Etwas mehr Streit noch, bitte!

Ein neuer Theaterbau müsste zu einem multifunktionalen Kulturhaus werden. Von Nikolaus Müller-Schöll

Nach anderthalb Jahrzehnten ist die Frankfurter Stadtgesellschaft der Diskussionen über ihr Stadttheater überdrüssig. Ein Aspekt allerdings wurde bisher systematisch ausgeblendet: Das Sprechtheater hat sich so grundlegend gewandelt, dass ein Haus dafür heute nicht mehr mit den Konzepten der 50er- und 60er-Jahre neu gebaut werden sollte.

Seit Jahrzehnten leidet es unter einem beständigen Publikumsrückgang, der in der Pandemie noch einmal beschleunigt wurde. Faktisch ist die Zeit der großen Bühnen und Säle längst vorbei, auch wenn das vorerst noch in allen Theatern dadurch verschleiert wird, dass mit einer Unzahl von Veranstaltungen kompensiert wird, was jede einzelne nicht mehr an Publikumsinteresse auf sich zieht. Das geht angesichts eher schrumpfender Belegschaften auf Kosten der Substanz. Eine radikale Befragung unserer Subventionskultur tut not.

Zwei mittelgroße Bühnen statt einer großen

Ein neuer Theaterbau müsste zu einem multifunktionalen Kulturhaus werden, das für viele Kunst- und Kulturformen offen steht, darunter solche, die heute noch nicht als Theater identifiziert werden, insbesondere von Menschen mit Migrationsgeschichte: unterschiedliche Musikformate, Graffitikunst, Hörspiele, Installationen, Clubkultur, Audio-Walks, Social-Media-Produktionen.

Es bräuchte im Theaterbereich vermutlich eher zwei Bühnen mittlerer Größe und eine kleine als erneut eine große Bühne vom derzeitigen Ausmaß. Denn diese große Bühne erzwingt publikumsträchtige Produktionen. Das ist der Kunst nicht förderlich. Ein neues Sprechtheater müsste zugleich Repertoiretheater und Produktionshaus kombinieren, wie es Matthias Lilienthal als Intendant der Münchner Kammerspiele vorgemacht hat.

Davon zu erhoffen wäre eine Internationalisierung und die Aufwertung frei produzierender Gruppen und Ensembles. Sie sollten hier ebenfalls produzieren können und nach einer bestimmten Zahl von Aufführungen vor Ort auf Tournee gehen. Gleichzeitig müssten die Vorteile eines Ensembles bewahrt werden: die Bindung an die Stadt und das Land und ein Repertoire, das so gut ist, dass man es zwei- und mehrfach sehen möchte. Unvermeidlich wäre eine Verschiebung der Subventionen.

Zuwachs für freie Szene

Zielrichtung müsste ein deutlicher Zuwachs für die freie Szene sein, bei gleichzeitigem sozialverträglichen Abschmelzen der Beschäftigten und damit der immer schon feststehenden Fixkosten des Sprechtheaters. Es kann nicht angehen, dass eine Stadt wie Frankfurt zusieht, wie ihre originellsten Köpfe in Theater, Tanz und Performancekunst entweder weggehen oder aussteigen, weil man in der freien Szene hier in Frankfurt von der eigenen Kunst nur prekär existieren kann, wenn überhaupt.

Darüber hinaus hat die Theaterbaudebatte noch kaum bedacht, was in anderen Bereichen der Bauten für die klassische bürgerliche Öffentlichkeit längst Teil einer jeden Neukonzeption ist: Die Häuser dieser Öffentlichkeit – die Theater, Bibliotheken, Literaturhäuser, Universitäten und Museen – werden in Zukunft neu erfunden werden müssen – oder aber verschwinden.

Der Artikel erschien zuerst in der Frankfurter Rundschau vom 13.12.2023

Nikolaus Müller-Schöll ist Professor für Theaterwissenschaften am Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft der Goethe-Universität und Mitglied der Initative Zukunft Städtische Bühnen Frankfurt.

Abrissdoppelbeschluss

Das Frankfurter Stadtparlament hat am 14. Dezember eines der größten innerstädtischen Abrissprojekte Deutschland der letzten Jahrzehnte auf den Weg gebracht: Zwei große Gebäudekomplexe – die Städtischen Bühnen und der Haupsitz der Sparkasse – mit insgesamt 105.000 qm Gebäudeflächen werden dem Erdboden gleich gemacht. Mehrere eingetragene Denkmäler werden zerstört. Etwa 100.000 Kubikmeter Bauschutt und eine Klimabelastung von 70.000 Tonnen CO2-Equivalenten fallen an.

Die für den Theaterneubau beschlossene Kulturmeile steht in der unseligen Abrisstradition des „Dynamit-Rudis“ (Oberbürgermeister Frankfurts 1972-1977). Nicht nur die bestehende Theateranlage, sondern auch der 39.000 qm große intakte Gebäudekomplex der Sparkasse muss dafür vernichtet werden. Gewonnen ist damit nichts. Die Suche nach Alternativen zum Standort der heutigen Doppelanlage war einst getragen von der Hoffnung, dass damit das Projekt billiger, einfacher und funktionaler wird. Nicht zuletzt sollte ein teures Operninterim vermieden werden. Von all dem ist nichts geblieben. Mit dem Bau des Schauspiels in der Neuen Mainzer bleibt der Oper das Interim nicht erspart. Das Vorhaben ist gut 300 Mio. teurer und wesentlich umweltschädlicher als ein Neubau oder Teilsanierung der Doppelanlage. Aber selbst für die Beschäftigten ist die Kulturmeile nachteilig. Der marode Theaterbau muss so noch 10 Jahre lang genutzt werden, 7 Jahre länger als nötig. Und auch die Fertigstellung der Spielstätten verzögert sich um mindestens vier Jahre.

Es wäre ehrlich gewesen einzugestehen, dass die vier Jahre lange Suche nach Alternativen nichts gebracht hat. Man hätte schon 2020 über Neubau oder (Teil)sanierung der Doppelanlage entscheiden und diese auf den Weg bringen können. Dies hätte enorm viel Zeit und Geld gespart. Und nicht einmal der heutige Beschluss schafft Klarheit. Die Zukunft des Schauspiels ist in der Schwebe, weil der Baugrund der Stadt nicht gehört. Weitere Untersuchungen und Verhandlungen mit den üblichen Verzögerungen werden wahrscheinlich die Folge sein.

Ein Gebäude mit großer Tradition, das für eine wichtige Epoche der Stadtgeschichte steht wie kaum ein anderes, wird verschwinden und aus dem Stadtbild ausgelöscht. Die Nachkriegsgeneration hat die Kriegsruine des Schauspiels intelligent genutzt und in einem innovativen Prozess des Weiterbauens daraus eine moderne Theateranlage entwickelt, die ein wichtiger Ort der jungen Demokratie war. Diese visionäre Kraft fehlt der Politik heute. Sinnlos zerstört sie Vorhandenes, um für die Oper ein antiquiertes Leuchtturmprojekt im Geiste neoliberaler Stadtmarketings der 1990er Jahren aus der Taufe zu heben. Das Schauspiel wird marginalisiert, städtebaulich massiv abgewertet und in eine ungewisse Zukunft entlassen.

