Fragen, die es noch zu klären gilt

Kommentierung der von der Stabsstelle vorgelegten Bewertungsgrundlagen von Jens Jakob Happ, Mitarbeit: Alfons Maria Arns

Zur Diskussion um den Standort der Städtischen Bühnen von Frankfurt am Main, Fragen und Antworten

Die Stabsstelle „Zukunft der Städtischen Bühnen“ sieht die Zeit der Prüfungen nun als abgeschlossen. Für die Entscheidung der Stadtverordnetenversammlung zugunsten einer Variante („Spiegelvariante“, „Kulturmeile“ oder „Neubau Doppelanlage“) läge eine von Fachleuten erarbeitete fundierte Grundlage vor und könne abschließend entschieden werden. Jede Verzögerung bedeutete einen deutlichen Kostenanstieg und ein höheres Risiko für Betriebsausfälle. (Quelle: neue-buehnen-frankfurt.de/aktuelles).

Der aktuelle NBF-Bericht-Ergaenzende-Pruefauftraege-PK-2023-02-23 vom Februar 2023 führt alle bisherigen Untersuchungen und neue ‚ergänzende Prüfaufträge‘ in einem Dokument zusammen und kommt damit dem Wunsch nach Transparenz und Nachvollziehbarkeit zur Entscheidungsfindung in der Standortfrage entgegen. Erkennbar ist die Präferenz für die Varianten 1 und 2, also die räumliche Trennung der Häuser, die sich, gewollt oder ungewollt, deutlich in den Bewertungen niederschlägt, aber auch gegenteilige Argumente kommen zu Wort.

Mit der Aufgliederung und dem Neubau der derzeit als Doppelanlage technisch und logistisch verbundenen Sparten Schauspiel und Oper am Standort Theaterplatz und Verlagerung einer Spielstätte entweder auf die gegenüberliegende Platzseite (Spiegellösung) oder räumlich vollständig getrennt auf zwei Standorte, von denen einer fußläufig ca. 450m vom Willy-Brand-Platz entfernt in der Neuen Mainzer Straße 47-51 auf dem Grundstück der Frankfurter Sparkasse (Kulturmeile) liegt, während die andere Spielstätte den bisherigen Standort mit einem Neubau auf verkleinerter Fläche weiternutzt, werden gleich mehrere Vorzüge verbunden.

Mit diesem Papier soll, soweit fachlich leistbar, der Versuch einer Kommentierung der von der Stabsstelle vorgelegten Bewertungsgrundlagen und der Schlussfolgerungen zur Standortauswahl für den Neubau der Städtischen Bühnen unternommen werden. Die wesentlichen Argumente aus dieser und anderen öffentlich zugänglichen Darstellungen der Stabsstelle für oder wider der drei verbleibenden zur Auswahl stehenden Standorte werden nachfolgend zusammengefasst und den Kommentierungen vorangestellt. Daraus ergeben sich auch eine Reihe von Fragen, die es aus meiner Sicht noch zu klären gilt.

Zu Städtebau

  • Die Strahlkraft von Kulturbauten wirkt oftmals weit hinein in die umgebende Stadtstruktur. Durch eine Aufteilung der Doppelanlage auf zwei Standorte könnte der Radius dieser Ausstrahlung noch ausgeweitet werden, weshalb die Auswirkung auf das Umfeld für Variante 4 unverändert gut bleibt. Das Aufwertungspotenzial für das Umfeld von Variante 1 und Variante 2 ist jedoch noch höher einzuschätzen. (Quelle: Ergänzung zum Bericht der Stabsstelle Zukunft der Städtischen Bühnen von 2021, Februar 2023, Seite 36)

Die Aufteilung der Doppelanlage schwächt beide Standorte, denn sie verkennt die stadträumliche Wirkung des Gebäudeverbunds am Willy-Brand-Platz als eine öffentliche Bühne, als Kulturinsel mittendrin. Ein zentraler, unbedingt erhaltenswerter Vorteil der jetzigen Theaterdoppelanlage am früheren Theaterplatz besteht gerade in ihrer Klammerfunktion, nicht nur architektonisch zwischen den darstellenden Künsten Oper und Schauspiel mit der ikonischen Gestalt des Wolkenfoyers, sondern insbesondere stadträumlich zwischen dem Bahnhofsviertel und der eigentlichen Innenstadt mit der Neuen Altstadt und dem Ostend. Ein integraler Baustein also der seit der Gründerzeit Ende des 19. Jahrhunderts historisch gewachsenen Ost-West-Achse, der mit der Nord-Süd-Ausrichtung der Kulturmeile und den beiden getrennten Solitären verloren ginge.

Mit der Entscheidung für ein Weiterbauen im stadteigenen Bestand bestünde auch die Chance einer Nutzungserweiterung über das reine Sprech- und Musiktheater hinaus, etwa in Richtung Ballett oder Film und Kino, z.B. für Freilichtvorführungen. Bereits jetzt ist der Willy-Brandt-Platz eine öffentliche Bühne, die an einem Ort der Hochkultur alle gesellschaftlichen Schichten zusammenführt, die aber weiterentwickelt werden müsste. Wer in die Oper geht, so könnte man es flapsig formulieren, steht mit einem Bein in der harten Realität des Bahnhofsviertels. Und genau dieses kontrastreiche Nebeneinander macht den Charme Frankfurts gerade an dieser Stelle aus. Das sprichwörtlich querliegende Wolkenfoyer wiederum mit seiner gläsernen Transparenz erlaubt zugleich den einmaligen Panoramablick von innen auf eben dieses Geschehen inmitten einer immer noch anwachsenden Hochhauslandschaft, der bei einer stärkeren Öffnung des Hauses allen zuteil käme.

Zu Funktionalität und Technik

  • Ein wesentlicher Unterschied zwischen den Lösungen ist, dass bei den Varianten „Spiegelvariante“ sowie „Kulturmeile“ 2a und 2b nur eine Interimslösung für eine Spielstätte erforderlich ist, während für die Variante „Neubau Doppelanlage“ zwei Interimslösungen zeitgleich für beide Häuser (Oper und Schauspiel) notwendig werden. (Quelle: Ergänzung zum Bericht der Stabsstelle Zukunft der Städtischen Bühnen von 2021, Februar 2023, Seite 12)
  • Ein Interim für das Schauspiel ist aufgrund seiner geringeren Grundfläche, Größe und Komplexität wesentlich kostengünstiger und einfacher einzurichten als ein Interim für die Oper. Zudem gibt es in Frankfurt nur wenige ausreichend große Grundstücke für Interimsgebäude, die für alle Menschen gut erreichbar sind. Deshalb gilt: je weniger Interim und je kürzer, desto besser! Für die weltweit renommierte Frankfurter Oper müssen im Interim etwa 700 Sitzplätze und ein Orchestergraben vorhanden sein. Bei der „Kulturmeile“ und der „Spiegelvariante“ ist jeweils nur ein Interim für eine Spielstätte notwendig, beim Neubau einer Doppelanlage hingegen zeitgleich zwei –für Oper und Schauspiel. (Quelle: neue-buehnen-frankfurt.de/aktuelles).Tabelle 2: Übersicht Projektschritte der untersuchten Varianten (vereinfacht) (Quelle: Ergänzung zum Bericht der Stabsstelle Zukunft der Städtischen Bühnen von 2021, Februar 2023)
  • Tabelle 3: Variantenübersicht mit möglichen und nicht möglichen Nutzungsbereichen sowie Interimsbedarfe (Quelle: Ergänzung zum Bericht der Stabsstelle Zukunft der Städtischen Bühnen von 2021, Februar 2023)

Tatsächlich handelt es sich bei der Zwischennutzung des neuen Schauspielhauses als Ausweichstandort für die Oper natürlich auch um ein Interim. Noch dazu um ein teuer erkauftes, da ein wesentliches Argument für den Standort Kulturmeile oder als Spiegellösung am Theaterplatz gerade die Möglichkeit einer Interimsnutzung für die Oper ist. Der Aufwand für die zusätzliche Ausstattung des Sprechtheaters zwecks Zwischennutzung als Musiktheater, also für den Einbau des Orchestergrabens und ggf. den nachfolgenden Umbau wird hier nicht beziffert. Er mag angesichts der Gesamtinvestition vernachlässigbar sein. Nicht vernachlässigbar sind die über die Laufzeit von 199 Jahren kumulierten Gesamtkosten für den Pachtzins, die den städtischen Haushalt auf Dauer zusätzlich unnötig belasten. Der Grundstückswert von ca. 100 bis 150 Mio. Euro wird in den vergleichenden Kostensaufstellungen bisher offenbar noch nicht berücksichtigt.

Wenn es der Stadt tatsächlich möglich sein wird, das Grundstück in der Neuen Mainzer Straße zu pachten, kann es nicht ganz unrealistisch sein, ein passendes Grundstück für ein Produktionszentrum mit Probebühne, das während der Bauzeit als Interim genutzt werden kann, zu finden. Sehr naheliegend wäre es, den Kulturcampus in die Planungen mit einzubeziehen. Inwieweit diese Überlegungen derzeit angestellt werden, ist aus den Unterlagen nicht ersichtlich.

Mit einem Interim werden in der aktuellen Diskussion vor allem hohe Kosten und künstlerische Nachteile verbunden. Dass dies nicht so sein muss, beweisen das Operninterim als Baustein des neuen Quartiers »Maker City« im Stadtentwicklungsprojekt Stuttgart Rosenstein oder die Planungen für den Umbau der Düsseldorfer Oper.

In Stuttgart dachte man von Beginn an über die temporäre Nutzung hinaus an die Weiternutzung der Ausweichspielstätte als Teil einer Stadtentwicklungsmaßnahme und rechtfertigte damit auch die allerdings nicht geringen Investitionskosten von 224 Mio. Euro. Wenn Oper und Ballett nach der Sanierung der üblichen Spielstätte an den Oberen Schlossgarten zurückkehren, sollen die größten Teile des Interims für die »Maker City« weitergenutzt werden. Als Teil der internationalen Bauausstellung IBA’27 sollen hier Produktion und Wohnen zusammengebracht werden, um einen Ort der Gemeinschaft zu schaffen.

In Düsseldorf beschloss der Rat der Landeshauptstadt am 15. Juni den Neubau der Deutschen Oper am Rhein als ‚Opernhaus der Zukunft‘ am alten Standort Heinrich-Heine-Allee und die Durchführung einer Machbarkeitsstudie zur Umsetzung einer Interimsspielstätte für den Zeitraum des Neubaus. Die Bauherrenfunktion wird das städtische Tochterunternehmen Immobilien Projekt Management Düsseldorf GmbH (IPM) übernehmen.

Mark Stroomer von Theatre Projects Consultants, London, schrieb mir zur Frage des Stellenwerts von solchen Zwischennutzungen bei Theaterneubauten im internationalen Vergleich:

„Temporäre Veranstaltungsorte kommen naturgemäß nicht an die Qualität echter Spielstätten heran. Notwendige Kompromisse schließen aber neue aufregende Theatererfahrungen für das Publikum – und wahrscheinlich auch für die Darsteller – unter den eingeschränkten Bedingungen nicht aus, im Gegenteil.

Bei temporären Theatern handelt es sich um Tourneetheater und nicht um Produktionshäuser, bei denen die Kulissen, die Proben und die Lagerräume von einem anderen Ort herbeigeschafft werden. Die Sitzplatzkapazität kann angepasst werden, aber Hinterbühne und Inszenierung sind in der Regel reduziert. Die Spielpläne können geändert werden, und manchmal umfasst das Betriebsmodell eher eine Reihe von Aufführungen derselben Oper als ein ständig wechselndes Modell. Die Aufführung von Opern, die kleinere Opern und kleinere Bühnenbilder erfordern als beispielsweise Wagner oder Verdi, kann dazu beitragen, den vorübergehenden Ausstattungsbedarf zu verringern.

Sich auf neue Arbeitsweisen einzulassen und sich ‚umzuorganisieren‘ kann verjüngend wirken.“

Die Sanierung der Theaterdoppelanlage nach dem Brand von 1987 hat Frankfurt das aus dem Kulturbetrieb nicht mehr wegzudenkende Interim Bockenheimer Depot beschert. Heute integraler Bestandteil der Bühnen und kultureller ‚Botschafter‘ im Frankfurter Westen, beweist diese kluge Nachnutzung eines brachgefallenen Straßenbahndepots, welche großen Stadtentwicklungschancen auch in der anstehenden Neuplanung stecken und welche Wirkung die eingesetzten Gelder auf Dauer entfalten könnten.

Zu Werkstätten / Lagerzentrum (zentrales Logistikzentrum)

  • Ausschließlich im Fall der Variante „Neubau Doppelanlage“ müssen die Werkstätten und sehr wahrscheinlich auch die Probebühnen außerhalb der Innenstadt für eine dauerhafte Nutzung neu errichtet werden. Damit geht einher, dass die Mitarbeitenden nicht mehr an einem gemeinsamen Ort der Darbietung arbeiten können und täglich intensivere Transport- und Verkehrsbeziehungen zwischen dem innerstädtischen Neubau sowie den neuen, außerhalb der Innenstadt zu errichten- den Werkstätten, entstehen. (Quelle: Ergänzung zum Bericht der Stabsstelle Zukunft der Städtischen Bühnen von 2021, Februar 2023, Seite 14)

Allen Varianten gleich ist die Notwendigkeit, Lagerflächen auszulagern. Warum dies nicht von vorneherein im Verbund mit einem Produktionszentrum mit Probebühne geplant werden kann, erschließt sich nicht. Brachliegende Gewerbeflächen ausserhalb der Innenstadt wären z.B. entlang der Gutleutstraße, im Gutleuthafen oder im Osthafen vorhanden und sofort verfügbar. Dort stehen riesige Industriehallen leer, deren robuste Baustruktur und rauer Charme sich für eine Kulturnutzung geradezu aufdrängt (siehe Naxos-Theater in Frankfurt oder die Kampnagel-Fabrik in Hamburg). Zumindest sollte dies ergebnisoffen geprüft werden. Gerade die Lage am Main macht diese Zwischennutzungen um so attraktiver, zumal sie als Vorreiter für zukünftige städtebauliche Entwicklungen begriffen werden könnten, die ohnehin anstehen. Eine einmalige Chance und wechselseitiger Gewinn für die Stadt und die Kultureinrichtungen.

Das Auslagern mindestens eines Teils der Werkstätten ist international üblicher Standard (Oslo Opera) und wird von Theater-Fachleuten empfohlen. Die so freiwerdenden Flächen könnten vielfältig anderweitig genutzt werden und bieten immobilienwirtschaftlich erhebliches Entwicklungspotential.

Zu Stadtraum

  • „Mit dem Neubau von Oper und Schauspiel eröffnet sich die große Chance, die Spielstätten mit dem Stadtraum zu vernetzen und die Gebäude ganztägig für die Menschen zugänglich und nutzbar zu machen. Die neuen Bühnengebäude können künftig ohne Barrieren in jeder Hinsicht für alle zum Ort der Begegnung, der Gemeinschaft und des Miteinanders in Frankfurt und damit Ort der Integration und Inklusion werden.“ (Quelle: neue-buehnen-frankfurt.de/buehnenbetrieb)
  • Zu „Die bestehende Theaterdoppelanlage am Willy-Brandt-Platz ist in jeder Hinsicht am Ende ihres Lebenszyklus angelangt. Diese Erkenntnis ist nicht neu. Seit 15 Jahren setzen sich Gutachter, Wissenschaftler und Planer bereits mit der baulichen Zukunft der Städtischen Bühnen auseinander.“ (Quelle: neue-buehnen-frankfurt.de/standorte-und-stadtraeume)
  • „…Beide Bauwerke werden uns und die künftigen Generationen sowie unser Frankfurt viele Jahrzehnte mit prägen. Wir haben außerdem die einmalige Möglichkeit, dass im Anlagenring zwischen Alter Oper und Main neue Frei‐ und Grünflächen entstehen. Nicht nur dies ist eine Jahrhundertchance. Frankfurt wird durch die neuen Bühnen zum nachhaltig entwickelten kulturellen Zentrum in Europa.“ (Quelle: Ina Hartwig: Die möglichen Varianten. Die Modelle)

Es steht außer Frage, dass sich mit der zur Entscheidung anstehenden baulichen Weiterentwicklung (Neu-, Um-, oder Weiterbau) der städtischen Bühnen die Chance zur Bewahrung oder sogar Steigerung des international beachteten, außergewöhnlichen Niveaus der Frankfurter Bühnen bietet. Diese, davon kann als übereinstimmendes, vorrangiges Ziel aller drei Varianten ausgegangen werden, wird heutige Standards beachten, erstklassige Arbeitsbedingungen bieten und sich breiten gesellschaftlichen Schichten öffnen. Der Standort am Theaterplatz ist dazu schon jetzt bestens geeignet. Die vorgenannten Ziele lassen sich hier ohne Einschränkungen umsetzen.

