ausgezeichnete Siegerentwurf wurde insbesondere aufgrund der besonders gelungenen Integration des Altbaus ausgezeichnet: „Die spannungsvolle Vereinigung von Alt und Neu wird ästhetische Fragestellungen aufwerfen, Forschungsinhalte und Interdisziplinarität des Instituts reflektieren“, so die Wettbewerbsjury. Um so überraschender kam die Abrissentscheidung im Herbst vergangenen Jahres. Man habe sich diese Entscheidung nicht leicht gemacht, intensive Variantenbetrachtungen und Gutachten seien vorausgegangen, ein Erhalt sei nicht möglich. Hier lohnt es sich, genauer hinzuschauen:

So berichtete die FAZ bezüglich der Fassade, dass „70% der Substanz“ ausgetauscht werden müssten. Diese Formulierung ist missverständlich: Bei der Begutachtung der Fassade wurde festgestellt, dass 70% der Backstein-Fassadenfläche überarbeitet werden müssen. Das ist ein wesentlicher Unterschied. In den meisten Fällen müssen bei Gebäudesanierungen 100% der Fassadenfläche überarbeitet werden. Diese Art der missverständlichen Berichterstattung hat ihre Ursache in der oftmals (bewusst?) missverständlichen Präsentation des Planungsstandes. Um die Sanierungsbedürftigkeit des Mauerwerks zu illustrieren, wurde beispielsweise ein 25 cm tiefer Bohrkern präsentiert, aus dem sich ein etwa bis zur Hälfte dieses Bohrkerns reichender Sanierungsbedarf der Lagerfugen ablesen lässt. Dass die Wände 50 bis 60 cm dick, die Schäden im Verhältnis zur Wandstärke hier also deutlich geringer sind, blieb unerwähnt. Die seitens des Architektenteams und des Bauherrn beschriebene Einsturzgefahr dieser Wände ergibt sich dann, wenn man zuvor sämtliche Zwischendecken abbricht und nur die Außenwände stehenbleiben. Hohe Mauerwerkswände ohne horizontale aussteifende Bauteile fallen nun mal um. Es ginge auch anders: Bei Erhalt der Zwischendecken und entsprechender Brandschutzertüchtigung (gängiges Verfahren bei Sanierungsprojekten) erübrigen sich aufwändige Stützkonstruktionen. So ist es momentan leider (noch) nicht geplant. Entgegen dem vielfach bekundeten öffentlichen Interesse, für bestehende Gebäude, noch dazu von hoher architektonischer Qualität und nicht zuletzt auch aus Gründen klimagerechter Bauweisen, mit angemessenen Mitteln eine Weiternutzung zu ermöglichen, führen hier alle Gutachten scheinbar zwangsläufig zu einem Komplettabriss. Diese immer gleichen Phänomene hat die Bundesstiftung Baukultur im aktuellen Baukulturbericht 2022/23 “Neue Umbaukultur” sehr treffend beschrieben, verbunden mit dem Appell, einen Paradigmenwechsel herbeizuführen und Umbau zum neuen Leitbild zu machen.

Juridicum, Studie zu Weiterbau und Umnutzung
(Visualisierung: schneider+schumacher)

Das Juridicum

Das Juridicum, bei dem auch der konkrete Gebäudeentwurf auf Ferdinand Kramer zurückgeht, markiert den östlichen Rand des Universitätscampus Bockenheim. Ferdinand Kramers Bauten stehen für eine von Mies van der Rohe geprägte Moderne und sind Zeitzeugen der „Frankfurter Schule“.

Auch das Juridicum steht nicht unter Denkmalschutz, eignet sich mit seiner Betonskelett-Konstruktion, der vorgehängten und somit vergleichsweise leicht austauschbaren Fassade und den großzügigen Geschosshöhen jedoch hervorragend für eine Um- und Weiternutzung. 2022 hat das Frankfurter Architekturbüro schneider+schumacher auf eigene Initiative eine Studie veröffentlicht, die auch im Rahmen der Ausstellung „Nichts Neues. Besser Bauen mit Bestand“ im Deutschen Architekturmuseum gezeigt wurde. Die Studie ist eine Weiterentwicklung eines Wettbewerbsbeitrages zum „Kulturcampus Frankfurt Baufeld 12“ aus dem Jahr 2013. Zu diesem Zeitpunkt sollte das Juridicum spätestens 2017 abgerissen sein, im Ideenteil des Wettbewerbs sollten an seiner Stelle eigentlich neue Gebäude konzipiert werden. schneider+schumacher waren damals das einzige Büro, das von dieser Vorgabe abwich, was zu kontroversen Diskussionen im Preisgericht und schließlich doch zu einer Anerkennung im Wettbewerb führte.

Die vorhandenen 17.500 Quadratmeter Bruttogeschossfläche bieten viel Raum für Wohnen und Arbeiten. Dabei sind je nach Bedarf unterschiedliche Grundrisstypologien und Anordnungen möglich. Die Fassade, in den 1960er Jahren mit nicht zu öffnenden Fenstern und einem aus heutiger Sicht nicht mehr zeitgemäßen Verständnis von Haustechnik konzipiert, muss grundsätzlich überarbeitet werden, wobei aber mit unterschiedlichen Maßnahmen sinnvoll auf die aktuellen Anforderungen reagiert werden kann.

In der Studie wurde beispielhaft von einer Aufteilung von etwa zwei Dritteln für Wohnen zu einem Drittel für Büroflächen ausgegangen. Dies kann je nach Bedarf auch anders aufgeteilt werden. Halböffentliche Nutzungen in den unteren beiden Geschossen (Kita, Beratungsstellen, Stadtteilbüro, Sitz der Verwaltung eines „Zentrums der Künste“ oder Vergleichbares) könnten den Kulturcampus ergänzen und bereichern.

Aktuell wird durch den endgültigen Auszug aller universitären Einrichtungen erneut über die Zukunft des Gebäudes diskutiert. Dabei geht es ähnlich wie bei der Dondorf’schen Druckerei neben einer unglücklichen Gemengelage hinsichtlich der Besitzverhältnisse zwischen Stadt Frankfurt und Land Hessen aktuell auch mehr denn je um den grundsätzlichen Umgang mit Bestandsgebäuden, um die Bewahrung von grauer Energie und um ressourcenschonende Bauweisen. Und um die Vorbildfunktion des öffentlichen Bauherrn – ganz unabhängig ob Stadt oder Land.

Schauspiel Frankfurt (Foto: Birgit Hupfeld)

Städtische Bühnen

Das derzeit größte umstrittene Projekt der Stadt Frankfurt befindet sich mitten im Zentrum. Hier gilt es, über die Zukunft der Städtischen Bühnen zu entscheiden. Zahlreiche Gutachten, Studien und Kostenprognosen führten letztlich zu dem Ergebnis, dass unabhängig von Neubau oder Weiterbau an einem oder zwei Standorten ein Milliardenprojekt bevorsteht, welches den städtischen Haushalt über mehr als ein Jahrzehnt lang prägen und herausfordern wird.

Auch hier ist aktuell der Abriss als die vermeintlich wirtschaftlichste Lösung bereits beschlossen, doch auch hier deutet sich ein Umdenken an. Die Mechanismen sind die gleichen wie bei Druckerei und Juridicum – mit dem Unterschied, dass der Foyerbau der Städtischen Bühnen mit der Wolkenskulptur des jüdischen Künstlers Zoltan Kemeny „die gesetzlichen Anforderungen an ein Kulturdenkmal erfüllt“, also denkmalgeschützt ist.

Oper und Schauspiel mit dem ikonischen Wolkenfoyer sind insgesamt ein herausragendes Beispiel für die Theaterbaugeschichte der Nachkriegszeit in Deutschland und damit von überregionaler Bedeutung. In der Denkmalbegründung wird der Foyerbau als „Zusammenfassung zweier zeitlich und gestalterisch unterschiedlicher Baukörper“ beschrieben. „Er verbindet zwei Häuser, die den einzigartigen Sonderfall einer historisch gewachsenen Doppelanlage bilden. Auf der einen Seite findet sich ein durch den Weltkrieg fragmentiertes und in der Nachkriegszeit modernisiertes Schauspielhaus (heute die Oper). Auf der anderen Seite entstand ein modernes Schauspielhaus in der Formensprache der 1960er Jahre.“ 

Im Fall der Städtischen Bühnen entscheidet allein die Stadt Frankfurt, wie es mit dem vorhandenen Bestand, seinem Denkmalwert und seiner grauen Energie weitergeht. Gerade der öffentliche Bauherr muss dringend seiner Vorbildrolle gerecht werden und gesamtgesellschaftlich sinnvolle Projekte realisieren. Es wird interessant sein zu sehen, wofür sich die Stadtverordneten dieses Mal entscheiden werden.