Weitere Infos unter: http://zukunft-buehnen-frankfurt.de/2023/09/27/oeffnen-sanieren-weiterbauen/

60. Geburtstag

Der 14. Dezember 2023 ist nicht nur der Tag, an dem das Frankfurter Stadtparlament die unselige Kulturmeile und damit den Komplettabriss der Städtischen Bühnen Frankfurt beschlossen hat. An diesem Tag war auch das 60jährige Jubiläum der Eröffnung des Baus am 14. Dezember 1963. Anlässlich dieses Geburtstags hat die ARD-Mediathek mehrere Originalbeiträge des hr rund um die Eröffnung der Theaterdoppelanlage im Dezember 1963 online gestellt, die in jeder Hinsicht spannend sind als kleine Reisen in die Vergangenheit Frankfurts; etwa als Frankfurt noch durchgehend die autogerechte Stadt war.

Hier die Links: 

Interview mit Harry Buckwitz und Hannsgeorg Beckert zur Grundsteinlegung am 5.5.1960, 5:53 Minuten:

https://www.ardmediathek.de/video/hr-retro-oder-abendschau/interview-mit-harry-buckwitz-und-hannsgeorg-beckert/hr-fernsehen/MDRiYTg4MGMtZTA5ZC00YzFhLTk0MGEtNjI4YTQ4YzFmOGJk

Reportage 4 Tage vor der Eröffnung (10.12.1963) mit Kurzinterviews. 5:33 Minuten

https://www.ardmediathek.de/video/hr-retro-oder-hessenschau/staedtische-buehnen-frankfurt-vor-der-eroeffnung/hr-fernsehen/NWI4NmIwMTgtZTYzNS00NTk5LTllMzEtNzMwMTQ1Mjc4YTgy

Reportage zur Eröffnung (14.12.1963) mit Kurzinterviews. 5:11 Minuten

https://www.ardmediathek.de/video/hr-retro-oder-hessenschau/eroeffnung-staedtische-buehnen-frankfurt/hr-fernsehen/Y2JhYjA4YzktNDk3Zi00YWMyLWI1YjEtYzNjYWJlNTczZmMw

Versteckte Kosten von über 100 Mio. € für die Kulturmeile

Vorgesehener Standort des Schauspiels Frankfurt im Rahmen des Konzepts „Kulturmeile“

Gemäß einer gemeinsamen Pressemitteilung der Stadt Frankfurt am Main, der Landesbank Hessen-Thüringen Girozentrale (Helaba) und der Frankfurter Sparkasse haben diese  im Juli 2023 ein Memorandum of Understanding unterzeichnet, wonach die Helaba der Stadt Frankfurt den 5.500 qm großen südlichen Teil ihres Grundstücks Neue Mainzer Straße 47-51 für 199 Jahre in Erbpacht überlassen will, gegen eine Einmalzahlung von 35 Mio. € und einer Erbpacht von 1,99 Mio. €/Jahr.

Um dies zu ermöglichen, muss die Helaba die von der Frankfurter Sparkasse  für 700 Mitarbeitende und einen Kundenbereich genutzten Bürobauten abreißen und auf der verbleibenden Nordhälfte des Grundstücks neu bauen.

Die Bruttogeschossfläche (BGF) des intakten Bestandsbaus umfasst 28.000 qm oberirdisch und 11.000 qm unterirdisch. Die Bestandsbauten verfügen über drei bis acht Vollgeschosse zzgl. Staffelgeschosse.

Die Initiative Zukunft Städtische Bühnen hat unter Beratung des Projektentwicklers Belius GmbH Berlin anhand der verfügbaren Informationen die Einnahmen und Ausgaben des Vorhabens für die Helaba abgeschätzt:

Einnahmen

Für die Bereitstellung des Grundstücks erhält die Hela als Eigentümer von der Stadt Frankfurt Main:

  1. Einmalzahlung 35 Mio. €
  2. Erbpacht auf 199 Jahre in Höhe von 1,99 Mio. €

Bei einem Zinssatz von 2,5 % sind dies abgezinst auf heute 81 Mio. €.
Bei einem Zinssatz von 3 % sind dies abgezinst auf heute 68,2 Mio. €.
Bezogen auf den Zeitpunkt des Maßnahmebeginns stellen dies Gesamteinnahmen im Wert von 116 Mio. € (bei einem Zinssatz von 2,5 %) dar.

Ausgaben (Brutto)

  1. Abriss Bestandsbau 500 €/qm = 19,5 Mio. €
  2. Neubau als Hochhaus von 160 Meter Höhe: 3.800 €/qm BGF für KG 200 – 700 = 148,2 Mio. €

c) Interim

Mietfläche ca. 27.300 qm Nettonutzfläche (70% der BGF), Mietdauer: ca. 8 Jahre. (Umbau des Interims, Auszug aus Bestandsbau, Abriss und Neubau des Dauerstandorts, Einzug in Neubau).

  • Umbaukosten des Interims für Anpassung an Nutzung 800 €/qm = 21,8 Mio. €[1]
  • Mietkosten 25 €/qm. = 8 Mio. €/ Jahr, auf 8 Jahre = 54,6 Mio. €
  • Umzugskosten = 1.000 € je Arbeitsplatz x 700 AP x 2= 1,4 Mio. €.
  • Finanzierungskosten

Die Gesamtkosten für das Projekt fallen binnen ca. 8 Jahren ab Maßnahmebeginn an. Zu diesem Zeitpunkt stehen aber lediglich ca. 50 Mio. € von den Zahlungen der Stadt Frankfurt zur Verfügung. Für die übrigen Gelder, die innerhalb weiterer 191 Jahre eintreffen, bedarf es einer Zwischenfinanzierung. Während in der obigen Abzinsberechnung die Geldentwertung berücksichtigt ist, fallen weitere Kosten für die Geldbereitstellung an.

Gesamtkosten ohne Finanzierungskosten = 245,5 Mio. €

Anzumerken ist zudem, dass der vorgesehene Abriss und Neubau anspruchsvoll ist. An das Grundstück grenzt im Süden das Japan-Center an (115 Meter hoch, 4 Untergeschosse) und im Norden der in Bau befindliche Central Business Tower (205 Meter hoch, in den Untergeschossen 200 Autoparkplätze und 600 Fahrradstellplätze ). Auf dem Grundstück selbst befinden sich zwei denkmalgeschützte Bauten, die angeblich teilweise erhalten und in den Hochhausneubau integriert werden sollen. Für die Baulogistik ist eigentlich nur Platz zur viel befahrenen Neuen Mainzer Straße, da die westlich angrenzenden Wallanlagen unter Denkmalschutz stehen und die seitlich benachbarten Grundstücke bebaut sind und daher nicht zur Verfügung stehen. Ob in dieser beengten Situation zwei für sich eigenständige Großbaustellen (einerseits der Stadt Frankfurt für die Städtischen Bühnen, andererseits für die Helaba für das Bürohochhaus) betrieben werden können und wie sich dies ggfls. auf Bauzeiten und Kosten auswirkt, ist zu prüfen.