Der Erhalt und mögliche Zugewinn von Frei‐ und Grünflächen im Anlagenring zwischen Alter Oper und Main gewinnt in der vergleichenden Bewertung neben den zuvor genannten, die eigentliche Qualität der Bühnen bestimmenden Zielen, als ein städtebauliches Kriterium mehr und mehr an Bedeutung. Ob bei der einen oder anderen Variante jeweils neue Grünflächen entstehen oder verlorengehen, dies zu beurteilen oder zu belegen gelingt den Gutachtern im vorliegenden Papier nicht in einem zufriedenstellenden Ausmaß und muss Aufgabe weiterführender Planungen und Gutachten sein. Die Einschätzung, dass die Varianten 1 und 2 automatisch Verbesserungen bringen, wird nicht geteilt, da zunächst in erheblichem Umfang alter Baumbestand fällt und damit ein, jedenfalls kurzfristig nur schwer ersetzbarer, Biotopverlust einhergeht. Ein Teil der in Variante 4 ggf. neu zu gewinnenden Grünfläche liegt zudem unter der Tiefgarage, ist also per se nicht so wertvoll wie Grünflächen mit gewachsenem Boden.

Mit Blick auf die übergeordneten Verkehrsbeziehungen in der Stadt für den Fuß- und Radverkehr ist die Verbindung über die Untermainbrücke wichtiger als die zum Jüdischen Museum. Die zwei Mainbrücken Alte Brücke und Untermainbrücke sind jeweils Anfangs- und Endpunkt der Wallanlagen, dieses außergewöhnlichen grünen Bands um die Frankfurter Innenstadt, das zugleich auch die südlichen Stadtteile mit anbindet.

Auch ist nicht ersichtlich, warum es zur Durchsetzung jahrzehntealter stadträumlicher Zielsetzungen zur leider noch immer nicht verwirklichten Verbesserung der Aufenthaltsqualität im Bankenviertel und stärkeren Durchlässigkeit zu den Wallanlagen der Zuhilfenahme des Bühnenneubaus, zumal noch in Kombination mit einem 45-geschossigen Bürohochhaus, bedarf, eines für sich schon komplexen Vorhabens. Aus der Verbindung von so unterschiedlichen Nutzungen muss nicht zwangsläufig ein Mehrwert entstehen, vielmehr ist davon auszugehen, dass sich die Funktionen wechselseitig eher behindern als befruchten. Zu stark bestimmen die umliegenden Bürotürme, der beengte Straßenraum den Bauplatz, als dass sich eine fragile Kulturnutzung im monofunktionalen Kontext des Frankfurter Finanzzentrums behaupten könnte. Dem Schauspielhaus fehlt zur Neuen Mainzer Straße die Adresse und zum Park die Prominenz. Denn die Bühnen bilden nicht den Abschluss einer Blickachse, sind nicht das natürliche Ziel einer Wegeverbindung, sondern sie liegen wie zufällig aufgereiht in der unwirtlichen Enge der Neuen Mainzer Straße und können sich zum Park hin ohne erhebliche Eingriffe (z.B. durch Öffnung in Form einer Freilichtbühne) in das Wallservitut nicht entfalten.

Zu Kostenentwicklung

Es kann der Stabsstelle nicht vorgeworfen werden, dass die Kostenentwicklung nicht gewissenhaft und mit Ziel von Verlässlichkeit prognostiziert worden wäre. Intransparent ist vielmehr, welche Bedarfe diesen Kostenschätzungen zugrunde liegen und wie sie ermittelt wurden. Bekannt ist, dass für eine Probebühne sowie für das Ballett zusätzliche Flächen wünschenswert wären und in die Berechnungen einfließen. Welche Form der Probebühne (Werkraumbühne, Probebühnen für die Oper und/oder das Schauspiel) und welche zusätzlichen Anforderungen an die Ausstattung, z.B. einer Erhöhung der Zahl der Zuschauerplätze, in die aktuelle Kalkulation eingepreist sind, ist aus den vorliegenden Dokumenten nicht ersichtlich.

Grundsätzlich stellt sich die Frage, ob eine Gesamtinvestition von 1,3 Milliarden Euro nicht die Möglichkeiten selbst eines so finanzstarken Gemeinwesens wie der Stadt Frankfurt übersteigt. Gemessen an der etwa dreifachen Wirtschaftskraft von Hamburg liegt eine vergleichbare Baumaßnahme wie die Elbphilharmonie mit Gesamtkosten von 866 Mio. Euro im Jahr 2016 etwa gleichauf mit der Schätzung der Stabsstelle aus dem Jahr 2020. Frankfurt leistet sich also gemessen an seiner Wirtschaftskraft mit den Bühnenneubauten eine dreimal höhere Kulturinvestition. Eine Investition, die schon jetzt alle Maßstäbe zu sprengen scheint.

Wäre es angesichts der aktuellen gesamtwirtschaftlichen Unsicherheiten in Deutschland nicht zielführender, die geplanten Kulturinvestitionen, so unbestreitbar wichtig sie sein mögen, von den tatsächlichen Möglichkeiten her neu zu bewerten? Müssen nicht am Anfang aller Überlegungen ein fixes Budget, daraus abgeleitet die realistischen, auf die Möglichkeiten heruntergebrochenen Bedarfe und ein Terminplan stehen, wie das für die Finanzierung jeden privatwirtschaftlichen Vorhabens zwingende Voraussetzung ist?

In diesem Zusammenhang fällt auch eine gewisse Ungenauigkeit auf, die angesichts der großen Summen kaum noch ins Gewicht fällt, aber Fragen zum Zustandekommen des Zahlenwerks aufwirft: Die Kostengegenüberstellung auf Seite 31 beziffert die Kosten für das Interim der Oper einzeln mit 83,4 Mio. Euro, für das Schauspiel einzeln mit 30,3 Mio. Euro, in Summe also 113,7 Mio. Euro. Wieso diese Übergangsmaßnahmen bei der Variante 4 mit 142,2 Mio. Euro zu Buche schlagen, also ca. 30 Mio. Euro teurer sein sollen, erschließt sich nicht.

Soll für die Kulturmeile abgerissen werden: denkmalgeschütztes Gebäude, Neue Mainzer Straße 53.
Bild: https://denkxweb.denkmalpflege-hessen.de/objekte/

Zu Rahmenbedingungen (Planungsrecht, Verfügbarkeit)

  • Bei den Abstimmungen mit der Eigentümerin stellte sich heraus, dass, eine grundsätzliche Einigung vorausgesetzt, der optimistische Übergabezeitpunkt des bebauten Grundstücks angesichts der benachbarten, heute bestehenden Großbaustelle im Jahr 2028 läge. Dann wäre der heutige Gebäudebestand der Eigentümerin weiterhin vorhanden und das Grundstück noch nicht baureif. Abriss-, Baustelleneinrichtungs-, Erd- und Bauarbeiten für die neue Spielstätte können angesichts der komplexen baustellenlogistischen Situation für das unmittelbar benachbarte Ensemble Central Business Tower an der Ecke Neue Mainzer Straße 57-59 / Junghofstraße 27 aller Voraussicht nach nicht parallel erfolgen. Vor dem Hintergrund des desolaten Zustands der Theaterdoppelanlage am Willy-Brandt-Platz ist dieser Zeithorizont für den Beginn der Vorarbeiten für den Neubau einer Spielstätte keine befriedigende Option, zumal die Planbarkeit zusätzlich eingeschränkt würde. Für eine perspektivenreiche Zukunft der Städtischen Bühnen ist der sichere und rasche Umsetzungsbeginn ausschlaggebend. Um eine solche Perspektive schnellstmöglichen Bauens zu gewährleisten, bietet sich die Realisierung von Oper und Schauspiel auf stadteigenem Grund und Boden an. Dies ist auch ökonomisch nachhaltig. (Quelle: Ergänzung zum Bericht der Stabsstelle Zukunft der Städtischen Bühnen von 2021, Februar 2023, Seite 59)
  • Die bestehende Doppelanlage muss, unabhängig davon, welche Variante final weiterverfolgt wird, noch bis mindestens 2030 den Betrieb gewährleisten. Frühestens dann können erste Neubau- oder Interimslösungen genutzt werden. Dieser notwendige Zeitraum einer weiteren Funktionsfähigkeit ist bereits fraglich und darf sich nach einhelliger Expertenmeinung nicht weiter verlängern. Aktuell sind vor allem die bestehende Sicherheitsbeleuchtung, die Lüftungsanlagen (auch der Zuschauerräume) und die Obermaschinerie der Oper von nicht mehr reparaturfähigen Ausfällen bedroht, die eine massive Beeinträchtigung des Spielbetriebs nach sich ziehen könnten. (Quelle: Ergänzung zum Bericht der Stabsstelle Zukunft der Städtischen Bühnen von 2021, Februar 2023, Seite 11)
  • Aktuell gehen die Rechtsberater davon aus, dass sich die Herausforderungen und Risiken in einem üblichen Maß bewegen. Hieraus resultieren nach aktueller Kenntnis neben den allgemeinüblichen Risiken beim Entwickeln, Planen und Bauen keine unüberwindbaren rechtlichen Hindernisse für die Verwirklichung der geprüften Varianten. Bei den Varianten 1 und 2 ist die Risikobetrachtung wegen der jeweiligen Neuaufstellung von Bebauungsplänen als erhöht einzustufen. Im Fall von Variante 4 ist diese gering. (Quelle: Ergänzung zum Bericht der Stabsstelle Zukunft der Städtischen Bühnen von 2021, Februar 2023, Seite 48)

Vorrangiges Ziel der Neuplanung muss eine schnelle, die künstlerische Arbeit fördernde und den städtischen Haushalt möglichst wenig belastende Lösung sein. Da schon heute der Spielbetrieb aufgrund von Baumängeln gefährdet zu sein scheint, ist Zeit der limitierende Faktor. Insofern ist der Einschätzung der Stabsstelle nur zuzustimmen, dass für eine perspektivenreiche Zukunft der Städtischen Bühnen der sichere und rasche Umsetzungsbeginn ausschlaggebend ist. Um eine solche Perspektive schnellstmöglichen Bauens zu gewährleisten, bietet sich die Realisierung von Oper und Schauspiel auf stadteigenem Grund und Boden an. Dies ist auch ökonomisch nachhaltig, so die zutreffende Einschätzung der Gutachter.

Welche Kosten und Risiken der Weiterbetrieb der Oper im Bestand für mind. acht Jahre bis 2031 hat, wird nur angedeutet. Der sofortige Bau von zwei Interim-Spielstätten würde diese Risiken deutlich verringern, da ein Umzug dann schon in weniger als fünf Jahren realistisch erscheint. Angesichts der Kosten, die durch den Weiterbetrieb der maroden Anlage mit Sicherheit in nicht unbeträchtlicher Höhe entstehen, wird eine realistische Kosten-Nutzung Abwägung empfohlen. Zu Prüfen wäre auch, ob nicht der notwendige Bau der Lagerflächen / Logistikzentrum mit einem Interim so verbunden werden kann, dass Synergien genutzt und Kosten gespart werden können.

Die Bewertungen der Herausforderungen und Risiken zur Schaffung von Planungsrecht für die Varianten 1 und 2 werden nicht geteilt, auch wenn sie sich „in einem üblichen Maß“ bewegen sollten, wie die Gutachter hervorheben. Üblich sind in Frankfurt Zeiträume von 3 bis 5 Jahren für Bebauungspläne. Die Genehmigungsfrist für komplexe Bauvorhaben kann ohne weiteres 1,5 Jahre sein.

Durch den mehr oder weniger großen Eingriff in das Wallservitut (auch bei der Vorzugsvariante 2b_A) ist zudem mit dem Widerstand der Denkmalpflege zu rechnen. Der unvermeidliche Eingriff in den alten Baumbestand unter Berücksichtigung von Sicherheitsabständen nach Freiraumsatzung und die Inanspruchnahme von Parkfläche zur Baustelleneinrichtung sind weitere schwer zu überbrückende Hindernisse, die zumindest auf lange Abstimmungszeiträume schließen lassen.

Bei der präferierten um 90 Grad gedrehten Ausrichtung der Bühne in Variante 2b_A wird mit einer Fläche von 650qm direkt in das Wallservitut eigegriffen. Diese Variante hat mit Baustelleneinrichtung den Verlust von ca. 40 Bäume parkseitig zur Folge, an der Neuen Mainzer Straße sind weitere 8 Bäume betroffen.

Soll für die Kulturmeile abgerissen werden: denkmalgeschütztes Gebäude, Neue Mainzer Straße 55. Bild: https://denkxweb.denkmalpflege-hessen.de/objekte/

Auf dem benachbarten Grundstück, ebenfalls im Eigentum der Frankfurter Sparkasse, soll zeitgleich mit dem Neubau des Schauspielhauses ein 160m hohes Hochhaus entstehen. Dafür scheint mindestens der Teilabriss des Kulturdenkmals Neue Mainzer Straße 53 vorgesehen zu sein. Der (teilweise oder vollständige) Wegfall des Baudenkmals Neue Mainzer 53 sowie der schwierige Anschluss an das Baudenkmal Neue Mainzer Straße 55 durch den vorgesehenen Neubau des Hochhauses wird im Bericht nicht erwähnt. Das Haus Nr. 55 grenzt zukünftig unmittelbar an das Hochhaus. Ob das bautechnisch lösbar ist, erscheint fraglich, ästhetisch ist diese eingezwängte Stellung auch im Kontext der gegenüberliegenden denkmalgeschützten Fassaden unbefriedigend. Gerade die gegenüber dem Hochhausrahmenplan geänderte Platzierung und Höhe des neuen 160m hohen Turms wirft also viele neue bau- und planungsrechtliche Fragen auf, deren Lösung hier nicht erkennbar ist.

Das Gebäude Neue Mainzer Straße 55 war das Wohnhaus der Familie Pfeiffer-Belli. Erich Pfeiffer-Belli ist der Vater von Silvia Tennenbaum, deren Buch „Straßen von Gestern“ die Geschichte Ihrer großbürgerlich-jüdischen Familie um die Jahrhundertwende erzählt und das 2012 durch das Lesefest ‚Frankfurt liest ein Buch‘ breite Leserschichten gefunden hat. Der ganze stadtgeschichtlich bedeutsame Ort, heute umringt von dichtstehenden Hochhäusern und vom Verkehr erdrückt, gibt ein vernachlässigtes Bild ab. Ob sich daran etwas ändert, ist angesichts der heranrückenden, völlig den Maßstab sprengenden Bebauung, mehr denn je ungewiss.

Das Gebäude Neue Mainzer Straße 55 war das Wohnhaus der Familie Pfeiffer-Belli. Erich Pfeiffer-Belli ist der Vater von Silvia Tennenbaum (Buch „Straßen von Gestern“) Aus: https://frankfurter-personenlexikon.de/node/756

Zu Energiebedarf

  • Variante 4 weist im Vergleich zur Variante 1 einen deutlich höheren spezifischen Energiebedarf auf. Zurückzuführen ist dieser Unterschied insbesondere auf die Bilanzierung der Werkstattflächen. Im Vergleich zu Bühnen- und Zuschauerräumen geht von Werkstätten ein geringerer Energiebedarf aus. Da sich die Werkstätten in Variante 4 allerdings nicht innerhalb der Gebäudehülle, sondern in einem separaten Baukörper außerhalb der Innenstadt befinden, ist hier ein deutlich höherer Energiebedarf als in Variante 1 zu erwarten. (Quelle: Ergänzung zum Bericht der Stabsstelle Zukunft der Städtischen Bühnen von 2021, Februar 2023, Seite 22)
  • Insgesamt weisen alle Standorte einen ähnlichen Energiebedarf auf, da für die Hüllfläche und die Gebäudetechnik jeweils der gleiche Standard gewählt wurde.
  • Im Vergleich lässt sich der geringste Energiebedarf jedoch für die Variante 2, die auch an die Errichtung eines Hochhauses mit Büronutzung geknüpft ist, verzeichnen. (Quelle: Ergänzung zum Bericht der Stabsstelle Zukunft der Städtischen Bühnen von 2021, Februar 2023, Seite 22)

Die Argumentation erscheint widersprüchlich. Eine Doppelanlage muss immer ein besseres A/V -Verhältnis haben als eine auf zwei Gebäude verteilte Nutzung. Ob mit oder Werkstätten spielt dabei keine Rolle. Im Übrigen lassen sich durch die Zusammenführung von Lager- und Technik in einem Logistik-Zentrum mögliche Nachteile ausgleichen.

Wieso die vollkommen getrennt zu betrachtende Baumaßnahme ‚Hochhaus‘ in der Bewertung eine Rolle spielt, ist unklar. Soll das Hochhaus etwa Teil einer städtischen Projektentwicklung sein? Welche Synergien werden durch die Verbindung dieser zwei immobilienwirtschaftlich vollkommen getrennten Maßnahmen erhofft, da man von getrennten Eigentumsrechten ausgehen muss? Oder ist dies Teil der Pachtvereinbarung der Stadt Frankfurt mit der Sparkasse?

Wenn die immobilienwirtschaftliche Verwertung bei dieser Variante eine Bedeutung hat, warum ließe sich das gleiche Modell nicht auch auf den Standort am Willy-Brandt-Platz übertragen? Durch Auslagerung mindestens eines Teils der Werkstätten könnte für solche Überlegungen Raum geschaffen werden.