DIESER ARTIKEL IST ZUERST ERSCHIENEN IN DER PLANERIN 5_23

Astrid Wuttke, Jahrgang 1972, ist Architektin und Partnerin bei schneider+schumacher in Frankfurt am Main.

„Vorbildfunktion für Umbaukultur“

STATEMENT VON ANETT-MAUD JOPPIEN ZUR ZUKUNFT STÄDTISCHE BÜHNEN FRANKFURT

„Ich möchte mich klar für die Teilerhaltung der Doppelanlage aus Theater, Oper und dem einzigartigen sehr schönen Wolkenfoyer aussprechen. Dieser Ort ist ein kulturelles Zeichen mit hoher Identifikation und sozialgesellschaftlicher Identität. Es ist aber auch wirklich vor allem ein Ort, wo seit 60 Jahren Menschen wunderschöne Stunden verbringen, so wie mir das auch bisher vergönnt war.

Aber vor gestalterisch kulturellen Argumenten steht vor allen Dingen unsere gemeinsame Verantwortung für den Klima- und Ressourcenschutz. Und wir dürfen und wir dürfen und können weiter nicht zulasten der nachfolgenden Generationen handeln. Graue Energie und CO2-Emissionen, das sind wirklich keine oberflächlichen Schlagworte, sondern ganz im Gegenteil, sie beruhen auf wissenschaftlichen Fakten. Denn zusätzlich zur Doppelanlage muss ein völlig intaktes Bürogebäude von 40.000 Quadratmetern Fläche abgerissen werden. Und die Abrisse erfordern nach validen Berechnungen einen zusätzlichen Bauschutz von 70.000 Kubikmetern und einen CO2-Ausstoß von 25.000 Tonnen.

Aber es liegen auch die negativen ökonomischen Fakten auf dem Tisch. Die Kosten für die Realisierung der Kulturmeile sind erheblich höher und bringen wirklich keinen Mehrwert. Ganz im Gegenteil, sie gehen zu Lasten von Projekten, wie zum Beispiel dem Wohnungsbau, der dringend hier und heute gebraucht wird. Und es fallen zusätzliche Kosten für die Grundstückspacht und höhere Finanzierungskosten an. Und dies sind auch langfristige Haushaltsbelastungen, die keinerlei Mehrwert haben.

Auch der Betrieb von zwei Häusern bedeutet ein Vielfaches an negativen Umweltwirkungen. In Deutschland verbrauchen im Betrieb Gebäude 75 Prozent aller CO2-Emissionen. Insofern sind das auch ganz negative Umweltwirkungen.

Aber darüber hinaus diese wirtschaftlich-ökonomische Spiralwirkung, man denke zum Beispiel auch an die Entwicklung der Baupreise in den letzten zwei Jahren. Diese Spirale dreht sich weiter und die ist weder kalkulierbar noch kontrollierbar.

Ich bin daher für den Verbleib am Standort. Er ist kostengünstiger, er ist vor allen Dingen auch schnelle umsetzbar, nachhaltiger und zeugt von kulturellem und sozialem Respekt. Wir könnten zum Beispiel zügig über einen Architektenwettbewerb klären, welche Teile des Gebäudes saniert werden, welche rückgebaut werden müssen und wie ein Teil Neubau aussieht. Parallel dazu könnten wir unverzüglich Planungen für das Produktionszentrum und ein nachhaltiges Interim in in dezentraler Stadtlage starten.

Die Stadt Frankfurt hat wirklich die historische Chance Vorbild zu sein, so wie beispielsweise auch in den 20er Jahren in Zeiten schlimmster Wohnungsnot, damals mit einem international renommierten Wohnungsbau, kann Frankfurt nun Vorbildfunktion für Umbaukultur im Sinne von Klima- und Ressourcenschutz übernehmen. Und es ist undenkbar für mich, dass der Weg der Kulturmeile dieser im Grunde rückwärtsgewandte Weg beschritten wird. Denn die nächste Generation wird uns mit Recht fragen, ob wir die ökologischen und ökonomischen Folgen verschleiert, verdrängt oder gar bagatellisiert haben.

Und diese negativen Folgen, und das sage ich als Wissenschaftlerin, können durch klare Fakten nachgewiesen werden. Ich möchte daher nicht nur als Frankfurterin an alle Entscheiderinnen und Entscheider nachdrücklich appellieren, die Entscheidung auf den Prüfstand zu stellen und zukunftsorientiert zu handeln, solange das noch möglich ist.“

Prof. Anett-Maud Joppien ist Inhaberin und Gesellschafterin von dem Architekturbüro Dietz Joppien Hammerschmidt (DJH) in Frankfurt am Main und Professorin an der TU Darmstadt im Fachgebiet Entwerfen und Gebäudetechnologie. Sie war und ist Mitglied in mehreren Gestaltungsbeiräten von Städten (Karlsruhe, Mainz, Mannheim und Freiburg). Seit 2013 ist Anett-Maud Joppien Vizepräsidentin der deutschen Gesellschaft für nachhaltiges Bauen (DGNB).

„Schlichtweg falsch und irrational“

STATEMENT VON TIM DRIEDGER ZUR ZUKUNFT STÄDTISCHE BÜHNEN FRANKFURT

„Klimawandel, Ressourcenverbrauch und Müllaufkommen sind große Probleme, vor denen wir alle als Gesellschaft im Moment stehen. Als Architect for Future wissen wir, dass das Bauwesen einen großen Anteil an all diesen Problemen hat. Wenn nun, wie im Moment in Frankfurt am Main, darüber nachgedacht wird, wie die Zukunft der Oper und des Schauspiels sein wird und welche Baumaßnahmen hierfür erforderlich sind, wenn ein öffentlicher Bauherr nun darüber nachdenkt, eine Milliarde zu investieren, dann betrachten wir all diese Vorhaben sehr kritisch.

Wir wissen aus unserer täglichen Praxis und aus unserer intensiven Auseinandersetzung mit dem Bauen, dass der Abbruch und Neubau von Bauvorhaben tatsächlich großen Anteil an Klimafolgen und Klimaproblemen haben, weil durch den Neubau alleine sehr viele Emissionen ausgestoßen werden. Wir kennen das als graue Energie, sprich der Energieaufwand, der erforderlich ist, um ein Gebäude zu erstellen. Unabhängig davon, dass ein Neubau energieeffizient ist und Energie über die Betriebszeit spart, ist schon der Abriss eines Gebäudes mit dem Energieaufwand hierfür und dem Müllaufkommen, was dadurch entsteht, und der Neubau eines anderen Gebäudes ein großer Anteil dessen, was wir als Klimaproblem oder Klimakatastrophe kennen.

Als Architects for Future sprechen wir uns sehr für den Erhalt der bestehenden Gebäude aus. Wir wissen, dass die bestehenden Gebäude erheblich sanierungsbedürftig sind. Wir wissen aber auch, dass in den letzten Jahren sehr wenig in den Unterhalt des Gebäudes investiert worden ist.

Es steht außer Frage, dass Baumaßnahmen, Sanierungsmaßnahmen erforderlich sind. Wir wissen aber, dass heute im Jahr 2023 es schlichtweg falsch wäre und irrational, wenn der öffentliche Bau eher erhebliche Summen in einen Neubau steckt, der Klimaprobleme befeuert und verstärkt, anstatt einer vernünftigen und gebotenen, man könnte sagen, enkeltauglichen Bauweise zu wählen. Wir sprechen uns sehr für den Erhalt des Gebäudes aus.“

Tim Driedger leitet zusammen mit Christine Weinmann das Frankfurter Architekturbüro in_design architektur. Driedger war über elf Jahre lang Lehrbeauftragter am Fachbereich Architektur der Hochschule Darmstadt. Ehrenamtlich engagiert er sich für Architects for Future und Zukunftshafen Frankfurt für mehr Nachhaltigkeit im Bauwesen.

„Leuchtturmprojekt für Frankfurt“

STATEMENT VON TILL SCHNEIDER ZUR ZUKUNFT STÄDTISCHE BÜHNEN FRANKFURT

„Der optimale Standort für die Bühnen ist schon da. Die Doppelanlage von Theater und Oper ist am Willy-Brandt-Platz bestens verortet. Das liegt zum einen an der hervorragenden Anbindung an die U-Bahnen und Straßenbahnen, wie an der Nähe zu den Parkhäusern, und zum anderen an der Lage am Kreuzungspunkt von Wallanlage und der Verbindung vom Hauptbahnhof zur Innenstadt.