Fazit

Die geplanten Einnahmen decken bei weitem nicht die voraussichtlichen Kosten. Auch wenn anhand genauerer Angaben die oben aufgeführte Berechnung angepasst werden kann und ggfls. Kostenannahmen gemindert werden können, wird dies nicht dazu führen, ein Defizit zu verhindern. Dies führt zu einer Verlustabschreibung, der das Eigenkapital des Eigentümers schmälert.

Auch wenn man ein angemessenen Preis für das Grundstück anders berechnet, ist das Ergebnis wesentlich höher als der im Memorandum of Understanding genannte Preis. Der Bodenrichtwert für das Grundstück beträgt gemäß aktueller Bodenrichtwertkarte der Stadt Frankfurt Main vom 1.1.2022 23.000 €/ qm. Für das 5.500 große Grundstück ergibt sich ein Wert von 126,5 Mio. €. Als Erbauzins sind  5 % des Grundstückswertes je Jahr üblich. Dies entspräche einer jährlichen Zahlung von 6,3 Mio. €. Seitens der Stadt Frankfurt wird für Nichtwohnnutzungen gemäß Stadtverordnetenbeschluss vom 28.9.2019 sogar ein jährlicher Erbbauzins von 6% gefordert.

Ursprünglich wollte die Helaba für das Projekt auch kein Angebot machen. Auf Basis des Bodenrichtwerts gingen Stadtpolitiker von 150 Mio. € aus, verbunden mit der Hoffnung, dass die Aussicht auf Baurecht für einen 190-Meter-Turm die Preisvorstellungen des Eigentümers positiv beeinflussen wird. Im Februar 2023 hieß es dann aber, dass nach den über einjährigen „konstruktiven und vertraulichen Gesprächen“ sich ergeben habe, dass „die Erwartungen nicht in Übereinstimmung gebracht“ werden konnten. (FAZ vom 23.2.2023), Dem Vernehmen lagen die „Preisvorstellungen der Helaba deutlich Höher“ als die veranschlagten 150 Mio. €. (FAZ 10.6.2023). Mitte Juni wurde angekündet, dass der neugewählte Oberbürgermeister der Stadt Mike Josef mit Unterstützung von Landespolitikern nochmals mit der HeLaBa verhandeln wolle. Keine sechs Wochen später wurde das überraschende Ergebnis bekannt gegeben. Der CEO der Helaba begründete die dann gefundene Verständigung mit der Aussage „Zukunftsweisende Projekte von generationsübergreifender Relevanz wie die Kulturmeile sind uns als Landesbank ein besonderes Anliegen“.

Aber ist es die Aufgabe der Helaba, mit versteckten Subventionen die Kosten der angestrebten Maßnahme für den Steuerzahler künstlich kleinzurechnen? Offenkundig handelt es sich bei den vereinbarten Konditionen mit der Stadt Frankfurt um einen politischen Preis, der sachlich nicht begründbar ist.

Hierzu ist festzustellen, dass die Helaba politischem Einfluss unterliegt. Sie hat einen öffentlichen Auftrag, der Spielräume eröffnet, um vom Prinzip der Wirtschaftlichkeit abzuweichen. Eine große Zahl von Mitgliedern in ihren Entscheidungsgremien sind Parteipolitiker. So sind von den 16 Mitgliedern der Trägerversammlung sieben Politiker, drei von ihnen mit SPD-Parteibuch. Im Verwaltungsrat sitzen weitere acht SPD-Politiker (als Mitglied bzw. stellvertretendes Mitglied). Zahlreiche weitere Gremienvertreter der Helaba gehören den Parteien CDU und Grüne an, die als damalige Beteiligte der Landesregierung und im Falle der Grünen auch der Stadtregierung das Vorhaben ebenfalls befürworteten.

Es wäre nicht das erste Mal, dass aufgrund politischer Interessen eine Landesbank in fragwürdiger Weise politische Vorgaben realisiert. Die Entwicklungen bei der Bankgesellschaft Berlin 1994-2001 und der HSH-Nordbank 2003-2015 sind Beispiele hierfür.

Wegen geschönter Bilanz musste die Helaba 2023 6,8 Millionen Euro Strafe zahlen.[2] Die Bank habe 2020 drei Quartale hintereinander zu geringe risikogewichtete Aktiva für Marktrisiken ausgewiesen. Grundlage waren offenbar geschönte interne Modelle der Helaba.

Erst dieser Tage wurde bekannt, dass die Helaba beim Elbtower der Signa-Gruppe in Hamburg als sogenannter „tauglicher Finanzierer“ die geforderte Vorvermietungsquote bestätigte, woraufhin die Stadt für das Projekt grünes Licht gab. Das avisierte  Finanzierungsvolumen von 750 Millionen Euro konnte die Helaba aber nicht zustande bringen und ebenso stockt die Vermietung, sodass die Projektgesellschaft Insolvenz anmelden muss.[3]

Die Berechnungen wurden von der Initiative Zukunft Bühnen Frankfurt unter Beratung der Projektentwicklungsgesellschaft Belius GmbH erstellt.

Pressemitteilung der Iniitative Zukunft Bühnen Frankfurt vom 12.1.22023


[1] Die Kosten für den reinen Mieterausbau ohne IT und Einrichtungen beliefen sich bereits vor 5 Jahren auf 650 Euro bis 1.450 Euro pro Quadratmeter gemäß Fit-Out Cost Guide EMEA 2017/2018 des Immobiliendienstleistungsunternehmens CBRE.
[2] Siehe hierzu etwa: https://www.zeit.de/wirtschaft/2023-02/helaba-ezb-geldstrafe
[3] https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/unternehmen/signa-insolvenz-und-der-elbtower-die-rolle-der-helaba-19362788.html

Kulturschaffende plädieren für Weiterbauen statt Neubau

Anlässlich des anstehendes Beschlusses der Frankfurter Stadtverordnetenversammlung am 14. Dezember zum Neubau der Städtischen Bühnen an zwei Standorten melden sich prominente Frankfurter Stimmen zu Wort, die dieses Vorhaben kritisch kommentieren und für einen anderen Umgang mit der Aufgabe plädieren.

Die Video-Statements stammen von Katharina Hacker (Schriftstellerin), Prof. Anett-Maud Joppien (Architektin, DJH, TU Darmstadt), Tim Driedger (Architekt, in_design, Architects for Future), Till Schneider und Michael Schumacher (Architekten, schneider+schumacher).