Zu Graue Energie

  • LCA-Betrachtung („Graue Energie“) über 50 Jahre im Hinblick auf ökologische und nachhaltigkeitsbezogene Aspekte. (Quelle: Ergänzung zum Bericht der Stabsstelle Zukunft der Städtischen Bühnen von 2021, Februar 2023, Seite 19)

Der Annahme, dass die Graue Energie der Doppelanlage bei einer vergleichenden Betrachtung keine Rolle spielt, da sich die 60 Jahre alten Gebäude rechnerisch am Ende ihres Lebenszyklus befänden, muss widersprochen werden. Es handelt sich bei der LCA-Betrachtung um einen rein vergleichenden Berechnungsansatz, der das Verhältnis der verbrauchten Energie während der Nutzungsphase zu der in der Baukonstruktion gebundenen Energie bemisst. Eine generelle Begrenzung der Lebensdauer von Gebäuden auf 50 Jahre wird damit nicht gefordert und wäre auch unsinnig.

„Lag in der Vergangenheit das Verhältnis der Umweltwirkung aus der Nutzungsphase zu den Umweltwirkungen aus den eingesetzten Baumaterialien bei ca. 70 % zu 30 %, so war der entscheidende Hebel die Reduzierung des Energieverbrauchs während der Nutzungsphase. Durch die kontinuierliche Reduktion der Energieverbräuche hat sich im Laufe der letzten Jahre dieses Verhältnis auf aktuell ca. 50 % aus der Nutzungsphase zu 50 % aus den eingesetzten Baustoffen (graue Energie) verschoben. Bei energetisch ambitioniert geplanten und gebauten Gebäuden hat sich dieses Verhältnis bereits verkehrt. Das bedeutet, dass die im Material gebundene Umweltwirkung die Umweltwirkung der während der Nutzungsphase benötigten Energie, bezogen auf den rechnerisch angesetzten Lebenszyklus von 50 Jahren, zukünftig übersteigen wird und demensprechend an Bedeutung gewinnen wird. Aus diesem Grund ist seit Jahren ein ganzheitlicher Ansatz in der energetischen Bilanzierung wünschenswert und sollte stärker priorisiert werden.“ (Quelle: DBZ, Ökobilanzierung von Gebäuden).

Die Lebensdauer einzelner Baumaterialen kann sehr unterschiedlich sein und ist spezifisch zu berechnen und im Hinblick auf ihren sinnvollen Erhalt oder die Wiederverwendung zu bewerten. Einer pauschalen Annahme, die vorhandene Bausubstanz sei aufgrund ihrer Lebensdauer von vorneherein wertlos, wird widersprochen. Mit dem gleichen Argument wäre auch der Erhalt des Juridicums oder der Dorndorf-Druckerei unsinnig, der gerade breit unterstützt wird. Insofern sollte hier ein einheitlicher Bewertungsmaßstab gelten.

In den Gutachten zur Energiebilanz wird die graue Energie im Bestand durchgehend nicht eingerechnet, weil „der Bestand das Lebensende erreicht hat“ und sowieso abgerissen wird. Das gilt in diesem Fall auch für die späteren Umbauten und Ergänzungen, wie den erst 10 Jahre alten Werkstattbau. Dessen sollte man sich bewusst sein. Hier fehlt ein schlüssiges Konzept zur Integration dieser Bauteile in die Bewertungsmatrix. Angesichts der erheblichen Mittel, die erst in jüngster Zeit zur Sanierung aufgewandt wurden, wäre es auch mit Blick auf die Revision fahrlässig, darüber hinwegzugehen. Nicht ausreichend berücksichtigt ist auch die Tatsache, dass auch am Standort Sparkasse ein ganz erhebliches Abrissvolumen entsteht. Man kann das als eine notwendige Begleiterscheinung in der Abwägung der städtebaulichen Ziele betrachten, ganz ignorieren sollte man den Abriss nicht.

Nur am Rande sei bemerkt, dass das komplizierte Geflecht von Tunnelröhren der U-Bahn und den Fundamenten des Eurotowers nach Aussage von Tragwerksplanern mit den Fundamenten der Bestandsbauten so eng verbacken ist, dass beim Rückbau mit erheblichen Gründungsproblemen zu rechnen ist.

Zu Frei- und Grünflächenbilanz / Stadtklima

  • Tabelle 4: Variantenübersicht mit Frei- und Grünflächenbilanz (Quelle: Ergänzung zum Bericht der Stabsstelle Zukunft der Städtischen Bühnen von 2021, Februar 2023, Seite 26)
  • Tabelle 5: Variantenübersicht mit Anzahl zu Baumverlusten und zu besonders zu schützenden Bäumen (Quelle: Ergänzung zum Bericht der Stabsstelle Zukunft der Städtischen Bühnen von 2021, Februar 2023, Seite 27)
  • Variante 2 ist diesbezüglich im Vergleich am günstigsten zu bewerten. Die bauliche Auflockerung reduziert das Überhitzungspotenzial der Grünanlage am Willy-Brandt-Platz durch die Positionierung der Oper an der Neuen Mainzer Straße, von der keine signifikante Verschlechterung der Belüftung oder Intensivierung des vorhandenen Wärmeinseleffektes an dortiger Stelle ausgeht. Zusätzlich wird durch die Entstehung einer neuen Frei- und Grünfläche westlich des neuen Schauspiels eine neue Belüftungsachse zwischen Taunusanlage und Main geschaffen, die sich positiv auf das Umgebungsklima und eine potenzielle Nachtauskühlung im umgebenden Stadtbereich auswirken kann. (Quelle: Ergänzung zum Bericht der Stabsstelle Zukunft der Städtischen Bühnen von 2021, Februar 2023, Seite 28)

Die notwendigen Eingriffe in die Wallanlage durch die Varianten 1 oder 2, verursacht nicht zuletzt aufgrund der getrennt zu führenden Erschließungsflächen für die Anlieferung und für den Publikumsverkehr, sind mit mehr oder weniger großem Verlust an Biotopwert verbunden und wirkt sich demzufolge erst einmal negativ auf das Stadtklima aus. Der Bericht führt dazu zutreffend aus, dass die betroffenen Bestandsbäume in den Wallanlagen nicht unterbaut (z.B. mit Tiefgaragen) sind, eine große Altersspanne bis zu 120 Jahren aufweisen und aufgrund ihrer Größe und ihres Alters erhöhtes Potenzial bieten, die klimatischen Komponenten (Verschattung, Abkühlung der Umgebung und CO₂-Bindung) zu erfüllen. In der Tabelle Variantenübersicht mit Anzahl zu Baumverlusten und besonders zu schützenden Bäumen werden jeweils 17 Bäume aufgelistet, die direkt von den Baumaßnahmen betroffen sind. Realistisch ist von einer höheren Zahl auszugehen. Berücksichtigt man zusätzlich die Baustelleneinrichtung werden tatsächlich wohl bis 40 der sehr alten und besonders wertvollen Bäume fallen müssen. Insofern ist auch die positive Bewertung in der Tabelle auf Seite 50 des Berichts unzutreffend. Durch den vermeidbaren Verlust der Bäume wird der Heat-Island-Effekt eher verstärkt als abgemildert.

Ob es später gelingt, diesen Verlust mittelfristig durch Neupflanzungen auszugleichen oder sogar mehr als wettzumachen, sollte weiter untersucht werden. Die Einschätzung, dass die unvermeidbaren Eingriffe in den Biotopbestand durch den Zugewinn an Freiflächen deutlich überkompensiert werden würde, wird so nicht geteilt. Hier fehlt eine realistische Gegenüberstellung und Bewertung durch die Stabsstelle im Sinn einer Eingriffs- und Ausgleichsplanung.

Für Variante 4 gibt es durch den Neubau der Doppelanlage an gleicher Stelle großes Potenzial, die Qualität der Oberflächen zu verbessern. Da der Ist-Zustand der Variante 4 kaum Vegetationsfläche besitzt, ist eine Verbesserung der biologischen Vielfalt hier sehr wahrscheinlich, wie der Bericht richtig anerkennt.

Zu Denkmalwert

  • Einzig die Glasfassade des Foyers ist trotz Austausch der Glaselemente und nachträglicher Ummantelung der ehemals schlankeren, verputzten und hell gestrichenen Betonpfeiler mit Aluminiumprofilen weitgehend unverändert und wirkt insbesondere bei Dunkelheit weiter in den Stadtraum hinein. Dabei wird das Alleinstellungsmerkmal der 1960er Jahre – die lange Glasfläche – heute von der Vielzahl der gläsernen Bürotürme des Bankenviertels stark relativiert. (Quelle: Ergänzung zum Bericht der Stabsstelle Zukunft der Städtischen Bühnen von 2021, Februar 2023, Seite 55)
  • Ein gewisses Risiko kann sich durch den Künstler beziehungsweise dessen Rechteinhaber unter Verweis auf die unveränderte Hängung der Blechwolkenskulptur ergeben. Ob dieser Anspruch jenseits denkmalrechtlicher Fragen durchsetzbar wäre, kann derzeit nicht abschließend geklärt werden. Das Risiko wird bis zum Jahr 2035, dem Zeitpunkt des Erlöschens des Urheberrechts, von Experten und Rechtsberatern durchaus gesehen. Ein ganzheitlicher Abbau wäre deutlich risikoärmer. (Quelle: Ergänzung zum Bericht der Stabsstelle Zukunft der Städtischen Bühnen von 2021, Februar 2023, Seite 57)
  • Soweit zwei getrennte Häuser an zwei getrennten Standorten realisiert werden sollen, führt die vollständige Erhaltung des Foyerbaus mit einer neuen Glasfassade absehbar zu kuriosen architektonischen und städtebaulichen Lösungen. Ein Einzelbau am heutigen Standort – Schauspiel oder Oper – wird allenfalls drei Fünftel der heutigen Gesamtlänge benötigen. Hier könnte theoretisch der entsprechende Teil des Glasfoyers eingebunden werden. Über die restliche Strecke verbliebe dann eine Art freistehender Riegel, welcher in die hier neu gewonnene Grünfläche hereinragen müsste. Die stadträumliche Wirkung einer solchen Lösung erscheint wenig überzeugend. Es könnte allerdings planerisch nach der Standortentscheidung geprüft werden, ob das restliche Stück des Foyerbaus gleichsam umgeklappt und an der Seite des entsprechenden Neubaus gestalterisch weitergeführt werden könnte. (Quelle: Ergänzung zum Bericht der Stabsstelle Zukunft der Städtischen Bühnen von 2021, Februar 2023, Seite 58)

Man kann das Argument der Denkmalpflegeberater zum Alleinstellungswert der der 120m langen Gasfassade des Foyers auch anders lesen. Umgeben von gläsernen Hochhäusern löst bis heute einzig das Glasfoyer der Theaterdoppelanlage am Willy-Brandt-Platz das Versprechen maximaler Transparenz ein.

Die Frage, wie mit dem Werk des Künstlers Zoltán Kemény im Kontext eines Neubaus umgegangen werden kann, ausschließlich auf den Aspekt des Urheberrechts zu verengen, erscheint der Bedeutung der Arbeit und der Person des Künstlers völlig unangemessen.

Die Idee, das Foyer „umzuklappen“ ist mit der Denkmaleigenschaft des Gebäudes mit Sicherheit unvereinbar. Wenn es als Denkmal zu erhalten ist, wäre der logische Schluss, hinter dem gesamten Foyer weiterzubauen. Ein Gutachten zur Standsicherheit des Foyers zeigt auf, dass die Struktur ohne große Sicherungsmaßnahmen freigestellt werden kann, sofern die alten Treppentürme (1904) und die durchlaufenden Decken im Bereich des Theaters in einer gewissen Tiefe erhalten werden. Bei der Neuplanung müsste im EG auf den Bestand reagiert werden, was naturgemäß gewisse Zwänge mit sich bringt. Daher wird im Gutachten empfohlen, die tragenden Bauteile zu entfernen, dann aber unter Preisgabe der restlichen Substanz. Man sollte darauf vertrauen, dass die Architektinnen und Architekten des Neubaus / Umbaus / Weiterbaus hier eine gute Lösung finden werden.

Zu Organisationsstruktur

  • Die starke Basis für eine künftige und sachgerechte Organisationsstruktur, z.B. einer Entwicklungseinheit/ Bauherrenvertretung, bildet das seit Jahren gewachsene, weiterentwickelte, sehr vertrauensvoll und professionell agierende städtische Spezialistenteam, bestehend aus hochqualifizierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus den Bereichen: Bauherrenvertretung sowie Projekt-, Planungs- und Baumanagement, Projektentwicklung und Immobilienökonomie, Architektur, Stadtplanung und Umweltmanagement, Nachhaltigkeitsberatung inkl. DGNB-Zertifizierung und ESG-Management, Bühnenbetrieb, Betriebswirtschaft, Bauingenieurwesen sowie Vergabe- und Verwaltungsmanagement. (Quelle: Ergänzung zum Bericht der Stabsstelle Zukunft der Städtischen Bühnen von 2021, Februar 2023, Seite 62)

Hier fehlt, oder sollte stärker hervorgehoben werden, offensichtlich die entscheidende Beratung durch einen Kostenkontrolleur, also eines Quantity Surveyors, wie er international bei komplexen Großvorhaben dieser Art üblich ist. Eine professionelle Kosten- und Terminplanung nach entsprechender mit den Bühnen abgestimmter und verbindlich vereinbarter, realistischer Bedarfsermittlung, ist für das Gelingen des Projekts eine zwingende Voraussetzung.

Zu Wirtschaftlichkeit

  • Die Variante 4 ist in vielerlei Hinsicht terminlich und organisatorisch komplexer. Letztlich müssten mindestens vier Bauprojekte zu Teil als Interim (Lager, Werkstätten, Interim Oper, Interim Schauspiel) in kürzester Zeit parallel fertiggestellt werden, bevor ein Abriss und Neubau der Doppelanlage erfolgen könnte. Mit diesen Projekten müsste unmittelbar begonnen werden, jedoch muss vorab die Standortsuche für alle Teilprojekte (Lager, Werkstätten, Interimsbauten) erfolgen. Zu sehen ist hier ein hohes Risiko, da jeder Verzug bei einem Teilprojekt direkt zu einem Verzug des Endtermins führen würde. (Quelle: Ergänzung zum Bericht der Stabsstelle Zukunft der Städtischen Bühnen von 2021, Februar 2023, Seite 33)

Verweis auf Punkt 4, Planungsrechtliche Rahmenbedingungen.

Schon allein die sofortige Verfügbarkeit des stadteigenen Bestandsgrundstücks am Willy-Brandt-Platz ohne aufwendige planungsrechtliche Vorarbeit lassen eher als bei den beiden anderen Varianten kurze Planungs- und Bauzeiten sowie Budgettreue, also die wirtschaftliche Umsetzung erwarten. Das Argument, dass für Teilprojekte wie Lager, Werkstätten, Interimsbauten mit der Suche erst begonnen werden muss und dies mit einem hohen Risiko von Planungsverzügen verbunden sei, mutet angesichts der jahrelangen Vorarbeit der Stabsstelle auf diesen Feldern sonderbar an. Gibt es dafür nicht mittlerweile brauchbare Ansätze und Ideen? Warum muss man hier bei Null anfangen? Der Bedarf gilt im Übrigen für alle drei Varianten gleichermaßen. 

Geht man bei Variante 4 von einem Komplettabriss und Neubau aus, steht der sofortigen Ausschreibung mit Architektenwettbewerb nichts im Weg, dagegen ist ein Neubau auf Fremdgrundstücken mit den bereits beschriebenen erheblichen Planungs- und damit auch Kostenrisiken behaftet. Für eine perspektivenreiche Zukunft der Städtischen Bühnen ist der sichere und rasche Umsetzungsbeginn ausschlaggebend, heißt es völlig zutreffend im Gutachten der Stabstelle auf Seite 59. Und der ist nur auf stadteigenem Grund und Boden einigermaßen sicher gewährleistet. Die wirtschaftliche Umsetzung hängt davon maßgeblich ab.

Jens Jakob Happ
geboren in Frankfurt am Main, studierte an den Technischen Universitäten in Berlin und Darmstadt Architektur sowie Trompe l’oeil-Malerei in Brüssel. In den Jahren von 1984 bis 1990 verlegte er seinen Lebensmittelpunkt nach New York und arbeitete dort in den Büros von Robert A.M. Stern und Richard Meier. Zurück in Deutschland, war er von 1990 bis 2005 zunächst Mitarbeiter und dann Partner von AS&P, Albert Speer und Partner in Frankfurt. In seiner Heimatstadt gründete er im Jahr 2006 sein eigenes Architektur- und Stadtplanungsbüro happarchitecture. Jens Jakob Happ ist Mitglied im BDA, im Deutschen Werkbund. Im Jahr 2007 wurde er vom BDA in den Städtebaubeirat der Stadt Frankfurt entsandt, dem er mit Unterbrechungen bis heute angehört. 2017 amtierte er als dessen Vorsitzender. Im Jahr 2018 wurde er in den Vorstand der Stiftung urban future forum e.V und in 2019 in den wissenschaftlichen Beirat des Deutschen Instituts für Stadtbaukunst berufen.

www.happarchitecture.de

ÖFFNEN, SANIEREN, WEITERBAUEN

Seit Anfang 2020 beteiligt sich unsere Initiative an der Diskussion um die Zukunft der Städtischen Bühnen. Da der Termin näher rückt, an dem die Frankfurter Stadtverordnetenversammlung über die drei Varianten für Schauspiel und Oper entscheiden wird, möchten wir Ihnen kurz erläutern, weshalb wir für den Standort Theaterdoppelanlage am Willy-Brandt-Platz mit der Möglichkeit eines Teilerhalts plädieren.