Der Clou der Doppelanlage besteht darin, dass die beiden Bühnenhäuser in einem Gebäude mit einem Foyer zusammengefasst sind. Ein Umstand, den es sonst weltweit in dieser Ausprägung nicht gibt und auf dem Frankfurt mit Recht stolz sein kann.

Das Wolkenfoyer funktioniert als attraktives Schaufenster für die Aktivitäten des Theaters wie der Oper. Die Besucher werden zum Teil dieses Schaufensters und stellen sich dabei quasi selbst zur Schau. Gleichzeitig erfahren sie, was in dem jeweils anderen Bühnenhaus stattfindet und beide profitieren von dem sensationellen Blick aus dem Foyer über die Wallanlagen ins Bahnhofsviertel, auf die Banken-Türme und das Treiben der Innenstadt. Die Kultur ist so ganz selbstverständlich mit dem restlichen städtischen Leben verwoben.

Das Festhalten an einem Standort für Theater und Oper bedeutet, dass in der Umbauphase ein weiteres Interim gefunden werden muss. Das kann man allerdings auch als Vorteil ansehen, indem neben dem Bockenheimer Depot an einem Ort in Frankfurt städtebauliche Impulse neu gesetzt werden können, ohne sinnlos Geld in Zwischenzustände zu verpulvern. In diese Interimgebäude und ihre Nebengebäude wird investiert, sie können allerdings auch nachgenutzt oder teilweise auch andern Ortes weiterverwendet werden. Aktuelle positive Beispiele hierfür gibt es in Stuttgart, München, Paris und Genf. Gegenrechnern kann man das mit den Grundstückskosten, die für einen weiteren dauerhaften Standort aufzuwenden wären.

Die Entscheidung für den Abriss der städtischen Bühnen wurde vom Magistrat der Stadt Frankfurt vor nunmehr fast vier Jahren zu einem Zeitpunkt getroffen, als noch eine ältere Kriteriengewichtung in Bezug auf die ökologischen Aspekte wie den CO2-Fußabdruck galt.

2030 möchte Frankfurt aber klimaneutral sein und die angesprochene Gewichtung hat sich mittlerweile auch deutlich zugunsten der Einschätzung der grauen oder besser gesagt der goldenen Energie verschoben. Jeder Abbruch, jeder Rückbau muss kritisch hinterfragt werden.

Die Ressourcen im Bestand sollten genutzt werden. Würde heute neu anhand der aktuell geltenden Bewertungsmatrix entschieden, käme man sicherlich zu anderen Ergebnissen.

Diese anderen Ergebnisse würden den Erhalt von Teilen des Bestandes ermöglichen und den Impuls des Weiterbauens wie in früheren Zeiten üblich positiv befördern.

Die Städtischen Bühnen könnten durch eine tiefgreifende organisatorische, räumliche und energetische Sanierung zu einem Leuchtturmprojekt für Frankfurt werden, dessen Strahlkraft weit über die Stadtgrenzen hinaus reichen würde. Ich würde mir wünschen, dass solche Überlegungen bei der aktuellen Standortdiskussion eine Rolle spielen.“

Till Schneider, geboren 1959 in Koblenz, studierte Architektur an der Universität Kaiserslautern, der TU Darmstadt und der Städelschule Frankfurt/Main bei Peter Cook, freie Mitarbeit Eisele + Fritz und Prof. Mürb, seit 1988 mit Michael Schumacher Büroinhaber von schneider+schumacher Frankfurt/Main sowie den Niederlassungen in Wien (Österreich) und Tianjin und Shanghai (China), Vertretungsprofessor an der TU Darmstadt im Jahr 2005, 2010-2014 Vorsitzender der Frankfurter BDA-Gruppe. Till Schneider lebt in Frankfurt/Main.

„Erhalten, was zu erhalten geht“

STATEMENT VON MICHAEL SCHUMACHER ZUR ZUKUNFT STÄDTISCHE BÜHNEN FRANKFURT

„Die Haltung zum Abriss ist natürlich, dass man das nicht richtig verstehen kann. Wir leben ja in einer Zeit, wo der CO2-Ausstoß sehr massiv in den Fokus geraten ist und da wäre es natürlich eigentlich besser zu erhalten, was zu erhalten geht. Und außerdem bin ich auch der Meinung, dass das, was wir da erhalten können, zum Beispiel dieses Foyer, grandiose Architektur ist, dass wüsste ich jetzt nichts Besseres, was man an der Stelle bauen könnte.

Frankfurt braucht auch in dem Sinne kein Signature-Gebäude, wir haben die Skyline. Eigentlich haben wir alles an der Stelle, außer vielleicht einer funktionierenden Haustechnik und bestimmten negativen Auswirkungen innerhalb der Theateranlage.

Die Kulturmeile ist für mich die zweitbeste Lösung. Der Erhalt der Anlage, der Umbau der Anlage, an der Stelle der Doppelanlage, in der heutigen Zeit einen Punkt damit zu machen, dass man eine Anlage hat, in der schon Reste vom 19. und vom 20. Jahrhundert stecken, das ist Präferenz eins. Und danach würde ich sagen, ist wahrscheinlich die Kulturmeile auf jeden Fall mal besser, als ein Gebäude isoliert in die Anlagen zu stellen.

Die Zukunft der Oper könnte so ausschauen, dass man ein Interim sucht für beide oder für eins, je nachdem welche Lösung kommt. Und dieses Interim finde ich jetzt auch nicht so chancenlos oder nicht nur ein Kostenpunkt, sondern andere Städte machen es ja auch vor, dass so ein Interim möglicherweise mit einer Nachnutzung versehen der Startpunkt für einen neuen Stadtteil sein kann. Aber so ein Interim könnte auch für die Institutionen eine Verjüngung darstellen, für die Besucher eine andere Sichtweise.

Und dann wäre in meinen Augen die beste Lösung an dem Standort zu bleiben, in der Doppelanlage, in einer dann an drei Seiten deutlich verbesserten – an der vierten Seite ist es meiner Ansicht nach überhaupt nicht zu verbessern, das Glasfoyer ist grandios – aber an den anderen Stellen könnte man städtebaulich natürlich etwas schaffen.

Wenn ich jetzt in zehn Jahren denke, das wäre etwas, wo man mit strunzen könnte, wo man sagen könnte, das ist die Art, wie man heute mit Architektur umgeht, nicht indem man neue Signature-Gebäude macht von irgendwelchen Star-Architekten, sondern indem man Anlagen, die so historisch gewachsen sind, so aufwertet, dass sie den städtebaulichen Bedingungen gerecht werden und natürlich den, für die sie geschaffen sind, nämlich dem Theater und der Oper.“

Michael Schumacher, geboren1957 in Krefeld, studierte Architektur an der Universität Kaiserslautern und der Städelschule Frankfurt/Main bei Peter Cook, freie Mitarbeit bei Norman Foster, seit 1988 Büroinhaber von schneider+schumacher mit Till Schneider, Gastprofessur Städelschule Frankfurt/Main im Jahr 2000, Landesvorsitz des BDA Hessen von 2004 bis 2009, seit 2007 Professor für Entwerfen und Konstruieren an der Leibniz Universität Hannover. Er ist Mitglied im AIV. Michael Schumacher lebt in Frankfurt/Main.

„Ich finde es unverständlich“

STATEMENT VON KATHARINA HACKER ZUR ZUKUNFT STÄDTISCHE BÜHNEN FRANKFURT

„Als Frankfurterin bin ich leidenschaftlich dafür, dass die Oper bleibt, wo sie ist, wie sie ist, weil ich wenige Gebäude kenne, die schöner und festlicher sind und das liegt nicht nur an den Wolken, das liegt an der Offenheit und an der Weise, wie sich das Foyer jedem der Stadt verbindet.

Als Mensch, der versucht einigermaßen ökologisch zu denken, leuchten ja Abrisse im Moment weder de facto noch als gesellschaftliches Zeichen ein. Also gerade jetzt, irgendetwas aufzugeben, was öffentlichen Raum strukturiert, und zwar als durchlässigen, weil du bist ja in diesem Foyer drin und du blickst raus und die Leute, die draußen sind, blicken rein.

Es ist eine der wenigen Orte, wo diese auch abgezirkelte Kultur mit der Stadt kommuniziert. Und sowas würde ich schon einfach niemals hergeben. Und ich finde es unverständlich. Ich finde Abreißen im Moment nicht plausibel.