Hier ein kurzer Überblick – die Video-Statements in voller Länge erreichen Sie via Link unter dem Zitat:

Katharina Hacker, Schriftstellerin

„Als Frankfurterin bin ich leidenschaftlich dafür, dass die Oper bleibt, wo sie ist, wie sie ist, weil ich wenige Gebäude kenne, die schöner und festlicher sind und das liegt nicht nur an den Wolken, das liegt an der Offenheit und an der Weise, wie sich das Foyer jedem der Stadt verbindet.“

http://zukunft-buehnen-frankfurt.de/2023/11/25/ich-finde-es-unverstaendlich/

Till Schneider, Architekt, schneider+schumacher

„Die Städtischen Bühnen könnten durch eine tiefgreifende organisatorische, räumliche und energetische Sanierung zu einem Leuchtturmprojekt für Frankfurt werden, dessen Strahlkraft weit über die Stadtgrenzen hinaus reichen würde.“

http://zukunft-buehnen-frankfurt.de/2023/11/25/leuchtturmprojekt-fuer-frankfurt/

Prof. Anett-Maud Joppien , Architektin, DJH, TU Darmstadt

„Ich bin für den Verbleib am Standort. Er ist kostengünstiger, er ist vor allen Dingen auch schnelle umsetzbar, nachhaltiger und zeugt von kulturellem und sozialem Respekt. Wir könnten zum Beispiel zügig über einen Architektenwettbewerb klären, welche Teile des Gebäudes saniert werden, welche rückgebaut werden müssen und wie ein Teil Neubau aussieht.“

http://zukunft-buehnen-frankfurt.de/2023/11/30/vorbildfunktion-fuer-umbaukultur/

Tim Driedger, Architekt, in_design, Architects for Future

„Als Architects for Future sprechen wir uns sehr für den Erhalt der bestehenden Gebäude aus. Im Jahr 2023 wäre es schlichtweg falsch wäre und irrational, wenn der öffentliche Bau eher erhebliche Summen in einen Neubau steckt, der Klimaprobleme befeuert und verstärkt, anstatt einer vernünftigen und gebotenen, man könnte sagen, enkeltauglichen Bauweise zu wählen.“

http://zukunft-buehnen-frankfurt.de/2023/11/30/schlichtweg-falsch-und-irrational/

Michael Schumacher, Architekt, schneider+schumacher

„Frankfurt braucht auch in dem Sinne kein Signature-Gebäude, wir haben die Skyline. Eigentlich haben wir alles an der Stelle. Der Bau mit dem Wolkenfoyer ist grandiose Architektur, dass wüsste ich jetzt nichts Besseres, was man an der Stelle bauen könnte.“

http://zukunft-buehnen-frankfurt.de/2023/11/25/zu-erhalten-was-zu-erhalten-geht/

Außerdem möchten wir gerne auf den Artikel zur “Abrisshauptstadt Frankfurt” von Architektin Astrid Wuttke (schneider+schumacher, Hessischer Landesdenkmalrat) in der Fachzeitschrift „Planerin“ aufmerksam machen, worin die Dondorf’sche Druckerei, das Juridicum und die Städtischen Bühnen diskutiert werden: http://zukunft-buehnen-frankfurt.de/2023/11/20/abrisshauptstadt-frankfurt/

Abrisshauptstadt Frankfurt

Plädoyer für eine öffentliche Weiterbaukultur

Von Astrid Wuttke

Das Deutsche Architekturmuseum befindet sich derzeit in einem Interimsquartier am Ostbahnhof, in einem Bau von 1951, dem ersten Neckermann-Versandhaus und späteren Telekom-Gebäude. Auf dem Areal, eigentlich zum Abriss vorgesehen, lässt sich gerade Interessantes beobachten: Das äußerst robuste Gebäudeensemble eignet sich mit seinen loftartigen Flächen und großzügigen Raumhöhen für eine Vielzahl an Nutzungen. Die aktuelle Mieterstruktur ist vielfältig. Neben dem Museumsinterim gibt es hier eine bunte Mischung von Zwischennutzern, vom Start-up-Unternehmen bis zum Italienischen Generalkonsulat.

Das Areal rund um den Ostbahnhof am Danziger Platz soll in naher Zukunft eigentlich zu einem urbanen gemischtgenutzten Quartier entwickelt werden. Umso größer die Überraschung, als nun unmittelbar vor dieser Neuentwicklung das alte Bahnhofsgebäude, welches hier seit Jahrzehnten in einer Art Dornröschenschlaf auf bessere Zeiten gewartet hatte, kurzerhand abgerissen wurde. Damit ist ein wesentlicher Baustein, der Identität und Orientierung hätte bieten und zu einem attraktiven Mittelpunkt im neuen Stadtteil hätte werden können, unwiederbringlich verloren.

Dabei ist gerade in den letzten Jahren eigentlich das Verständnis gewachsen, welche enorme Bedeutung das Bauen im Zusammenhang mit Ressourceneffizienz und Klimagerechtigkeit hat. Vor diesem Hintergrund wird auch das Bauen im Bestand neu bewertet. Neben dem tatsächlichen Erhalt der sogenannten „Grauen Energie“, also der Energie, die in einem bereits vorhandenen Gebäude gespeichert und bei dessen Weiterverwendung nicht erneut aufgebracht werden muss, können qualitätvolle Weiterbauprojekte eine enorme Symbolkraft entwickeln und beispielgebend für zukünftige Entwicklungen sein. Der Bund Deutscher Architektinnen und Architekten beschreibt dieses Phänomen in seinem 2019 herausgegebenen Positionspapier „Das Haus der Erde“. Für eine auch zukünftig noch lebenswerte Welt, so heißt es dort, „ist unsere Vorstellungskraft, unsere Phantasie zur Beantwortung der Frage, wie wir zukünftig leben wollen, von großer Bedeutung. Diese Zukunft gestalten wir jetzt. Eine Konzeption von Städten, Infrastrukturen, Wohnhäusern, Fabrikations- und Bürogebäuden entscheidet, ob Menschen ihr Leben besser in Einklang mit der Umwelt bringen können. Architekten und Stadtplaner sind Impulsgeber, und ihre gebauten Werke können Katalysatoren für ein Umdenken sein.“

Juridicum mit Bibliotheksanbau auf dem Unicampus Bockenheim
(Foto: Moritz Bernoully)

Kulturcampus Bockenheim

Im Frankfurter Westen wird sich schon bald zeigen, wie ernst es den öffentlichen Akteurinnen und Akteuren mit der Umsetzung solch beispielgebender Projekte ist. Hier besteht durch den sukzessiven Wegzug der Goethe Universität vom Campus Bockenheim an andere Standorte die einmalige Chance, einen zentrumsnahen Stadtteil aus dem Bestand heraus und dennoch völlig neu zu gestalten. Seit über zehn Jahren gibt es für dieses bedeutende städtebauliche Zukunftsprojekt für Frankfurt“ eine vielversprechende Überschrift: Kulturcampus. Die bisherigen Aktivitäten auf dem Areal haben allerdings lediglich zur Realisierung von privatwirtschaftlichen Investorenprojekten geführt. Die versprochenen Orte für alle, an denen kulturelle Nutzungen und urbane Vielfalt einander bereichern, sucht man noch vergebens.