Als die Stadtverordnetenversammlung im Januar 2020 beschloss, statt einer Sanierung der bestehenden Doppelanlage eine Neubaulösung anzuvisieren, gründeten wir als Frankfurter Kulturschaffende die Initiative „Zukunft Städtische Bühnen Frankfurt“, der u.a. Architekt:innen, Städtbauer:innen, Theaterwissenschaftler:innen, Historiker:innen, Journalist:innen und Denkmalpfleger:innen angehören. Unserem offenen Brief von März 2020 schlossen sich binnen weniger Monate mehr als 6.000 Unterzeichner:innen an, unter ihnen viele namhafte Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens.

Mit verschiedenen Formaten haben wir in den vergangenen drei Jahren versucht, auf den Wert und die Qualitäten der bestehenden Doppelanlage hinzuweisen – und auf die Schwachstellen der Alternativen, die sich durch den Totalabriss und einen neuen Bühnenstandort ergeben würden. Wir haben öffentliche Diskussionen und Vorträge organisiert, Stellungnahmen und Fachbeiträge publiziert, mit Mitarbeitenden von Schauspiel und Oper gesprochen, Politiker:innen getroffen, die Doppelanlage begutachtet, eine Fachpublikation herausgegeben, Studierenden-Workshops veranstaltet, haben mit weiteren Expert:innen diskutiert und sind über eine eigene Website, Social-Media-Kanäle und Flyer in den Austausch mit den Menschen getreten. Dies können Sie alles unter www.zukunft-buehnen-frankfurt.de nachlesen.

Es ist uns ein Anliegen, dass Schauspiel und Oper auch in Zukunft Orte der Kultur bleiben, an denen eine Kunst, die international Beachtung findet, einen lokalen Stempel trägt. Die Entscheidung über die bauliche Entwicklung der Bühnen wird maßgeblichen Einfluss auf das kulturelle Geschehen am Main – und als prägendes Element auch insgesamt auf die Stadtgesellschaft haben. Uns ist bewusst, dass diese Verantwortung für solch ein Jahrhundertprojekt sehr groß ist – und nicht zuletzt Einfluss hat auf Einzelne, die an diesem Projekt partizipieren. Die Zeit drängt – und das mitten in einer Situation, die von vielerlei Krisen geprägt ist.

Die Stadt Frankfurt und die Stabsstelle, die sich mit der Zukunft der Städtischen Bühnen befassen, haben in den vergangenen Jahren eine Vielzahl von Gutachten erarbeitet, die zu einer Entscheidungsfindung führen sollen. Seit dem Abrissbeschluss im Januar 2020 haben sich jedoch wichtige Fakten und Einschätzungen geändert, die eine Neubewertung und Modifikation bereits gefasster Beschlüsse notwendig erscheinen lassen. So veranschaulicht bereits das im Auftrag der Stadt Frankfurt erstellte und im Sommer 2020 vorgestellte Validierungsgutachten, dass eine Sanierung deutlich nachhaltiger wäre als die Neubauvarianten. Mittlerweile ist man sich mehr und mehr der katastrophalen Umweltauswirkungen von Abriss und Neubau bewusst, was zu einer zwingend nötigen Bauwende führen muss. Auch der Denkmalwert der Doppelanlage mit dem Glasfoyer und der Wolkenskulptur des jüdischen Künstlers Zoltan Kemeny wurde erst nach dem Abrissbeschluss durch die Eintragung in die hessische Denkmalliste Ende 2020 bestätigt.

Oft wurden in der Debatte die Interessen der 1.200 Mitarbeiter:innen und die Funktionalität der Bühnen gegen Kriterien der Ökologie, des Denkmalschutzes und sogar gegen den Standort der Doppelanlage selbst ausgespielt. Dabei steht außer Frage, dass jede Lösung mit sehr guten Arbeits- und Produktionsbedingungen verbunden sein muss. Dabei sollte aber nicht kategorisch ausgeschlossen werden, dass man auf die vielerorts bewährte Option von ausgelagerten Produktionszentren und Interimsbauten zurückgreift. Und sehr gute Arbeits- und Produktionsbedingungen lassen sich am Willy-Brandt-Platz mit einem Neubau eines größeren Teils der Backstage-Bereiche erzielen, ohne dass dafür das denkmalgeschützte Foyer und weitere strukturell intakte Teile der Doppelanlage geopfert werden müssen.

Die Untersuchungen haben gezeigt, dass die Verlegung einer der beiden Bühnen an einen neuen Standort das Vorhaben anders als erhofft weder kostengünstiger, einfacher, schneller, noch besser macht. Die beste Lösung ist, wenn die beiden Bühnen zusammen am Willy-Brandt-Platz verbleiben. Aus ökologischen, ökonomischen, soziokulturellen und funktionalen Gründen empfiehlt es sich, jene Teile der Doppelanlage, welche keine strukturellen Schwächen aufweisen, zu erhalten, zu sanieren und in einen Neubau zu integrieren. Wir plädieren für einen Architekt:innen-Wettbewerb, der offen lässt, welche Teile erhalten und welche abgerissen werden sollen. Dieser Wettbewerb der Ideen wird völlig neue, unerwartete Perspektiven eröffnen und belegen, dass innovative architektonische Lösungen heutzutage gerade im kreativen Weiterbauen, in der Verbindung von Bestand und Neubau liegen.

Die Initiative Zukunft Städtische Bühnen fordert:

1. Den Erhalt des Standorts Willy-Brandt-Platz für beide Häuser.

2. Einen Architektur-Wettbewerb für Neugestaltung und Weiterbau der Doppelanlage, der Teilerhalt und Sanierung mit einem Neubau verbindet. 

3. Die unverzügliche Realisierung eines Produktionszentrums und Interims in dezentraler Stadtlage.

4. Die Neukonzeption der Institution in Hinsicht auf die veränderte, diverse und plurale Stadtgesellschaft und ihre Kulturen.

I. ÖKOLOGIE

I.1 Bauwende

In den letzten Jahren hat sich ein wachsendes Verständnis für die enorme Bedeutung des Bauens im Zusammenhang mit Ressourcen- und Klimaschutz entwickelt. Im Manifest „Haus der Erde“ des Bundes Deutscher Architektinnen und Architekten (BDA) aus 2019 heißt es: „Dabei ist unsere Vorstellungskraft, unsere Phantasie zur Beantwortung der Frage, wie wir zukünftig leben wollen, von großer Bedeutung. Diese Zukunft gestalten wir jetzt. Eine Konzeption von Städten, Infrastrukturen, Wohnhäusern, Fabrikations- und Bürogebäuden entscheidet, ob Menschen ihr Leben besser in Einklang mit der Umwelt bringen können. Architekten und Stadtplaner sind Impulsgeber, und ihre gebauten Werke können Katalysatoren für ein Umdenken sein.“

Nicht nur in Frankfurt ist zu beobachten, dass trotz aller Bemühungen um eine Bauwende Gebäude häufiger abgebrochen als umgenutzt werden. Dies betrifft insbesondere auch Gebäude in öffentlichem Besitz unterschiedlicher Rechtsformen. Wir sind der Meinung, dass gerade die öffentliche Hand mit gutem Beispiel vorangehen muss, wenn die Bauwende Realität werden soll. Für Frankfurt sehen wir die deutliche Gefahr, dass mit den Neubauten der Städtischen Bühnen ein Projekt realisiert wird, das bereits bei seiner Fertigstellung in jeder Hinsicht überholt sein wird. Das lässt uns weder als Frankfurter:innen noch als Fachleute auf den Gebieten der Architektur, Stadtplanung, Theaterwissenschaft und Geschichte unberührt.

I.2 Ökobilanz

Für die Kulturmeile sollen nicht nur die über 65.000 qm Bruttogeschossfläche der heutigen Doppelanlage abgerissen werden, sondern auch 39.000 qm Bruttogeschossfläche intakter und genutzter Bürobauten. Im Vergleich zur Option Doppelanlage am Willy-Brandt-Platz entsteht bei der Option Kulturmeile durch den erhöhten Umfang der Abrisse zusätzlicher Bauschutt von bis zu 70.000 m3 und ein zusätzlicher CO2-Ausstoß von über 25.000 Tonnen.

Bei einem Teilerhalt der Doppelanlage kann viel graue Energie gespart werden – auch bei einem 60 Jahre alten Gebäude. Dies wurde allerdings nicht in der Bewertungsmatrix erörtert. Als erhaltenswert erachten wir das Foyer, den Zuschauerraum sowie die Bühne des Schauspiels und den 2014 fertiggestellten Werkstattbau. Die Vor- und Nachteile einer Weiternutzung des Zuschauerraums und evtl. auch der Bühne der Oper wären je nach Entwurfslösung zu prüfen. Abgängig wären hingegen größere Teile des Backstage-Bereiches. Die umgebenden Freiräume wären neu zu gestalten und teilweise zu entsiegeln.

II. ÖKONOMIE

II.1 Kosten

Die vorliegenden Kostenkalkulationen der von der Stadt und der Stabsstelle in Auftrag gegebenen Gutachten sind zwar sorgfältig durchgeführt worden, aber unvollständig, weil sie Grundstückskosten und Erschließungskosten nicht berücksichtigen und die Interimskosten nicht für alle Varianten gleich behandeln. Bezieht man dies in die Kalkulation der Stabsstelle mit ein, ist die Variante Kulturmeile mehr als 150 Mio. Euro teurer gegenüber der Alternative einer Doppelanlage am bestehenden Standort mit der Option des Teilerhalts guter Gebäudeteile.

Die Stabsstelle Städtische Bühnen geht in ihrem Ergänzungsbericht vom Februar 2023 (S. 31) für den Neubau der Doppelanlage von 1.272,9 Millionen Euro und für die Kulturmeile von 1.270,6 Millionen Euro aus. Bei den Kosten der Kulturmeile fehlen allerdings die Grundstückskosten. Wie im Juni 2023 bekannt wurde, muss die Stadt für ein Nutzungsrecht über 199 Jahre 431 Mio. Euro Erbpacht an die Sparkasse/Helaba zahlen. Abgezinst auf heute sind dies bei 2,5% 105 Mio. Euro (bei 3% 89 Mio. Euro) an Kosten, die bei dem bestehenden städtischen Grundstück am Willy-Brandt-Platz nicht anfallen. Auch sind die Kosten für den erforderlichen Umbau der Neuen Mainzer Straße einzubeziehen.

Der Bericht der Stabsstelle vom Februar 2023 geht zudem für die Kulturmeile von einem Schauspiel-Interim aus. Da nun aber die Oper am Willy-Brandt-Platz verbleiben soll, wäre auch für diese Variante das 81,6 Mio. Euro teure Opern-Interim erforderlich. Würde man sich aber mit dem Schauspiel als Opern-Interim begnügen, sollten auch die Anforderungen und Kosten für die Interimslösung der Doppelanlage entsprechend niedriger angesetzt werden.

II.2 Termine

Ein wichtiges Ziel des Vorhabens ist seine schnelle Umsetzbarkeit, da schon heute der Spielbetrieb aufgrund von Baumängeln als gefährdet gilt.

Bei der Option Kulturmeile muss die bestehende Theaterdoppelanlage über sechs Jahre länger betrieben werden, und die Fertigstellung der Neubauten verzögert sich um vier Jahre. Die Stabsstelle hielt dies im Februar 2023 für „keine befriedigende Option“. Zusätzlich müssten die 700 Mitarbeitenden der Sparkasse jahrelang in einem Interim untergebracht werden oder an einen neuen Standort dauerhaft umziehen. Welche Kosten und Risiken der Weiterbetrieb im Bestand für zusätzliche sechs Jahre hat, wurde in den Gutachten nur angedeutet. Um eine Perspektive schnellstmöglichen Bauens zu gewährleisten, bietet sich die Realisierung von Oper und Schauspiel auf stadteigenem Grund und Boden an.

III. SOZIOKULTUR

III.1 Städtebau

Es steht außer Frage, dass die zur Entscheidung anstehende bauliche Weiterentwicklung (Neu-, Um- oder Weiterbau) der Städtischen Bühnen die Chance bietet, das international beachtete, außergewöhnliche Niveau der Frankfurter Bühnen zu erhalten und sogar zu steigern. Der seit 120 Jahren bewährte Traditionsstandort am Willy-Brandt-Platz ist dazu bestens geeignet.

Der neue Standort für das Schauspiel an der Neuen Mainzer Straße in der Variante Kulturmeile ist deutlich weniger attraktiv. Eingezwängt zwischen den Hochhäusern der benachbarten Bürotürme, an der engen und viel befahrenen Neuen Mainzer Straße gelegen, kann ein Neubau hier nicht die städtebauliche Ausstrahlung und Wirkung entfalten wie am Anlagenring, wo die Bühnen auch direkt an einem zentralen U-Bahn- und Straßenbahnknotenpunkt liegen.

Der Theaterneubau der Kulturmeile zwischen den Hochhäusern der Neuen Mainzer Straße. Foto Alfons Maria Arns

III.2 Grünflächen

Die Idee der Kulturmeile überzeugt auch deshalb nicht, weil der enorme Aufwand nur eine graduelle Verbesserung bringt. Der Anlagenring lässt sich wegen Hofstraße und Jüdischem Museum nicht bis zum Mainufer führen. Bei einer Erneuerung der Doppelanlage mit einer Neugestaltung des Willy-Brandt-Platzes lässt sich der Grünraum ebenfalls bis zur Hofstraße fortführen.

III.3 Denkmalschutz

Die Städtischen Bühnen Frankfurt mit dem ikonischen Wolkenfoyer sind ein herausragendes Beispiel für die Theaterbaugeschichte der Nachkriegszeit in Deutschland und damit von überregionaler Bedeutung. Der Denkmalwert ist den Städtischen Gremien seit 2017 bekannt, die formelle Denkmalausweisung erfolgte 2020. Dort heißt es: „Der Foyerbau der Städtischen Bühnen mit seinem Wolken-Kunstwerk im Foyer erfüllt die gesetzlichen Voraussetzungen eines Kulturdenkmals aus geschichtlichen, künstlerischen und städtebaulichen Gründen.“ In der Begründung wird der Foyerbau als „Zusammenfassung zweier zeitlich und gestalterisch unterschiedlicher Baukörper“ beschrieben. „Er verbindet zwei Häuser, die den einzigartigen Sonderfall einer historisch gewachsenen Doppelanlage bilden. Auf der einen Seite findet sich ein durch den Weltkrieg fragmentiertes und in der Nachkriegszeit modernisiertes Schauspielhaus (heute Oper). Auf der anderen Seite entstand ein modernes Schauspielhaus in der Formensprache der 1960er Jahre.“

Die Option Doppelanlage erlaubt es, das bestehende Foyer mit der Wolken-Deckenskulptur des Künstlers Zoltan Kemeny in seiner bisherigen Funktionalität zu erhalten. Damit bleibt dieses ikonische Zeichen für die Ausbildung einer demokratischen Öffentlichkeit durch den Kulturbetrieb des Theaters nach 1945 auch für zukünftige Generationen bewahrt und erfahrbar. Bei der Option Kulturmeile ist bislang der Abriss des Foyers vorgesehen. Zudem sind bei dieser Option zwei denkmalgeschützte Häuser vom Ersatzneubau für die Bank direkt betroffen, deren Abriss oder Teilabriss dann unvermeidlich ist.

IV. FUNKTIONALITÄT

IV.1 Aufteilung von Funktionen

Bei der Doppelanlage wird das Neubauvolumen auf zwei Standorte – Spielstätten und Produktionszentrum – aufgeteilt, bei der Kulturmeile auf drei Standorte: das Schauspiel wird von der Oper und den Werkstätten getrennt, und ein separates Lager ist zudem erforderlich. Beides ist möglich und vertretbar, hat jeweils Vor- und Nachteile. Unzutreffend ist die Behauptung, dass die Option Kulturmeile hier einen großen Vorteil bieten würde.

Aufteilung der Betriebsstätten auf Standorte

Zum Produktionszentrum stellte die Stabsstelle 2020 fest: „Für die Städtischen Bühnen Frankfurt sowie für die Stadt Frankfurt am Main hat das Produktionszentrum zahlreiche Vorteile und es ermöglicht einen synergiereichen, optimierten, zukunftsfähigen, ressourcenschonenden und nachhaltigen Betrieb der Werkstatt- und Lagerfunktionen. (…) Die Ergebnisse der Untersuchung zur Sanierung zeigen klar, dass ein Produktionszentrum in einer überschaubaren Zeit realisierbar ist.“ Falls erforderlich, „können die Probebühnen auch im Produktionszentrum untergebracht werden“, auch wenn eine Zuordnung zu den Hauptspielstätten für die internen Betriebsabläufe zu bevorzugen sei. Ein solches Produktionszentrum ist auch vielerorts üblich (z.B. Staatstheater Hannover; Staatsoper Hamburg; Royal Opera House Thurrock, London; Glyndebourne Opera House, East Sussex; The Karayanis Rehearsal Production Center, Dallas Opera; Utah Opera Production Building, Salt Lake City). Es kann auch Möglichkeiten und Synergien für das Schauspiel-Interim und alternative Spielstätten wie das Frankfurt Lab bieten und an seinem Standort einen kulturellen Impuls für den Stadtteil geben.