Ich erinnere mich gut, als die Alte Oper eröffnet wurde, wie entsetzt und enttäuscht ich war, dass die Konzerte zukünftig in der Alten Oper stattfinden sollen. Die für mich der Gegenentwurf ist zur Oper, die offen modern und auch von einer gewissen Zuversicht geprägt ist und in der wichtige Teile meiner der Kindheit stattgefunden haben. Während die Alte Oper schon das Element war, das Kultur eigentlich in einen abseitigen und im Grunde elitären Raum drängte und mir das Gefühl gab, nicht mehr wirklich teil daran zu haben und diesen Raum auch nicht mehr zu besitzen.“

Katharina Hacker, 1967 in Frankfurt am Main geboren und aufgewachsen, studierte Philosophie, Geschichte und Judaistik in Freiburg und Jerusalem. Sie arbeitete mehrere Jahre in Israel und lebt seit 1996 als Autorin in Berlin.

Allzu durchsichtig: Aura und Bühnen

Leserbrief von Alfons Maria Arns, Frankfurt am Main, zum Beitrag von Michael Hierholzer „Die Aura und der Engel der Geschichte“, Reihe „Frankfurt, deine Meisterdenker“ (7): Benjamin, 28. September 2023 (S. 3 / Die Drei)

„So fühlt man Absicht und man ist verstimmt.“ (J.W.v.Goethe, Torquato Tasso, II,1; 1790) – Es ist manchmal bizarr, was in den letzten Jahren in den Debatten um die Zukunft der Städtischen Bühnen Frankfurt alles an „Argumenten“ aufgefahren wurde und noch wird, um einen Abriss der bestehenden Theaterdoppelanlage zu rechtfertigen. Nun also als philosophischer Kronzeuge der laut Hierholzer „unkonventionellste Denker im Umkreis der Frankfurter Schule“ Walter Benjamin, dessen bekannteste Schrift „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ (1936), ein Werk „von erstaunlicher Aktualität“, dafür auf durchsichtige Weise in Anspruch genommen wird. Mit dem zentralen Begriff der „Aura“ habe Benjamin nämlich – gewissermaßen avant la lettre – „ein gutes Argument für einen Neubau der Städtischen Bühnen“ geliefert, da „das Auratische im Zusammenspiel zwischen Kunst und Rezipienten (wirksam wird), eine Erfahrung, die es nur in der Unmittelbarkeit etwa eines Konzerthauses oder Theaterraums gibt“.

„In säkularen Zeiten“, so Hierholzer weiter, „sind Schauspiel und Oper Stätten für besondere, gleichsam kultische Erlebnisse, die entscheidend zum Menschsein, zum Bürgersein, zum städtischen und staatlichen Leben gehören und anderswo allenfalls als Surrogat zu haben sind.“ Es brauche also „im Sinn Benjamins auratische Orte, um die Gesellschaft zu stabilisieren“, woraus bei Hierholzer unversehens ein „Hauptargument“ wird, „wenn es um den Neubau der Städtischen Bühnen in Frankfurt geht“: „Dazu aber genügen keine Nischen, vielmehr braucht es große Architektur, wie sie schon die Griechen mit ihren Amphitheatern errichteten, (…).“

Abgesehen davon, dass alle früheren und heutigen Konzert-, Theater- und Opernhäuser „auratische Orte“ sind, fragt man sich, wieso der seit 60 Jahren bestehenden, künstlerisch produktiv genutzten und stadträumlich in positiver Weise wirksamen Theaterdoppelanlage am Willy-Brandt-Platz diese „auratische Kraft des Theaters“ nicht zugestanden wird, indem man zunächst ihre schiere Existenz verschweigt und sie dann sogar bereits sprachlich-gedanklich abgerissen und durch einen „Neubau“ ersetzt hat.

Hinter der Nichterwähnung der aktuell noch in vollem Betrieb befindlichen und mit Lobpreisungen überhäuften Bühnen steckt offenkundig auch das Vorurteil, dass es den Bauten der (Nachkriegs-)Moderne, errichtet im bewussten Gegensatz zum prunkvollen bürgerlichen Theaterbau des 19. Jahrhunderts, per definitionem an auratischer Aufladung ermangele. Also das, wonach man sich bei einem Neubau der Bühnen vermutlich sehnt als Neuauflage und bloße Fortschreibung klassisch-repräsentativer „großer Architektur“. Wie der Architekturhistoriker Frank Schmitz in seinen Studien zur Auratisierung von Theaterbauten der Nachkriegszeit, den „Spiel-Räumen der Demokratie“, unter dem Stichwort „Ästhetische Kirchen“ gezeigt hat, sind Stahl-Glas-Konstruktionen, wie etwa beim Frankfurter Wolkenfoyer, in ihrer Gleichzeitigkeit von Enthüllen und Verbergen aber durchaus wirksam in auratischer Hinsicht: „Bezogen auf die gläsernen Theaterfoyers, die ja mit ihrer häufig kubischen Form und der Aufständerung durchaus den Charakter einer Vitrine haben, ist damit Nähe und Ferne zugleich erzeugt, also erneut jenes Wechselspiel, das Walter Benjamin als konstitutiv für die Erzeugung von Aura bezeichnet hatte.“

Den „auratischen Ort“ also, den Hierholzer für die Zukunft fordert und an dem es seinen Worten nach „um Selbstvergewisserung und auch um Erinnerung geht, um die Erinnerung, was uns zu dem werden ließ, was wir sind, individuell und im sozialen Zusammenhang“ – genau den gibt es bereits in Gestalt der 1963 eröffneten Theaterdoppelanlage am früheren Theaterplatz, die natürlich in die Jahre gekommen ist und dringend einer Sanierung, Modernisierung und Erweiterung bedarf. Der Benjaminsche „Engel der Geschichte“ schaut eben zurück auf das, was war, während er gleichzeitig unaufhaltsam vom Sturm der Geschichte, Fortschritt genannt, nach vorne in die Zukunft getrieben wird.

(Dieser Beitrag ist die Langversion, in der FAZ ist eine gekürzte Version erschienen.)

Deal oder Coup?

Der Oberbürgermeister hat doch nicht geliefert…

Von Peter Lieser

Im Mai 2023 veröffentlichen wir eine erste Analyse von Peter Lieser zur Theaterdebatte. Seitdem ist einiges passiert. Anlass, dem neuen Sachstand nochamls auf den Grudn zu gehen:

Coup

Ende Juli 2023 stellten der frisch ins Amt eingeführte Oberbürgermeister der Stadt Frankfurt am Main (SPD) und seine Dezernentin für Kultur und Wissenschaft (SPD) die Einigung mit der Frankfurter Sparkasse 1822 und der Hessischen Landesbank (HELABA) hinsichtlich des Neubaus für ein Schauspielhaus vor.

Vorherige Verhandlungen waren Ende Februar, mitten im OB-Wahlkampf, vermutlich an den Grundbesitz-Verhältnissen gescheitert. Die Kulturdezernentin, die eine neue Oper auf dem Terrain der Sparkasse und ein neues Schauspiel auf dem Grundstück der städtischen Theater- Doppelanlage unter dem werbewirksamen Slogan „Kulturmeile“ verorten wollte, war nach zweieinhalb Jahren Zeitverlust und intensiver Prüfarbeit zu dieser Variante der Standortsuche erfolglos geblieben.

Aus dem Stehgreif und zur Überraschung aller propagierte sie die „Spiegellösung“. Diese sah die Errichtung eines neuen Schauspiels vor, gegenüber der Oper, ungeniert-vollflächig in den denkmalgeschützten Wallanlagen.

Aus der SPD-Folie „Kulturmeile“ wurde zur Rettung der Idee die abgespeckte SPD-Folie „Kulturdreieck“. Auch der Vorsitzende des Städtebaubeirates befürwortete, wie schon vorher die „Kulturmeile“, nun selbstverständlich die „Spiegellösung“.

Müßig zu erwähnen, dass im Zuge der Vorstellung einer Einigung mit der Helaba der OB die Spiegellösung mit kritischen Worten wie „vier bis fünf Jahre um Baurecht zu schaffen“ und „substanzieller Eingriff in die Wallanlage“ elegant einkassierte. „Anderer Gesichter wahren“ lautet der Merksatz für diese unter Führungskräften beliebte Kommunikations-Methode. Ein Bericht in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung hatte bereits im Vorfeld der Entscheidung in einem ++politischen Kommentar, der jenseits des journalistischen Ehrencodex‘ nicht als solcher gekennzeichnet war, den neuen Oberbürgermeister als den neuen Kulturdezernenten vorgestellt.