Das heutige Erscheinungsbild des Unicampus Bockenheim basiert auf dem städtebaulichen Rahmenplan Ferdinand Kramers, der von 1952 bis 1964 Leiter des Universitätsbauamtes war und den Charakter der im Zweiten Weltkrieg größtenteils zerstörten Universität bis heute nachhaltig geprägt hat. 2003 bereits wurde ein städtebaulicher Wettbewerb durchgeführt, bei dem außer dem altehrwürdigen Senckenbergmuseum kein einziges Bestandsgebäude erhalten bleiben sollte. Auf Proteste von Bürgerinitiativen folgte eine Revision des prämierten Entwurfes sowie die Unterschutzstellung wesentlicher Einzelbauten durch die hessischen Denkmalbehörden.

Über diese Einzeldenkmale hinaus gibt es insbesondere zwei weitere Bestandsgebäude, die aktuell in der öffentlichen Wahrnehmung und Diskussion um die Zukunft des Bauens im Vordergrund stehen: Das Dondorf’sche Druckereigebäude, ein fünfgeschossiger Backsteinbau von 1890 sowie das Juridicum, eine prägnante Hochhausscheibe mit Bibliotheksanbau von 1967. Beide Gebäude verfügen durch ihre robusten Bauweisen, großzügigen Geschosshöhen und ihre Flexibilität in der Nutzung über strukturelle Qualitäten, die sie zu sehr erhaltenswerten Bauten machen, eine Um- und Weiternutzung also mehr als nahelegen.

Die Mechanismen, die hier greifen und in beiden Fällen zu Abrissentscheidungen geführt haben (die aktuell zwar in Frage stehen, allerdings noch längst nicht vom Tisch sind), sind symptomatisch in einer Stadt wie Frankfurt, in der sich auch die öffentliche Hand als Teil eines spekulativen Immobilienmarktes versteht, in dem kurzfristige Gewinninteressen Vorrang vor nachhaltigen gemeinwohlorientierten Entwicklungen haben.

Die Dondorf’sche Druckerei

Das Hessische Denkmalschutzgesetz definiert Kulturdenkmäler als „Sachen, Sachgesamtheiten und Sachteile einschließlich Grünanlagen, an deren Erhalt aus künstlerischen, wissenschaftlichen, technischen, geschichtlichen oder städtebaulichen Gründen ein öffentliches Interesse besteht“. Den verantwortlichen Behörden erschien das ehemalige Druckereigebäude in der Abwägung aller Argumente nicht schutzwürdig genug. Gleichwohl gehört es ebenso wie das benachbarte Bockenheimer Depot seit 2006 zur „Route der Industriekultur Rhein-Main“.

Mit ihrer wechselvollen Geschichte ist die Dondorf’sche Druckerei ein identitätsstiftendes Bauwerk für den Stadtteil Bockenheim und darüber hinaus. Über 130 Jahre hinweg hat das Haus von der Druckmaschinenhalle bis zum Seminargebäude wechselnde Nutzungen aufgenommen. Vielfältige Zeitspuren von der Industriebaugeschichte des ausgehenden 19. Jahrhunderts bis zur Nachkriegsarchitektur mit ihren filigranen Fensterkonstruktionen bieten insbesondere für ein Institut, welches sich mit ästhetischen Fragestellungen beschäftigt, unmittelbares Anschauungsmaterial. Gerade im Kontrast zwischen Alt und Neu kann hier ein einzigartiges Ensemble an einem spannenden Ort entstehen.

Die Max-Planck-Gesellschaft hat 2018 einen Architekturwettbewerb zum Neubau des Instituts für empirische Ästhetik auf dem Areal ausgelobt. Wesentliche Bedingung des Wettbewerbsverfahrens war der Erhalt des alten Druckereigebäudes innerhalb der geplanten größeren Anlage. Der im Wettbewerb ausgezeichnete Siegerentwurf wurde insbesondere aufgrund der besonders gelungenen Integration des Altbaus ausgezeichnet: „Die spannungsvolle Vereinigung von Alt und Neu wird ästhetische Fragestellungen aufwerfen, Forschungsinhalte und Interdisziplinarität des Instituts reflektieren“, so die Wettbewerbsjury. Um so überraschender kam die Abrissentscheidung im Herbst vergangenen Jahres. Man habe sich diese Entscheidung nicht leicht gemacht, intensive Variantenbetrachtungen und Gutachten seien vorausgegangen, ein Erhalt sei nicht möglich. Hier lohnt es sich, genauer hinzuschauen:

So berichtete die FAZ bezüglich der Fassade, dass „70% der Substanz“ ausgetauscht werden müssten. Diese Formulierung ist missverständlich: Bei der Begutachtung der Fassade wurde festgestellt, dass 70% der Backstein-Fassadenfläche überarbeitet werden müssen. Das ist ein wesentlicher Unterschied. In den meisten Fällen müssen bei Gebäudesanierungen 100% der Fassadenfläche überarbeitet werden. Diese Art der missverständlichen Berichterstattung hat ihre Ursache in der oftmals (bewusst?) missverständlichen Präsentation des Planungsstandes. Um die Sanierungsbedürftigkeit des Mauerwerks zu illustrieren, wurde beispielsweise ein 25 cm tiefer Bohrkern präsentiert, aus dem sich ein etwa bis zur Hälfte dieses Bohrkerns reichender Sanierungsbedarf der Lagerfugen ablesen lässt. Dass die Wände 50 bis 60 cm dick, die Schäden im Verhältnis zur Wandstärke hier also deutlich geringer sind, blieb unerwähnt. Die seitens des Architektenteams und des Bauherrn beschriebene Einsturzgefahr dieser Wände ergibt sich dann, wenn man zuvor sämtliche Zwischendecken abbricht und nur die Außenwände stehenbleiben. Hohe Mauerwerkswände ohne horizontale aussteifende Bauteile fallen nun mal um. Es ginge auch anders: Bei Erhalt der Zwischendecken und entsprechender Brandschutzertüchtigung (gängiges Verfahren bei Sanierungsprojekten) erübrigen sich aufwändige Stützkonstruktionen. So ist es momentan leider (noch) nicht geplant. Entgegen dem vielfach bekundeten öffentlichen Interesse, für bestehende Gebäude, noch dazu von hoher architektonischer Qualität und nicht zuletzt auch aus Gründen klimagerechter Bauweisen, mit angemessenen Mitteln eine Weiternutzung zu ermöglichen, führen hier alle Gutachten scheinbar zwangsläufig zu einem Komplettabriss. Diese immer gleichen Phänomene hat die Bundesstiftung Baukultur im aktuellen Baukulturbericht 2022/23 “Neue Umbaukultur” sehr treffend beschrieben, verbunden mit dem Appell, einen Paradigmenwechsel herbeizuführen und Umbau zum neuen Leitbild zu machen.

Juridicum, Studie zu Weiterbau und Umnutzung
(Visualisierung: schneider+schumacher)

Das Juridicum

Das Juridicum, bei dem auch der konkrete Gebäudeentwurf auf Ferdinand Kramer zurückgeht, markiert den östlichen Rand des Universitätscampus Bockenheim. Ferdinand Kramers Bauten stehen für eine von Mies van der Rohe geprägte Moderne und sind Zeitzeugen der „Frankfurter Schule“.