Standortoptionen für das Produktionszentrum, ggfl. verbunden mit Theaterinterim u.a.

Mögliche Standorte für ein solches erweitertes Produktionszentrum sehen wir in Praunheim, in der Nordwest Josefstadt, im Gaswerk Ost, an Ostbahnhof und Kaiserlei sowie auf dem Gelände der ehemaligen Binding Brauerei und im Gutleutviertel.

Wolken retten!

Die berühmten Wolken im Foyer der Städtischen Bühnen Frankfurt. Bild: Alfons Maria Arns

Zoltan Kemenys bedrohte Deckenskulptur im Frankfurter Theaterfoyer

Von Alfons Maria Arns

Wolken sind bekanntlich flüchtige metereologische Gebilde, die sich stets verändern und nur mithilfe technischer beziehungsweise künstlerischer Mittel wie der Malerei, der Fotografie oder dem Film bildmäßig dauerhaft festgehalten werden können. Erst kürzlich hat dies eine Ausstellung der Stiftung Kunst und Natur im Bad Homburger Museum Sinclair-Haus wieder anschaulich vor Augen geführt mit Künstlerinnen und Künstlern wie Ian Fisher, Barbara Klemm, Marie-Jo Lafontaine und Gerhard Richter: „Wolken als Sinnbild für Bewegung, Weite, Freiheit, Leichtigkeit, Energie, aber auch als Indikator für Wetter und Klima“, wie es programmatisch hieß.

Eine besonders eigenwillige Form des Festhaltens von Wolkengebilden hat der ungarisch-schweizerische Bildhauer, Maler und Architekt Zoltan Kemeny (1907-1965) gefunden, der bereits im Jahre 1963 in wenigen Monaten eine riesige Decken- beziehungsweise Raumskulptur aus Metall für das Foyer der seinerzeit neu erbauten Theaterdoppelanlage von Schauspiel und Oper am Willy-Brandt-Platz entwarf, damals noch Theaterplatz genannt. Ausgehend von einer ovalen trommelartigen Grundform aus glänzendem Messingblech, einer Legierung aus Kupfer und Zink, und in unterschiedlichen Größen, schweißte er diese zu vielgestaltigen wolkenähnlichen Clustern zusammen, die dann über die ganze Länge des Stahl-Glas-Foyers von 120 Metern hin in unregelmäßiger Reihenfolge an die zehn Meter hohe Decke gehängt wurden. Die Schwere des Materials stand damit im völligen Kontrast zur luftigen Leichtigkeit realer Wolken; und doch vermochte es der Künstler diesen Widerspruch produktiv zu machen, indem er die Auflösung dieser Paradoxie ganz dem Betrachtenden überließ: „Eine große Form – (…) – in der die Besucher ihrer Phantasie freien Lauf lassen können (…), so wie man das Vorüberziehen der unendlichen, sphärischen Wolken am Himmel betrachtet.“ (Z.K., Meine Skulptur, 1963)

Dieser Artikel erschien zuerst in der strassen gazette, Ausgabe 241, September-Oktober 2023.

Allein schon der Blick nach oben in den goldschimmernden Theaterhimmel imitiert so auf vergleichende Weise den alltäglichen, in der Regel prüfenden Blick in den mal sonnen-, mal wolken- und regenverhangenen Himmel. Zeitgenossinnen und Zeitgenossen sprachen damals von „optischen Abenteuern“ für das Auge und der „raum- und menschenaktivierenden, physisch unmittelbaren Kraft“ des Kemenyschen Kunstwerks, das weltweit zu den größten Deckenskulpturen gehört und als sein eigentliches künstlerisches Vermächtnis gelten kann, zwei Jahre vor dessen Tod 1965. Man kann sich heute kaum mehr vorstellen, welch hoffnungsvoller Aufbruch Mitte der 1960er Jahre mit der Theaterdoppelanlage verbunden war. Über die Jahrzehnte hinweg avancierte das Wolkenfoyer nach und nach zum Wahrzeichen des Hauses, ja sogar der ganzen Stadt, die es als wertvollen Schatz betrachten sollte.

Dieses Kunstwerk ist nun in seiner Existenz und Integralität bedroht, obwohl es zusammen mit dem Foyer unter Denkmalschutz gestellt wurde. Denn seit dem Abrissbeschluss der Frankfurter Stadtverordnetenversammlung vom Januar 2020 für das Gesamtgebäude der Städtischen Bühnen am Willy-Brandt-Platz steht auch die Raumskulptur zur Disposition, geschützt zusätzlich durch das künstlerische Urheberrecht, das aber im Jahre 2035 ausläuft. Die nach dem Abrissbeschluss gegründete Initiative Zukunft Städtische Bühnen Frankfurt kämpft seitdem für den Erhalt beziehungsweise die Teilsanierung der Doppelanlage am bestehenden Standort und plädiert für eine Sanierung im Bestand.

Der Architekturkritiker Dieter Bartetzko hat einmal darauf hingewiesen, dass die Schaufront des Architekturbüros ABB (Apel/Beckert/Becker) sich wie kein anderer Theaterbau der Nachkriegszeit in der Bundesrepublik Deutschland jeglicher Repräsentation verweigere. Und in der Tat wirkt diese Verweigerung stärker denn je wie ein sich sprichwörtlich querlegendes Statement gegen die immer noch anwachsende Hochhausbebauung von Banken und Versicherungen – transparente demokratisch-kulturelle Horizontalität gegen die herrschaftliche Geste der Vertikalität in der Ökonomie von Soll und Haben.

Schon allein aus diesem Grund sollte sowohl der seit langem bewährte stadteigene Standort als auch das direkte Nebeneinander von Oper und Schauspiel beibehalten werden; nicht zuletzt, um die immer noch unterschiedliche soziale Schichtung des Publikums stets neu auf räumliche Weise zusammenzubringen, eine Erneuerung der Vorstellung von Stadttheater natürlich inbegriffen. Das als gelungene architektonische Klammer zwischen Oper (Umbau des Alten Schauspielhauses) und Theater (Neubau) konzipierte Glasfoyer war und ist eben mehr als eine bloße räumliche Verbindung zweier Häuser, sondern sollte mit seiner Transparenz der Öffentlichkeit signalisieren, dass hier ein neues Kapitel der vordem eher in sich abgeschlossenen Welt des Sprech- und Musiktheaters aufgeschlagen wurde. Und so fanden hier denn auch viele bedeutende Inszenierungen statt mit Intendanten wie Harry Buckwitz, Michael Gielen, Bernd Loebe und Peter Palitzsch.

Dieser Artikel erschien zuerst in der strassen gazette, Ausgabe 241, September-Oktober 2023.

Die Kemenysche Wolkenskulptur war damals Teil einer ganz bewussten engen räumlichen Verbindung von Architektur und Kunst, „Kunst am Bau“ genannt, die ganz gezielt den Raum auf dialogische Weise zum „Sprechen“ bringen sollte. Der Chagall-Saal, genau in der Mitte des Foyers plaziert, mit dem bereits 1959 entstandenen Auftragsgemälde von Marc Chagall (1887-1985) „Commedia dell’arte“ gehört gleichfalls in diesen Kontext und stellt mit seiner Anspielung auf gemalte Bühnenbilder die Repräsentation des Bühnengeschehens im Flanier- und Warteraum der Wandelhalle dar. Um das Kunsttrio zu komplettieren, wurde noch die Plastik „Standing Figure: Knife Edge“ (1961) von Henry Moore erworben und als Sinnbild des Humanen im Foyer aufgestellt.

Die „unendliche Baugeschichte der Städtischen Bühnen Frankfurt“ wurde durch den Opernbrand im Jahre 1987 nicht wirklich unterbrochen, sondern durch Umbauten verschiedener Architektinnen und Architekten auf pragmatische Weise fortgeführt, sodass man beinahe von einer Theaterbauhütte sprechen könnte – in Analogie zu den klassischen Dombauhütten. Noch vor zehn Jahren – nach dem Umbau für die Kammerspiele an der rückwärtigen Hofstraße – bot sich für Bartetzko „der Riesenbau nicht nur funktional, sondern auch ästhetisch und einheitlich dar. Die Vollendung kommt zur rechten Zeit, denn künftig wird sich das Theater gegen die glamourösen Attacken der steinbeschichteten weißen Türme und Großkuben des neuen ‚Riverside Financial Districts‘ behaupten müssen. Die Chancen stehen nicht schlecht, denn zumindest gegen den erhebenden ‚himmlischen‘ Glanz der Kumuli von Zoltan Kemeny kommt kein Werk der aktuellen Event-Dekorationskunst an.“ (2013)

Es scheint so, als stünde die Erprobung dieser Hoffnung angesichts der Abrissdrohung erst jetzt wirklich an.

Der freie Kulturhistoriker Alfons Maria Arns gehört zu den Gründern der Initiative Zukunft Städtische Bühnen Frankfurt und ist Co-Autor in dem von Philipp Oswalt herausgegebenen Band „Zoltan Kemenys Frankfurter Wolkenfoyer. Entstehung und Zukunft einer gefährdeten Raumkunst“, Berlin u. München: Deutscher Kunstverlag 2022.

Dieser Artikel erschien zuerst in der strassen gazette, Ausgabe 241, September-Oktober 2023.

Reparieren ist das neue Neu

Städtische Bühnen am Willy-Brandt-Platz. Foto: Pxhere

Weshalb der Abriss der Städtischen Bühnen für die von der Stadt Frankfurt am Main präferierte Kulturmeile nicht nur ökologisch ein Desaster ist.

Von Martina Metzner

Nun soll es die Kulturmeile werden. Nach jahrelangen Debatten um die Zukunft der Städtischen Bühnen, das Ensemble aus Schauspiel und Oper Frankfurt am Willy-Brandt-Platz, haben Oberbürgermeister Mike Josef und Kulturdezernentin Ina Hartwig kurz vor Beginn der Sommerpause Fakten geschaffen: Sie haben sich mit der Helaba über den Kauf des Grundstücks an der Neuen Mainzer Straße geeinigt, auf dem sich heute noch der Hauptsitz der Frankfurter Sparkasse befindet. Nun soll alles ganz schnell gehen: Im September will man die Kulturmeile, nachdem der Abriss im Januar 2020 – im Übrigen in Reaktion auf einen Antrag der AfD-Fraktion – im Römer beschlossen wurde, durch die Stadtverordnetenversammlung bringen. Sind wir damit wirklich einen Schritt weiter? Oder fallen wir dadurch nicht in längst überholte Zeiten zurück?

Drei Neubauvarianten

Vielleicht wird man das Drama um die Städtischen Bühnen eines Tages als Theaterstück inszenieren – als vertrackte Diskussion, in der sich Meinungen rieben, Ideologien aufeinanderprallten, Euphorie, Zweifel und Enttäuschung sich abwechselten. Die Vorlage für dieses Stück geht nun schon ins zehnte Jahr. Drei Varianten wurden von der Stadt Frankfurt und ihrer Stabsstelle untersucht und zur Diskussion gestellt: der Neubau einer Doppelanlage am Willy-Brandt-Platz, die Spiegellösung, wobei das Schauspiel in die Wallanlagen gesetzt würden, sowie die Kulturmeile, bei der die Oper am Willy-Brandt-Platz neu gebaut werden würde und das Schauspiel als Teil eines neuen Hochhauses an der Neuen Mainzer Straße, für das die Frankfurter Sparkasse abgerissen werden soll. Die Idee, Schauspiel und Oper zu separieren, ist Teil der Strategie, die Nutzung des Interims zu verkürzen, da die Häuser zeitversetzt gebaut würden und sich beide Sparten vorübergehend ein Haus teilen könnten.

Dieser Artikel erschien zuerst in der strassen gazette, Ausgabe 241, September-Oktober 2023.

Expert*innen und Politiker*innen für Sanierung und Teilerhalt

Nicht mehr zur Diskussion steht die Sanierung, ja nicht einmal der Teilerhalt der Städtischen Bühnen, die 1963 von ABB Architekten als Paradestück der Nachkriegsmoderne einer jungen demokratischen Gesellschaft gebaut wurden und deren Wolkenfoyer seit Ende 2020 in der Denkmalliste eingetragen ist. Eine Position allerdings, die immer mehr Bürger*innen sowie Expert*innen teilen – darunter etwa die Politiker*innen Thomas Dürbeck (CDU), Sebastian Popp (Grüne) und Jutta Ditfurth (ÖkoLinX-Antirassistische Liste) oder Architekt*innen wie Christoph Mäckler, Klaus Jürgen Engel oder Astrid Wuttke. Und die auch von der Initiative Zukunft Städtische Bühnen Frankfurt vertreten wird. Was aber spricht für die Sanierung beziehungsweise den Teilerhalt der Städtischen Bühnen?

Zunächst sah alles nach einer Sanierung der Bühnen aus. Doch nach mehreren, von der Stadt in Auftrag gegebenen Gutachten stellte sich heraus, dass die Kosten dafür sehr hoch liegen würden – genau 1,3 Milliarden Euro nach dem letzten Stand der Berechnungen vom Februar 2023 – genauso teuer wie die verschiedenen Neubaulösungen. Dabei legte die Bewertungsmatrix, aus der die Abrissentscheidung resultierte, den Fokus mit 70 Prozent vor allem auf die Ökonomie und nur zu 5 Prozent auf ökologische Aspekte. Zudem lagen allen Analysen die maximalen Forderungen der Intendanz zu Grunde. 

Kreislaufwirtschaft verringert CO2-Emissionen

Wir kennen es aus unserem Alltag: Soll man den alten Fernseher reparieren oder ist es nicht viel einfacher und günstiger, einen neuen zu kaufen? Bis vor wenigen Jahren konnte man diese Frage vielleicht noch mit „Ja“ beantworten – doch die Zeiten haben sich gewaltig geändert. Durch Klimawandel und Ressourcenknappheit können wir uns diese Verschwendung – sei es der neue Fernseher oder eben die neuen Städtischen Bühnen – nicht mehr leisten. Die Müllberge wachsen, Rohstoffe werden knapp, teuer – und manchmal sind sie zum Teil gar nicht mehr verfügbar. Jede Herstellung eines Produktes, eines Fernsehers, und natürlich erst recht die von neuen Gebäuden, verursacht hohe CO2-Emissionen. Nicht zufällig will die EU per Gesetz auf eine Kreislaufwirtschaft umstellen, in der Materialien und Produkte stets im Kreislauf gehalten werden – und nie auf der Deponie landen. Nicht nur für den Fernseher, sondern auch für die Städtischen Bühnen gilt: Reparieren ist das neue Neu.

Dieser Artikel erschien zuerst in der strassen gazette, Ausgabe 241, September-Oktober 2023.

Umweltkosten nicht einkalkuliert

Natürlich ist die Reparatur der Bühnen nicht mit der eines Fernsehers zu vergleichen. Die Sanierung beziehungsweise der Teilerhalt ist aufwendig – das Haus besteht aus vielen Bauabschnitten, sogar das ursprüngliche Theatergebäude im Stil der Neorenaissance von 1902 steckt noch in den Gemäuern. Noch 2014 wurden die Werkstätten für 80 Millionen Euro neu gebaut. Zugegeben: Der Großteil des Hauses ist längst sanierungsbedürftig, Mitarbeitende berichten von schwierigen Arbeitsbedingungen, die Flächen seien zu klein, im Sommer zu heiß, es sind sogar schon Fassadenelemente heruntergefallen. Alles in allem also eine große Herausforderung für eine Sanierung und einen Teilerhalt. Eine, der wir uns stellen müssen. Auch, wenn sie scheinbar genauso teuer wird wie ein Neubau. Das Problem bei diesen Rechnungen ist nämlich: Die Umweltkosten – also die Kosten, die die Allgemeinheit später aufbringen muss, um dem Klimawandel, der Vermüllung und den daraus resultierenden Umweltkatastrophen sowie der Rohstoffknappheit zu begegnen – sind nicht einkalkuliert. Die wahren Kosten für neue Produkte und Gebäude wären dann um ein Vielfaches höher – und gerechter. Für die Kulturmeile müssten nicht nur die 66.000 Quadratmeter der Städtischen Bühnen der Abrissbirne zum Opfer fallen, sondern auch die 39.000 Quadratmeter der Frankfurter Sparkasse – das entspricht 25.000 Tonnen CO2.

Konzeptionelle Debatte fehlt

Zu den ökologischen Argumenten gesellen sich kulturelle: Das Gebäude hat in Frankfurt Stadtgeschichte geschrieben und Identität gestiftet. In dem Haus mit seinem großen urbanen Glasfoyer, das sich der Stadt zuwendet und sie als eine Bühne des öffentlichen Lebens inszeniert, hat die Stadtgesellschaft über ihre Gegenwart und Zukunft nachgedacht und gestritten. Das integrierte Gemälde von Marc Chagall und die Goldwolken des jüdisch-ungarischen Künstlers Zoltán Kemény sind einzigartige Beispiele ihrer Epoche. Auch eine konzeptionelle Debatte, was für Theater man sich für die Zukunft von Frankfurt wünscht, gibt es so gut wie nicht.