Auch schrieb die FAZ an anderer Stelle: Mike Josef hat geliefert. Welches sind nun die Liefermengen des Oberbürgermeisters?

Kosten

Das Grundstück der Sparkasse (5500 Quadratmeter, geschätzter Wert 500 Millionen), das sie nicht verkaufen will, hat seinen Preis: 35 Millionen Einmalzahlung, quasi als Anzahlung, 1,99 Millionen jährlich als Erbpachtzahlung auf 199 Jahre, macht: 431 Millionen Euro.

Man kann das als günstig bezeichnen (oder besser gesagt tarnen), wie der neue Oberbürgermeister es mit dem Hinweis auf den günstigen Erbbauzins versucht. Aber hinsichtlich der Mietfreiheit auf dem eigenen Grund und Boden der Theater-Doppelanlage ist diese Summe von 431 Millionen Euro ein verlorenes Geld der Stadt Frankfurt und seiner Bürgerlnnen.

Nach 199 Jahren ist dieses Geld (und vermutlich einige Verwaltungskosten mehr) auf und davon, das Grundstück ist obendrein weg, und ob die rote Sparkasse in 199 Jahren noch existiert, sei dahingestellt. Vermitteln diese Fakten vor dem Hintergrund der Erfahrungen mit der Bankenwelt und ihren Turbulenzen wirklich Vertrauen?

Ein guter Deal, sagt der Oberbürgermeister.

Nein, ein fauler Deal ist dieses Verhandlungsergebnis im Sinne der Stadt Frankfurt, zumal wenn man noch einige andere Faktoren hinzunimmt.

Koppelgeschäft

Ein Koppelgeschäft abzuschließen, ist dem Frankfurter Magistrat untersagt. Und auf einem Verstoß gegen diese Regel steht Strafe für die Beteiligten. Scheinbar ist der Deal (die FAZ sagt ,,Coup“) durch die Rechtsabteilungen der beteiligten Institutionen bislang ungeprüft geblieben.

Die HELABA darf ein Hochhaus (vermutlich wie bisher schon einige ihrer Türme als Geldanlage) bauen, das nicht für den Eigenbedarf der Sparkasse (die kein Geld dafür hat und Zweigstellen schließt) dient. Ursprünglich 130 Meter hoch war das Hochhaus bisher geplant. Nun ist es gewachsen auf 160 Meter. Mit Tiefgarage. Und mit den integrierten Front-Fassaden zweier denkmalgeschützter Häuser. Die denkmalgeschützte „Frankfurter Fassade“ ist spätestens seit dem Schneider-Fürstenhof-Deal selbst auch in Florida bekannt.

Ein Architektur Wettbewerb soll ausgeschrieben werden, eventuell mit dem Schauspiel zusammen. Ist das nicht seltsam: ein Wettbewerb, in dem der Entwurf zweier getrennter Baukörper, eines Bürohochhauses und eines Theaters, zu bauen durch zwei verschiedene Bauherrinnen, durch die Bank und durch die Stadt, im zweiten Halbjahr 2024 gemeinsam ausgelobt werden soll?
Zwei Bauwerke die nichts, aber auch gar nichts miteinander zu tun haben. Noch eine Frankfurter Erfindung: Ein Koppel-Wettbewerb? Ist das ein guter Deal oder ein fauler Deal, etwa ein Koppelgeschäft?

Was geht vor, wenn hinter den verschlossenen Türen, mit dem Wohlwollen der Verhandlungsbeobachter des Landes ausgestattet und im allseits stadt- und landbekannten SPD-Parteienmilieu aus dem Scheitern der Verhandlungen im Februar plötzlich im Juli des gleichen Jahres ein Vertragsabschluss (ein „Letter of Intent“) ergeht, versehen mit einer Laufzeit von einem Jahr (bis Juli 2024)? Ist somit ein Zugzwang für die städtischen Gremien und Entscheider geschaffen, der in einem Dokument steht, das in seinen Vereinbarungen günstig sein soll, dessen Inhalte, Zahlen, Daten, Fakten aber bisher nur wenige Personen kennen?

Abriss

Bis zum Jahre 2027 soll das betreffende Grundstück der Sparkasse baureif sein. Die Masse der Grauen Energie, die hier vernichtet wird, ist schon an anderer Stelle (Initiative Zukunft Städtische Bühnen) kompetent und sachlich in die fachöffentliche Debatte, die sich neben den Abschottungen und Alleingängen der Stadtpolitik und der mehrfach versprochenen Bürgerbeteiligung glücklicherweise entwickelt hat, eingebracht worden.

Exkurs: An dieser Stelle sollte nicht unerwähnt bleiben, dass durch das unerbittliche Parteiengezänk und das intransparente Agieren einiger gewählter Akteure zu diesem eher zukunftsorientierten und gesellschaftlich verbindenden Thema ,,Theaterkultur“ ein städtisches Grundklima des Gegeneinanders erzeugt wurde. So muss es nicht wundern, dass vom ex-cathedra-sprechenden Vorsitzenden des Städtebaubeirates bis hin zum freihand-artistisch argumentierenden Fach-Journalisten fachliche Beiträge zum Erhalt von ,,Grauer Energie“ und zur Bewahrung von Werten der Baugeschichte und -Kultur als blanke Polemik diffamiert werden. Kulturdezernentin und Oberbürgermeister wären gut beraten, sich zukünftig im Sinne aller Bürger*lnnen, durch die sie letztendlich ihr Mandat auf Zeit haben, zu sehen und integrativ zu wirken. Das Thema spaltet allmählich Bürgerschaft, Fachwelt und Kulturschaffende dieser Stadt!

Ein Abriss, der durch den ,,guten Deal“ (OB) erzwungen wird, eines völlig intakten Gebäudes für derzeit 700 Mitarbeiter*lnnen? Ist dem Betriebsrat der 1000 Beschäftigten der Theaterdoppelanlage, der immer wieder die nahtlose Qualität der zukünftigen Arbeitsplätze im Übergang
zu den Theater-Neubauten einfordert, bewusst, dass mit seinen starken Worten (die sich mit denen der Intendanten decken) Verdrängung von anderen Arbeitsplätzen stattfinden soll? Ist ein städtisches Unternehmen von 1000 Mitarbeiter*lnnen berechtigt, zu seinem Wohle 700 Mitarbeiter*nnen eines privatwirtschaftlichen Unternehmens von der Örtlichkeit seiner Arbeitsplätze zu verdrängen? Um zukünftig das Fallobst durch die feinen Birnen zu ersetzen?

Und noch ein Abriss droht: Neue Mainzer Straße 51, die letzte große Schalterhalle von Frankfurt, die ursprünglich so lebendige Schalterhalle der (gelben) Sparkasse von 1822, die zahlreiche Veranstaltungen der Polytechnischen Gesellschaft in einem hochwertigen Raum (mit mehr als 220 Sitzplätzen) für Vortrags-Sternstunden, Gespräche und Diskussionen, Ausstellungen auf der Galerie beherbergt hat, die die Raumästhetik der sechziger und (nach Renovierung) den gediegenen Charme der achtziger Jahre noch bewahrt und diesen Zeitgeist vermittelt – soll auch sie dem ,,guten Deal“ zum Opfer fallen? Das Ende der Ära der Schalterhallen, die weltweit in Bahnhöfen, Postgebäuden, Dienstleister-Institutionen, Banken etc. Orte der Begegnung im öffentlichen Leben waren – muss sie auch hier in Frankfurt ausradiert werden?

Glücklicherweise, muss man sagen, entscheiden nicht nur Kulturdezernenten und Oberbürgermeister über ,,gute Deals“. Glücklicherweise gibt es in unserer demokratisch verfassten Gesellschaft noch Institutionen, die ein wachsames Auge auf die Werte unserer Gesellschaft und unserer Umwelt haben. Ein solches Auge hat die Denkmalbehörde des Landes Hessen auf jene Schalterhalle geworfen. Und ebenso wacht sie über die beiden klassizistischen Häuser nebenan, von denen die Nummer 55 das Wohnhaus der Frankfurter Schriftsteller-Familie Pfeiffer-Belli war.

In dem die Tochter von Erich Pfeifer-Belli, Silvia Tennenbaum, wohnte. Sie schrieb das Buch ,,Straßen von Gestern“ und erzählte darin die Geschichte ihrer großbürgerlich-jüdischen Familie um die vorletzte Jahrhundertwende, welches beim Lesefestival ,,Frankfurt liest ein Buch“ im Jahre 2012 gelesen und einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wurde.