Auch das Juridicum steht nicht unter Denkmalschutz, eignet sich mit seiner Betonskelett-Konstruktion, der vorgehängten und somit vergleichsweise leicht austauschbaren Fassade und den großzügigen Geschosshöhen jedoch hervorragend für eine Um- und Weiternutzung. 2022 hat das Frankfurter Architekturbüro schneider+schumacher auf eigene Initiative eine Studie veröffentlicht, die auch im Rahmen der Ausstellung „Nichts Neues. Besser Bauen mit Bestand“ im Deutschen Architekturmuseum gezeigt wurde. Die Studie ist eine Weiterentwicklung eines Wettbewerbsbeitrages zum „Kulturcampus Frankfurt Baufeld 12“ aus dem Jahr 2013. Zu diesem Zeitpunkt sollte das Juridicum spätestens 2017 abgerissen sein, im Ideenteil des Wettbewerbs sollten an seiner Stelle eigentlich neue Gebäude konzipiert werden. schneider+schumacher waren damals das einzige Büro, das von dieser Vorgabe abwich, was zu kontroversen Diskussionen im Preisgericht und schließlich doch zu einer Anerkennung im Wettbewerb führte.

Die vorhandenen 17.500 Quadratmeter Bruttogeschossfläche bieten viel Raum für Wohnen und Arbeiten. Dabei sind je nach Bedarf unterschiedliche Grundrisstypologien und Anordnungen möglich. Die Fassade, in den 1960er Jahren mit nicht zu öffnenden Fenstern und einem aus heutiger Sicht nicht mehr zeitgemäßen Verständnis von Haustechnik konzipiert, muss grundsätzlich überarbeitet werden, wobei aber mit unterschiedlichen Maßnahmen sinnvoll auf die aktuellen Anforderungen reagiert werden kann.

In der Studie wurde beispielhaft von einer Aufteilung von etwa zwei Dritteln für Wohnen zu einem Drittel für Büroflächen ausgegangen. Dies kann je nach Bedarf auch anders aufgeteilt werden. Halböffentliche Nutzungen in den unteren beiden Geschossen (Kita, Beratungsstellen, Stadtteilbüro, Sitz der Verwaltung eines „Zentrums der Künste“ oder Vergleichbares) könnten den Kulturcampus ergänzen und bereichern.

Aktuell wird durch den endgültigen Auszug aller universitären Einrichtungen erneut über die Zukunft des Gebäudes diskutiert. Dabei geht es ähnlich wie bei der Dondorf’schen Druckerei neben einer unglücklichen Gemengelage hinsichtlich der Besitzverhältnisse zwischen Stadt Frankfurt und Land Hessen aktuell auch mehr denn je um den grundsätzlichen Umgang mit Bestandsgebäuden, um die Bewahrung von grauer Energie und um ressourcenschonende Bauweisen. Und um die Vorbildfunktion des öffentlichen Bauherrn – ganz unabhängig ob Stadt oder Land.

Schauspiel Frankfurt (Foto: Birgit Hupfeld)

Städtische Bühnen

Das derzeit größte umstrittene Projekt der Stadt Frankfurt befindet sich mitten im Zentrum. Hier gilt es, über die Zukunft der Städtischen Bühnen zu entscheiden. Zahlreiche Gutachten, Studien und Kostenprognosen führten letztlich zu dem Ergebnis, dass unabhängig von Neubau oder Weiterbau an einem oder zwei Standorten ein Milliardenprojekt bevorsteht, welches den städtischen Haushalt über mehr als ein Jahrzehnt lang prägen und herausfordern wird.

Auch hier ist aktuell der Abriss als die vermeintlich wirtschaftlichste Lösung bereits beschlossen, doch auch hier deutet sich ein Umdenken an. Die Mechanismen sind die gleichen wie bei Druckerei und Juridicum – mit dem Unterschied, dass der Foyerbau der Städtischen Bühnen mit der Wolkenskulptur des jüdischen Künstlers Zoltan Kemeny „die gesetzlichen Anforderungen an ein Kulturdenkmal erfüllt“, also denkmalgeschützt ist.

Oper und Schauspiel mit dem ikonischen Wolkenfoyer sind insgesamt ein herausragendes Beispiel für die Theaterbaugeschichte der Nachkriegszeit in Deutschland und damit von überregionaler Bedeutung. In der Denkmalbegründung wird der Foyerbau als „Zusammenfassung zweier zeitlich und gestalterisch unterschiedlicher Baukörper“ beschrieben. „Er verbindet zwei Häuser, die den einzigartigen Sonderfall einer historisch gewachsenen Doppelanlage bilden. Auf der einen Seite findet sich ein durch den Weltkrieg fragmentiertes und in der Nachkriegszeit modernisiertes Schauspielhaus (heute die Oper). Auf der anderen Seite entstand ein modernes Schauspielhaus in der Formensprache der 1960er Jahre.“ 

Im Fall der Städtischen Bühnen entscheidet allein die Stadt Frankfurt, wie es mit dem vorhandenen Bestand, seinem Denkmalwert und seiner grauen Energie weitergeht. Gerade der öffentliche Bauherr muss dringend seiner Vorbildrolle gerecht werden und gesamtgesellschaftlich sinnvolle Projekte realisieren. Es wird interessant sein zu sehen, wofür sich die Stadtverordneten dieses Mal entscheiden werden.

DIESER ARTIKEL IST ZUERST ERSCHIENEN IN DER PLANERIN 5_23

Astrid Wuttke, Jahrgang 1972, ist Architektin und Partnerin bei schneider+schumacher in Frankfurt am Main.

„Vorbildfunktion für Umbaukultur“

STATEMENT VON ANETT-MAUD JOPPIEN ZUR ZUKUNFT STÄDTISCHE BÜHNEN FRANKFURT

„Ich möchte mich klar für die Teilerhaltung der Doppelanlage aus Theater, Oper und dem einzigartigen sehr schönen Wolkenfoyer aussprechen. Dieser Ort ist ein kulturelles Zeichen mit hoher Identifikation und sozialgesellschaftlicher Identität. Es ist aber auch wirklich vor allem ein Ort, wo seit 60 Jahren Menschen wunderschöne Stunden verbringen, so wie mir das auch bisher vergönnt war.

Aber vor gestalterisch kulturellen Argumenten steht vor allen Dingen unsere gemeinsame Verantwortung für den Klima- und Ressourcenschutz. Und wir dürfen und wir dürfen und können weiter nicht zulasten der nachfolgenden Generationen handeln. Graue Energie und CO2-Emissionen, das sind wirklich keine oberflächlichen Schlagworte, sondern ganz im Gegenteil, sie beruhen auf wissenschaftlichen Fakten. Denn zusätzlich zur Doppelanlage muss ein völlig intaktes Bürogebäude von 40.000 Quadratmetern Fläche abgerissen werden. Und die Abrisse erfordern nach validen Berechnungen einen zusätzlichen Bauschutz von 70.000 Kubikmetern und einen CO2-Ausstoß von 25.000 Tonnen.