Mit der nun scheinbar gefundenen Lösung sollen all diese Argumente vom Tisch sein – dabei blendet man die Wirklichkeit geschickt aus. Die Entscheidung für den Neubau der Städtischen Bühnen, zumal in Form der Kulturmeile, ist nicht nur ökologisch ein Desaster. Die bessere Alternative: Einen Architektenwettbewerb ausschreiben, und offen lassen, welchen Teil der aktuellen Städtischen Bühnen man sanieren oder neu gestalten will – so die Idee des Architekturprofessors Philipp Oswalt, Mitglied der Initiative Zukunft Städtische Bühnen Frankfurt.

Die freie Design- und Architekturjournalistin Martina Metzner unterstützt die Initiative Zukunft Städtische Bühnen Frankfurt.

„Schauspiel wird nach der Kulturmeilen-Planung als großer Verlierer dastehen“

Die Diskussion um die Zukunft der Städtischen Bühnen schlägt hohe Wellen. Dabei geht es vor allem um städteplanerische Belange. Theaterwissenschaftler Nikolaus Müller-Schöll wirft im Gespräch mit dem JOURNAL FRANFKURT einen besonderen Blick auf die ästhetische Dimension des Problems:

https://www.journal-frankfurt.de/journal_news/Kultur-9/Debatte-um-Staedtische-Buehnen-Schauspiel-wird-nach-der-Kulturmeilen-Planung-als-grosser-Verlierer-dastehen-41141.html

Die Kulturmeile ist nicht nur ökologisch ein Desaster

Stellungnahme der Initiative Zukunft Städtische Bühnen Frankfurt

Freitag, 28. Juli 2023

Die Frankfurter Kulturdezernentin Ina Hartwig teilte gemeinsam mit Oberbürgermeister Mike Josef am 26. Juli 2023 mit, die erst vor wenigen Monaten aus guten Gründen verworfene Kulturmeilenvariante könne und solle nun doch realisiert werden. Der Widerstand gegen die zwischenzeitlich propagierte Spiegellösung war offenkundig zu hoch. Und keinesfalls soll der Abrissbeschluss von 2020 hinterfragt werden, obwohl sich zuletzt führende Fachleute wie der Bund Deutscher Architektinnen und Architekten BDA Frankfurt, das Urban Future Forum, der Architekt Christoph Mäckler, der Stadtplaner Peter Lieser und Kulturpolitiker wie Thomas Dürbeck, Sebastian Popp oder die Arbeitsgruppe Planen Bauen Wohnen der GRÜNEN Frankfurt dafür ausgesprochen hatten.

Trotz allem will man an dem einst unter fragwürdigen Umständen eingeschlagenen Kurs festhalten und propagiert gegen jede haushaltspolitische, ökologische und denkmalpflegerische Vernunft einen Theaterneubau an der Neuen Mainzer Straße. Gegenüber der Alternative einer Doppelanlage am bestehenden Standort mit der Option des Teilerhalts guter Gebäudeteile ist die Variante Kulturmeile mehr als 100 Mio. Euro teurer. Dieses gewichtige Faktum können Stabsstelle und Dezernentin nicht mehr leugnen. Zum einen gehört das Grundstück nicht der Stadt Frankfurt am Main, und für ein Nutzungsrecht über 199 Jahre muss die Stadt in diesem Zeitraum 431 Mio. Euro an die Sparkasse/Helaba bezahlen. Abgezinst auf heute sind dies bei 2,5% 105 Mio. Euro (bei 3% 89 Mio. Euro) an Kosten, die bei dem bestehenden städtischen Grundstück am Willy-Brandt-Platz nicht anfallen. Im Februar dieses Jahres stellte die Stabsstelle Städtische Bühnen noch fest: Um „schnellstmögliches Bauen zu gewährleisten, bietet sich die Realisierung von Oper und Schauspiel auf stadteigenem Grund und Boden an. Dies ist auch ökonomisch nachhaltig.“ Das spielt nun offenkundig keine Rolle mehr. Da inzwischen allen Beteiligten klar geworden ist, dass an dem Standort Neue Mainzer nur ein Theaterbau realisiert werden kann, müssten zudem noch die Mehrkosten für ein Operninterim von 53,1 Mio. Euro zzgl. Baupreissteigerung berücksichtigt werden. Auch die Kosten für das ebenfalls erforderliche Werkstattinterim müssten noch einbezogen werden. Die neuerdings vorgesehene Idee, dass neu gebaute Schauspiel als Operninterim zu nutzen, wurde von der Stabsstelle noch vor drei Jahren als unmöglich verworfen: Die Zahl der Zuschauerplätze würde sich halbieren, und es gäbe keinen Orchestergraben.

Ebenso wenig ist der Vorschlag ökologisch nachhaltig und denkmalpflegerisch vertretbar. Die gegenwärtige Planung sieht nicht nur den kompletten Abriss der bestehenden Doppelanlage inkl. denkmalgeschütztem Foyer vor, sondern auch die Beseitigung der völlig intakten Bestandsbebauung von Sparkasse/Helaba. Für die vorgesehene Errichtung des Ersatzbürobaus stehen zudem zwei weitere Denkmale im Wege, das Geschäftshaus des Neoklassizismus von 1908 (Neue Mainzer Str. 53) und das klassizistische Wohnhaus um 1830 (Neue Mainzer Str. 55). Dass diese am Ende beide erhalten werden können, erscheint fraglich.

Zusätzlich ist der Abriss in Zeiten der für alle spürbaren Klimakrise völlig unverantwortlich. Der zum Abriss vorgesehene Gebäudekomplex der Sparkasse wurde erst 2004 aufwändig erneuert. Der Werkstattanbau der Städtischen Bühnen wurde erst 2014 für 80 Mio. Euro fertiggestellt, und auch Zuschauerbereich und Bühne des Schauspiels sind strukturell intakt. Doch offenkundig interessieren sich die Verantwortlichen nicht für den Gebäudebestand. Mit dem Standort an der Neuen Mainzer Straße erhöht sich das Abrissvolumen um etwa 39.000 qm auf insgesamt ca. 105.000 qm. Im Vergleich zur Option Doppelanlage am Willy-Brandt-Platz entsteht bei der Option Kulturmeile durch den erhöhten Umfang der Abrisse ein zusätzlicher CO2-Ausstoß von schätzungsweise über 25.000 Tonnen. Für die Herstellung der Neubauten müssen über 800 Millionen Megajoule Primärenergie aufgewendet werden, dies entspricht dem Energiegehalt von 19.500 Tonnen Erdöl. Doch solche ökologischen Kennwerte interessieren die politisch Verantwortlichen nicht. Sie wurden trotz dreijähriger Untersuchung von der Stabsstelle für die jetzt zur Diskussion stehenden Optionen nicht benannt.

Selbst für die betroffenen Beschäftigten ist der Vorschlag der Kulturmeile von Nachteil. Die Sparkassen-Mitarbeiter*innen müssen umziehen und möglicherweise ein mehrjähriges Interim in Kauf nehmen. Aber auch der Bühnenbelegschaft mutet die Lösung Einiges zu. Vor fünf Monaten hieß es vonseiten der Stabsstelle: „Bei den Abstimmungen mit der Eigentümerin stellte sich heraus, dass, eine grundsätzliche Einigung vorausgesetzt, der optimistische Übergabezeitpunkt des bebauten Grundstücks angesichts der benachbarten, heute bestehenden Großbaustelle im Jahr 2028 läge. (…) Vor dem Hintergrund des desolaten Zustands der Theaterdoppelanlage am Willy-Brandt-Platz ist dieser Zeithorizont für den Beginn der Vorarbeiten für den Neubau einer Spielstätte keine befriedigende Option, zumal die Planbarkeit zusätzlich eingeschränkt würde.“ Auch das scheint keine Rolle mehr als Argument zu spielen. Auch wenn man inzwischen hofft, ein Jahr früher anfangen zu können, ändert dies an dem Gesamtablauf wenig: verzögerter Beginn, gestufte Umsetzung, Fertigstellung des Hauptgebäudes mit Oper und Werkstätten am Willy-Brandt-Platz realistisch geschätzt im Jahr 2038.Für eine Doppelanlage am Willy-Brandt-Platz als Neubau mit oder ohne saniertem Teilerhalt sind die Gutachter im Jahr 2020 von einem Gesamtzeitraum inkl. Planung von neun Jahren ausgegangen. Eine Umsetzung wäre also bis zum Ende dieses Jahrzehnts möglich gewesen, aber auch jetzt noch wäre die Option Doppelanlage etwa fünf Jahre früher fertiggestellt als die Option Kulturmeile. Fahrlässig haben es die Verantwortlichen in den letzten Jahren versäumt, die unvermeidlichen Interimslösungen zu klären und hierfür eine belastbare Lösung vorzulegen.

Der Abrissbeschluss von 2020 kam in Reaktion auf einen AfD-Antrag binnen 24 Stunden ohne eine Erörterung im Kulturausschuss zustande, um vermeintliche Handlungsfähigkeit zu beweisen. Das Vorgehen war nicht nur undemokratisch, weil es den Abgeordneten eine mögliche Prüfung der Angaben verunmöglichte. In den Entscheidungsunterlagen waren Fragen von grauer Energie und Denkmalschutz gänzlich ausgeblendet. Kostenannahmen für eine Neubaulösung waren gegenüber der Option Doppelanlage Willy-Brandt-Platz und der möglichen Sanierung von Gebäudeteilen unrealistisch günstig gewählt. Inzwischen hat die Stabsstelle Städtische Bühnen diese Annahmen korrigiert, ohne dass die damalige Entscheidung nochmals hinterfragt worden wäre, die auf selektiven bzw. verzerrten Informationen beruhte.

Wir fordern, für die Entscheidungsträger die Varianten Kulturmeile, Spiegellösung, Doppelanlage, Doppelanlage mit Teilsanierung nach einer einheitlichen Bewertungsmatrix darzustellen, welche insbesondere alle Kosten incl. Interim und Grundstück, die CO2-Bilanz incl. grauer Energie, den Denkmalschutz und den Realisierungszeitplan bis Fertigstellung sachlich neutral und vollständig abbildet.

Alfons Maria Arns (Freier Kulturhistoriker)

Prof. Dr. Maren Harnack (Frankfurt University of Applied Sciences)

Hanns-Christoph Koch (Deutscher Werkbund Hessen)

Martina Metzner (freie Journalistin, abaut)

Prof. Dr. Philipp Oswalt (Universität Kassel)

PS: In einer früheren Version des Textes sind wir von vorsichtigt geschätzten 20.000 qm Bruttogeschossfläche ausgegangen. Inzwischen haben wir aber von der Sparkasse Franfurt erfahren, dass es defacto 39.000 qm sind – und sich damit auch die anderen Werte entsprechend erhöhen.

Symposion „Die Zukunft der Theater-Doppelanlage“

Im Januar 2020 beschloss die Frankfurter Stadtverordnetenversammlung den Abriss und Neubau der Theaterdoppelanlage am Willy-
Brandt-Platz. Seit diesem Beschluss gibt es keine weiterführenden politischen Entscheidungen zur städtebaulichen und architektonischen
Zukunft von Schauspiel/Kammerspiel und Oper. Stattdessen werden in loser Folge verschiedene mögliche Standorte und Kubaturen vorgestellt.
Entscheidet man sich für die sogenannte Spiegellösung, also die Aufteilung in zwei Häuser, für ein Haus unterhalb eines neuen Hochhauses
an der Neuen Mainzer Straße oder für eine Kulturmeile in der Wallanlage. Oder womöglich doch für den Erhalt des Hauses und einer
sinnfälligen und sinnstiftenden Sanierung. Die Stiftung hatte namhafte ReferentInnen eingeladen, um die Argumente auszutauschen und der
Frankfurter Stadtgesellschaft darzulegen, welche Lösung oder welche Lösungen die nachhaltigsten sind oder sein könnten.

Videodokumentation der Veranstaltung

Eine textliche Zusammenfassung der Veranstaltung findet sich hier: https://urbanfutureforum.org/stadtpolitisches-symposium-die-zukunft-der-theater-doppelanlage

Programm:
Einführung: Prof. Helmut Kleine-Kraneburg
Impulsvortrag: Astrid Wuttke
Podiumsgespräch

ReferentInnen:
Julia Frank, Planungs- und Bildungspolitische Sprecherin Die Grünen
Andrea Jürges, Architektin und Vize-Direktorin DAM
Dr. Albrecht Kochsiek, Planungspolitischer Sprecher CDU
Astrid Wuttke, Geschäftsführende Gesellschafterin
schneider + schumacher Weiterbauen GmbH
Olaf Winter, Technischer Direktor Oper Frankfurt

Moderation:
Jens Jakob Happ, Architekt und Stadtplaner, Frankfurt am Main
Prof. Helmut Kleine-Kraneburg, Architekt, Frankfurt am Main

Eine Veranstaltung des urban future forum
Untermainkai 40, 60329 Frankfurt am Main
www. urbanfutureforum.org

Luft nach oben…

Gedanken zur Zukunft der Städtischen Bühnen
von Peter Lieser

Wenn die Dinge klar laufen, bin ich ein friedlicher Zeitungsleser. Doch Ende Februar, mitten im Oberbürgermeister-Wahlkampf in Frankfurt am Main, packte mich die Wut als ich las, dass die Kulturdezernentin der Stadt (SPD) aus heiterem Himmel Untersuchungsergebnisse ihrer Stabsstelle aus deren Bericht „Ergänzende Prüfaufträge zur Zukunft der Städtischen Bühnen“ vorstellte. Wahlkampf?

Fazit: Die Variante „Kulturmeile“ ist zu teuer, weil die Frankfurter Sparkasse normales Geld für ihr Grundstück möchte, was sich vorher alle Beteiligten an ihren fünf Fingern abzählen konnten. 50 Mio.€ pro Finger, geschätzter Wert?

Also: gestorben. Variante „Neubau Doppelanlage“ eingeschränkt tauglich, mit ihren Interimslösungen zu teuer, schwer zu steuern und zu langwierig.

Also: gestorben, in Vorbereitung.

Variante „Spiegellösung“ in allen untersuchten Themenfeldern der Favorit, selbst beim behaupteten Zugewinn von Grün und der Grünnutzung.

Auch der Vorsitzende des Städtebaubeirates klatschte Beifall.

Werde ich in dieser Stadt noch zum Wutbürger? Dachte ich, las aber weiter, dass nun endlich, nach 15 Jahren Entscheidungsvakuum innerhalb der Stadtregierung (seit klar ist, dass die Städtischen Bühnen ein existenzielles Sanierungs-Problem haben), die Bürgerbeteiligung eine große Rolle spielen soll.

Aufschreiben, sagen was drückt.

Hilft das, wenn man gegen die zahlreichen Abriss-Argumente für das „bestuntersuchte“ Haus der Republik („überuntersucht“ heißt es in einem kritischen Text) anschreiben muss?

Anschreiben gegen die mehr als zahlreichen Meinungen von Fachleuten der betreffenden Branchen, Gutachtern, Stabsstellen und die unterschiedlichen Interessen vieler Parteien und Politiker in Frankfurt?

Es fällt auf, dass die inhaltlichen Stimmen aus der Welt des Theaters in diesem „Adagissimo ma non troppo-Konzert“ fehlen, wenn man von den eindringlich warnenden Stimmen vor dem Kollaps der für die Bühnen Tätigen absieht.

Nein, es gab schon viele seriöse Stimmen für das Neu- und Weiterbauen der Doppelanlage, die nicht zu einem konstruktiven Dialog über die inhaltliche Zukunft des Theaters und zu einem internationalen Ideenwettbewerb über den Standort am Willy-Brandt-Platz führten, der längstens entschieden wäre.

Will man bisher nicht sehen was baulich am Ort möglich ist und was weltweit die Tendenzen im Theater sind?

Soll eine Stabsstelle, so weisungsgebunden korrekt sie ihre Aufträge auch erfüllt, gegen den genialsten Standort in der Stadt, den es bereits gibt, entscheiden?

Und nochmals nein – und doch kam es leider anders.

Wir erinnern uns an einen Tag im Sommerloch 2020, als plötzlich professionelle farbige Pläne von einer Neuen Oper auf einem Grundstück der Frankfurter Sparkasse auftauchten, vorgestellt von der Kulturdezernentin, Ideengeberin in Zusammenarbeit mit dem Stadtplanungsdezernenten und SPD-OB-Kandidaten.

Kulturmeile, Aufwertung der Wallanlage, städtebauliche Verbesserung im Quartier der Bankenklamm waren plötzlich Zauberwörter für ein Viertel im spekulativen Stillstand der Finanzbranche.

Braucht es wirklich eine Neue Oper in Milliardenformat, um hier, mitten in der Bankenwelt, für städtebauliche Bewegung zu sorgen?

Bedarf es eines neuen Opernhauses, um eine Kulturmeile zu bewerben, die bereits existiert (Alte Oper, Städtische Bühnen, English Theatre) und, wie schon geschehen, mit punktuellen Ergänzungen (MMK-Dependence), gestärkt würde?

Hätte nach diesem Muster nicht auch die Zeil (im spekulativen Stillstand der Handelswelt) das Label einer „Kulturmeile“ verdient, vom Zoo (Naturkultur, Kindertheater) bis zum Bahnhof (Industriekultur), wenn dort anstelle von Karstadt ein neues Theater entstehen würde, und alle möglichen Kultureinrichtungen entlang dieser Mall bei entsprechender Suche sich hierzu finden lassen würden? Doch wohl nicht im Ernst…

Stattdessen also Kulturmeile im Bankenviertel, Bauen ohne Grundstück.