Der Oberbürgermeister und die Kulturdezernentin sollten sich entweder kundig machen über diese kulturellen Werte, denen durch den besiegelten Deal Vernichtung droht im Zuge der von ihnen propagierten „Kulturmeile“. Oder sie sollten sich einmal fragen, ob sie vor der Bürgerschaft der Stadt Frankfurt die Verantwortung für die Beseitigung von unersetzbaren, kulturellen Werten übernehmen wollen.

Kulturmeile

Sie muss nicht beworben werden, sie existiert bereits, nur ist sie in Abschnitten nicht gepflegt (siehe unten) und durch die Stadt seit Jahren vernachlässigt. Weil man den Banken das Feld für ihre Aktivitäten überlassen hatte und dabei zusah, wie eine Bank nach der anderen, nach dem Wegzug der BfG, sich abschottete, um ihren Geschäften nachzugehen. „Die Bank ist scheu wie ein Reh“ war lange das Credo der Banken-Community, die andererseits immer auf Fühlungsvorteile, das Siedeln im engen, lokalen Verbund des städtischen Raumes bedacht war. Ein Spaziergang durch die westlichen Wallanlagen, insbesondere vom Japancenter bis zur Alten Oper, lässt sehr schnell erkennen, dass Banken ihre eigene Kultur hinter Mauern und Zäunen pflegen, eher ihre Eingänge in der unwirtlichen Neuen Mainzer Straße in Kauf nehmen, als sich dem erholsamen, einmaligen Grünraum der Wallanlagen zu öffnen – während ein Gang durch die beschriebene Schalterhalle schnell endet vor Trennwänden und Glasscheiben mit Blick auf die Taunusanlage. Öffentliche Wünsche stoßen hier schnell an die Grenzen des privaten Interesses, Potenziale bleiben vorerst verschenkt.

Noch eindrucksvoller ist die Abschottung der EZB am Willy-Brandt-Platz, direkt gegenüber der Theater-Doppelanlage, im ehemaligen Gebäude der BfG. Das ursprüngliche städtebauliche Konzept (und die persönliche Intention ihres damaligen Direktors, Walter Hesselbach) war die Öffnung der Bank zur Stadt. Durch die Medien zur Einweihung gefeiert, durch Wissenschaftler analysiert und erforscht, war die BfG-Mall ein Raum des Kommerzes und der neuen Warenästhetik. Ein Raum der Begegnung und der Öffentlichkeit. Was ist wegen der Sicherheitsbedürfnisse der EZB/Bafin davon noch geblieben? So stellt sich doch die Frage, ob dieses Genre von Banken wirklich an diese Stelle in der Stadt gehört?

Jedenfalls bekommt die Art von Abschottung, die einer Totstellung städtischen Lebens gleichkommt, der Theaterwelt direkt gegenüber nicht, die ja bekanntlich in dieser Form schon vorher da war, und die mit ihrem markanten Foyer zu der ursprünglichen Offenheit der Sockelzone der BfG geführt hat (nur die als Kompensation für das überbaute Grün der Wallanlage von der BfG versprochene Eisbahn wurde nie gebaut).

Und umgekehrt gefragt, denn das ist hier das Thema: Gehört ein Schauspiel zwischen Bankentürme? Zwischen totgestellte Sockelzonen? Und wieder umgekehrt, frei nach Brecht geantwortet: Sollen die Banken das unter sich ausmachen und uns da rauslassen!
Brauchen wir eine Kulturmeile als Folie und ein Neubau-Projekt mit Oper und Schauspiel von bald zwei Milliarden Euro, mit dem einen davon die Stadtpolitik eine „Aufwertung der Bankenklamm“ erreichen will? Sollen die Banken nicht ihre Bankenklamm-Politik unter sich betreiben, bevor unser Stadtsäckel klamm wird?

Brauchen wir einen Neubau eines Schauspiels, eingequetscht zwischen die Bankentürme der Neuen Mainzer Straße, um einen schmalen Pocket-Park zu entwickeln, den wir bereits als Verbindung der Bankenklamm zur Wallanlage geschaffen haben könnten? Brauchen wir den Neubau eines Schauspiels, um mit dem Geld der Bürger

lnnen die Kultur in ein Bankenviertel zu tragen, wo Geld schon vorhanden ist und die Kultur nur einige präzise sezierende Anreize braucht, um sichtbar zu werden? Die Kulturmeile muss man nicht schaffen – sie gibt es einfach. Seit Jahren aufgespannt zwischen dem markanten und wunderbaren Jüdischen Museum und der Alten Oper, muss sie weiterentwickelt und entdeckt werden. Doch dazu braucht es wahrlich kein Sparschwein-Theater in der Bankenklamm!

Und nun sollen Faktoren wie Zeitplanung, Interim und Städtebau hier untersuchen helfen, ob der geschlossene Deal ein guter oder ein fauler Deal war:

Zeit

In der Diskussion um den Neubau der Doppelanlage waren insbesondere die Ergebnisse der Stabsstelle für die Zukunft des Theaters entscheidungsrelevant. Diese sind ausschließlich im Auftrage der Kulturdezernentin – und selbstverständlich weisungsgebunden, nicht frei und kreativ – entstanden. Sie untersuchten den Standort, die Kosten und die Zeit, und setzten sich nicht mit den inhaltlichen, künstlerischen, sozialen, städtebaulichen und kulturellen Werten der neuen Theater und mit deren Bedeutung für die Stadt auseinander. Faktoren wie Ästhetik, Raumwirkung und Sichtbarkeit, im weitesten Sinne Repräsentations-Potenzial und Emotionale Bindung der Kulturschaffenden, der im Theaterbetrieb Beschäftigten, der Besucher und Rezipienten der dargestellten Kunst flossen selten in die Bewertungen ein.

Durch diese sehr technische Sichtweise scheint sich ein Wohlfühlfaktor aller Beteiligten entwickelt zu haben, der Ansprüche an kürzeste Entwicklungszeiten der Baumaßnahmen auf Top-Niveau gesteigert hat und der vom Erhalt (ohne Einschränkung) von hohen Standards in den Theater-Produktionen und von deren uneingeschränkten Rezeptionsmöglichkeiten ausgeht. Dies ist erst einmal verstehbar vor dem Hintergrund der Bedrohung durch eine plötzliche Schließung der Theater-Doppelanlage durch den Brandschutz, die
Gewerbeaufsicht, durch bauliche Defekte, durch Unmöglichkeiten von Reparaturen und Unvorhergesehenes (wie z.B. Brand durch Brandstiftung). Aber ohne Einschränkungen während der Bauphase werden die neuen Spielstätten nicht zu haben sein, gleich ob mit oder ohne Interimstheater. Ein zeitnahes Umziehen in neue Spielstätten unter Vermeidung von Interimslösungen, oder allenfalls von wenigen qualitativen Einschränkungen, hat sich zum Postulat der Intendanten, der Belegschaft, der Künstler etc. entwickelt und damit auf viele Entscheider in der Stadtpolitik übertragen. So kommt es, dass nach dem ,,geglückten Deal“ eine Zeitschiene vorgestellt wurde, die völlig außer Acht lässt, dass die Zeit-Eckdaten, die auf ersten Einschätzungen beruhen und keine Reserve für Unvorhergesehenes enthalten, den Fokus auf das Phantastische des urplötzlich Machbaren legt, und unvorhergesehene Entwicklungen ausblendet.

Ein Beispiel wäre das Scheitern des Baureifmachens des benötigten Erbpacht- Grundstücks für das Schauspiel im Jahr 2027. Hier hat die Stadt Frankfurt keine Chance auf Zugriff und selbstbestimmtes Handeln. Sie ist eben nicht Grundeigentümer und kann den Verlagerungsprozess von Arbeitsplätzen der Frankfurter Sparkasse (von Kündigungen soll hier nicht die Rede sein, auch wenn sie Folge des Deals mit der Stadt Frankfurt sein können) und den Abriss des Gebäudes nicht beeinflussen, geschweige denn bei Verzögerung, die auch nicht in der Macht der Sparkasse liegen muss (im Baugeschäft kommt dies auch immer wieder vor), beschleunigen.

Und damit steht und fällt die Zeitmatrix, die den Abschluss sämtlicher Bauleistungen, Logistikverträgen, Umzugs- und Spielplänen miteinschließt. Warum also ohne Not sich zeitlich (auch logistisch und finanziell, letztendlich auch im sozialen Gefüge der eigenen Mitarbeiter*lnnen) an Dritte binden?