Aber es liegen auch die negativen ökonomischen Fakten auf dem Tisch. Die Kosten für die Realisierung der Kulturmeile sind erheblich höher und bringen wirklich keinen Mehrwert. Ganz im Gegenteil, sie gehen zu Lasten von Projekten, wie zum Beispiel dem Wohnungsbau, der dringend hier und heute gebraucht wird. Und es fallen zusätzliche Kosten für die Grundstückspacht und höhere Finanzierungskosten an. Und dies sind auch langfristige Haushaltsbelastungen, die keinerlei Mehrwert haben.

Auch der Betrieb von zwei Häusern bedeutet ein Vielfaches an negativen Umweltwirkungen. In Deutschland verbrauchen im Betrieb Gebäude 75 Prozent aller CO2-Emissionen. Insofern sind das auch ganz negative Umweltwirkungen.

Aber darüber hinaus diese wirtschaftlich-ökonomische Spiralwirkung, man denke zum Beispiel auch an die Entwicklung der Baupreise in den letzten zwei Jahren. Diese Spirale dreht sich weiter und die ist weder kalkulierbar noch kontrollierbar.

Ich bin daher für den Verbleib am Standort. Er ist kostengünstiger, er ist vor allen Dingen auch schnelle umsetzbar, nachhaltiger und zeugt von kulturellem und sozialem Respekt. Wir könnten zum Beispiel zügig über einen Architektenwettbewerb klären, welche Teile des Gebäudes saniert werden, welche rückgebaut werden müssen und wie ein Teil Neubau aussieht. Parallel dazu könnten wir unverzüglich Planungen für das Produktionszentrum und ein nachhaltiges Interim in in dezentraler Stadtlage starten.

Die Stadt Frankfurt hat wirklich die historische Chance Vorbild zu sein, so wie beispielsweise auch in den 20er Jahren in Zeiten schlimmster Wohnungsnot, damals mit einem international renommierten Wohnungsbau, kann Frankfurt nun Vorbildfunktion für Umbaukultur im Sinne von Klima- und Ressourcenschutz übernehmen. Und es ist undenkbar für mich, dass der Weg der Kulturmeile dieser im Grunde rückwärtsgewandte Weg beschritten wird. Denn die nächste Generation wird uns mit Recht fragen, ob wir die ökologischen und ökonomischen Folgen verschleiert, verdrängt oder gar bagatellisiert haben.

Und diese negativen Folgen, und das sage ich als Wissenschaftlerin, können durch klare Fakten nachgewiesen werden. Ich möchte daher nicht nur als Frankfurterin an alle Entscheiderinnen und Entscheider nachdrücklich appellieren, die Entscheidung auf den Prüfstand zu stellen und zukunftsorientiert zu handeln, solange das noch möglich ist.“

Prof. Anett-Maud Joppien ist Inhaberin und Gesellschafterin von dem Architekturbüro Dietz Joppien Hammerschmidt (DJH) in Frankfurt am Main und Professorin an der TU Darmstadt im Fachgebiet Entwerfen und Gebäudetechnologie. Sie war und ist Mitglied in mehreren Gestaltungsbeiräten von Städten (Karlsruhe, Mainz, Mannheim und Freiburg). Seit 2013 ist Anett-Maud Joppien Vizepräsidentin der deutschen Gesellschaft für nachhaltiges Bauen (DGNB).

„Schlichtweg falsch und irrational“

STATEMENT VON TIM DRIEDGER ZUR ZUKUNFT STÄDTISCHE BÜHNEN FRANKFURT

„Klimawandel, Ressourcenverbrauch und Müllaufkommen sind große Probleme, vor denen wir alle als Gesellschaft im Moment stehen. Als Architect for Future wissen wir, dass das Bauwesen einen großen Anteil an all diesen Problemen hat. Wenn nun, wie im Moment in Frankfurt am Main, darüber nachgedacht wird, wie die Zukunft der Oper und des Schauspiels sein wird und welche Baumaßnahmen hierfür erforderlich sind, wenn ein öffentlicher Bauherr nun darüber nachdenkt, eine Milliarde zu investieren, dann betrachten wir all diese Vorhaben sehr kritisch.

Wir wissen aus unserer täglichen Praxis und aus unserer intensiven Auseinandersetzung mit dem Bauen, dass der Abbruch und Neubau von Bauvorhaben tatsächlich großen Anteil an Klimafolgen und Klimaproblemen haben, weil durch den Neubau alleine sehr viele Emissionen ausgestoßen werden. Wir kennen das als graue Energie, sprich der Energieaufwand, der erforderlich ist, um ein Gebäude zu erstellen. Unabhängig davon, dass ein Neubau energieeffizient ist und Energie über die Betriebszeit spart, ist schon der Abriss eines Gebäudes mit dem Energieaufwand hierfür und dem Müllaufkommen, was dadurch entsteht, und der Neubau eines anderen Gebäudes ein großer Anteil dessen, was wir als Klimaproblem oder Klimakatastrophe kennen.

Als Architects for Future sprechen wir uns sehr für den Erhalt der bestehenden Gebäude aus. Wir wissen, dass die bestehenden Gebäude erheblich sanierungsbedürftig sind. Wir wissen aber auch, dass in den letzten Jahren sehr wenig in den Unterhalt des Gebäudes investiert worden ist.

Es steht außer Frage, dass Baumaßnahmen, Sanierungsmaßnahmen erforderlich sind. Wir wissen aber, dass heute im Jahr 2023 es schlichtweg falsch wäre und irrational, wenn der öffentliche Bau eher erhebliche Summen in einen Neubau steckt, der Klimaprobleme befeuert und verstärkt, anstatt einer vernünftigen und gebotenen, man könnte sagen, enkeltauglichen Bauweise zu wählen. Wir sprechen uns sehr für den Erhalt des Gebäudes aus.“

Tim Driedger leitet zusammen mit Christine Weinmann das Frankfurter Architekturbüro in_design architektur. Driedger war über elf Jahre lang Lehrbeauftragter am Fachbereich Architektur der Hochschule Darmstadt. Ehrenamtlich engagiert er sich für Architects for Future und Zukunftshafen Frankfurt für mehr Nachhaltigkeit im Bauwesen.

„Leuchtturmprojekt für Frankfurt“

STATEMENT VON TILL SCHNEIDER ZUR ZUKUNFT STÄDTISCHE BÜHNEN FRANKFURT

„Der optimale Standort für die Bühnen ist schon da. Die Doppelanlage von Theater und Oper ist am Willy-Brandt-Platz bestens verortet. Das liegt zum einen an der hervorragenden Anbindung an die U-Bahnen und Straßenbahnen, wie an der Nähe zu den Parkhäusern, und zum anderen an der Lage am Kreuzungspunkt von Wallanlage und der Verbindung vom Hauptbahnhof zur Innenstadt.

Der Clou der Doppelanlage besteht darin, dass die beiden Bühnenhäuser in einem Gebäude mit einem Foyer zusammengefasst sind. Ein Umstand, den es sonst weltweit in dieser Ausprägung nicht gibt und auf dem Frankfurt mit Recht stolz sein kann.