Seriöse Verhandlungen mit dem Grundbesitzer Sparkasse wurden versprochen. Bekannt waren die Bauabsichten der gleichen Eigner auf dem Nachbar-Grundstück. Und zwischen den Zeilen einiger Verlautbarungen lasen sich mögliche erhöhte Höhenrechte heraus. Ein Koppelgeschäft? Verbietet sich jedoch im städtischen Handeln, und vermutlich konnte dieser Deal auch deshalb nicht gelingen.

Mehr als zwei Jahre hielt das mit großen Bildern aufgemachte Versprechen, die Neue Oper im Bankenviertel zu bauen. Viele Leute fanden die „Sparschweinoper“ (Volksmund) richtig gut, moderner Style und unabhängig dastehend wie ein Monoblocco, und doch schön eingequetscht zwischen Bankenklamm und Wallanlage, mit Zugang von dort und Blick in die auf Gartengröße zurecht gemähte, doch denkmalgeschützte Traditionsanlage.

Auch hier applaudierte der Vorsitzende des Städtebaubeirats, während ein bekannter Frankfurter Architekt öffentlich kommentierte, dass die Bankenklamm sich eher für den Bau einer schnelllebigen Autobahn-Raststätte eigne, als für ein Jahrhundertprojekt wie eine Neue Oper.

Und dann, in Zeiten des Wahlkampfes gescheitert? Die Spiegellösung, 2020 als Interim-Bauwerk vorgeschlagen von der Umwelt-Dezernentin (Grüne) und jetzt statt Kulturmeile als Erfolgsprojekt der SPD präsentiert? Während der CDU-OB-Kandidat an der Standorteignung für eine Raststätte seriös festhält?

Die Kulturmeile mit Neuer Oper fällt auf der Pressekonferenz Ende Februar 2023 um wie ein Kartenhaus. Zweieinhalb Jahre im Sinne der maroden Doppelanlage mit über 1000 Tätigen so einfach mal verloren und verschenkt.

Und dazu propagiert, postwendend sekundierend, eine SPD-Stadtverordnete statt Kulturmeile nun ein Kulturdreieck und findet das auch noch interessant.

Zwei Bauwerke, schon wieder in animierten Farbfotos und sogar in Einsatz-Modellen werden präsentiert, das Neue Schauspiel raumfüllend in der „oberen Lage“ der Wallanlage. Diese laut Wallservitut freizuhaltende obere Lage wurde bereits mehrfach zum Ort des Sündenfalls der Überbauung. Unter anderen wurden 1880 die Frankfurter Oper und 1902 das Frankfurter Schauspiel dort errichtet.

Der Willy-Brandt-Platz soll durch zwei schräg gegenüberstehende Bauwerke, ein Schauspiel und eine Oper, städtebaulich wohl gestaltet werden? Geht es noch schräger? Statt dass das Grün an dieser Stelle der Wallanlage dezimiert und geschädigt wird, soll vorgeblich Grün vermehrt und aufgewertet werden?

Hat denn die Wallanlage, über ihre Tradition und Geschichte, über ihre Ästhetik und über ihre Bedeutung in der großstädtischen Ökologie hinaus, denn keine sozialen und städtebaulichen Qualitäten? Stattdessen nur einen Wert als Baulandreserve für die öffentliche Hand?

Was soll man von der jetzt favorisierten Variante „Spiegellösung“ nun wirklich halten? Dass sie nach weiteren zweieinhalb Jahren wieder umfällt wie ein Kartenhaus? Oder wäre es nun endlich an der Zeit in den Spiegel zu schauen?

Standort

Falls die Oper, wie einige Volksvertreter und Bürger es mit Verweis auf Sydney träumten, am Wasser hätte gebaut werden sollen, gab es nur einen passenden Standort in privater Hand: Degussa nebenan? Waren es die hohen Grundstückskosten, die wie in der Bankenklamm zum Aus führten, oder kam, als das Grundstück zu haben war, niemand auf die Idee, ein Tauschgeschäft und ein schnelles Neu-Bauen der Doppelanlage ohne Interim vorzuschlagen? Fehlte die Weitsicht? Ok, Sydney war gestern…

Zahlreiche Standorte sind untersucht worden, zwei sind geblieben. An Ausdauer, Erfindungsreichtum, Fleiß und Spürsinn der Stabsstelle hat es nicht gefehlt. Doch war nicht schon vor 15 Jahren klar, dass es nur einen einzigen passenden Standort und den obendrein in städtischem Besitz gibt? Den, auf dem die jetzigen Bühnen stehen und arbeiten, große Erfolge und Ehrungen erringen?

Hat jemand aus der Stadtregierung, oder hat jemals die Stadtverordneten-Versammlung laut und deutlich und vor allem öffentlich gesagt: Wir nehmen die Probleme unserer Bühnen ernst und fest in die Hand, ich will, wir wollen, dass die städtischen Bühnen auf alle Zukunft an dieser Stelle ihren Ort in unserer Stadt haben? Leider nein.

Dann wäre vor 15 Jahren schon der Standort klar gewesen. Heißt: Der jetzige!

Und dafür gibt es auch gute Gründe, die neben den schon immer wieder ausführlich benannten wie Citylage, Erschließung, historische Bausubstanz, Denkmalaspekte und anderen wichtig sind.

Die Frankfurter Oper von 1880 und das Frankfurter Schauspiel von 1902 sind mit Bedacht als freigestellte Baukörper entstanden. An oder nahe von städtebaulichen Achsen platziert, die für die Entwicklung Frankfurts bedeutsam waren: Die Bockenheimer Landstraße als Verbindung der Altstadt mit dem neuen Stadtteil Westend. Die Braubach-/Münchnerstraße und die Zeil/ Kaiserstraße als Verbindung mit dem neuen Bahnhofviertel und Hauptbahnhof.

Darüber hinaus waren die geschaffenen Platzsituationen, davor und umgebend, städtebaulich prägend und für den repräsentativen Wert der beiden Gebäude sowohl selbstverständlich als auch unverzichtbar.

Dazu kam, dass klare Vorder- und Rückfronten im Sinne der Funktion (Publikum und Betrieb) definiert wurden und dass dieses Vorne und Hinten städtebauliche Auswirkungen auf das direkte Umfeld hatte. Die Wirkungen kann man auch heute noch hinter der Alten Oper – Bockenheimer Anlage – und hinter der Doppelanlage (mit dem umbauten ehemaligen Schauspiel im westlichen Teil) in der Hofstraße erkennen.

Und nun – allen Erfahrungen zum Trotz – mit einer „Spiegellösung“ ein neues Schauspiel mit seiner Front zum Willy-Brandt-Platz bauen zu wollen, das sein Hinten der Kaiserstraße zuwendet, ist wirklich nicht verstehbar.

Die Oper von 1880 an ihrem jetzigen Standort wurde erst ermöglicht durch ein Tauschgeschäft, das die damalige Handelskammer weitsichtig initiiert hatte. Die Oper sollte ursprünglich am Rahmhof, in die Nähe des damaligen Schauspiels, dicht umstanden von Häusern, platziert werden. Nach dem Tauschgeschäft fügten sich Börse und Handelskammer dort ein. Auch diese Seite des Flächentausches war städtebaulich angemessen, wie man heute noch am Standort Börsenplatz, dem Sitz von Börse und Industrie- und Handelskammer sehen kann. Ein Vorgang also in der Frankfurter Stadtentwicklung, der von einer wirkungsvollen Teilhabe von privaten Akteuren, die sich, jenseits der herrschenden Politik, der gesellschaftlichen Bedeutung eines freien Standortes der Oper sicher waren, Zeugnis ablegt.

Natürlich sind durch die (Alte) Oper und das (alte) Schauspiel der Wallanlage große und wertvolle Flächen entnommen worden und damit Schäden entstanden. Aber man muss die Schädigung heute und endgültig nicht wiederholen. In diesem Sinne sollte die Wallservitut verändert werden, falls sich eine Mehrheit im Römer findet, die aus der Ausnahmeregelung „Bebauung im öffentlichen Interesse“ (was als Baulandreserve für die Stadt Frankfurt ausgelegt werden kann) eine strikte Verbotsregelung macht.

Bemerkenswert und vorbildlich in diesem Zusammenhang ist auch der Umgang mit dem Schauspiel von 1902, das wie die Oper, in der gleichen Bombennacht von 1944 zur Ruine wurde. Aus dem Schauspiel wurde mit dem mutigen Beschluss von 1949 das „Große Haus“, das – an Weihnachten 1951 eingeweiht – Schauspiel und Oper unter einem Dach vereinte.

Die für Opernhäuser zeitgemäßen Seiten- und Hinterbühnen (Kreuzgrundriss) wurden zur Schonung der (restlichen) Wallanlage nicht angebaut.

Stattdessen erfand und konstruierte man eine Drehbühne, in die eine zweite, knapp halb so große eingelassen war, gelagert auf einer ausgedienten Geschützlafette, die mit einem Durchmesser von knapp 38 Metern den legendären Ruf der größten Drehbühne Europas bekam.  

Wo lässt sich heute, nach Präsentation der Spiegellösung, die Achtung vor der   Bedeutung der Wallanlagen erkennen?

Interim

Mit einem klaren Beschluss zum Verbleib der Doppelanlage am jetzigen Standort (der seit Bekanntwerden einer notwendigen und umfassenden Sanierung im Jahre 2008 nicht gefasst wurde) wäre auch die Erweiterung des Beschlusses auf eine Suche nach bespielbaren Interims-Orten die logistische Folge gewesen: „Stabsstelle Interim“.

Man stelle sich vor, statt Standortsuche mit jahrelang immer wiederkehrenden Parametern und ähnlichen Ergebnissen, die zwangsweise zurück zum alten Standort führen, weil es nur diesen einen geeigneten gibt, hätten die Bearbeiter ganz Frankfurt nach Theater-geeigneten Räumen durchsuchen dürfen. Gemeinsam mit den Städtischen Bühnen.

Inspiriert von dem Gedanken, ein Jahrhundertprojekt „Neue Städtische Bühnen und andere Aktivitäten“ am Willy-Brandt-Platz vorzubereiten und zu ermöglichen. Und beseelt von der Idee, die Theaterwelt in bisher für das Theater nicht erschlossene Frankfurter Welten zu tragen.

Ich komme hier bewusst nicht zurück auf den Vorschlag des damaligen CDU-Stadtkämmerers, der zur Linderung der Not nach dem Brand der Oper im November 1987 das Schauspiel zur Wanderschaft durch die Bürgerhäuser animieren wollte, um zehn Millionen DM für den Umbau des Bockenheimer Depots zu sparen.

Interim-Theater kostet Geld, sei es im Betrieb von Spielstätten, in der Herrichtung oder, wenn es sein muss, auch im modularen Neubau, der nach Erstnutzung weitere Folgenutzungen finden kann. Etwa auf dem lange erwarteten Kulturcampus. Rechnet sich aber auch durch unerwartete soziale und künstlerische Effekte, und führt manchmal (wie aktuell bei der wohlgelungenen, nur 43 Mio. Euro teuren Interim-Konzerthalle München für die Zeit des Umbaus des Konzerthauses im Stadtteil Gasteig) zu überraschenden Überlegungen nach Dauerbetrieb und Erhalt.

Ich erwähne hier das Beispiel des Umbaus der Oper Bruxelles „La Monnaie/De Munt“ (Aufstockung des altehrwürdigen Haupthauses und Bühnenturms, Verbesserung von Technik und Sicherheit) mit Steuerung von ganz oben (Belgisches Ministerium), kalkulierter und eingehaltener Umbauzeit von ambitionierten drei Jahren (1984 bis 1986). Oper, Musik und Tanz fanden auf Tourneen, in einer alten Markthalle, in einem Zirkuszelt solch angemessene Spielstätten, dass „La Monnaie“ bereits zwei Jahre nach Wiederaufnahme des Theaterbetriebes, in einem Feature im Juni 1988 von zwei Autoren des Hessischen Rundfunks als bestes Haus in Europa bezeichnet werden konnte.

Einer von beiden war der heutige Intendant der Frankfurter Oper, der aus dieser Zeit seines Wirkens weiß, dass eine Interimssituation kein aufwendiges neues Bauwerk mit Drehbühne braucht, um den Ruf zu halten und die Reputation, die er sich und der Oper Frankfurt erarbeitet hat.

In Bruxelles war es kein anderer als Gérard Mortier, der das Haus als Künstlerischer Direktor durch diese erfolgreiche Umbauphase geführt hat.

Heißt mit anderen Worten: Es kommt auch auf Personen an, die „Erfindung und Improvisation“ zu einer neuen künstlerischen Ästhetik formen. Wäre das nicht auch in Frankfurt ein Anreiz, ein Interim-Theater zu wagen?

Frankfurt hat Erfahrung mit Interim. Und langen, einher laufenden Diskussionen. Doch nach dem Opern-Brand im November 1987 kamen die zuständigen Entscheider der Stadtregierung sehr schnell überein, das Haus an gleicher Stelle wieder aufzubauen, in einigen Details vergrößert und verbessert. Stadtverordnete reisten nach Bruxelles, um den Erfolg des dortigen Umbaus der Oper zu besichtigen, während sich in Frankfurt alle Parteien mit Ideen von Umbau und Neubau überboten – damals wie heute fast alltäglich.

Ist der nach dem Brand von 1987 eilig präsentierte Entwurf eines bekannten Frankfurter Architekten, den die FDP hochlobte, noch in Erinnerung? Zwei ordentlich hohe Hochhäuser an der Neuen Mainzer Straße und dazwischen eine Oper, ein Schauspiel an der Friedberger Anlage in den Wallanlagen? Selbst der damalige SPD-OB-Kandidat war beeindruckt und forderte seine Partei zum Nachdenken auf.

Für das Schauspiel, das den Brand unbeschädigt überstanden hatte, wurde nach einigen Budget- und Zuständigkeitskonflikten das Bockenheimer Depot im Eiltempo hergerichtet, für eine Summe, die heute bescheiden anmutet. Das Depot hatte schon, trotz aller Gegenargumente wie Baufälligkeit, Technik- und Raumbeschränkung, Lage außerhalb der City und Zuständigkeit der Universität (des Landes Hessen), seine wunderbare Eignung durch vielbeachtete und -besprochene Inszenierungen externer Theatermacher und Festival-Produktionen unter Beweis gestellt. Lob gab es immer, von allen Seiten und gerade auch von außen. Tadel gab es immer an der Stadt und an dem Land, dieses einmalige Industriedenkmal verrotten zu lassen.

Das Schauspiel konnte, nach einigen Durststrecken der Doppelbelegung des vorübergehend umbenannten „Großen Hauses“ (der unversehrten Bühne) gemeinsam mit der Oper, bereits im darauffolgenden Oktober 1988 das Depot als feste Interim-Spielstätte übernehmen und brachte dort, trotz fehlender, üblicher Bühnentechnik vielbeachtete Produktionen auf die variable Bühne, vor einem in der Anordnung variablen und in der Rezeption sichtlich begeisterten Auditorium.

Es sei daran erinnert, dass das Depot nach Wiederbezug der hergestellten Doppelanlage am Willy-Brandt-Platz zur festen Spielstätte des William Forsythe-Tanzensembles wurde, und – bis heute – zahlreiche glanzvolle Produktionen (vom Einar-Schleef-Theater bis zum Musiktheater Heiner Goebbels und des Ensemble Modern, und anderen renommierten Gästen) ermöglicht.

Interim-Nutzung als Rettung und Ertüchtigung, als „Erfindung“ von Raum?

Vielleicht ist es im Laufe der Zeit in Vergessenheit geraten, dass auch die – sofort nach dem Brand solidarische – Alte Oper für einige Produktionen der abgebrannten Oper als Interim-Spielstätte diente? Ich erinnere mich an sehr eigenwillig-schöne Bühnenbauten, die „Elektra“ (Einakter von Richard Strauss) in und über das Publikum führte, an konzertante Aufführungen von Aida, Cosi fan tutte, Parsifal etc. unter Gary Bertini, ich erinnere mich an Berichte über sehr erfolgreiche Tourneen der Oper, etwa nach Israel.

Warum nicht heute, im Falle einer notwendigen Interimszeit, die bereits mehrmalige „Deutsche Oper des Jahres“ in die Welt führen, etwa nach Kiew? Auch das könnte „Interim“ bedeuten.

Die Stadt Köln wird häufig für die Sanierung ihrer Doppelanlage am Appellhof-Platz gescholten, insbesondere für die lange Überziehung der Umbau-Zeitdauer und für die davonlaufende Überziehung der Sanierungskosten.

Aber: Nach bitteren Erfahrungen informiert Köln mittlerweile regelmäßig und transparent über den Umbau und hat seine Interimslösungen gefunden:

Die Oper spielt in der Messe (was allgemein als zu weit entfernt von der City und zu nüchtern vom Ambiente her erlebt wird), und das Schauspiel hat seine Übergangs-Spielstätte in einer Industriehalle (auch rechtsrheinisch) bezogen, die mittlerweile sehr angenommen und beliebt ist. Auch wenn nicht alles passt wie in einer angestammten Theaterwelt – kann man nicht von Kölns Beispiel, im Negativen wie im Positiven, lernen?