Doch nehmen wir an, die Dinge laufen wie geplant:

2023 Vereinbarung Sparkasse, HELABA und Stadt durch Letter of lntent

2024 Ausschreibung des Wettbewerbs: Oper, Schauspiel, event. mit Hochhaus

2027 Abriss der Sparkasse Neue Mainzer Straße

2031 Fertigstellung des Schauspiels als Interimsspielstätte für die Oper mit einem rückbaufähigen Orchestergraben und nur 700 Plätzen, der Hälfte der jetzigen Platzzahl, ohne Drehbühne. Es ist sehr verwunderlich, dass der Opern-Intendant sich nicht meldet. Hier wird Geld verschwendet: Rückbau Orchestergraben, endgültiger Ausbau zum Schauspiel. Interimskosten eben, die anfallen, die man aber bei einem echten Bekenntnis zum lnterimsbetrieb der Oper besser anlegen könnte und kostbare Zeit sparen würde.

2031 Umzug des Schauspiels zur Interimsstätte Bockenheimer Depot

2032 Abriss der Doppelanlage

2037 Oper fertig und Umzug aus dem neuen Schauspiel/Einzug am W-B-Platz

2037 Rückbau/Umbau/Ausbau Schauspiel

2038 Umzug Schauspiel aus dem Depot, Einzug ins Schauspiel Neue Mainzer.

Wie gesagt: Wenn alles gut geht!

Dreierlei ist auffällig:

Es spielt keine Rolle mehr, wieviel Zeit vergeht hinsichtlich der von Stilllegung gefährdeten Doppelanlage. Von Zeitnot ist keine Rede mehr. Phantastische Lösungen winken. Von einem Tag auf den andern sind 15 Jahre, von heute an bis zum endgültigen Betrieb der neuen Spielstätten, kurz genug, um den Notfall im maroden Haus zu überstehen. Und mögliche Verzögerungen, auch wenn man vom Grundbesitz Dritter abhängig ist, kommen nicht in den Sinn.

Es scheint, als hätten die Entscheider ihr ungeschriebenes Ziel erreicht, um sich von der ungeliebten Doppelanlage zu trennen. Alle gefundenen Argumente für den Abriss waren willkommen. Die Theater sind getrennt wie vor dem 2. Weltkrieg. Synergien gehen verloren. Das Grün der Wallanlagen wird vermehrt. Was sowieso gehen könnte, wenn man nur wollte. Die Schließung des maroden Hauses kommt angeblich nun nicht mehr vor. Die Kosten spielen keine Rolle, die Rechnungen, obwohl sie um mindestens 500 Millionen Euro geschönt sind zugunsten der Kulturmeile, sind Peanuts.

Und die Problematik, die nie erwähnt und immer verschwiegen wird: Das Schauspiel, das Sprechtheater in dieser multikulturellen Stadt, das immer schon Aushängeschild der politischen, aufgeklärten und fortschrittlichen Haltung der Stadt war, kommt, wie immer, bei allen Deals schlecht weg und zieht die Arschkarte.

Schon nach dem Brand der Oper im November 1987 wurde es in seiner Spielstätte durch die Domizil-beanspruchende Oper eingeengt und letztlich vertrieben. Auch wenn als Folge der Querelen eigens für das Schauspiel das Bockenheimer Depot in Windeseile hergerichtet wurde (von dem nach Rück-Umzug das Forsythe-Tanztheater profitierte).

Jetzt wird für das Schauspiel eigens ein neues Haus zwischen seelenlose Bankentürme gebaut, denen es auch noch die Kultur vor die Haustür legen soll. Das Sparschweintheater als Katalysator für die Kulturalisierung der Bankenwelt? Der gute Deal mit neudeutscher Haltung und profanem Gesicht.

Und obendrein zieht dann das Schauspiel-Ensemble am 2031 fertiggestellten Schauspiel-Haus vorbei ins Interimsdepot, während die Oper die neue Spielstätte einweihen und fünf Jahre lang bespielen darf. Ätsch! Warum Iassen sich Ensemble, Schauspiel-Bedienstete und Schauspiel-Intendant diese so sichtbare Verzerrung der Bedeutung von zwei bedeutsamen Institutionen überhaupt bieten? Geht „Oper des Jahres“ vor? Wo bleibt denn der Solidaritätsgedanke, der zur offenen Kultur führte, der sich in den sechziger Jahren im Bau der Doppelanlage ausdrückte und in allen Jahren danach mit Beschäftigten, Ensembles und begeistertem Publikum zu Höchstleistungen von drei Sparten führte, ohne dass eine davon das Schild ,,Oper des Jahres“ vor ihre Tür hängen musste.

Dieser Solidaritätsgedanke der Gleichheit im Miteinander von drei Sparten, von gemeinsamen Werkstätten, Probebühnen, Lagerräumen, von gemeinsam betriebener Kulturarbeit für Millionen von Besuchern, Zuschauern und Zuhörern – und nicht zu verschweigen – mit der Effektivität und der Wirtschaftlichkeit des gemeinsamen Hauses ausgestattet, wird mit dem Abriss der Doppelanlage und der Aufteilung in zwei „moderne“ Häuser, mit abgerissen und nicht wieder bringbar für alle Zukunft beseitigt.

Der Solidaritätsgedanke, den insbesondere zwei Parteien, SPD und die Grünen, immer wieder als ihr wesentliches Grundprinzip vom Miteinander in der städtischen Gesellschaft, ihre DNA, als inneren Kern ihrer politischen Seele behaupten, wird mit dem Abriss der Doppelanlage getilgt wie im Handumdrehen und mit dem Abriss der gebauten demokratischen Idee symbolisch herausgerissen aus dem Konsens der Frankfurter Bürger*lnnen Gemeinschaft. Nun gut: Neoliberalismus und Individualität sind in Frankfurt längstens am Start. Warum nicht die neue Kultur der Deals zum Frankfurter Weg in die Zukunft machen? Der Frankfurter Oberbürgermeister und seine Kulturdezernentin scheinen in der Spur zu sein, die rote und die grüne Partei ebenso.

Nur noch ein Haus von beiden Theatern wird sichtbar bleiben, weil es am ehemals sorgfältig gewählten Platz, nur leider aus seiner Geschichte herausgelöst nach Osten verschoben, stehen soll. Es war ja einst das Schauspiel, das 1902 die prominente Stelle der zum Bahnhof strebenden Stadt markieren sollte.

Nur um nicht missverstanden zu werden: Kaiser Wilhelm wieder aufzubauen, soll hier nicht als Wunsch über die Lippen kommen. Hier würde also, wenn der Deal des Oberbürgermeisters und seiner Kulturdezernentin in die Realität umgesetzt würde, wieder das Schild vor der Haustür hängen: „Oper des Jahres 2037“, wenn alles gut geht.

Das Schauspiel, das die hinterste Karte, wie oben beschrieben, im Deal gezogen hat, würde als Sparschweintheater zwischen den Bankentürmen sich zwar schwer sichtbar wegducken, aber auf der als sicher behaupteten Werbefolie einer zukünftigen Kulturmeile immer wieder dafür werben können, seine im Jahre 2038 erhaltenen 800 Sitzplätze zu füllen. Das wird im Sinne der Wirtschaftlichkeit auch so kommen müssen.

Guter Deal, oder doch nicht?

Können wir nur meckern?

Oder können wir positiv denken und handeln?

Um dem Zuschreiben einer hier vorliegenden Polemik gegen Parteien, Berater, Entscheider und Theaterleute vorzubeugen, folgt hier der Vorschlag zur Abhilfe vom missglückten und mitunter auch gefährlichen Deal. Der Oberbürgermeister, der Deals scheinbar kann, könnte den Coup landen, der der Stadt Frankfurt und seinen Bürger

lnnen, aber auch einigen kulturellen Akteuren und politischen Entscheidern zum großen Nutzen und Wohle dienen würde. Zwei Voraussetzungen sind nötig:

Das Bekenntnis zu einer neuen, multifunktionalen Gesamt-Theateranlage (nicht Doppelanlage!) am alten Standort, die die besten Architekten der Welt erfinden und entwerfen sollen – und der beste Entwurf für Frankfurt und seine Kultur soll im Jahre 2024 den internationalen Wettbewerb gewinnen.

Die Erfindung einer Interims-Spielstätte für die Oper mit mindestens 1000 Plätzen, einem Orchestergraben und der am alten Standort, in der Spielzeitpause vor dem Umzug auszubauenden (denkmalwürdigen) Doppeldrehbühne (38 m, 16 m), die noch vor Spielzeitbeginn am Interims-Standort eingebaut wird.