Das Wolkenfoyer funktioniert als attraktives Schaufenster für die Aktivitäten des Theaters wie der Oper. Die Besucher werden zum Teil dieses Schaufensters und stellen sich dabei quasi selbst zur Schau. Gleichzeitig erfahren sie, was in dem jeweils anderen Bühnenhaus stattfindet und beide profitieren von dem sensationellen Blick aus dem Foyer über die Wallanlagen ins Bahnhofsviertel, auf die Banken-Türme und das Treiben der Innenstadt. Die Kultur ist so ganz selbstverständlich mit dem restlichen städtischen Leben verwoben.

Das Festhalten an einem Standort für Theater und Oper bedeutet, dass in der Umbauphase ein weiteres Interim gefunden werden muss. Das kann man allerdings auch als Vorteil ansehen, indem neben dem Bockenheimer Depot an einem Ort in Frankfurt städtebauliche Impulse neu gesetzt werden können, ohne sinnlos Geld in Zwischenzustände zu verpulvern. In diese Interimgebäude und ihre Nebengebäude wird investiert, sie können allerdings auch nachgenutzt oder teilweise auch andern Ortes weiterverwendet werden. Aktuelle positive Beispiele hierfür gibt es in Stuttgart, München, Paris und Genf. Gegenrechnern kann man das mit den Grundstückskosten, die für einen weiteren dauerhaften Standort aufzuwenden wären.

Die Entscheidung für den Abriss der städtischen Bühnen wurde vom Magistrat der Stadt Frankfurt vor nunmehr fast vier Jahren zu einem Zeitpunkt getroffen, als noch eine ältere Kriteriengewichtung in Bezug auf die ökologischen Aspekte wie den CO2-Fußabdruck galt.

2030 möchte Frankfurt aber klimaneutral sein und die angesprochene Gewichtung hat sich mittlerweile auch deutlich zugunsten der Einschätzung der grauen oder besser gesagt der goldenen Energie verschoben. Jeder Abbruch, jeder Rückbau muss kritisch hinterfragt werden.

Die Ressourcen im Bestand sollten genutzt werden. Würde heute neu anhand der aktuell geltenden Bewertungsmatrix entschieden, käme man sicherlich zu anderen Ergebnissen.

Diese anderen Ergebnisse würden den Erhalt von Teilen des Bestandes ermöglichen und den Impuls des Weiterbauens wie in früheren Zeiten üblich positiv befördern.

Die Städtischen Bühnen könnten durch eine tiefgreifende organisatorische, räumliche und energetische Sanierung zu einem Leuchtturmprojekt für Frankfurt werden, dessen Strahlkraft weit über die Stadtgrenzen hinaus reichen würde. Ich würde mir wünschen, dass solche Überlegungen bei der aktuellen Standortdiskussion eine Rolle spielen.“

Till Schneider, geboren 1959 in Koblenz, studierte Architektur an der Universität Kaiserslautern, der TU Darmstadt und der Städelschule Frankfurt/Main bei Peter Cook, freie Mitarbeit Eisele + Fritz und Prof. Mürb, seit 1988 mit Michael Schumacher Büroinhaber von schneider+schumacher Frankfurt/Main sowie den Niederlassungen in Wien (Österreich) und Tianjin und Shanghai (China), Vertretungsprofessor an der TU Darmstadt im Jahr 2005, 2010-2014 Vorsitzender der Frankfurter BDA-Gruppe. Till Schneider lebt in Frankfurt/Main.

„Erhalten, was zu erhalten geht“

STATEMENT VON MICHAEL SCHUMACHER ZUR ZUKUNFT STÄDTISCHE BÜHNEN FRANKFURT

„Die Haltung zum Abriss ist natürlich, dass man das nicht richtig verstehen kann. Wir leben ja in einer Zeit, wo der CO2-Ausstoß sehr massiv in den Fokus geraten ist und da wäre es natürlich eigentlich besser zu erhalten, was zu erhalten geht. Und außerdem bin ich auch der Meinung, dass das, was wir da erhalten können, zum Beispiel dieses Foyer, grandiose Architektur ist, dass wüsste ich jetzt nichts Besseres, was man an der Stelle bauen könnte.

Frankfurt braucht auch in dem Sinne kein Signature-Gebäude, wir haben die Skyline. Eigentlich haben wir alles an der Stelle, außer vielleicht einer funktionierenden Haustechnik und bestimmten negativen Auswirkungen innerhalb der Theateranlage.

Die Kulturmeile ist für mich die zweitbeste Lösung. Der Erhalt der Anlage, der Umbau der Anlage, an der Stelle der Doppelanlage, in der heutigen Zeit einen Punkt damit zu machen, dass man eine Anlage hat, in der schon Reste vom 19. und vom 20. Jahrhundert stecken, das ist Präferenz eins. Und danach würde ich sagen, ist wahrscheinlich die Kulturmeile auf jeden Fall mal besser, als ein Gebäude isoliert in die Anlagen zu stellen.

Die Zukunft der Oper könnte so ausschauen, dass man ein Interim sucht für beide oder für eins, je nachdem welche Lösung kommt. Und dieses Interim finde ich jetzt auch nicht so chancenlos oder nicht nur ein Kostenpunkt, sondern andere Städte machen es ja auch vor, dass so ein Interim möglicherweise mit einer Nachnutzung versehen der Startpunkt für einen neuen Stadtteil sein kann. Aber so ein Interim könnte auch für die Institutionen eine Verjüngung darstellen, für die Besucher eine andere Sichtweise.

Und dann wäre in meinen Augen die beste Lösung an dem Standort zu bleiben, in der Doppelanlage, in einer dann an drei Seiten deutlich verbesserten – an der vierten Seite ist es meiner Ansicht nach überhaupt nicht zu verbessern, das Glasfoyer ist grandios – aber an den anderen Stellen könnte man städtebaulich natürlich etwas schaffen.

Wenn ich jetzt in zehn Jahren denke, das wäre etwas, wo man mit strunzen könnte, wo man sagen könnte, das ist die Art, wie man heute mit Architektur umgeht, nicht indem man neue Signature-Gebäude macht von irgendwelchen Star-Architekten, sondern indem man Anlagen, die so historisch gewachsen sind, so aufwertet, dass sie den städtebaulichen Bedingungen gerecht werden und natürlich den, für die sie geschaffen sind, nämlich dem Theater und der Oper.“

Michael Schumacher, geboren1957 in Krefeld, studierte Architektur an der Universität Kaiserslautern und der Städelschule Frankfurt/Main bei Peter Cook, freie Mitarbeit bei Norman Foster, seit 1988 Büroinhaber von schneider+schumacher mit Till Schneider, Gastprofessur Städelschule Frankfurt/Main im Jahr 2000, Landesvorsitz des BDA Hessen von 2004 bis 2009, seit 2007 Professor für Entwerfen und Konstruieren an der Leibniz Universität Hannover. Er ist Mitglied im AIV. Michael Schumacher lebt in Frankfurt/Main.