Depot, Naxos, obsolete Hallen im Industrie- und Hafengebiet Ost, falls sie sich finden lassen, Alte Oper, Jahrhunderthalle Höchst, Frankfurter Festhalle und Messehallen mit einem auf dem Messegelände zu errichtenden „Produktions-Zentrum“ (Werkstätten, Proben- und Einspielräume für beide Bühnen) könnten – aus meiner ersten Sicht – Spielstätten für den Übergang sein. Eine „Stabsstelle Interim“ würde nach tiefer Recherche reichhaltigere Findungen präsentieren, auswählen, anmieten und für den Theaterbetrieb ertüchtigen. Lässt sich das alles nicht in planbarer Zeit machen?

Für eine begrenzte Zeitdauer, unter der gemeinsamen Motivation aller Beteiligten, ein Experiment zu wagen, das neue Wege des Theaters zeigt, das Publikum mitnimmt und – zeitlich stringent – zu einem in Wert gesetzten Gebäude am Willy-Brand-Platz führt? Ein Theater, das ein einmaliges Format für das nächste Jahrhundert hat und alle Beteiligten sagen lässt:

„Frankfurt am Main kann Interim“.

Theater der Zukunft

In meiner Sicht auf Frankfurt und seine Kultur fehlt das nachhaltige Gespräch und Nachdenken über die inhaltliche Entwicklung des Theaters.

Der Eindruck herrscht vor, dass es bisher nur um Standort und Geld geht. Und weiter: es fehlt die Leidenschaft für das Theater, die große Neugier für das was Theater ist und das was kommt.

Dabei gibt es in der Welt so viele verschiedene Formate und Orte zu sehen und zu bewundern, unter denen und in denen Theater produziert wird. Feste und offene Ensembles, an festen und offenen Orten, Festspiele an etablierten und elitären Spielorten, Festivals in Regionen und Städten, die im Strukturwandel sind und dabei mithelfen, aus Krisen herauszufinden. Spielstätten, temporär errichtet und danach mit Erfolg dauerhaft betrieben. Private und öffentliche Investitionen in umgenutzte Industrie-Hallen und Gebäude, in leerstehende Kirchen und Klöster, Theater-Spielstätten ohne Ensemble, die Sparten-übergreifende Experimente und internationale Co-Produktionen ermöglichen und mit ihren überraschenden, eigenwilligen Inszenierungen auf Festival-Tourneen gehen. Darüber hinaus ist es so, dass die technischen Ausstattungen von Spielorten immer mehr in die Nähe der bewegten Bilder tendieren, Film und digitale Medien – und auch raumbildendes Licht – scheinen die Bühnen und Inszenierungen, auch die Musik auf den Bühnen und in den Konzerthäusern um Dimensionen zu erweitern. 

Klingende Namen, nur um einige zu nennen: Aix-en-Provence, Arles, Avignon, Paris, Edinburgh, Graz, Lausanne, Salzburg, Ruhrtriennale, Mailand, Oslo – Hallentheater und Guckkastenbühnen darunter – Vielfalt rundum.

Natürlich gibt es in Frankfurt verschiedene Theater-Formate, zwischen etabliertem en-suite-Repertoire an großen, mit Budget, Ensemble und Technik gut ausgestatteten Bühnen und einer reichhaltigen, sich stets verändernden off-Theaterkultur. Und diese sollen um ein, bereits länger als zehn Jahre erwartetes, synergetisches Projekt „Kulturcampus“, mit der Umsiedlung der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst als Frankfurter Ausbildungsstätte für Musik, Theater und Tanz und mit der Schaffung von Raum für experimentelle Musik und Theater bereichert werden.

Stellt sich nicht – auch schon seit langer Zeit – die Frage, ob nicht, vor den Investitionen in ein Milliardenprojekt für Frankfurt, die erfahrensten Fachleute, weltweit geschaut und auch hier am Ort zuhause, darüber beraten sollten, wie die Zukunft des Theaters, der Sparten die sich darunter entfalten wie Oper, Balett, Operette, Musiktheater, Tanz, Schauspiel, Musik, Literatur, Neue Medien und andere mehr, aussieht und sich entwickeln kann und wird?

Ob in Frankfurt die Sparten getrennt werden oder vereint bleiben sollen?

Neue hinzukommen?

Und wie ein Zusammenwirken von zwei ambitionierten Großprojekten – Städtische Bühnen und Kulturcampus – in dieser kleinen Großstadt kreativ-synergetisch stattfinden und letztendlich auch finanziert werden kann?

Dies sollte, nach entsprechender Vorbereitung, schon sehr bald stattfinden, um nicht noch mehr Zeit zu verlieren und um die inhaltliche Basis für einen architektonischen Ideen-Wettbewerb zum Umbau, Weiterbau und Neubau der Städtischen Bühnen noch in diesem Jahr legen zu können.

Luft nach oben

Könnte ein Beschluss zum Thema „Bauliche Gestalt“ etwa lauten:

„Wir wollen, dass die besten Architekten uns in einem internationalen Ideenwettbewerb zeigen, wie die zukünftigen Bühnen, auf der erarbeiteten Grundlage über die Zukunft des Theaters und unserer gesellschaftlichen Labore, aussehen, unter Wahrung der historischen Werte der jetzigen Bauten und unter Schaffung einer Ästhetik von Frankfurter Charakteristik, Form und Inhalt der zukünftigen Anlage am jetzigen Ort“?

Auch hier wäre es an der Zeit, sich die Bilder von Experten aus Frankfurt und der Welt zu holen, um das zu sehen, was zwischen Willy-Brandt-Platz und Hofstraße, zwischen Neue Mainzer Straße und Gallus-Anlage architektonisch möglich ist. Wenn man alle bisher gemachten Vorschläge aus der lokalen Architektenwelt, auch diejenigen zum Wolkenfoyer und zu den historischen Teilen des ehemaligen Schauspiels und alle Untersuchungen der Stabsstelle zusammennimmt und das noch zu erarbeitende inhaltliche Wissen zur Entwicklung des Theaters allgemein als Basis für einen Theaterbau hinzunimmt, könnte eine Ausschreibung eines internationalen Wettbewerbes noch in diesem Jahr gelingen.

Auch gibt es die wunderbare, vom Deutschen Architektur Museum herausgegebene Sammlung von Beispielen im Theater- und Konzerthaus-Umbau, -Weiterbau, -Neubau in Europa, aus dem sich zahlreiche Anregungen zu Nutzungen über das jetzige, ausschließliche Theaterwesen der Städtischen Bühnen hinaus gewinnen lassen. Es gibt viele Forderungen nach einem Mehr an öffentlicher Teilhabe (Bibliothek, Theaterarchive, Zentrum für bewegte Bilder etc.) und städtebaulichem Leben in der Sockelzone und auf begehbaren Dachterrassen (Gastronomie, hängende Gärten etc.) an einem solch großen öffentlichen Gebäude im Innenstadtbereich. Es gibt technische Entwicklungen der Energieeinsparung und -gewinnung auf Dächern und an Fassaden und der Ressourcenschonung im Innern. Und das bedeutet Raum- und Flächenzuwachs, weit über das jetzt schon vorhandene, viel zu knappe Potenzial hinaus.

Drei Beispiele, die für den Umbau, Weiter- und Neubau der bestehenden Frankfurter Theater-Doppelanlage interessant sein können, hier skizziert:

Lyon:

In der oben erwähnten Sammlung zeigt die „Opéra de Lyon“ (und der Umbau-Siegerentwurf von Jean Nouvel) durch Vertiefung und Aufstockung von je 20 Metern, bei Erhalt der alten, klassizistischen Fassaden, wie es gelingen kann, beachtlich großen Raum für Technik, Probenräume, einen zusätzlichen Raum für experimentelle Formate zu schaffen und ein öffentliches Sockelgeschoss „Arkaden“ hinzu zu gewinnen. Und obendrein, durch die weit sichtbare Aufstockung, einen „Leuchtturm“ am oberen Ende des UNESCO-Weltkulturerbes „Presqu`île“ zu errichten. Umbauzeit fünf Jahre (1989 – 1993).

Bruxelles:

Die Aufstockung um zwei Großgeschosse von Haupthaus und Bühnenturm sowie die Neuausstattung mit Technik und Sicherheit der Brüsseler Oper wurden bereits angesprochen. Das Haupthaus aus dem 19. Jahrhundert, mit seinen fünf prunkvollen Logen-Galerien, seinem Deckengemälde und zahlreichen Kunstschätzen, wurde, ohne Schaden anzurichten, mit Beton ummantelt und erhöht, der Bühnenturm aus Beton neu eingebaut und zeitgemäß auf eine moderne Schnürboden-Technikhöhe gebracht. Die Besonderheit während der Interimszeit war das sehr beliebte „Hallentheater“ in der ehemaligen Markthalle des dichten und durchmischtem Stadtteils Schaerbeek. Die Halle hat sich dadurch von einer provisorischen Autogarage zu einem renommierten und sehr frequentierten Kulturzentrum entwickelt.

Genua:

Nach mehreren Anläufen mit Wettbewerben und Überarbeitungen von Siegerentwürfen wurde das durch Kriegsschäden stillgelegte „Teatro Carlo Felice“ in Genua von Aldo Rossi wiederaufgebaut und – insbesondere im Innern – umgestaltet. Der Bühnenturm, und das ist aus Frankfurter Sicht das Besondere, ist sehr kompakt, war in den unteren Teilen erhalten, und ist von seinem Architekten als neues Wahrzeichen der Hafenstadt Genua – weit sichtbar vom Meer aus – gestaltet worden. Ein Genueser Turm mit dorischem Ausdruck, der Ruhe und Stärke vermittelt und mit einem Kranzgesims, wie üblich bei Genueser Türmen, in dem sich viel Technik verbirgt (in der Fachliteratur als „Technologischer Heiligenschein“ tituliert). Der aufgestockte Turm erweiterte den Raumbedarf für die zeitgemäße Unterbringung von Technik und deckte den zu Zeiten der Einweihung des Hauses (1991) zusätzlich benötigten Bedarf an Probenraum und Büros in seinen oberen vier Geschossen.

Die Beispiele sprechen für sich:

Wie Lyon seine Halbinsel, Bruxelles seine Altstadt und Genua seinen Hafen, hat Frankfurt seine Skyline, und diese umstellt in unmittelbarer Nachbarschaft die Städtischen Bühnen am Willy-Brandt-Platz. Die Doppelanlage „ziert“ ein bescheidener Ausdruck im klassischen Stil der sechziger Jahre, und sie duckt sich weg im Windschatten der Hochhäuser. Das Haus und die Bühnentürme, so bemüht und unterschiedlich gestaltet sie auch sind, werden vom Main und seinem Erlebnisraum aus kaum wahrgenommen.

Wie wäre es, den Baukörper mit Luft nach oben – einige Stockwerke höher – neu zu konzipieren, die Bühnentürme im Zusammenspiel mit den Hochhäusern in die Höhe wachsen zu lassen, um fehlenden Raum in allen Sparten und Büro- und Wohnraum für Gäste unterzubringen, begehbare Dächer für Besucher und Aufgänge an den Seitenfronten (siehe Centre Pompidou) zu entwickeln?

Lässt sich die alte Westfassade des ehemaligen Schauspiels in Teilen freistellen, und Grünraum der eingeschnürten Gallusanlage zurückgeben?

Lässt sich die Anlieferung über die Hofstraße verbessern und lassen sich insbesondere die Werkstätten aufstocken und transparent sichtbar machen?

Stichwort „Gläserne Fabrik“.

Kann die Rückseite, die dem so wunderbar gelungenen Jüdischen Museum „das Hinten“ deutlich zeigt, mit Leben gefüllt und als Südseite verstanden werden? Die Ostseite attraktiver werden?

Und dann: die Eingangsfront und das Foyer? Hier wird der Vorraum des freigestellten Bauwerks, der Willy-Brandt-Platz und die Gesamtgestaltung von Platz und Baukörper, angesprochen. Dies (und eine mögliche Änderung des städtebaulichen Umfeldes, etwa die Hofstraße) sollte zum Inhalt der Ausschreibung gehören.

Das Wolkenfoyer möchte ich als Beispiel dafür nennen, dass in einer Ausschreibung eines internationalen Ideenwettbewerbs weitgehende Freiheit im Umgang mit historischen und schützenswerten Bausubstanzen herrschen sollte. Die Entscheidung, diese zu sichern und als Elemente eines Weiterbaus wieder auf- und einzubauen, sollte den Wettbewerbsteilnehmern nicht genommen werden. Ebenso wenig die Freiheit, graue Energie (die durch Abriss vernichtet wird) und goldene Energie (die menschlichen Emotionen, die mit einem lange schon benutzten und „angeeigneten“ Gebäude entstanden sind) so umfassend es geht zu erhalten. In Ideen-Wettbewerben, die mit dieser Freiheit ausgestattet sind, gelingen große Entwürfe eher. Und davon einige, die viele verschiedene Chancen der Entwicklung des Theaters aufzeigen, wären der Stadt Frankfurt zu wünschen. So ist die Luft nach oben als Freiheit zu verstehen.

Das Wichtigste zum Schluss:

Neben allen baurechtlichen, ökologischen, städtebaulichen und künstlerischen Fragen, die sich zur eingangs erwähnten „Spiegellösung“ kritisch stellen lassen, bringt sie doch eine gute Erkenntnis: Die Doppelanlage ist baulich trennbar!

Die bestehende Oper würde für die Zeit ihres Neubaus, östlich nebenan, als gebaute Interimsstätte für den Spielbetrieb gebraucht und dafür autonom ertüchtigt. Diese Machbarkeit wurde bislang von fast allen Seiten bestritten, obwohl der Wiederaufbau nach dem Brand der Oper das Gegenteil belegte.

Und das ist die gute Nachricht: Der Verbleib der Städtischen Bühnen am Ort ist mit dem Willen zu Interimslösungen und einem Weiterbau/Neubau möglich.

Wäre schön, sich an diesem genialen Ort zu treffen!

In Vorbereitung dieses Beitrages bin ich in meinem Archivmaterial auf das nachfolgende Gedicht gestoßen. Damals schrieb ich einen Artikel (FR 05.05.88) über die im November 1987 abgebrannte Oper und Chancen eines klugen Wiederaufbaus. So fiel mir auch die eindrucksvolle „Festschrift der Städtischen Bühnen Frankfurt am Main zur Eröffnung des Großen Hauses im Dezember 1951“ in die Hände. Inzwischen ist der SPD-Kandidat, der im vorstehenden Text erwähnt ist, zum Oberbürgermeister gewählt worden. Ihm möchte ich „die echte Sehnsucht“ (s.u.) wünschen, weil er im Wahlkampf erklärt hat, die Entwicklung der Städtischen Bühnen zur Chefsache machen zu wollen.

Es gibt
kein Vergangenes
das man zurücksehnen dürfte,
es gibt nur ein ewig Neues,
das sich aus den erweiterten Elementen
des Vergangenen zusammensetzt;
und die echte Sehnsucht
muss stets produktiv sein.                                                                      

J. W. v. Goethe

Zum Autor: Prof. em. Peter G. Lieser, Umweltgestaltung, Kunsthochschule an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Ausbildung in Städtebau TU Darmstadt, Stadtsoziologie J.W.Goethe-Universität Frankfurt, Urban Planning UC Berkeley. Leitung GrünGürtel-Projektbüro Frankfurt und Geschäftsführung GrünGürtel GmbH Frankfurt. Mitarbeiten zur Industriekultur Rhein-Main. Freiberufliche Beratung, Strategieplanung und Journalistische Tätigkeiten.

Sein oder Nichtsein? Theaterbauten in der Sanierung

Die Generalsanierung, gelegentlich auch die umfassende Modernisierung und Erweiterung denkmalgeschützter Theaterbauten und Opernhäuser zählt in Europa zu den großen Konservierungs- und Architekturaufgaben der Gegenwart. Viele Häuser und ihre Ensembles blicken auf eine lange Tradition zurück. Oft verdanken sie ihr ausgezeichnetes internationales Renommee dem hervorragenden künstlerischen Ruf ihrer Ensembles und Programme, nicht selten verbunden und verstärkt durch großartige Bauwerke, die den darstellenden Künsten als Aufführungsorte und dem Publikum als Zuschauerräume dienen. Im September 2021 führte das Deutsche Nationalkomitee von ICOMOS und das Deutsche Architekturmuseum (DAM) Frankfutt zum Thema eine internationale Tagung durch, deren Ergebnisse im April 2023 als Publikation im Hendrik Bäßler Verlag, Berlin erschienen sind. Der Band enthält u.a. einen Aufsatz des Frankfurter Denkmalpflegeres Marco Popp zu den Städtischen Bühnen Frankfurt, eine Text von der Architektin Annette Menting zum Thema „Wer weiß, wie man ein zeitgeössisches Theater oder ein Theater für morgen baut? Vom Auszug aus den Theaterhäusern an brachliegende Orte“ sowie einen weiteren von der Intendantin von Kampnagel, Amelie Deuflhard zu „Be/coming City. Performing Arts als Formate der Raumerkundung“

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