Wenn es den Ort gäbe, und hier müsste der Oberbürgermeister mit all seinem Geschick und seiner Erfolgsorientierung, die er zweifelsohne hat, mit dem Eigner von Grund und Boden verhandeln (dass er das kann, hat er unter Beweis gestellt), um folgenden Zeitplan zu erreichen: 2023 Verhandlungen mit dem Eigner des Bau-Grundstücks am Opernplatz

2024 Vertragsabschluss und Ausschreibung Wettbewerb lnterims-Oper

2024 Ausschreibung Wettbewerb: Neue Häuser auf eigenem Grund, W.B.Platz

2026 Bau der Interimsspielstätte, im Sommer Umzug der Drehbühne

2026 Herbst: Umzug/Einzug der Oper in die Interimsspielstätte am Opernplatz

2026 Umzug Schauspiel: Depot Bockenheim, Naxoshalle (überfällige Sanierung)

2027 Abriss und Teilerhalt (Sicherung von wertvoller Substanz) Doppelanlage.

2028 Beginn der Baumaßnahmen mit hochkarätiger Steuerung der Baustelle

2033 Fertigstellung Neubau mit Werkst., Probenr., Büros, Wohn., Gastr., Öff.Flä.

2033 Herbst: Einzug aller Sparten und Beginn Spielbetrieb.

Kommentar: Wir hören schon den Aufschrei der Stabsstelle: Das freie Grundstück am Opernplatz wurde bereits intensiv untersucht! Es ist für das neue Schauspiel nicht geeignet! Um Missverständnissen vorzubeugen: Es handelt sich ein Interimsprojekt. Die Maße für eine Interimsoper sind ausreichend (geprüft).

Und dies wäre der Benefit: Fünf Jahre Zeit gespart (W.B.-Platz 10; Kulturmeile 15). Die kritische Zeit für den Noch-Spielbetrieb im maroden Haus würde auf drei Jahre verkürzt. Verlorene Kosten für Sparkassendeal und Mangel-Interimslösung wären gut investiert. Diese städtebauliche Lösung macht die Aufwertung von Opernplatz und W.B.-Platz schon mittelfristig wirksam. Die Verfahren ruhen insgesamt in eigenen Händen, kein beteiligter Dritter sorgt für unangenehme Überraschungen in der Planungs-Logistik! Nachnutzung oder Verkauf der Interimsspielstätte ist sehr wahrscheinlich. Entweder es kommt zum Kauf des Grundstückes am Opernplatz und es erfolgt eine spätere Übernahme durch die Alte Oper. Oder es ergeht eine faire Mietzahlung an den Investor für das Grundstück und die gepachtete Halle auf 10 Jahre.

Der Coup gelingt nur, wenn alle Beteiligten davon überzeugt sind und diesen auch wollen. Das Entscheidende dabei ist die Möglichkeit zur Entwicklung einer Theaterkultur, im Rahmen von neuen öffentlichen Nutzungen am stadteigenen, allseits bekannten Standort, dessen öffentliche Sichtbarkeit, die Gunst der Lage und Prominenz der räumlichen Umgebung, auch die Nähe zum Main, einmalig für die Zukunft der Stadt ist und außerdem fest auf der Entwicklungsgeschichte von Frankfurt basiert.

Die Öffnung des Hauses, das Ausstatten mit öffentlichen Begehbarkeiten, von Gastronomie bis Film- und Medien-Werkstätten und -Archiven, mit „hängenden Gärten“, Gästewohnungen und Büros in aufgestockten Bühnentürmen, mit einer Neuordnung der bühnenbezogenen und niveaugleichen Werkstätten, der Aufstockung des gesamten Bauwerks im Kontext der umgebenden Entwicklung und im Zusammenspiel mit den umgebenden Hochhäusern. Auch Hallentheater kann möglich werden, etwa durch saisonalen Zusammenschluss der Guckkasten-Bühnen der beiden Häuser zu einer zu erfindenden großen Halle, die es in dieser Dimension in Frankfurt nicht gibt. Die Entwürfe und die Bilder wird ein internationaler Wettbewerb liefern. Und das ist dringend und wichtig, um nach dieser langen Zeit der festgefahrenen Standortsuche wieder ins Kreative, endlich wieder ins Offene zu kommen. „Komm ins Offene“‚, sagt Hölderlin, und es ist in seiner Bedeutung zu verstehen als: „Reden wir von der Sache!“

Nur noch einen Wunsch hierzu: das Schauspiel möge aus der hinteren Reihe eben in dieses Offene treten und nach Fertigstellung der neuen Häuser zu seinem ursprünglichen Standort von 1902 zurückkehren. Dem neuen Gebäude muss man ja nicht die Pickelhaube des deutschen Kaisers aufsetzen! Und noch ein Vorschlag: Das Schauspiel hat die Kraft und das Potenzial, in der Stadt während der Interimszeit offen werbend für Kunst und Kultur unterwegs zu sein. Das ist nach dem Brand der Oper im Stadtteil Bockenheim ausnahmslos geglückt. Der Kulturcampus, auf den alle warten, ist eine Folge dieser kulturellen ,,Eroberung“ des Stadtteils, und eine weitere Folge war die Rettung und Entwicklung des damals vom Verfall bedrohten Bockenheimer Straßenbahn- Depots.

So könnte die Naxoshalle, gemeinsam mit dem den Charme der ursprünglichen lndustriekultur bewahrenden Willy-Praml-Theater, zum kraftvollen Spielort der Sprechbühne werden, denn er fordert zum ästhetischen Widerstand heraus. Die dringende Sanierung der Außenhaut, unter Wahrung des inneren industriellen Charakters, könnte die Millionen gut gebrauchen, eher als dass sich die Sparkasse die Millionen des durch den Deal verlorenen Erbpacht-Zins der Stadt Frankfurt einverleibt.

Ein Haken bleibt bei allen schönen Ideen und stimmigen Argumenten. Die Stadt Frankfurt hat den Kauf des freigeräumten Baugrundstücks am Opernplatz versäumt. Um nicht vor dem Hintergrund des Bedarfs an realistischen Interims-Grundstücken zu sagen: verschlafen! Im Gegenteil, der private Kauf wurde durch Äußerungen des vorangegangenen und gegangenen Oberbürgermeisters noch beflügelt durch den Hinweis, ein Hochhaus sei an dieser Stelle möglich. Hier blieb die zuständige städtische Verwaltung entscheidungsfest, auch zum Schutz der Alten Oper und des Opernplatzes vor Verschattung und aufdringlicher Umwelt-Entwertung.

Man hört, dass nun ein Bauantrag zur Genehmigung vorliegt. Ein renommierter Frankfurter Architekt mit dem guten Händchen für Ort, Stadt und Situation, hat wohl einen passenden Entwurf für einen Kommerzbau in passender Höhe zur Umgebung geliefert und einen entsprechenden Bauantrag eingereicht. Der neue Oberbürgermeister, der schon als Stadtplanungsdezernent diesen Fall und die Akteure kennen gelernt hatte, könnte hier zum Wohle der Stadt Frankfurt und ihrer kulturellen Entwicklung Wunder bewirken, oder wie die FAZ es ihm zuschreibt, einen Coup landen, wenn er das einem städtischen Kauf entgangene Grundstück dem Eigner, der sein Hochhaus ohnehin nicht bauen kann, abverhandeln und zu einem fairen Preis abkaufen würde.

Oder den Eigner zu einer Investition in einen lnterimsbau für die Frankfurter Oper veranlasst, den er zu einer fairen Pacht auf fünf Jahre überlässt. Anschließender Verkauf oder auch Verpachtung an die Alte Oper, die mit Kusshand für eine adäquate Nutzung sorgen würde, wäre gesichert. Es wäre zu schön um wahr zu sein. Doch durchaus vorstellbar und machbar! Der Oberbürgermeister möge in diesem Sinne verhandeln. Die große Überschrift der FAZ wäre ihm sicher:

Meisterstück des Oberbürgermeisters – Zukunft des neuen Theaters gesichert – Wie die Wolken im Foyer vor Freude nun tanzen –

Dieser Beitrag zur Debatte um die Zukunft der Städtischen Bühnen basiert auf zahlreichen Interviews, Recherchen und dem Wissen zu dem Brand durch Brandstiftung der Frankfurter Oper am 11.11.1987 („Vision eines Theatergebäudes in einem großen Park am Main“, FR vom 5.5.1988), dem Beitrag zur aktuellen Debatte „Luft nach oben“ (Initiative Zukunft Städtische Bühnen Frankfurt, 5.5.2023)) sowie zahlreichen Gesprächen mit Freunden und Kollegen zu diesem Thema. Er versteht sich als eine kritische Position im kreativen Streit um die Zukunft der Theater in dieser Stadt.